Historische und internationale Grundlagen der Socialist Equality Party (Großbritannien)

Von der Socialist Equality Party (Großbritannien)
2. April 2011

Dieses Dokument über die Historischen und Internationalen Grundlagen der Socialist Equality Party (Großbritannien) wurde auf dem Gründungskongress der Socialist Equality Party (SEP) in Manchester vom 22. bis 25. Oktober 2010 einstimmig verabschiedet. Es untersucht die wichtigsten politischen Erfahrungen der britischen Arbeiterklasse und konzentriert sich insbesondere auf die Nachkriegsgeschichte der trotzkistischen Bewegung.

Es wird in elf Teilen auf der WSWS veröffentlicht.

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26. Der Aufruf zur Gründung der Vierten Internationale erfolgte unter den Bedingungen der Krise des Weltkapitalismus, die dazu führte, dass bedeutende Teile der Arbeiterklasse mit der Sozialdemokratie brachen. Und das zu einer Zeit, als die stalinistischen Parteien keine wirklich revolutionäre Alternative anbieten konnten und wollten. Diese politische Sachlage erzeugte eine Unzahl zentristischer Tendenzen, die einen „Mittelweg“ zwischen Reform und Revolution, zwischen Nationalismus und Internationalismus, vertraten. Trotzkis politische Haltung gegenüber diesen Gruppen war vorausschauend. Er erkannte, dass ihr Einfluss einen Linksruck in der Arbeiterklasse ausdrückte und bestand darauf, dass die Linke Opposition sich mit ihnen politisch auseinandersetzen und ihre halb-reformistischen Führungen herausfordern müsse. Andernfalls würde deren beständige Unterordnung des Prinzips des Internationalismus unter einen kurzsichtigen taktischen Opportunismus die Entwicklung einer wahrhaft revolutionären Partei blockieren und unvermeidlich zu ihrer Rückkehr in die Lager der Sozialdemokratie und des Stalinismus führen. Trotzki schrieb:

„Auf der internationalen Arena zeichnet sich der Zentrist wenn nicht durch Blindheit, dann aber zumindest durch Kurzsichtigkeit aus, er begreift nicht, dass man in der heutigen Epoche die nationale revolutionäre Partei nur als Teil der internationalen Partei aufbauen kann; in der Wahl seiner internationalen Verbündeten ist er noch weniger wählerisch als im eigenen Lande.“8

27. Die größte zentristische Gruppierung in Großbritannien war die Independent Labour Party (ILP) unter der Führung von James Maxton und Fenner Brockway. Im Juni 1929 kam eine Labour-Regierung unter Ramsay MacDonald an die Macht. Angesichts globaler Rezession und Massenarbeitslosigkeit drängte MacDonald auf Lohnkürzungen und Einsparungen bei den öffentlichen Ausgaben und eine 25prozentige Abwertung des britischen Pfunds. Seine Vorschläge spalteten das Kabinett, und im August 1931 trat MacDonald zurück, um anschließend mit den Konservativen und den Liberalen eine nationale Regierung zu bilden. Diese setzte Sparmaßnahmen durch, die den Beginn der „Hungrigen Dreißiger Jahre“ signalisierten. Die ILP verließ die Labourpartei 1932 und gründete ein Jahr später das Internationale Büro für Revolutionär-Sozialistische Einheit, auch Londoner Büro genannt, das sieben linke Parteien aus Europa zusammenschloss.

28. Das Londoner Büro lehnte die Bildung einer Vierten Internationale ab und befürwortete stattdessen eine breite “nicht-sektiererische” internationale Organisation, die ihr die Freiheit lassen würde, weiter ihrer nationalen Orientierung zu folgen. Trotzkis Anhänger griffen ein und bestanden darauf, dass die notwendige Einheit der Arbeiterklasse angesichts der kapitalistischen Depression, des Faschismus und des Krieges nur durch die Bekämpfung des verheerenden Verhaltens der Zweiten und Dritten Internationale erzielt werden könne. Die „Erklärung der Vier“ – die Internationale Linke Opposition, die deutsche Sozialistische Arbeiterpartei (SAP) und zwei holländische Organisationen – schuf die Grundlage für die Bildung der Internationalen Kommunistischen Liga, dem Vorgänger der Vierten Internationale. In Großbritannien trat eine Minderheit der Communist League der ILP als Marxist Group bei, wo sie erfolgreich gegen einen Zusammenschluss mit der Kommunistischen Partei (CPGB) kämpfte, wie ihn das pro-stalinistische Revolutionary Policy Committee vorgeschlagen hatte.

