Historische und internationale Grundlagen der Socialist Equality Party (Großbritannien)

Von der Socialist Equality Party (Großbritannien)
8. April 2011

Hier der sechste Teil der Historischen und Internationalen Grundlagen der Socialist Equality Party (Großbritannien). Das Dokument wurde auf dem Gründungskongress der Socialist Equality Party (SEP) in Manchester vom 22. bis 25. Oktober 2010 einstimmig verabschiedet. Es untersucht die wichtigsten politischen Erfahrungen der britischen Arbeiterklasse und konzentriert sich insbesondere auf die Nachkriegsgeschichte der trotzkistischen Bewegung.

Es wird in elf Teilen auf der WSWS veröffentlicht.

Teil 6
Teil 1 | Teil 2 | Teil 3 | Teil 4 | Teil 5 | Teil 7 | Teil 8 | Teil 9 | Teil 10 | Teil 11

Die Wiedervereinigung von 1963 und der “Große Verrat” in Ceylon

132. In einem Brief vom 2. Januar 1961 an die Führung der SWP umriss die SLL in wesentlichen Zügen ihren Standpunkt. In dem Brief heißt es:

„Gerade weil die Möglichkeiten, die sich dem Trotzkismus eröffnen, so gewaltig sind, und daher die Notwendigkeit politischer und theoretischer Klarheit so groß ist, müssen wir uns nachdrücklich gegenüber dem Revisionismus in allen seinen Formen abgrenzen. Es ist an der Zeit, die Periode zu beenden, in der der pablistische Revisionismus als eine Strömung innerhalb des Trotzkismus betrachtet wurde. Wenn wir das nicht tun, können wir uns nicht für die revolutionären Kämpfe rüsten, die jetzt beginnen.“ 47 

133. Diese prinzipielle Position der britischen Trotzkisten durchkreuzte das Abdriften der SWP nach rechts. Dennoch erwiesen sich Bemühungen des Internationalen Komitees, eine gemeinsame Haltung den Pablisten gegenüber einzunehmen, als nutzlos. Cannon wies die Haltung der SLL zurück und erklärte, Healy sei auf einem Oehler‘schen Trip – eine Bezugnahme auf Hugo Oehler, den Führer einer sektiererischen Tendenz in der trotzkistischen Bewegung der USA in den 1930er Jahren.

134. Im Juni 1963 hielt die SWP einen Vereinigungskongress mit den Pablisten ab, um das Vereinigte Sekretariat (USec) zu bilden. Die Spaltung von 1953 wurde nicht diskutiert: – sie wurde angesichts einer „neuen Weltrealität“ für irrelevant erklärt. Die Konferenz verabschiedete ein Dokument von Hansen und Dobbs mit dem Titel „Wiedervereinigung der Vierten Internationale“, das die Gründung trotzkistischer Parteien ausdrücklich ablehnte. Hansen und Dobbs begrüßten die kubanische Revolution als „Beginn der sozialistischen Revolution in der westlichen Hemisphäre“ und verurteilten Healy für seine „beschränkte sektiererische Denkweise“, da er darauf bestand, dass es „unmöglich ist, eine Revolution zur erfolgreichen Schaffung eines Arbeiterstaates durchzuführen, ohne vorher in jedem Fall eine revolutionär-sozialistische Partei aufzubauen“.

135. Nur ein Jahr danach forderte die opportunistische Politik der SWP einen furchtbaren Preis, als die LSSP der bürgerlichen Regierung von Premierministerin Sirimavo Bandaranaike beitrat. Dieser „große Verrat“ der LSSP rettete die Regierung vorm unmittelbar bevorstehenden Zusammenbruch, diskreditierte den Trotzkismus unter den singalesischen und tamilischen Massen und ebnete den Weg für einen blutigen Bürgerkrieg, der ein Vierteljahrhundert andauern sollte. Die Pablisten hatten die Kapitulation der LSSP vorbereitet und im September 1960 geschrieben: „Wir akzeptieren, dass eine revolutionäre Partei in einem kolonialen oder halbkolonialen Land eine Regierung, die nicht die Arbeiter vertritt (sondern die Mittelklasse oder die Kapitalisten) kritisch unterstützen kann.“ Die Pablisten verweigerten der SLL eine Diskussion über die Aktionen der LSSP. Healy reiste persönlich nach Sri Lanka, um auf dem LSSP-Kongress einzugreifen, während das USec darauf bestand, dass jegliche Kritik an der LSSP nur „die brüderlichen Beziehungen zwischen dem Vereinigten Sekretariat und der Führung der LSSP in Gefahr bringen, wenn nicht gar zerstören würde.“ 49

