Kapitalismus und der Klimawandel

Von Patrick O’Connor
15. Juni 2011

Wie die Internationale Energieagentur (IEA) berichtet, wurde im letzten Jahr eine Rekordmenge von 30,6 Gigatonnen Kohlendioxid in die Erdatmosphäre ausgestoßen. Die aktualisierten Daten zeigen, dass die durchschnittliche globale Temperatur jetzt fast sicher um mehr als zwei Grad Celsius steigen wird. Das ist in den Augen vieler Klimaforscher die Schwelle zu einem unüberschaubar gefährlichen Klimawandel. IEA-Chefökonom Fatih Birol kam zum Schluss, dass die Vermeidung dieses Erwärmungsanstiegs jetzt nur noch "eine schöne Utopie" sei.

Die Situation stellt ein Armutszeugnis für das kapitalistische System dar. Klimaforscher warnen immer wieder vor den schwerwiegenden Gefahren der globalen Erwärmung und geben eindeutige Schätzungen darüber heraus, welche drastische Reduktion der Treibhausgasemissionen nötig wäre, um eine Katastrophe zu vermeiden. Mehrere internationale Gipfeltreffen führender Politiker endeten in einer Farce, so die Treffen in Bali (Indonesien) im Jahr 2007, Kopenhagen (Dänemark) im Jahr 2009 und Cancun (Mexiko) im Jahr 2010. Es erwies sich als unmöglich, ein verbindliches Abkommen zur Reduzierung der Emissionen zu vereinbaren, denn jede Regierung wetteifert mit den anderen darum, einen geo-strategischen Vorteil zu erlangen und die Gewinne ihrer eigenen Großkonzerne zu steigern.

Dieses Prozedere wird sich im Dezember dieses Jahres wohl wiederholen, wenn sich die Regierungschefs im südafrikanischen Durban treffen. Vorbereitende Gespräche sind in Bonn bereits im Gange, aber mehrere hochrangige Beamte der USA und der Europäischen Union schließen heute schon die Möglichkeit aus, dass es zu einem rechtlich bindenden Vertrag über die Treibhausgase kommt.

Die neuesten Daten der internationalen Energieagentur zeigen, dass die Kohlenstoff-Emissionen im Jahr 2009 geringfügig niedriger waren als 2008, was den geringeren Energieverbrauch in der Zeit nach dem Finanzzusammenbruch widerspiegelt. Aber im Jahr 2010 stieg die Umweltverschmutzung erneut an, und heute liegt sie fünf Prozent über dem bisherigen Rekord von 2008. Das enttäuscht die Hoffnungen einiger Klimaforscher, die glaubten, die globale Wirtschaftskrise würde die Emissionen lange genug drosseln, damit die Regierungen der Welt eine „Atempause“ erhalten würden, um eine Lösung auszuhandeln.

Ein Blick auf die Emissions-Daten zeigt, wie dramatisch die Klimakrise ist. Nach Einschätzung der Wissenschaftler bestünde nur dann eine Chance zur Vermeidung einer Erwärmung um zwei Grad Celsius, wenn die die Konzentration atmosphärischer Treibhausgase 450 Teile pro Million Kohlendioxid-Äquivalent nicht übersteigen würde, und dies wäre auch nur eine fünfzigprozentige Chance.

Für eine solche Stabilisierung dürften die jährlichen Emissionen ab 2020 nicht mehr als 32 Gigatonnen pro Jahr betragen. Weil die Emissionen im letzten Jahr jedoch schon 30,6 Gigatonnen betrugen, erklärte die IEA: "Dies bedeutet, dass in den nächsten zehn Jahren die Emissionen insgesamt weniger steigen dürfen, als sie es zwischen 2009 und 2010 taten." Aber etwa achtzig Prozent der prognostizierten Emissionen der nächsten zehn Jahre aus dem Stromsektor sind laut Einschätzung des Gremiums unvermeidbar, weil sie aus Kraftwerken stammen, die derzeit schon vorhanden sind oder sich im Bau befinden.

Die genauen Folgen einer durchschnittlichen Erwärmung um zwei Grad Celsius auf unserem Planeten sind unabsehbar. Der Klimawandel ist kein lineares Phänomen; eine stufenweise Erhöhung der Temperatur kann plötzlich eine starke Veränderung der Umwelt hervorrufen (wie zum Beispiel das Abschmelzen der arktischen Eiskappe), was wiederum eine beschleunigte Erwärmung auslösen kann.

Die Wissenschaftler erwarten aber ein Massensterben, Entwaldung und Wüstenbildung und steigende Meeresspiegel, welche die Existenz von einigen tief liegenden Ländern bedrohen, sowie extreme Wetterereignisse, einschließlich Dürren, Stürmen und Überschwemmungen. Diese werden zu Völkerwanderungen führen, weil die Menschen der Überschwemmung ihrer Küsten oder dem Hunger zu entgehen versuchen.

