Der dänische Filmregisseur Lars von Trier ist ein Beispiel für eine Gruppe moderner Künstler die sich in maßloser Selbstdarstellung gefallen. Sie haben es zur Tugend erhoben, bloß nicht über die drängenden Gesellschaftsprobleme nachzudenken. Ermutigt von einer kleinen, aber einflussreichen Clique feixender Bewunderer, schleudert von Trier seine Provokationen in die Gegend, ohne sich Gedanken über die Konsequenzen zu machen.
Lars von TrierZu von Triers jüngstem Ausbruch kam es beim Filmfestival von Cannes, das an diesem Wochenende zu Ende ging. Auf eine Frage, die ihm während einer Pressekonferenz, nach der Vorführung seines neuen Films Melancholia, gestellt wurde, antwortete von Trier, er habe entdeckt, dass er kein Jude sei, „sondern dass ich in Wirklichkeit ein Nazi bin, und das hat mir auch ein bisschen gefallen“. Von Trier drückte dann ein gewisses Mitgefühl für Hitler aus, als er in seinem Bunker saß.
Nach einer Welle der Kritik an seinen Bemerkungen – die Direktoren des Filmfestivals von Cannes erklärten ihn zur persona non grata bei der Veranstaltung –, versuchte er, sich zu entschuldigen. Damit verschlimmerte er die Kontroverse aber nur. Er erklärte, das Wichtigste sei sein Film, und dieser habe nichts mit seinen eigenen Ansichten oder Vorbehalten zu tun.
Er sagte Reportern: „Selbst wenn ich Hitler wäre, was hätte das damit zu schaffen, dass mein Film hier ist? Es ist ein Filmfestival, keins für Regisseure. (...) Für mich war Albert Speer ein großer Künstler, und wir müssen einsehen, dass große Künstler wie Riefenstahl erst durch eine Diktatur den Raum bekommen haben, als Künstler zu arbeiten. Es gibt Leute, die wollen, dass ich das zurücknehme, aber das kann ich nicht machen, weil es die Wahrheit ist.“ (Die Regisseurin Leni Riefenstahl war eine prominente Nazimitläuferin.)
Von Triers Behauptung, dass die gesellschaftlichen Ansichten eines Künstlers und seine Kunst zwei voneinander getrennte Welten seien, ist falsch. Zu behaupten, ein Filmemacher sei nicht nur das Ergebnis seiner bewussten politischen Ansichten, ist nicht dasselbe, wie wenn man sagt, es sei egal, was ein Künstler denke und fühle.
Schon Trotzki erklärte, der Künstler, der ein Werk schaffe, und der Zuschauer, der es konsumiere, seien keine gefühllosen Maschinen. Die Wirkung eines Filmes oder irgendeiner Kunstform hängt von ihrer Seriosität, ihrem Zweck und ihrer Wahrhaftigkeit ab, und sie hat sehr viel damit zu tun, wie der Künstler – ein lebendes, atmendes, soziales Geschöpf, und kein abstraktes Konstrukt – die Welt sieht. So sind zum Beispiel Riefenstahls Filme in Wahrheit sehr bombastisch.
Es ist nicht das erste Mal, dass von Trier sich als „Nazi“ bezeichnet. In einem Interview von 2005 gab er eine fragwürdige Geschichte über den Tod seiner Mutter zum Besten; angeblich habe sie ihm unmittelbar bevor sie starb erzählt, dass sein biologischer Vater kein Jude, sondern Deutscher war. Indem er kurzerhand alle Deutschen mit Nazis gleichsetzte, erklärte von Trier damals, dass er selbst ein Nazi sei.
Es gibt keinen Anhaltspunkt dafür, dass von Trier in irgendeiner Weise mit Naziorganisationen zu tun hat. Während der letzten landesweiten Wahl in Dänemark argumentierte er in Zeitungen gegen die Kandidatur einer rechtsradikalen Partei. Trotzdem gibt es eine Logik hinter politischen Positionen und Aussagen, selbst wenn von Trier das nicht wahrhaben möchte. Wer von Triers politischen Background – und nicht seine Abstammung – etwas genauer untersucht, wird finden, dass der Mensch und Künstler sich haltlos in eine reaktionäre Richtung bewegt.