136. Wie geduldig die SLL diesen Kampf führte, zeigt ihre Rolle als politischer Mentor gegenüber einer Minderheitsströmung innerhalb der SWP, die von Tim Wohlforth geführt wurde. Healy ermahnte die amerikanischen Anhänger der SLL, Fraktionskonflikte in zweitrangigen Fragen zu vermeiden, da er erkannte, dass es um einen Kampf zur Klärung des Kaders der SWP und zur Reorientierung des Internationalen Komitees in Fragen politischer Prinzipien ging. Die Wohlforth Gruppe nahm diesen Rat dankbar auf, im Gegensatz zu einer von James Robertson geführten Minderheitsströmung, die in erster Linie ihren Fraktionsinteressen folgte. Die Wohlforth-Minderheit arbeitete auch nach dem Wiedervereinigungskongress von 1963 weiterhin innerhalb der SWP, bis sie ausgeschlossen wurde, weil sie zu eine Diskussion über die Wurzeln des Verrats der LSSP gefordert hatte.

Die SLL übernimmt im Internationalen Komitee die Führung

137. Die SLL hatte die Herausforderung durch das Renegatentum der SWP angenommen. Sie schlug den Versuch kleinbürgerlicher Kräfte, den Trotzkismus zu liquidieren, zurück und übernahm die Führung des Internationalen Komitees. Sie ging aus diesem Kampf erheblich gestärkt hervor. Die Dokumente aus dieser Zeit zeigen die politischen Fortschritte, die die SLL gemacht hat, und stellen auch heute noch einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung des Marxismus dar.

138. 1961 veröffentlichte die SLL “Die Weltperspektiven des Sozialismus” und zog eine Bilanz der Bedeutung des Revisionismus in der Vierten Internationale und seiner Beziehung zur Krise des Weltkapitalismus. Im Gegensatz zu den abstrakten Formeln, die die Pablisten anwandten, gab sie eine konkrete Einschätzung der Nachkriegsperiode. Die Ablehnung des Pablismus durch die SLL wurzelte in einer Prüfung der objektiven Rolle, die er bei der politischen Entwaffnung der Arbeiterklasse und ihrer Unterwerfung unter die sozialdemokratischen und stalinistischen Bürokratien und die Führer der bürgerlich-nationalistischen Bewegungen in den kolonialen und ehemals kolonialen Ländern gespielt hatte:

“Reformisten und Opportunisten aller Schattierungen plappern den Sprechern der Bourgeoisie nach und hoffen, dass die verschiedenen Ausdrucksformen der tiefen Weltkrise einzeln für sich angegangen und gelöst werden können. Marxisten sagen, dass dies unmöglich ist. All diese Probleme sind miteinander verknüpft wegen der untrennbaren Verbindung, die der Imperialismus selbst zwischen ihnen geschaffen hat. Sie nehmen allerdings nicht an, dass der Imperialismus irgendwie zusammenbrechen wird, weil die Widersprüche, die er freisetzt, das System schließlich zum Stillstand bringen. Eine solche Vorstellung von einem automatischen Zusammenbruch gehört nicht zum Marxismus.

Die Geschichte der vergangenen vierzig Jahre hat die Lektion bestätigt, die Lenin und Trotzki oft wiederholt haben, dass es für die Bourgeoisie keine unmöglichen Situationen gibt. Sie überlebte die Herausforderungen der Revolution und der wirtschaftlichen Depression zwischen den Kriegen, indem sie sich des Faschismus’ bediente. Sie überlebte den Zweiten Weltkrieg mit Hilfe der Unterstützung durch die stalinistischen und sozialdemokratischen Führungen, die sicherstellten, dass die Arbeiterklasse die Machtfrage nicht stellte. Sie nutzte die Atempause, um neue Herrschaftsmethoden zu entwickeln und die Wirtschaft zu regenerieren. Selbst die aussichtsloseste Situation kann überwunden werden, wenn man die Arbeiter nicht auf ihr aktives Eingreifen als selbständige Klasse vorbereitet, mit einer Partei und einer Führung und mit der Perspektive, den Kapitalismus zu stürzen.“ 50