Der Klimawandel wird auch die Spannungen zwischen den imperialistischen Mächten verschärfen, wenn die geänderten Witterungsverhältnisse wichtige Seewege verändern und neue, rohstoffreiche Regionen der Ausbeutung preisgeben. Der Klimawandel steigert außerdem die strategische Bedeutung von fruchtbaren und Lebensmittel produzierenden Gebieten.

Die Situation in der Arktis ist ein typisches Beispiel. Dort streiten sich die USA, Kanada, Dänemark und Russland nach dem Abschmelzen des Eises um die Kontrolle der neu zugänglichen Ölreserven und der Schifffahrtsrouten, die bisher zugefroren waren. Die kürzlich von WikiLeaks veröffentlichten Depeschen amerikanischer Diplomaten geben einen Hinweis darauf, dass die dänische Regierung ganz offen über eine "Aufteilung" der Arktis debattiert, während Russland sich auf einen Krieg vorbereitet.

Die Veröffentlichung der Zahlen für das Jahr 2010 hat die Wissenschaftler alarmiert. Nicholas Stern von der London School of Economics reagierte darauf mit dem Hinweis, dass beim derzeitigen Tempo die Erde sich mit fünfzigprozentiger Wahrscheinlichkeit bis zum Ende des Jahrhunderts um vier Grad Celsius erwärmen werde. "Eine solche Erwärmung würde das Leben und die Lebensgrundlage von Hunderten von Millionen von Menschen auf dem ganzen Planeten zerstören, was zu weit verbreiteter Massenmigration und Konflikten führen würde", sagte er dem britischen Guardian.

Stern war 2006 Berater der damaligen Labour-Regierung in Großbritannien, und er bezeichnete damals die Erderwärmung als das "größte Marktversagen, das die Welt je gesehen hat". Seither sind sämtliche Versuche, mittels "des freien Marktes" eine Krisenlösung zu finden, kläglich gescheitert. Die Verwandlung von Umweltverschmutzung in Form von Treibhausgasen in eine handelbare Ware über den Emissionshandel hat lediglich zahlreiche Finanzspekulanten bereichert und die Lebenshaltungskosten für die arbeitenden Menschen in die Höhe getrieben, jedoch nichts zur notwendigen Senkung der Emissionen beigetragen. Jüngste Studien haben ergeben, dass die marginale Verringerung der Luftverschmutzung mit Kohlenstoff in Europa und anderen hoch entwickelten Volkswirtschaften weitgehend auf der Verlagerung der Industriebetriebe und anderer Produktionsstätten nach China und anderen Niedriglohnländern beruht.

Der Klimawandel ist ein weiterer zerstörerischer Ausdruck des fundamentalen Widerspruchs zwischen dem System der Nationalstaaten, auf dem der Kapitalismus beruht, und der global integrierten Weltwirtschaft. Die ökologische Krise erfordert eine internationale Lösung, doch aufgrund der Rivalitäten zwischen den Großmächten mit der sich rasch auflösenden globalen Hegemonie der USA und dem Aufstieg Chinas und anderer aufstrebender Staaten kann kein rationaler Plan entwickelt werden.

Gleichzeitig besteht durch das Privateigentum an den Produktionsmitteln ein unüberwindliches Hindernis für die rationelle Nutzung der verfügbaren Technologien, um der globalen Erwärmung zu begegnen. Die großen transnationalen Ölkonzerne und andere umweltverschmutzende Unternehmen sabotieren aktiv die Umsetzung jeglicher umweltfreundlicher Maßnahmen, weil sie diese als Bedrohung für ihre Gewinne betrachten.

Das Problem ist nicht ein Mangel an verfügbaren Ressourcen. Die Internationale Energieagentur schätzt, dass zusätzliche Forschung und Entwicklungsausgaben im Energiebereich von jährlich zehn bis hundert Milliarden US-Dollar die globalen Emissionen bis 2050 halbieren würden. Die höhere Zahl, hundert Milliarden US-Dollar, ist geringer als die Summe, die für den Afghanistan-Einsatz des amerikanischen Militärs allen in diesem Jahr ausgegeben wird. Die Summe ist zudem geringer als ein Drittel des addierten Reichtums der reichsten zehn Personen in den USA.

Die einzige realistische Perspektive, wie die Klimakrise bewältigt werden kann, basiert auf einem internationalistischen und sozialistischen Programm. Innerhalb einer demokratisch geplanten Weltwirtschaft, die auf die Befriedigung sozialer Not statt Gewinnmaximierung und der Anhäufung von privatem Reichtum ausgerichtet ist, können die wissenschaftlichen und technologischen Ressourcen der Welt in vernünftiger Weise nutzbar gemacht werden. Um die Kohlenstoff-Emissionen ausreichend zu senken, ist eine durchgreifende Umstrukturierung der Energieerzeugung, der industriellen und landwirtschaftlichen Produktion und des städtischen und internationalen Transportwesens erforderlich, die gleichzeitig eine erhebliche Steigerung des Lebensstandards der Weltbevölkerung sichern. Der erste notwendige Schritt dazu besteht darin, dass die internationale Arbeiterklasse im Kampf gegen das Profitsystem ihre eigene, revolutionäre Führung aufbaut.