In vieler Hinsicht steht von Trier für die Desillusionierung, die aus einer linksradikalen Politik der späten 1960er und frühen -70er Jahre hervorgegangen ist. In dem obengenannten Interview von 2005 und zu anderen Anlässen erklärte von Trier, er sei das Kind „kommunistischer“ Eltern gewesen, die alles erlaubt hätten, was er wollte. Aber irgendwann habe er gegen ihre Freizügigkeit rebelliert.
In den 1970er Jahren gab es zahlreiche linke, stalinistische und maoistische Protestgruppen. Von Trier war nicht in der Lage oder nicht daran interessiert, ihre sozialen und historischen Ursachen zu untersuchen und die opportunistischen und letzten Endes unaufrichtigen Aktivitäten aufzudecken. Der Grund war, dass er es schlicht für unmöglich hielt, die Gesellschaft auf fortschrittliche Art zu verändern. Stattdessen kam er zum Schluss, dass die Übel der Gesellschaft in der Schlechtigkeit der menschlichen Rasse wurzelten, und dass er als Künstler die Aufgabe habe, die Menschheit mit ihren eigenen Übeln zu konfrontieren.
In dem Interview von 2005 erklärte er: „Meine Familie hatte sehr klare Vorstellungen von Gut und Böse, von Kitsch und von guter Kunst. In meinen Werken versuche ich, das alles in Frage zu stellen. Ich provoziere nicht nur andere, ich erkläre mir selbst den Krieg: der Art, wie ich erzogen wurde, den Werten, die ich die ganze Zeit über teilte. Und ich greife die Gutmenschenphilosophie an, die in meiner Familie herrschte.“
Von Triers Abscheu gegen die „Gutmenschenphilosophie“ seiner linken Eltern zieht sich durch sein ganzes filmisches Schaffen und erreicht ihren Höhepunkt in seinem neuesten Film, Melancholia. Es ist ein Film über das Ende der Welt, weil, laut dem Regisseur, die Menschheit es nicht besser verdient.
Ein Filmkritiker bemerkte, der neue Film von Regisseur Terence Malick, The Tree of Life, der auch in Cannes vorgestellt wurde, vermittle eine positive Sicht auf die Entwicklung der Menschheit. Dann stellte er Malicks Film von Triers „Vision der Verneinung“ gegenüber „die fast wie eine hämische Zurückweisung wirkt: Nein, so ist das Leben wirklich, ein Circus Maximus der Schmerzen, Angst und Dunkelheit, der schwer auf einem lastet, bis die Gleichgültigkeit des Schicksals von uns nimmt.“
Von Trier kommt zum Schluss, dass die Menschheit unverbesserlich schlecht ist, dominiert von tierischen Trieben – hauptsächlich dem Sexualtrieb, was den Regisseur fasziniert. Der dänische Drehbuchschreiber und Regisseur, der als Erwachsener zum Katholizismus übertrat, obwohl er sich nicht als gläubig bezeichnet, entwickelte von da her seine Überzeugung, dass Instinkt, Glaube und Fantasie, sogar Geisteskrankheit, weit bessere Mittel zum Verständnis der Realität seien als die Strenge von Wissenschaft und sozialer Analyse.
In einem seiner früheren Filme, Breaking the Waves, sagt die Figur Bess (Emily Watson), die einzige Gabe, die sie von Gott erhalten habe, sei ihr „Talent, zu glauben“. Der Regisseur lässt Bess dann genau in dem Moment sterben, in dem sie aufhört zu glauben. Als Selma (Björk), die Hauptfigur in Triers besonders grauenhaftem Film Dancer in the Dark, zu erblinden droht, sagt sie: „Ich habe genug gesehen. Ich will nicht noch mehr sehen.“ Und in dem Film Idioten erklärt von Trier, dass Idioten oder Geisteskranke besseren Zugang zur Wahrheit hätten.