139. Als Healy die entscheidende Frage der philosophischen Methode wieder in den Kampf gegen Hansens vulgären Pragmatismus einführte, bezog er sich damit auf die Arbeit, die Trotzki 1939 gegen Burnham/Shachtman geleistet hatte. Die SLL hatte die objektivistischen Entschuldigungen für nicht-proletarische Führungen durch die Pablisten abgelehnt, und das half ihr nun, die ganze Bedeutung von Lenins „Philosophischen Notizen“ einzuschätzen. Das Werk erschien 1961 als Band 38 seiner Gesammelten Werke zum ersten Mal auf Englisch. Slaughter kämpfte in seiner Schrift „Opportunismus und Empirismus“ dagegen, die Theorie der Permanenten Revolution aufzugeben und an ihre Stelle so genannte „Fakten“ – wie die Siege Ben Bellas in Algerien und Castros auf Kuba – zu setzen.

“Wenn wir den Empirismus angreifen, dann greifen wir jene Herangehensweise an, die besagt, dass sich alle Aussagen von Bedeutung auf beobachtete oder messbare Daten in ihrer unmittelbar gegebenen Form beziehen müssen. Diese Methode hält alle ‚abstrakten’ Konzepte für bedeutungslos, welche die allgemeine und historische Bedeutung dieser Fakten reflektieren. Sie streitet rundheraus ab, dass unsere allgemeinen Konzepte die Entwicklungsgesetze und die Wechselbeziehung der Prozesse widerspiegeln, die diesen ‚Fakten’ zugrunde liegen. (…) Alle diese Argumente, dass ‚die Tatsachen’ die objektive Realität darstellen, und dass wir ‚von dort aus beginnen’ müssen, bereiten den Boden, um eine Politik der Anpassung an nicht-proletarische Führungen zu rechtfertigen.“ 51

140. Das Internationale Komitee traf sich im September 1963, um eine politische Bilanz des Kampfes gegen den Pablismus zu ziehen. Im Eröffnungsbericht erklärte Slaughter:

“Der Kampf gegen den Revisionismus in der trotzkistischen Bewegung, insbesondere in der Socialist Workers Party, hat einen grundlegenden Unterschied in der Methode enthüllt. Die Führer der Socialist Workers Party haben den Marxismus zugunsten des Empirismus aufgegeben, und sie haben die Methode über Bord geworfen, die davon ausgeht, dass die Welt verändert und nicht interpretiert oder reflektiert werden muss. Den weitaus größeren Teil der Arbeit im Kampf gegen den Revisionismus haben wir immer noch zu leisten. Es reicht nicht aus, den Abstieg der Revisionisten in den Empirismus aufzuzeigen, – das Problem besteht darin, im Kampf gegen diesen Revisionismus Sektionen der Vierten Internationale aufzubauen, die in der Lage sind, die Vorhut der Arbeiterklasse zu führen.“52

141. Im Frühjahr 1964 wurde die Labour Review durch ein neues Journal, die Fourth International, ersetzt, herausgegeben vom Internationalen Komitee. Im Leitartikel der ersten Ausgabe hieß es:

“Die Socialist Labour League muss ihren festen Platz innerhalb der internationalen Vorhut der Weltpartei der sozialistischen Revolution einnehmen. Durch die Arbeit unserer neuen Zeitschrift und durch den Aufbau dieser Weltpartei werden wir das Stadium, in dem wir Kader unter den Studenten und Arbeiterjugendlichen ausbilden, durchschreiten und das Stadium erreichen, in dem wir den alltäglichen Kämpfen der Arbeiterklasse eine Führung geben.“53

142. Der Kampf, den die SLL gegen die Wiedervereinigung mit den Pablisten führte, trug seine wertvollsten Früchte in der internationalen Arena. Das amerikanische Komitee für die Vierte Internationale begann 1966 eine ausgedehnte Phase der Vorbereitung zur Gründung der Workers League. Zwei Jahre später wurde in Ceylon die Revolutionary Communist League gebildet. 1971 wurde der Bund sozialistischer Arbeiter als Sektion des Internationalen Komitees in Deutschland gegründet, und 1972 wurde die Socialist Labour League als australische Sektion des IK ins Leben gerufen.

