Wo unsere Heimat ist, lassen wir uns nicht vorschreiben

Von Bernd Reinhardt
14. Mai 2011

Die Filmkomödie Almanya - Willkommen in Deutschland der Schwestern Yasemin und Nesrin Samdereli lief auf der diesjährigen Berlinale, wurde bei der Vergabe des Deutschen Filmpreises zum zweitbesten Spielfilm gekürt und läuft seit März ununterbrochen erfolgreich in den Kinos.

Hüseyin Ylmaz, das Oberhaupt einer türkischen Familie in Berlin, hat im alten Heimatdorf ein Haus gekauft, das die ganze Familie im Sommer aufbauen soll. Die meisten haben andere Sorgen. Die Enkelin ist ungewollt schwanger geworden und der sechsjährige Cenk traurig darüber, dass er nicht richtig türkisch sprechen kann. Ist er überhaupt ein richtiger Türke?

Almanya © Concorde Filmverleih GmbH

Der traditionsbewusste Großvater wird nur Großmutter zuliebe Deutscher. In der Nacht vor dem Erhalt der deutschen Staatsbürgerschaft schläft er schlecht. Ihm träumt, die Beamten vereidigten ihn auf die Deutsche Leitkultur, setzten ihm Schweinebraten vor und verlangten, dass er ab sofort die Krimiserie Tatort sieht. Ein Alptraum und ein Grund mehr, mit der ganzen Familie in seine alte Heimat zu fahren und die Familienbande zu festigen.

Immer wenn es Cenk im Kleinbus langweilig wird, und das ist oft, erzählt seine 22-jährige Cousine die Geschichte, wie Großvater einst als einmillionundeinster Gastarbeiter nach Deutschland kam. Er war arm, und händeringend wurden Arbeitskräfte gesucht. Er fuhr, obwohl das Trennung von Frau und Kindern bedeutete und er Angst vor einem Land hatte, wo die Menschen nur Kartoffeln essen und religiöse Fanatiker einen an einem Kreuz hängenden hölzernen Götzen anbeten, sogar sein Blut trinken und seinen Leib essen (wie man gehört hat), wo die Menschen nur schmutzig sein können, weil es keine Badehäuser wie in der Türkei gibt, und wo Hunde, die hier herumstreunen, an einer Leine geführt werden.

Für viele der kleinen, witzigen Anekdoten, die in zahlreichen Rückblenden und Traumszenen erzählt werden, haben die beiden jungen deutsch-türkischen Autorinnen, die im Ruhrgebiet aufwuchsen, unter der ersten Einwanderer-Generation recherchiert. Das Ergebnis unterscheidet sich von dem von den offiziellen Medien heute verbreiteten Bild.

Statt unüberwindliche Hürden zwischen verschiedenen „Kulturkreisen“ zeigt Almanya, dass sich über Vorurteile und Missverständnisse auf beiden Seiten gut lachen lässt. Kultur und deren Traditionen sind etwas lebendiges, von Menschen gemachtes. Es gibt hierüber Auseinandersetzungen. Es ist der Großvater, der als erster weiß, dass die Enkelin schwanger ist, und er reagiert ganz anders als erwartet.

Yasemin über deutsche Vorurteile: „Ich komme aus einer Familie, die sehr offen und sehr liberal war“, erklärt sie in einem Interview mit FAZ-net. „Und ich habe immer die Erfahrung gemacht, dass Leute sagten: Die traut sich bloß nicht zu sagen, wie es wirklich ist. Die Leute bestehen auf ihrer Sichtweise und halten es für glaubhafter und realistischer, dass einer die Waffe zieht, wenn die Tochter oder Enkelin schwanger ist.“

Erst im letzten Jahr kam der vielbeachtete und mehrfach preisgekrönten Film Die Fremde (2010) von Feo Aladag in die Kinos. Eine junge, in Berlin aufgewachsene türkische Frau versucht vergeblich aus dem Konservatismus ihrer Familie auszubrechen. Der Film entstand vor dem Hintergrund einiger Ehrenmorde in Deutschland. Der Film hat bewegende Momente, etwa wenn er zeigt, dass der Vater, der seine Tochter verstoßen hat, darunter leidet.