29. Die weitere Entwicklung der ILP war eine Bestätigung der Warnungen Trotzkis. Auf ihrer Konferenz 1936 distanzierte sie sich offiziell von der Vierten Internationale und begann, die Trotzkisten auszuschließen. Sie orientierte sich mit einer Reihe antifaschistischer Kampagnen in Richtung der Kommunistischen Partei. Diese Entwicklung nahm die Rolle der POUM (Arbeiterpartei der marxistischen Vereinigung) in der Volksfrontregierung in Spanien vorweg. Der Preis, den die Arbeiterklasse für die zentristische Politik des Londoner Büros bezahlte, war die Niederlage der Spanischen Revolution. Der Niederlage war der Mord an Andres Nin vorangegangen, dem Führer der POUM. Während der Moskauer Prozesse im August 1936 und im März 1938 betätigte sich die ILP als Apologetin der brutalen Unterdrückung der Vertreter des revolutionären Marxismus durch die Stalinisten. Sie widersetzte sich der Forderung nach einer internationalen Kommission zur Untersuchung der Prozesse. Brockway schlug stattdessen eine Kommission zur Untersuchung der politischen Aktivitäten Leo Trotzkis vor.

30. Aus dem Kampf innerhalb der ILP war eine unschätzbare Lehre über die Einschätzung eines sozialen Typus zu ziehen, der die britische Arbeiterbewegung mehrfach heimgesucht hat. Baron Brockway war der Archetypus einer gehobenen kleinbürgerlichen und sogar bürgerlichen Schicht, aus der Personen wie Beatrice und Sydney Webb (Baron Passfield), ihr Neffe Stafford Cripps (Lord Parmoor) und in jüngster Zeit Tony Benn (zuvor Viscount Stansgate) stammten. Diese wandten sich der Arbeiterbewegung zu, weil der Liberalismus unter dem Einfluss einer scharfen Klassenspaltung zusammengebrochen war. Sie bedienten sich linker reformistischer Phraseologie, um den bürgerlichen Staat zu entschuldigen und angeblich zu vervollkommnen.

Die Vierte Internationale und die Workers International League

31. Die trotzkistische Bewegung bewies außergewöhnliche Geduld und verwandte wertvolle Ressourcen darauf, das halbe Dutzend Gruppen in Großbritannien zu vereinigen, das sich zur Vierten Internationale bekannte. Sie tat dies, indem sie gegen politische Verhältnisse kämpfte, die von Fraktions- und Cliquenbildung gekennzeichnet waren. Die Spannungen verschlimmerten sich wegen des Belagerungszustands, unter dem die Trotzkisten litten. Zu den Verfolgungen und Ermordungen durch die stalinistische Bürokratie kamen noch die Morde an Trotzkis Sohn Leo Sedow im Februar 1938 in Paris und an seinem Sekretär Rudolph Klement, der die Gründungskonferenz der Vierten Internationale leiten sollte. In Großbritannien war die Kommunistische Partei die enthusiastischste Anhängerin der politischen Unterdrückung durch Stalin. Während der Moskauer Prozesse verlangte ihre Zeitung, der Daily Worker, „die Reptilien abzuknallen“. Stalinistische Schläger griffen oft Trotzkis Anhänger an, denunzierten sie als „faschistische Agenten“ und ermutigten andere, es ihnen gleich zu tun.