Die Rolle der International Marxist Group

143. Politisch geschlagen, drosch das pablistische USec nach dem Wiedervereinigungskongress heftig auf die SLL ein. Seine Versuche, den Trotzkismus in Großbritannien ins Abseits zu schieben, wurden von Hansen angeführt, der sich daran machte, Mitglieder zu rekrutieren, die Healy seit langem feindselig gesinnt waren. Hansen Kampagne konzentrierte sich anfänglich darauf, Grants RSL mit der „International Group“ unter der Führung von Ken Coates und einer kleineren Fraktion unter der Führung von Charlie van Geldern und Sam Bornstein zu fusionieren. Aber sie konzentrierte sich bald schon auf die Vietnam Solidarity Campaign (VSC), die 1966 ins Leben gerufen worden war.

144. Die SLL lehnte die Unterstützung des Vietnamkrieges durch die Wilson-Regierung ab und verknüpfte die Verteidigung der vietnamesischen Massen gegen den Imperialismus mit einem politischen Kampf gegen die rechtsgerichteten Labour-Führer und dem Aufbau einer auf die Fabriken gestützten Anti-Kriegs-Bewegung. Gegen diese Haltung wurde die VSC als eine Volksfront errichtet, wobei der Jugendbewegung der Kommunistischen Partei, der Young Communist League, die Führung überlassen wurde. Einheit mit den Stalinisten wurde auch von Cliffs International Socialists propagiert, die die „Dritte-Lager-Position“ aufgaben, die sie gegenüber Korea eingenommen hatten, und sich nun für einen Sieg des Vietcong aussprachen.

145. Die SLL wurde wegen ihrer Ablehnung der sowjetischen stalinistischen Bürokratie, die das vietnamesische Volk als Druckmittel bei seinen Manövern gegenüber Washington missbrauchte, wie eine Aussätzige behandelt. Beim Gründungstreffen des VSC im August 1966 wurden Healy und andere SLL-Mitglieder am Sprechen gehindert. Bei der Demonstration der Socialist Youth am 15.Oktober 1966 in Liège wurde die Polizei gerufen, um ein Young -Socialist-Transparent zu entfernen, das die ungarische Revolution von 1956 verteidigte. Ernest Mandel verteidigte die Stalinisten und behauptete, die SLL habe die „Einheitsfront“ gebrochen.

146. 1967 scheiterten Hansens Bemühungen, seine Anhänger mit der Grant-Gruppe zu vereinigen, endgültig. Grant brach mit dem USec, und 1968 wurde die International Marxist Group (IMG) zu ihrer britischen Sektion. Die IMG sollte sich auf Denunziationen der SLL und politische Apologetik des Stalinismus und des kleinbürgerlichen Guerillatums von Castro und Che Guevara spezialisieren. Am 17. Oktober 1968, schrieben IMG-Führer Tariq Ali und YCL-Führer Barney Davis einen „Lieber-Harold“-Brief an Wilson, in dem sie ihn aufforderten, die Nationale Befreiungsfront in Vietnam zu unterstützen.

Die stalinistische Expertin in Fragen des Trotzkismus, Betty Reid, antwortete mit einer Lobrede auf die VSC, in der sie anmerkte, „welch tiefer Unterschied in den Arbeitsmethoden, Argumenten und der Haltung dieser Gruppe (IMG) und der SLL bestehe… und der Charakter der Führung und das produzierte Material, und die Zusammenarbeit mit nicht-sozialistischen Kräften… seien positiv und führten zu einem hohen Grad an Einheit aller Kräfte, außer mit denVerrückten am Rand linksaußen.“

