Perspektive

Keine Aussicht auf globale “Wirtschaftserholung“

Die neuesten statistischen Zahlen aus Großbritannien und den USA zerstören jegliche Hoffnung, die Weltwirtschaft könne sich nach der globalen Finanzkrise „erholen“.

Die britische Wirtschaft wuchs im ersten Quartal dieses Jahres nur um 0,5 Prozent, nachdem sie im letzten Quartal 2010 um denselben Betrag geschrumpft war. Diese Stagnation der vergangenen sechs Monate hat zu Warnungen geführt, Großbritannien befinde sich am Rande einer Rezession mit zwei Talsohlen.

In den USA fiel die aufs Jahr hochgerechnete Wachstumsrate auf 1,8 Prozent, nachdem sie im vorhergehenden Quartal bei 3,1 Prozent gelegen hatte. Im Verlauf des letzten Jahres ist die US-Wirtschaft nur um 2,3 Prozent gewachsen. Das sind weniger als die 2,5 Prozent, die notwendig wären, um mit der Zunahme der Arbeitskräfte Schritt zu halten.

Ängste vor einer weltweiten Verlangsamung führten in dieser Woche zu Ausverkäufen an Aktien- und Warenmärkten, nachdem Jean-Claude Trichet, Präsident der Europäischen Zentralbank, angedeutet hatte, dass eine Zinserhöhung im Juni angesichts des Zustandes der europäischen Wirtschaft unwahrscheinlich sei.

Die Lage am US-Arbeitsmarkt ist ein soziales Desaster. Die durchschnittliche Dauer der Arbeitslosigkeit liegt jetzt bei 39 Wochen – die längste bisher aufgezeichnete Zeitspanne. Vor allem die Jungen sind hart betroffen. Die Arbeitslosenquote für 16 – 24jährige erreichte letztes Jahr den Rekord von 18,4 Prozent.

Die wirtschaftliche Situation sowohl in Großbritannien, als auch in den USA, ist durch Prozesse gekennzeichnet, wie man sie seit dem Krieg nicht gesehen hat. In Großbritannien werden die Reallöhne zum vierten Mal hintereinander fallen, was erstmals seit den 1870er Jahren stattfindet.

Prognosen zufolge werden die Haushaltseinkommen in diesem Jahr um zwei Prozent sinken. Weit davon entfernt, zur „Normalität“ zurückzukehren, bleibt die finanzielle Lage extrem ungewiss. Mervin King, Gouverneur der Bank von England, warnte diese Woche davor, dass jegliche Anhebung der langfristigen Zinssätze „ernste“ Folgen nach sich ziehen könnte.

In den USA hat es trotz steigender Profite im vergangenen Jahr keine wirtschaftliche Erholung gegeben. Das liegt daran, dass die Profitsteigerungen nicht durch expandierende Märkte, sondern durch Kostendämpfung, insbesondere durch Lohnsenkungen, erzeugt wurden. Profite werden folglich auch nicht in neue Investitionen gesteckt – die Art, wie ein Wirtschaftszyklus sich unter „normalen“ Bedingungen erholt – da US-Firmen befürchten, dass die Märkte weiter stagnieren oder sogar schrumpfen werden.

Ende vergangenen Jahres lagen Investitionen der Privatwirtschaft um 15 Prozent unter ihrem Wert vor Beginn der Finanzkrise, da US-Firmen an ihren Profiten festhielten. Ihre Bargeldbestände und liquiden Vermögensbestände wuchsen folglich im dritten Quartal 2010 auf mehr als 1,93 Milliarden US-Dollar, mehr als 14 Prozent über dem Wert des Vorjahres.

Die sich verschlimmernde ökonomische und soziale Katastrophe in den USA verbreitet sich international durch die Rolle des US-Dollars als globaler Leitwährung.

Um die Position der US-Banken und Finanzhäuser nach dem finanziellen Crash von 2008 aufrecht zu erhalten, hat die Federal Reserve ihnen Hunderte von Milliarden Dollar zum Satz von fast Null Prozent zur Verfügung gestellt. Während diese Politik der „quantitativen Erleichterung“ voraussichtlich im Juni endet, wird die US-Zentralbank Fed die Zinsraten weiter auf ultra-niedrigem Niveau halten.

Die Folge sind nie da gewesen Turbulenzen an den internationalen Finanzmärkten.