32. Im Februar 1937 wurden in Vorbereitung auf die Gründungskonferenz der Vierten Internationale mit drei Gruppen in Großbritannien Diskussionen geführt. Eine weitere Runde von Vereinigungsgesprächen fand unter Leitung von Trotzkis Sekretär Erwin Wolf statt, der später ebenfalls von der stalinistischen Geheimpolizei, der GPU, ermordet wurde. Im Juli 1938 reiste Cannon für weitere Gespräche im Namen der amerikanischen Socialist Workers Party nach Großbritannien. Diese fanden ihren Höhepunkt in einer nationalen Konferenz von Bolschewiki-Leninisten in London am 30. und 31. Juni 1938. Auf dieser einigte sich die Mehrheit der Gruppen auf ein Friedens- und Vereinigungsabkommen, auf dessen Grundlage die Revolutionary Socialist League (RSL) gebildet wurde.

33. Die bedeutendste unter den Gruppen, die sich weigerten, die Friedens- und Vereinigungsvereinbarung zu bestätigen, war die Workers International League (WIL) unter der Führung von Ted Grant und Jock Haston. Die WIL führte zur Verteidigung ihrer Weigerung, sich mit der RSL zu vereinigen, keine besonderen politischen Differenzen an, bestand aber darauf, dass Voraussetzung einer Vereinigung war, sich auf ein gemeinsames taktisches Vorgehen in Großbritannien zu einigen. Wenige Monate zuvor war Gerry Healy für die WIL rekrutiert worden. In Irland geboren, hatte er das Land mit vierzehn Jahren verlassen, um nach England zu gehen. Er arbeitete als Funker auf einem Schiff und war 1928 der Kommunistischen Partei Großbritanniens beigetreten. Die Ereignisse in Deutschland und Spanien hatten dazu geführt, dass Healy sich 1937 der WIL anschloss.

34. Die Gründungskonferenz der Vierten Internationale fand im September 1938 statt. Sie erkannte die RSL als ihre britische Sektion an, lud aber die WIL zur Teilnahme und zur Darlegung ihrer Argumente ein. Statt darauf einzugehen, schickte diese Gruppierung einen Brief, in dem sie jegliche Entscheidung der Konferenz, die nicht mit ihren Forderungen übereinstimmte, zurückwies. In einer von Trotzki geschriebenen, scharf formulierten Erklärung betonte die Vierte Internationale, dass es keine gerechtfertigte politische Grundlage für die separate Existenz der WIL gebe:

„Die gegenwärtige Konferenz bedeutet eine ENDGÜLTIGE Abgrenzung zwischen denen, die wirklich IN der Vierten Internationale sind und jeden Tag unter ihrem revolutionären Banner kämpfen und denen, die nur ‚FÜR‘ die Vierte Internationale sind, d.h. zweifelhafte Elemente, die versuchen, einen Fuß in unser Lager und den anderen in das unserer Feinde zu stellen… Unter diesen Bedingungen ist es notwendig, die Genossen, die sich der Lee-Gruppe [der WILL] angeschlossen haben, davor zu warnen, dass sie auf den Weg prinzipienloser Cliquenpolitik geleitet werden, der nur ins Verderben führen kann. Eine revolutionäre politische Gruppierung von ernsthafter Bedeutung zu erhalten und zu entwickeln, ist nur auf der Grundlage großer Prinzipen möglich. Allein die Vierte Internationale verkörpert und vertritt diese Prinzipien. Für nationale Gruppen ist es nur möglich, einen beständigen revolutionären Kurs zu verfolgen, wenn sie fest in einer Organisation mit Gleichgesinnten in aller Welt zusammengefügt sind, mit denen sie regelmäßig politisch und theoretisch zusammenarbeiten. Die Vierte Internationale ist so eine Organisation. Alle rein nationalen Gruppierungen, alle diejenigen, die internationale Organisation, Kontrolle und Disziplin ablehnen, sind im Wesentlichen reaktionär.“9

Die Vorbereitung der Vierten Internationale auf den Krieg

35. Nur ein Jahr später wurde die Welt in den Zweiten Weltkrieg gestürzt. Im Mai 1940 appellierte die Vierte Internationale auf einer Dringlichkeitskonferenz erneut an die WIL, „die ernste Notwendigkeit einer einzigen Sektion anzuerkennen“. Drei Monate später erreichte die stalinistische politische Mordkampagne mit der Ermordung Leo Trotzkis durch den GPU-Agenten Ramon Mercader in Coyoacan, Mexiko, ihr wichtigstes Ziel.

