Stalins Terror und ein großes Fragezeichen

Von Bernd Reinhardt
2. Juni 2011

Der Film Mitten im Sturm der niederländischen Regisseurin Marleen Gorris entstand nach den autobiografischen Aufzeichnungen Jewgenija Ginsburgs. Die junge sowjetische Dozentin der Universität Kasan geriet nach der Ermordung Kirows 1934 in jenen Strudel, der in dem blutigen Terror 1936 - 1937 seinen Höhepunkt fand – Terror gegen ein ganzes Volk.

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Der erste Teil des Films schildert, wie nach Kirows Tod die Verdächtigungen, Denunziationen, Verhaftungen in Jewgenijas Umfeld beginnen. Eine allgemeine Verunsicherung und gegenseitiges Misstrauen greifen um sich. Angesehene Intellektuelle, Parteifunktionäre werden zu Verbrechern und Volksfeinden erklärt. Der Geschichtsprofessor Elwow, der wie sie für die Regionalzeitung „Rotes Tartarien“ schreibt, wird unter dem Vorwand, in einem historischen Artikel Trotzkis Theorie der permanenten Revolution nicht im Sinne Stalins interpretiert zu haben, verhaftet.

Ihr wird mangelnde „politische Wachsamkeit“ gegenüber Elwow vorgeworfen. Als sie sich im Gegensatz zu ihren Kollegen gegen die absurden Beschuldigungen wehrt, wird sie angeklagt, Mitglied einer trotzkistischen, terroristischen Gruppe zu sein, die beabsichtige, den Kapitalismus in der UdSSR wieder einzuführen. Aus der Partei ausgeschlossen, verurteilt sie ein Gericht zu zehn Jahren Zwangsarbeit. Auch ihr Mann, ein hoher Parteifunktionär, wird verhaftet.

Der zweite, längere Teil schildert das schwere Leben im sibirischen Lager. Holzfällen bei über 40 Grad Frost, die Verrohung von Menschen, die Allgegenwart von Krankheit und Tod, die Ungewissheit über das Schicksal ihrer Kinder. Ginsburg bricht zusammen, als sie erfährt, dass einer ihrer Söhne im von der Deutschen Wehrmacht belagerten Leningrad verhungert ist. Ein Arzt rettet sie, der Wolgadeutsche Anton, der es wie sie schafft, im Lager Mensch zu bleiben und ihre Leidenschaft für Literatur teilt. Als herauskommt, dass die beiden ein Paar sind, wird Anton in ein anderes Lager verlegt. Beide überleben und man ahnt, dass die beiden zusammenbleiben werden.

Es gibt in dem Film emotional aufwühlende Szenen und Bilder, besonders im ersten Teil, in dem die brutale Maschinerie in Gang gesetzt wird. Insgesamt ist er aber enttäuschend. Er gleicht jenen Denkmälern, die an eine schreckliche Zeit erinnern, aber zu allgemein und unverfänglich sind.

Der Eindruck der Szenen im Lager ist der, alles schon einmal in anderen Filmen gesehen zu haben, bis zu der Frau, die verzweifelt in den Stacheldrahtzaun des Lagers läuft. Es gibt unter den Häftlingen Solidarität und Niedrigkeit. Die Kriminellen in der Baracke prügeln sich ständig um irgendwelche Kleidungsstücke. Schließlich setzen schwer erträgliche Streicherklänge und Chorgesang ein, die man aus Filmen über den Holocaust kennt. Es fehlt das speziell Sowjetische. Die sowjetischen Menschen, die Ginsburg in ihren Büchern beschreibt, existieren im Film nicht.

Ginsburg war 1932 der Partei beigetreten, als überzeugte Kommunistin, wie sie erklärt, und hatte sich bis 1934 stets an die „Generallinie“ der Partei gehalten. Sie hatte weder die brutale Zwangskollektivierung angezweifelt, die eine enorme Hungersnot nach sich zog, noch den Kampf gegen „Saboteure“ und Trotzkisten. Aufgrund der Position ihres Mannes lebte sie in privilegierten Verhältnissen.

Im Gefängnis verändert sich ihre Einstellung zur Politik Stalins. In Ginsburgs Aufzeichnungen nehmen die Diskussionen zwischen den Häftlingen einen ziemlichen Raum ein.