147. Hansens Orientierung hin zur VSC gab ihm die Möglichkeit, kleinbürgerliche Elemente zu sammeln, die dem Anarchismus politisch näher standen als dem Sozialismus und die zu verschiedenen Protestaktionen und Schlägereien ermutigt werden konnten. Dies war mit seinem Ziel verbunden, eine Führung und eine Internationale zu schaffen, die tief im Opportunismus verankert war. Slaughter erklärte in seinem Bericht an die Internationale Konferenz der Trotzkisten im September 1963:

Eine solche Orientierung schafft eine besondere Art nationaler Sektion und eine besondere Art von Führung innerhalb der pablistischen Internationale. Um die Publikationen dieser Gruppe versammeln sich diverse kleinbürgerliche Intellektuelle, die sehr leicht ein ‚prinzipielles‘, aber ziemlich abstraktes Bekenntnis zum Marxismus ablegen, das aber nichts mit dem Kampf zum Aufbau einer Führung gegen die Feinde des Marxismus und der Arbeiterklasse zu tun hat. Solche Gruppen suchen ständig nach ‚Bündnissen‘ mit allen Arten zentristischer Strömungen und kultivieren die naivsten Illusionen über ‚linksgerichtete‘ Tendenzen dieser ‚Bündnispartner‘ in parlamentarischen und Gewerkschaftskreisen, wie in Großbritannien und in Belgien.“

Die wirkliche Aufgabe von Marxisten, ‚tiefer in die Arbeiterklasse einzudringen‘, eine Kraft aufzubauen, die die Bürokratie hinwegfegt, ist diesen Kreisen ein Gräuel. Für eine solche politische Lebensweise ist die Botschaft, dass es überaus wichtig sei, die ‚linken Zentristen‘ zu ermutigen, ein Geschenk des Himmels. Die Führer dieser Internationale sind zunehmend ‚einflussreiche Männer‘, Männer mit einem ‚Ruf‘ in kleinbürgerlichen Zirkeln und keine Arbeiterführer, keine Führer, die die Sorgen und Nöte der Arbeiterklasse und der revolutionären Partei kennen… In dieser Umgebung ist den Strömungen zum extremen Revisionismus, auf die wir hingewiesen haben, ein schnelles Wachstum sicher und sie erwürgen jetzt alle Überbleibsel der Kader der pablistischen Internationale.“55

Die politischen Probleme, vor denen die SLL stand

148. Healy war entschlossen, den Kampf gegen die Pablisten in der Arbeiterklasse aufzunehmen und sie zu besiegen. Er ging dabei von der Einschätzung aus, dass er die, wie er mit einiger Berechtigung einschätzte, günstigere politische Lage in England ausnutzen könne, um die ungünstige internationale Kräftekonstellation nach dem Renegatentum der SWP zu seinen Gunsten zu wenden. Er rechnete sich aus, dass ein politischer Durchbruch in Großbritannien zu einem Anziehungspunkt für Revolutionäre in aller Welt werden und die Autorität des Internationalen Komitees stärken würde.

149. Die SLL hatte nach 1956 wichtige organisatorische Fortschritte gemacht, war Mitte der 1960er Jahre zahlenmäßig größer als ihre pablistischen Gegner, besaß einen erfahrenen Kader und eine Basis in Teilen der Arbeiterklasse und der Jugend. Sie war in der Lage, eine aufkommende militante Bewegung in der Arbeiterklasse zu nutzen, die sich in wilden Streiks und inoffiziellen Strömungen an der Basis ausdrückte. Es wurden Pläne für die erste trotzkistische Tageszeitung gefasst, die Workers Press, die 1969 eingeführt wurde. Sie wurde als Instrument verstanden, mit dem man die Stalinisten und die Sozialdemokraten herausfordern und die SLL in die Massenpartei der britischen Arbeiterklasse umwandeln konnte.

150. Während es sowohl korrekt, als auch notwendig war, jede Gelegenheit zu nutzen, die Großbritannien bot, um die internationale Bewegung zu stärken, war Healys Haltung strategisch gesehen falsch. Healy misinterpretierte die Russische Revolution, wenn er davon ausging, er könne den Impuls imitieren, den die bolschewistische Machtübernahme für das Wachstum der Dritten Internationale geliefert hatte. Sie war vorbereitet worden durch den Kampf, den Lenin gegen den Opportunismus der Zweiten Internationale geführt hatte und war erkämpft worden auf der Grundlage der von Trotzki entwickelten internationalen revolutionären Strategie.