36. Trotzki hatte die letzten Jahre seines Lebens der Vorbereitung der Vierten Internationale auf den kommenden Krieg gewidmet. Von fundamentaler Bedeutung war dabei sein Widerstand gegen eine Reihe von Tendenzen, die damit begannen, die sowjetische Bürokratie als neue Ausbeuterklasse zu sehen und sie mit dem Etikett „Staatskapitalismus“ oder „bürokratischer Kollektivismus“ zu versehen. Trotzki schrieb Zur Verteidigung des Marxismus gegen eine Fraktion in der SWP, die von James Burnham und Max Shachtman geführt wurde und viel mit anderen wie Bruno Rizzi in Italien und der Urbahn-Gruppe in Deutschland gemeinsam hatte. Die kontroversen Perspektivfragen, die im Verlauf von Trotzkis politischem und philosophischem Kampf gegen Burnham und Shachtman aufkamen, sollten innerhalb der Vierten Internationale immer wieder auftreten.

37. In Die verratene Revolution, 1936 geschrieben, hatte Trotzki betont, dass der richtige Ausgangspunkt für eine Definition der Sowjetunion als degenerierter Arbeiterstaat in ihrer Entstehung durch den revolutionären Sturz des Kapitalismus durch die Arbeiterklasse lag. Ihre spätere Isolierung hatte das ungebremste Wachstum einer Bürokratie gefördert. Diese Schicht stützte sich jedoch auf Eigentumsformen, die durch die Oktoberrevolution geschaffen worden waren, und gründete sich auf kollektive Planung statt auf privates Eigentum und den Markt. Die Bürokratie benutzte den Staatsapparat und konnte sich dadurch den Löwenanteil an der Produktion einverleiben. Aber ihre Kontrolle über die Verteilung erstreckte sich nicht auf den Besitz an den Produktionsmitteln. Ihre Existenz war die eines Parasiten am Körper des Arbeiterstaates, aber sie war nicht dessen integraler Bestandteil. Die sowjetischen Arbeiter standen vor der Aufgabe, die Bürokratie in einer politischen Revolution zu stürzen, um die wirtschaftlichen Grundlagen für die Entwicklung zum Sozialismus zu sichern und die Wiedereinführung des Kapitalismus zu verhindern. Die noch bestehenden Errungenschaften der Oktoberrevolution mussten durch die internationale Arbeiterklasse gegen den Sturz durch den Imperialismus verteidigt werden.

38. Die Theoretiker des Staatskapitalismus und des bürokratischen Kollektivismus lehnten Trotzkis Einschätzung ab. Nach der Unterzeichnung des Hitler-Stalin-Nicht-Angriffs-Paktes am 23. August 1939 drängten Burnham und Shachtman die SWP, ihre bedingungslose Verteidigung der UdSSR gegen einen imperialistischen Angriff fallen zu lassen. Ihre Einstellung entsprach der einer Schicht von Intellektuellen mit Sympathien für die Demokratische Partei zu einer Zeit, in der die Roosevelt-Regierung für den Krieg gegen Deutschland eintrat.

39. Der politische Rückzug dieser kleinbürgerlichen Schicht bestätigte Trotzkis Beharrlichkeit, dass ihre Definition der Sowjetunion eine politische Prognose beinhaltete, die den revolutionären Charakter der Arbeiterklasse und die Aussichten für einen Sozialismus im Weltmaßstab in Frage stellte. Der erneute Aufschwung des imperialistischen Militarismus zeigte, dass die Krise des Kapitalismus ihre äußerste Grenze erreicht hatte und dass ein neues System der geplanten Entwicklung der Produktivkräfte erforderlich war. Aber den Befürwortern des Staatskapitalismus und des Kollektivismus zufolge hatte sich die Arbeiterklasse als unfähig erwiesen, eine solche gesellschaftliche Umwälzung zu verwirklichen. Stattdessen war ihr Platz von einer bürokratischen Elite eingenommen worden, die die im Niedergang befindliche Bourgeoisie als neue herrschende Klasse ersetzen würde, und zwar nicht nur in der Sowjetunion, sondern im Weltmaßstab.