Es gibt „orthodoxe Stalinisten“, die das, was ihnen selbst passiert, theoretisch rechtfertigen mit Stalins bekannter These von der Verschärfung des Klassenkampf je weiter der Aufbau des Sozialismus voranschreitet. Eine Genossin klagt ganz im Sinne der offiziellen Parteilinie über den Verrat überall im Land. Ginsburg entgegnet: „Wenn alle den einen verraten haben sollen, ist es nicht einfacher anzunehmen, er (Stalin) hat alle verraten?“

„Sprich unverhohlen von deinen Bruch mit Stalin“, rät ein Zellennachbar, mit dem sie per Klopfzeichen korrespondiert, „und nenne möglichst viele Gleichgesinnte. Man kann nicht die ganze Partei verhaften. Sobald einige Tausende solcher Protokolle zusammengekommen sind, wird man einen außerordentlichen Parteitag einberufen. Und dann ist der Anlass für ‚seine‘ Absetzung gegeben. Glaube mir, er ist im Zentralkomitee nicht weniger verhasst als in unseren Zellen. (...) es ist der einzige Weg, die Partei zu retten.“

Dem mag sie sich dann doch nicht anschließen. Für ausgeschlossen hält sie, „dass er zielbewusst die führende Schicht der Partei ausmerzen will. Auf wen wird er sich dann stützen?“

Das Kapitel „Die Kommunistische Internationale“ beschreibt das Schicksal ausländischer Häftlinge aus Polen, China, Frankreich, Lettland, die meisten KP Mitglieder, wie Greta Kästner von der KPD, denen man Spionage vorwirft. Auch die bekannte deutsche Schauspielerin Carola Neher, die aus dem faschistischen Deutschland floh, ist nun wie Ginsburg wegen konterrevolutionärer trotzkistischer Tätigkeit angeklagt.

Später wird eine andere „Spionin“, eine junge italienische Kommunistin gefoltert. Ihre verzweifelten Rufe „Comunista italia“ hallen durch die Gefängnisgänge. Ginsberg schreibt, wie sie sich vor diesen Komintern-Genossinnen schämte, sich mitverantwortlich fühlte, dass diese in „unseren“ Gefängnissen saßen.

Auch im Häftlingstransport nach Sibirien gibt es Diskussionen. Jüngere Genossen glauben an ein Missverständnis, Stalin hätte mit den Verhaftungen nichts zu tun. Schuld seien Leute wie der Geheimdienstchef Jeschow. Nach dessen Fall 1939 hoffen sie auf den Nachfolger Berija. Und es gibt jene erfahrene Revolutionärin, Parteimitglied schon lange vor der Revolution, die darüber spöttisch lächelt. Spätestens 1905 sei den Menschen klar geworden, dass für die damaligen Verbrechen des Zaren auch nicht seine Minister verantwortlich waren.

Obwohl Ginsburg für den Terror rings umher keine politische Erklärung findet, bemüht sie sich doch, als Chronistin alles festzuhalten, was sie sieht und hört. Sie schildert viele Einzelschicksale, skizziert mit wenigen Worten Lebensläufe, hebt sie aus der Anonymität, indem sie viele Namen nennt, Berufe, Parteifunktionen. Immer wieder kommt sie auf die Prozesse gegen führende Parteimitglieder zu sprechen. Ginsburgs persönliche Geschichte ist untrennbarer Bestandteil einer beispiellosen Umwälzung in der sowjetischen Gesellschaft. Die Millionen Menschen quälende Frage nach dem Warum des staatlichen Terrors durchzieht ihre Autobiografie.

Für den Film hat diese Frage keine Relevanz. Marleen Gorris vermittelt Zeitlosigkeit, erzählt die persönliche Geschichte einer starken Frau. Das wirkliche Leben, die gesellschaftliche Atmosphäre, die damaligen Leidenschaften sind für den Film von wenig Interesse. Dementsprechend klischeehaft sind manche Figuren, wie die der stalinistischen Fanatikerin und Denunziantin oder die der naiven jungen Frau, die Stalin wie einen Gott anbetet. Wir begegnen dem christlich verklärten Blicke einer Bäuerin auf dem Bahnhof, die den Häftlingen ein paar Beeren in den Eisenbahnwaggon reicht. Diese Eindimensionalität trägt nichts zum Verständnis der damaligen Zeit und ihrer Menschen bei.

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Die Literatur spielt in Ginsburgs Aufzeichnungen eine besondere Rolle. Die Häftlinge dürsten nach Kontakt zur Außenwelt, nach Menschen, nach Kultur. Sie lesen, wo sie nur können: Block, Pasternak Nekrassow, Ossip Mandelstam, Puschkin u.a. Der Leser fühlt, was es für die isolierten Frauen bedeutet, die nur täglich die gleichen Aufseher mit den täglichen sechs Standartwörtern kennen, wenn „Blok sie besucht“. Solange der Lebensspeicher Kunst für sie erreichbar ist, nehmen sie am Leben teil.