151. In der Hartnäckigkeit des pablistischen Revisionismus äußerte sich die Politik des Imperialismus, eine kleinbürgerliche Schicht als Puffer gegen die Arbeiterklasse zu hätscheln, und zwar auch innerhalb der Vierten Internationale. Die dominierende politische Rolle dieser Schicht war ein weitreichendes Charakteristikum der Nachkriegsjahre. Die Sowjetunion schien auf der Höhe ihrer Macht, während die auf der Bauernschaft beruhende chinesische Revolution von 1949 die Entstehung vieler maoistischer Strömungen anstieß. Unter diesen Bedingungen war der Castroismus nur eine von mehreren nationalen radikalen bürgerlichen Bewegungen, die sich oft als sozialistisch bezeichneten, und sich auf die Unterstützung durch den Moskauer oder Pekinger Apparat verließen. Ein Leitartikel der Labour Review vom Winter 1961 erläuterte:

“Die Opportunisten aller Schattierungen stützen sich jetzt nicht nur auf die Arbeiteraristokratie einiger fortgeschrittener Länder, sondern auf neue Schichten der Weltbevölkerung im modernen staatsmonopolistischen Kapitalismus mit seiner besonderen Beziehung zur nicht-kapitalistischen Welt. Die fortgeschrittenen Länder haben eine gigantische Konzentration von Industrie- und Finanzkapital hervorgebracht und eine Militarisierung und Bürokratisierung der Wirtschaft und des Staates durchgemacht. Sie sind zunehmend von staatlichen Eingriffen in die Wirtschaft abhängig geworden. Daraus resultiert eine neue Mittelklasse von Beamten, Administratoren und Bürokraten der Großbanken und der Monopole, des Staates, der Militär- und Sicherheitsapparate, sozialer Dienste und in den Medien. Die internationalen Bedürfnisse des Kapitals werden von der mittleren Kaste treu erfüllt.“56

152. Das war die Klassengrundlage für das Wachstum zahlreicher intellektueller Strömungen, die marxistische Phraseologie pflegten, aber eine Politik vertraten, die die sozialistische Revolution ablehnte und sich auf Kräfte stützte, die der Arbeiterklasse feindlich gegenüberstehen. Diese Weltlage bereitete den orthodoxen Trotzkisten Schwierigkeiten, die in der nationalen Arena nicht überwunden werden konnten.

Healys vom besonderen Kräftegleichgewicht in Großbritannien ausgehenden ungerechtfertigten Verallgemeinerungen sollten ihn dazu verleiten, die zentrale Lehre aus der Kapitulation der SWP vor dem Pablismus zu verleugnen – nämlich, dass dem Druck fremder Klassenströmungen nur durch den ständigen theoretischen Kampf gegen den Revisionismus begegnet werden kann, und zwar in Zusammenarbeit mit internationalen Mitstreitern. In dem Ausmaß, in dem die Konzentration auf die Entwicklung der Arbeit in Großbritannien eine Missachtung der theoretischen und politischen Bedürfnisse der internationalen Bewegung zur Folge hatte, sollte dies zu einer Häufung politischer Fehler und organisatorischer Probleme führen, in der sich Healy und die SLL bald gefangen sahen.

153. In der SLL setzten sich Vorstellungen fest, die die Gefahr eines Abdriftens in Richtung einer nationalen Achse in sich bargen. Diese drückten sich in Healys Broschüre „Probleme der Vierten Internationale“ von 1966 aus, in der er schrieb:

„Auf den Schultern der Socialist Labour League liegt jetzt eine enorme Verantwortung: der Aufbau einer revolutionären Massenpartei, welche die Arbeiterklasse an die Macht führen wird. Dadurch wird sie Revolutionäre in allen Ländern inspirieren, ähnliche Parteien aufzubauen und dasselbe zu tun.“ 57

154. David North erklärte später:

“Die Vorstellung, die Vierte Internationale werde als Nebenprodukt der Machteroberung in Großbritannien aufgebaut, war falsch. Zum einen stand sie im Gegensatz zu der dialektischen Wechselbeziehung zwischen der Weltkrise des Imperialismus, dem internationalen Klassenkampf und den besonderen Formen, die diese in Großbritannien annahmen; zum andern leugnete sie, dass die Organisation von Marxisten in jedem Land nur als Bestandteil der Weltpartei der sozialistischen Revolution möglich ist. 58