40. Nachdem er im März 1940 ausgeschlossen worden war, gründete Shachtman die Workers Party, die im Krieg die Position eines “Dritten Lagers” einnahm. Burnham verließ die Arbeiterbewegung schnell und für immer und wurde später zu einem der führenden Verfechter des Kalten Krieges und ein prominenter Republikaner.

Großbritanniens Kriegsregierung der “Nationalen Einheit”

41. Bis zum August 1939 hatte ein bedeutender Teil der britischen Bourgeoisie dem Nationalsozialismus wohlwollend gegenüber gestanden. Er wurde als Bollwerk gegen den Bolschewismus gesehen und man hatte gehofft, dass die Wiederbewaffnung Deutschlands sich gegen die Sowjetunion richten werde. Dies waren die Hintergründe der „Appeasement“-Politik. Letztendlich jedoch bedeuteten Hitlers Ambitionen, dass ein Krieg unvermeidlich war.

42. Nach dem Ausbruch der Feindseligkeiten kam es zur Integration der Labour- und der Gewerkschaftsbürokratie in den Staatsapparat. Da große Teile der Bourgeoisie wegen ihres Schmusekurses mit Hitler kompromittiert waren, verließ sich Winston Churchill auf die Labourpartei und die Gewerkschaften, um sein Kriegskabinett zu bilden. Labour-Führer Clement Attlee, der Führer der Transport and General Workers Union, Ernest Bevin, und der Altmeister der Linken, Stafford Cripps, gehörten zu den fünf Labour-Mitgliedern des Kabinetts. Die Labourpartei wurde für die Dauer des Krieges praktisch stillgelegt und die Gewerkschaften überwachten das Streikverbot unter der „Verordnung über unentbehrliche Arbeiten“, die die militärische Aufsicht über den Produktionsprozess erlaubte.

43. Diese “patriotische Front” wurde durch die britische KP gestärkt. Nach dem Zusammenbruch des Hitler-Stalin-Paktes vollzog die sowjetische Bürokratie eine Wende und unterstützte eine Politik des Bündnisses mit den „demokratischen“ Mächten. Sie versetzte der Kommunistischen Internationale den Todesstoß, um den imperialistischen Verbündeten zu beweisen, dass die sozialistische Revolution nicht mehr ihr Geschäft war. Die Kommunistische Partei wurde zum stärksten Befürworter der Unterdrückung von Streiks und setzte sich am Ende des Krieges sogar für die Fortsetzung der nationalen Regierung unter Churchill ein, um „den Frieden zu organisieren.“

44. Ein Beispiel für die Propaganda der KP war das Pamphlet “Weg mit Hitlers Agenten!” Es begann mit der Erklärung: „Es gibt in Großbritannien eine Gruppe, die sich als sozialistisch ausgibt, um ihre faschistischen Aktivitäten zu verschleiern… Sie werden Trotzkisten genannt.“ Es warf den Trotzkisten vor, „alles in ihrer Macht Stehende zu tun, um den Enthusiasmus der Menschen, ihre Entschlossenheit und ihren Willen zu siegen, zu dämpfen, indem sie Lügen über die Ziele verbreiten, für die dieser Krieg geführt wird. Sie wollen die Leute nur davon abhalten, im Krieg gegen den Faschismus zusammenzustehen. Sie wollen die Einheit des britischen Volkes zersetzen. Sie wollen, dass die Arbeiter Churchill statt Hitler bekämpfen… Sie wissen, dass Hitler nur dann besiegt werden kann, wenn alle Teile des Volkes, ob konservativ, liberal, Labour oder kommunistisch, als Verbündete in einem gemeinsamen Kampf gegen den gemeinsamen Feind kämpfen.“ Das Pamphlet forderte, „sie sollten so behandelt werden, wie ihr Nazis behandeln würdet. Denkt daran, dass die Trotzkisten nicht länger Teil der Arbeiterbewegung sind.“10