Im Film wird das ständige Rezitieren mit der Zeit langweilig. Offenbar wurde die Frage der Literatur aufgegriffen, um die geistigen Leerstellen des Films zu füllen. Sentimental wird es, wenn die Literatur hier zum Kontakt mit sich selbst führt, zum eigenen Körper, der eigenen Weltverlorenheit etc. Ginsburg und Anton erscheinen mitunter wie abgehobene Gestalten von einem anderen Stern.

Es gibt noch einen wesentlichen Unterschied zwischen Buch und Film. Durch Ginsburgs Aufzeichnungen aus der Verbannung zieht sich die Hoffnung auf eine bessere sowjetische Zeit. Sie selbst erliegt nach Stalins Tod der Illusion vieler damaliger Intellektueller, dass mit Chrustschows Stalin-Kritik das Ende des Stalinismus eingeläutet sei.

Mitten im Sturm entstand im heutigen Klima des offenen Antikommunismus, zu dem der Stalinismus viel beitrug. Hatten seine Verfechter einst dem „Kommunismus“ gedient, verfassten sie nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion Bücher über die „Verbrechen des Kommunismus.“ Aus dem Film spricht eine gewisse ungläubige Verständnislosigkeit gegenüber Menschen, die trotz des Großen Terrors am Sozialismus festhielten.

Obwohl der Film Jahrzehnte nach Ginsburgs Autobiografie entstand, erscheint der mehrfach erwähnte Leo Trotzki ebenfalls als der große, dunkle Unbekannte. Die willkürlich getroffenen Anklagen wegen Terrorismus, Spionage und „konterrevolutionärer trotzkistischer Tätigkeit“ sind zwar ganz offensichtlich absurd. Aber das entlastet nicht automatisch Trotzki. an dem für den Zuschauer zumindest etwas Dunkles haften bleibt.

Den russischen Historiker Wadim Rogowim, im Jahr des großen Terrors 1937 geboren, hat die Frage nach dem Warum, die damals Millionen Menschen in den Lagern quälte, die bereit waren, das Letzte für die Sowjetunion zu geben, nie losgelassen. In seinem Buch 1937 - Jahr des Terrors kommt er zu folgender Einschätzung:

In den dreißiger Jahren „waren die Traditionen und Ideale der Oktoberrevolution noch lebendig. Diese unausgelöschten Traditionen bedrohten die Existenz der Bürokratie, die Angst hatte vor den Massen, die ihre wahre Stärke und Tatkraft in den Jahren der Revolution und des Bürgerkrieges gezeigt hatten. (...) Die falschen Beschuldigungen gegen die Opposition, die ihre Kulmination in den Sensationsprozessen erreichte, dienten als Mittel zur Niederhaltung des im Volk angestauten sozialen Protests gegen die wachsende Ungleichheit und politische Rechtlosigkeit der Massen.“

Das Bjulleten´ oppozicii vermerkt 1937, die Repressionen sollten „gerade verhindern, dass die Massen das wahre Programm des 'Trotzkismus' erfahren, das vor allem eine größere Gleichheit und mehr Freiheiten für die Massen fordert."

Nicht wenige, die in den zwanziger Jahren gegen Trotzki aufgetreten waren, so beschreibt es Rogowin in seinem Buch Vor dem großen Terror - Stalins Neo-NÖP, suchten neuen Anschluss. In der jungen Generation wurde Trotzki zunehmend populär. Diese entstehende Opposition wollte nicht den Kapitalismus einführen, wie man ihr vorwarf, sondern die alten revolutionären Grundlagen der Sowjetunion wiederherstellen.

„Um diese in der Geschichte einmalige Kraft zu überwinden, brauchte man einen in Ausmaß und Grausamkeit genauso einmaligen Staatsterror“, fährt Rogowin in 1937 - Jahr des Terrors fort. „Dieser Terror wurde möglich und zeigte Wirkung, weil er äußerlich nicht in seiner wahren konterrevolutionären Gestalt auftrat, sondern als soziale Mimikry, unter der Maske, er wolle die Errungenschaften der Oktoberrevolution verteidigen“

Der Abspann des Films erinnert daran, dass von 18 Millionen inhaftierten Menschen fünf Millionen umkamen. Keine sowjetische oder nachsowjetische Regierung, stellt die Tochter Jewgenija Ginsburgs in einem Interview fest, hätte sich "jemals bei der Generation entschuldigt, die damals zerstört wurde."