Das Verhältnis zwischen der Familie und deutscher Gesellschaft wirkt jedoch steril-lehrfilmhaft und unehrlich. Die Fremde vermittelt den Eindruck, als seien deutsche Beamte Tag und Nacht um das Wohl ausländischer Bürger bemüht, aber letztlich ohnmächtig gegenüber einer von archaischen Gesetzen diktierten „Parallelgesellschaft“. Die Wurzeln des Konservatismus führen im Film in die bergige Provinz der Türkei.

Die Realität ist anders. Es ist erst einige Jahre her, dass Gerhard Schröder, damals SPD-Bundeskanzler „nützliche“ Ausländer willkommen hieß und damit alle Arbeitslosen und Hartz-IV-Empfänger mit Migrationshintergrund quasi zu unnützen Parasiten erklärte. Thilo Sarrazin, der ehemalige SPD-Finanzsenator Berlins, hat dies im letzten Jahr durch offen rassistische Parolen ergänzt.

Angela Merkel erklärte im letzten Jahr „Multikulti“ für gescheitert. Ihre Regierung beschloss harte Maßnahmen gegen sogenannte „integrationsunwillige“ Migranten, während die Wirtschaft um ausländische Arbeitskräfte wirbt, die, hochqualifiziert aber billig, helfen sollen, Kosten einzusparen.

Almanya erinnert daran, dass schon immer allein die „Nützlichkeit“ das Verhältnis zwischen der offiziellen deutschen Politik und türkischen Gastarbeitern bestimmte. Man sieht alte Dokumentaraufnahmen: Deutsche Ärzte untersuchen in einer unangenehme Assoziationen weckenden Prozedur türkische Arbeiter auf ihre körperliche Tauglichkeit für ihre Arbeit in Deutschland. Nur die Tüchtigsten, Profitabelsten sind willkommen.

Motto des Films ist der zum geflügelten Satz gewordene Ausspruch nach Max Frisch: „Wir wollten Gastarbeiter, und es kamen Menschen.“ Dieses Menschliche steht für eine nicht an Staatsgrenzen gebundene Vorstellung von Heimat und für die Durchlässigkeit von Kulturen. Dem wird an einer Stelle des Films die korrupte, türkische staatliche Bürokratie gegenübergestellt, die der Familie Ylmaz Schwierigkeiten macht, weil die Großeltern nun offiziell „Deutsche“ sind.

Allein der Auftritt des kleinen Cenk vor dem deutschen Bundestag und der Kanzlerin erscheint wie ein Zugeständnis der Regisseurinnen an die offiziellen Förderinstanzen. Jahrelang sei eine finanzielle Unterstützung des Films abgelehnt worden, erklärten die Schwestern und kritisierten deren Gleichgültigkeit, Routine und Voreingenommenheit.

„Wir haben“, so Yasemin Samdereli, „vor acht Jahren die erste Fassung geschrieben. Dann kamen immer wieder Auseinandersetzungen, dann gab es „Solino“ von Fatih Akin, einen Film über italienische Gastarbeiter, und die Frage: Muss man das denn immer wieder erzählen? Es war wirklich sehr, sehr schwierig, weil die meisten das Tragische wollten. Wir haben am Ende fünfzig Fassungen geschrieben.“

Almanya verbreitet mit seinen liebenswerten Figuren und ohne den erhobenen sozialpädagogischen Zeigefinger einen erfrischenden Optimismus, mit dem Grundtenor: Wo unsere Heimat ist, lassen wir uns nicht vorschreiben. Der Erfolg beim deutschen Publikum spricht für sich.