Healy nimmt den Kampf für die Vierte Internationale auf

45. Während der Krieg in Europa tobte, setzten Cannon und die SWP ihre Bemühungen fort, die offenen Fragen mit der WIL zu klären. Ihr Kampf war Ausdruck der politische Reife, die die amerikanische Partei in der vorangegangenen Periode erreicht hatte. Die Einheit der britischen Trotzkisten war nicht nur eine Frage der Organisation. Es war unmöglich, den Charakter der Spannungen zwischen RSL und WIL, die sich um verschiedene taktische Differenzen drehten, politisch oder theoretisch genau einzuschätzen. Darüber hinaus gab es innerhalb der WIL ständige Differenzen zwischen Haston, Grant und Healy. Diese Differenzen konnten nur in einer vereinigten Organisation und als Teil einer internationalen Bewegung ausgetragen und geklärt werden.

46. In einem 1943 geschriebenen offenen Brief an “einen jungen Freund”, warnte das SWP-Mitglied Lou Cooper die Organisation vor den Auswirkungen ihrer Feindseligkeit gegenüber der Autorität der internationalen Bewegung:

“Die allgemeine Haltung der WIL in dieser Frage führt dazu, dass ihre zahlreichen neuen Mitglieder nicht in den bewährten Methoden der bolschewistischen Organisation ausgebildet werden. Das ist möglicherweise eine der schwerwiegendsten Konsequenzen, die sich aus einem Festhalten der WILL an ihrer gegenwärtigen Haltung ergeben. Die Mitgliedschaft wird nicht wissen, wie sie mit zukünftigen Meinungsverschiedenheiten und Spaltungen innerhalb der WIL umzugehen hat. So, wie die WIL ihre Mitglieder erzieht,, ist es ohne weiteres möglich, dass in Zukunft Gruppen von Genossen mit dem Schrei mit der Organisation brechen: „Ich bin der König. Erkennt mich an!

Oder vielleicht glaubt die WIL, dass die kommenden gesellschaftlichen Krisen auf jeden in ihren Reihen dieselben Auswirkungen haben werden? Möglicherweise bilden sich manche ein, dass es niemals abweichende Meinungen geben werde. Dazu kann ich soweit nur sagen: Wenn es verantwortungsvolle Genossen gibt, die das glauben, dann bleibt ihnen nichts als auf dieses Wunder zu hoffen und vielleicht sogar dafür zu beten. Sobald die ersten Anzeichen von Meinungsverschiedenheiten auftreten, wird sich die ganze Fehlerziehung an den verantwortlichen Mitgliedern der Organisation rächen. Wenn Ihr Eure Mitgliedschaft nicht im Sinne der erprobten bolschewistischen Organisationsmethoden ausbildet, dann werdet Ihr in Zeiten wirklicher Krisen keine Bolschewiki-Leninisten haben.“ 11

47. Coopers Warnung sollte Einfluss auf Healy haben, der inzwischen begriffen hatte, dass die vergangenen Fraktionskämpfe nichts geklärt hatten. Seine Neueinschätzung sollte sich als entscheidend erweisen, denn sie kennzeichnete den ersten Bruch mit dem engstirnigen Nationalismus der WIL. In einem internen Bulletin mit dem Titel Unsere wichtigste Aufgabe verwarf Healy die offizielle Einstellung der WIL und sprach sich für eine sofortige Vereinigung mit der RSL aus.