Ein deutliches Zeichen für das schwindende Vertrauen in die US-Währung war der Kauf von fast 100 Tonnen Gold im Februar und März durch die Bank von Mexiko, die auf diese Weise ihre Reserven aus ihren fallenden Dollar-Vermögen heraus transferierte. Der Kauf durch die Mexikaner, dessen Volumen auf 6,4 Milliarden US-Dollar geschätzt wird, folgt dem Vorbild Chinas, Indiens und Russlands, die alle in den vergangenen Jahren größere Goldkäufe getätigt haben.

Der fallende Dollar führt in die Inflation und verstärkt den Trend zur Rezession. Die Preise für Nahrungsmittel sind im vergangenen Jahr um etwa 30 Prozent in die Höhe geschnellt und haben den Druck auf den Lebensstandard in den ärmeren Regionen Asiens, Afrikas und Lateinamerikas erhöht.

Gleichzeitig wächst der Druck auf die Märkte der Länder mit flexiblen Wechselkursen. Das Ansteigen ihrer Währung setzt sie intensiver internationaler Konkurrenz aus, vor allem in der produzierenden Industrie.

Brasilien, dessen Finanzminister Guido Mantega letztes Jahr vor einem internationalen Währungskrieg als Folge des fallenden Dollars warnte, riskiert derzeit eine „De-Industrialisierung“ als Ergebnis der Aufwertung der brasilianischen Währung, des Real, gegenüber dem Dollar.

Der Chef des deutschen Industriegiganten Siemens, der in großem Maß in Brasilien investiert hat, sagte der Financial Times diese Woche, dass Kontrollen eingeführt werden müssten, um den weiteren Anstieg des Real zu verhindern. Andernfalls werde das Exportgeschäft des Konzerns zusammenbrechen. „Das ist von grundlegender Bedeutung. Es besteht das Risiko der De-Industrialisierung.”

Der Anstieg des Real, ausgelöst durch den Fall des US-Dollars, trifft alle Bereiche industrieller Produktion. Der Chef von ArcelorMittal, dem größten Stahlproduzenten des Landes, sagte der Financial Times, das letzte Jahr sei „ein Desaster, fast schon ein komplettes Desaster“ gewesen.

Auch der australische Dollar befindet sich gegenüber der US-Währung auf einem Höhenflug. 2009 noch sechzig US-Cent wert, hat die australische Währung inzwischen den höchsten Kurs seit der Freigabe ihres Wechselkurses 1983 erreicht und stand zwischendurch sogar bei 1,10 US-Dollar. Dies hat zu fast rezessionsartigen Bedingungen in allen Bereichen der Wirtschaft mit Ausnahme der Mineral- und der Rohstoffindustrie geführt.

Parallel zu den gegenwärtigen Turbulenzen an den globalen Finanzmärkten und in der Weltwirtschaft warnen Sprecher des internationalen Finanzkapitals ganz allgemein davor, dass es keine Aussicht auf eine Rückkehr zu den Verhältnissen vor der Krise gebe. Sie fordern immer schärfere Sparprogramme, die sich direkt gegen die Arbeiterklasse richten.

Mike Smith, Chef der ANZ Bankengruppe in Australien, kündigte diese Woche einen 38prozentigen Anstieg des Profits an und warnte gleichzeitig, australische Unternehmen seien eigentlich für einen „Bullenmarkt und ständiges Wachstum“ konzipiert. Nach der Krise haben wir es aber mit einer Anpassung zu tun, in der einige Teile der Wirtschaft plötzlich global nicht mehr konkurrenzfähig sind und die Geschäftsmodelle, nach denen sie funktionierten, nicht mehr aufrecht erhalten werden können.“ Es sei „unrealistisch“, sagte er, auf eine Rückkehr zu den „Vor-Krisen-Verhältnissen“ zu hoffen.

Diese Warnungen vor einem “Paradigmenwechsel” unterstreichen die Tatsache, dass die Finanzkrise von 2008 – 2009 kein zyklischer Abschwung war, sondern der Beginn einer massiven Restrukturierung im Weltmaßstab. Ziel ist es, die soziale Lage der Arbeiterklasse auf ein Niveau herabzusenken, dass es seit der Großen Depression nicht gegeben hat. Die globalen Finanz- und Konzerneliten drängen auf eine rasche Umsetzung dieses Programms. Die Arbeiterklasse muss darauf antworten, indem sie als ersten notwendigen Schritt den Kampf um die politische Macht aufnimmt, um das Profitsystem zu beenden und ein internationales sozialistisches Wirtschaftsprogramm durchzusetzen.

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