Eins der jüngsten Werke von Triers, Der Antichrist, ist nach dem gleichnamigen Werk des deutschen Philosophen Friedrich Nietzsche benannt, das der Filmemacher angeblich seit dem zwölften Lebensjahr in seiner Nachttischschublade hat. Die WSWS nannte von Triers Werk einen „düsteren, hoffnungslos verworrenen und, offen gesagt, lächerlichen Film“.
Das künstlerische Schaffen des Regisseurs kommentierten wir folgendermaßen: „Um sich mal so auszudrücken, wenn von Triers Ideen schlecht sind, so ist seine Dramatik noch schlimmer. Er lädt uns ein in ‚die dunkle Welt seiner Fantasie‘, aber warum sollten wir dort hinwollen? Sie ist nicht interessant, und die Ereignisse die dort stattfinden, sind größtenteils langweilig und nicht überzeugend. Die Ästhetik und Atmosphäre (manchmal auch der Ton) entsprechen den derzeit modernen, sado-pornografischen Horrorfilmen: In Antichrist ist alles schmuddelig und hässlich, aber es ist nicht die normale, alltägliche ‚Hässlichkeit‘, sondern eine aufgesetzte, pseudointellektuelle, schemenhafte Hässlichkeit; die Hässlichkeit von entstellten, unwirtlichen, veralteten Ideen, die nur Eindruck schinden sollen. Von Trier ist vollkommen verwirrt, oder er tut so und genießt diesen Zustand.“
Jedenfalls bleibt von Trier lieber zuhause und vertieft seine Studien über Nietzsche, als dass er etwas über die Welt herausgefunden hätte. In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung erklärte er, warum ihn eine Reise nach Afrika desillusioniert habe: „Ich war von Afrika enttäuscht. Es gab Schwarze und Löwen und so weiter, aber es war längst nicht so fantastisch, wie ich es mir vorgestellt hatte. Deshalb denke ich, es ist wichtig, nicht zu verreisen, damit die Welt ein wunderbarer Ort bleibt.“ Im selben Interview sagte der Regisseur, es sei ihm zugute gekommen, dass er noch nie in Amerika gewesen sei, ehe er seine in Amerika angesiedelte Filmreihe gedreht habe.
Die verworrenen Reden von Triers lassen ihn als einen selbstverliebten und oberflächlichen Menschen erscheinen, der auf seine Oberflächlichkeit stolz ist.
Die interessantesten Fragen betreffen aber nicht von Trier selbst, der nur geringen intellektuellen oder künstlerischen Einfluss hat, sondern die Frage, warum seine Filme von Intellektuellen, Künstlern und Journalisten so hoch gelobt werden. Seine Misanthropie, sein Weltschmerz, seine Faszination für Gewalt und tierische Triebe, seine Verachtung für das gesellschaftliche Leben, sein Misstrauen in die Massen, seine Feindseligkeit gegenüber der Vernunft und seine Vorliebe für nationale Stereotype werden offensichtlich von einem Teil der privilegierten Mittelschicht geteilt.
Angesichts rapider sozialer Polarisierung verliert diese Schicht die Geduld mit den Grenzen, die ihnen die Demokratie – sogar die traditionelle bürgerliche Demokratie – setzt; und sie wird zunehmend empfänglicher für die Vorzüge einer Diktatur, um, wie die Nazi-Ikone Riefenstahl, „wieder den Raum zum Arbeiten zu bekommen“.
Von Triers Gerede über die Vorzüge der Diktatur sind nicht in ein Vakuum gesprochen. Schließlich sind rechtsradikale Parteien heute schon in mehreren westeuropäischen Ländern an der Regierung beteiligt. In Dänemark spielt die rechtsradikale Dänische Volkspartei eine wichtige Rolle, indem sie die Politik der konservativen Regierung bestimmt. Lars von Trier, der vorgibt, er wolle sich möglichst weit von seinen linken Eltern distanzieren, bewegt sich auf zutiefst reaktionäre Kräfte zu.