“Wenn wir die Geschichte des internationalen Trotzkismus seit 1933 akzeptieren (die die Geschichte der bolschewistischen Umgruppierung in der Vierten Internationale ist), dann müssen wir die Frage der Vierten Internationale als die wichtigste Frage vor unsere Gruppe bringen. Alle anderen Fragen, welche die Entwicklung der Gruppe betreffen, ihre Presse, die Gewerkschaftsarbeit oder ihre organisatorischen Aktivitäten hängen von dem Standpunkt ab, den wir zu der Internationale beziehen. Wenn wir die politischen Prinzipien des Bolschewismus akzeptieren, dann müssen wir seine organisatorische Methode akzeptieren. Es reicht nicht aus zu sagen, dass wir dem Programm der Vierten Internationale zustimmen und es besser verbreiten als die RSL, wenn wir nicht gleichzeitig ihre organisatorischen Methoden annehmen, was bedeutet, dass wir der Internationale angeschlossen sein und ihre demokratisch-zentralistische Grundlage akzeptieren müssen. Genauso reicht es nicht aus, zu behaupten, besser mit dem Trotzkismus vertraut zu sein als die organisierten Trotzkisten, wenn man nicht der trotzkistischen Partei beitritt und ihre demokratisch zentralistische Disziplin akzeptiert.“12

48. Im Gegensatz dazu bezeichnete die Führung der WIL das Bestehen auf Einheit als “unsinnig, insbesondere in der gegenwärtigen Periode einer bevorstehenden Erhebung der britischen Arbeiterbewegung“. Ihre Sorge war, dass der Beitritt zur Vierten Internationale ihre Handlungsfreiheit in Großbritannien beschneiden würde. Die Argumente der Zentristen gegen Trotzki aus den dreißiger Jahren wiederholend, sagten Haston und Grant, dass die Haltung zur Einheit innerhalb der Vierten Internationale „eine Frage der Taktik und der Zweckmäßigkeit und absolut keine Frage bolschewistischer Prinzipien als solcher sei.“

49. Healys politische Gegner unterstellen ihm in ihren Schriften die niedrigsten Motive hinsichtlich seiner Verbindung mit der SWP und seines Eintretens für die Vereinigung. Sie brandmarken sie als Manöver mit dem Ziel, internationale Unterstützung für parteiinterne Gruppenziele zu erwirken. Solche subjektiven Interpretationen zielen fast immer darauf ab, eine prinzipielle Haltung zu diskreditieren. In Healys Fall war seine Haltung durch bittere Erfahrungen mit der national ausgerichteten Fraktionspolitik begründet, die die WIL beherrschte. Durch seinen Kontakt mit Cannon und der SWP war er zum ersten Mal imstande, eine Beziehung mit wichtigen Persönlichkeiten aufzubauen, die erhebliche Erfahrungen in der internationalen trotzkistischen Bewegung gesammelt und sich im Kampf für die Arbeiterklasse bewährt hatten. Healys Erklärung für die Vierte Internationale war keine pragmatische Antwort, die ihm Prestige und Anerkennung verschaffen sollte; sie war die Verpflichtung zu einem politischen Kampf, der oft mit großen Entbehrungen verbunden war. Die grundlegenden prinzipiellen Fragen, um die es ging, führten dazu, dass Healy und die Bewegung, die er führen sollte, eine wichtige Rolle in der Entwicklung des britischen Trotzkismus spielten.

50. Trotz der Einwände von Grant und Haston gewann der Kampf der Vierten Internationale innerhalb der WIL und der RSL größere Unterstützung für die Vereinigung und im März 1944 wurde die Revolutionary Communist Party (RCP) gegründet. Meinungsverschiedenheiten blieben bestehen, aber diese konnten nun unter Einbeziehung größerer Fragen der Weltperspektive angegangen werden.

Anmerkungen:

8 Leo Trotzki, Schriften über Deutschland, Band II, (1971) EVA, S. 671

9 Founding Conference of the Fourth International 1938, On Unification Of The British Section

10 CPGB, Clear Out Hitler’s Agents (1942), Marxist Internet Archive,

11David North, Gerry Healy und sein Platz in der Geschichte der Vierten Internationale, Mehringverlag (1992), S. 26

12 ibid. S. 28

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