155. Healy schätzte auch die Wurzeln der Degeneration der SWP falsch ein. Das war das Ergebnis einer subjektiven Reaktion auf Cannons Verrat. Er behauptete, ihre Ursache liege nicht

“.. in den schwierigen Bedingungen des Kalten Krieges und des Booms, unter denen die SWP in den Vereinigten Staaten insbesondere seit 1949 gearbeitet hat, – obwohl dies eine Rolle gespielt hat –, sondern in den Ursprüngen der frühen trotzkistischen Bewegung. Ihr Gründer, Trotzki, war durch die gesamte frühe politische Erfahrung der vorrevolutionären Sowjetunion, der Revolution selbst, – als er die Rote Armee organisierte und führte –, der Degeneration nach Lenin und der Entstehung der sowjetischen Bürokratie unter Stalin gegangen.

Seine Anhänger in den USA und in anderen Ländern kamen hauptsächlich aus den Reihen derer, die sich nach der Gründung der Dritten Internationale im Jahr 1919 der Kommunistischen Bewegung angeschlossen hatten. Ihre Entwicklung wurde bestimmt von den Niederlagen der Arbeiterklasse außerhalb der Sowjetunion nach dem Ersten Weltkrieg und von der Entstehung des Stalinismus. (…) Grade das machte die Schwäche der Mannschaft Cannon-Trotzki aus.“ 59

156. Healys Herunterspielen der Auswirkungen des Nachkriegsbooms auf die SWP und seine Konzentration auf subjektive politische und theoretische Schwächen, um das Aufkommen des Opportunismus zu erklären, standen im Gegensatz zu der Analyse, zu der die SLL vorher gekommen war. Indem er die Degeneration der SWP und das Wachstum des Revisionismus den vermeintlich „nicht-revolutionären“ Bedingungen zuschrieb, aus denen die Vierte Internationale hervorging, unterstützte Healy – wie unbewusst auch immer – jene zentristischen Tendenzen, die ihre Gründung auf der Grundlage abgelehnt hatten, eine neue Internationale könne nur als Produkt einer erfolgreichen sozialistischen Revolution entstehen. Diese Vorstellungen sollten negative Auswirkungen zeigen¸als sich politische Differenzen innerhalb des Internationalen Komitees entwickelten.

Wird fortgesetzt.

Anmerkungen:

47 Zitiert in David North, Das Erbe, das wir verteidigen: Ein Beitrag zur Geschichte der Vierten Internationale, Essen 1988, S. 370

48 Einer der drei LSSP-Kabinettsmitglieder von Bandaranaikes Koalition, Anil Moonesinghe, war Anhänger der staatskapitalistischen Tendenz von Cliff. Anfang der 1990er Jahren wurde er Vizepräsident von Bandaranaikes SLFP und wurde sogar vorübergehend ehrenhalber zum Hauptmann ernannt.

49 Zitiert in David North, Das Erbe, das wir verteidigen: Ein Beitrag zur Geschichte der Vierten Internationale, Essen 1988, S. 392

50 World Prospects for Socialism, Labour Review, Winter 1961, Band 6, Nr. 3 [aus dem Englischen]

51 Opportunism and Empiricism, Trotskyism Versus Revisionism, London 1974, Band 4, S. 81-82 [aus dem Englischen]

52 ibid. S.187-188

53 Fourth International, Frühling 1964 [aus dem Englischen]

54 Robert Black, Stalinism in Britain (1970), New Park Publications, S. 279 [aus dem Englischen]

55 Cliff Slaughter, The Future of the Fourth International, Trotskyism Versus Revisionism, London 1974, Band 4, S. 218 [aus dem Englischen]

56 Zitiert in Fourth International, März 1987, Band 14, Nr. 1

57 Problems of the Fourth International (1966), zitiert in David North, Gerry Healy und sein Platz in der Geschichte der Vierten Internationale, Essen 1992, S. 69

58 ibid. S. 69-70

59 ibid. S. 70

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