The Tree of Life von Terrence Malick: Eine Welt der Verwirrung

Von David Walsh
29. Juni 2011

“Wenn ich eine Schuhbürste unter die Einheit ‚Säugetier' zusammenfasse, so bekommt sie damit noch lange keine Milchdrüsen.“ – F. Engels

The Tree of Life (dt. „Der Baum des Lebens“), der neue Spielfilm des US-amerikanischen Independent-Regisseurs Terrence Malick ist ein in hohem Maße konfuses und implizit misanthropisches Werk, enthält aber zugleich zahlreiche ausgezeichnete Bilder. Unglücklicherweise entschädigen letztere nicht für die Unmasse an Verwirrung und die daraus resultierende Verzerrung des zentralen menschlichen Dramas.

The Tree of Life The Tree of Life

Der wortkarge und an Anspielungen reiche Film, dessen Bilder einander in einer traumähnlichen Weise folgen, versucht nichts weniger als die Schilderung des Ursprungs des Universums und der Evolution des Lebens auf der Erde, sowie des Ursprungs und der Evolution eines Partikels der Menschheit, nämlich einer Mittelklassefamilie aus Waco, Texas (dem Geburtsort des Regisseurs im Jahr 1943), die in den 1950er und 60er Jahren verschiedene Grade an Glück und Unzufriedenheit durchlebt.

Malick ist eine ernstzunehmende Persönlichkeit (auch wenn ich kein Bewunderer seiner in den 1970er Jahren gedrehten Filme Badlands [dt. Badlands – Zerschossene Träume, 1973] und Days of Heaven [dt. In der Glut des Südens, 1978] bin). Teile seines Zweite-Weltkriegs-Dramas The Thin Red Line (dt. Der schmale Grat, 1998) stehen meiner Meinung nach in ihrer Kraft keinem Werk des US-amerikanischen Kinos aus den beiden letzten Jahrzehnten nach. In der gegenwärtigen Situation, wo so vieles aus der Hollywood-Produktion trivial oder schlechter ist, zieht das Erscheinen eines dezidiert ambitionierten Films unweigerlich Aufmerksamkeit auf sich. Allerdings, selbst wenn man beide Augen zudrückt und dem Filmemacher zugutehält, dass er eine Reihe wirklich vorzüglicher Momente bietet, muss man jedoch feststellen, dass dem Film The Tree of Life merklich etwas „abgeht“, verbunden mit einer Art intellektueller Spiegelfechterei, die als solche einige Probleme des intellektuellen Lebens der vergangen Jahrzehnte reflektiert.

Verständlicherweise begrüßt jener Teil des Publikums, der mit der üblichen Kost nicht zufrieden ist, jedes herausfordernde Werk mit großem Interesse. Doch es ist entscheidend, kritisch zu prüfen, was Malick serviert. Nicht jeder schwierige oder halbverworrene Film ist ein Beitrag zur Kunst oder Gesellschaft. Nicht Malicks Aufrichtigkeit und die Hingabe an seine ästhetische Arbeit stehen zur Debatte, sondern ob The Tree of Life erhellendes Licht auf Leben und Welt wirft.

In einer Art Prolog zu The Tree of Life werden uns ein Mann und eine Frau Grace vorgestellt, die O’Briens aus Waco, jeweils verknüpft mit einer aggressiven Off-Stimme (welche „sich selbst gefällt“). Grace ist von anmutiger Qualität (barmherzig und mitfühlend und nimmt „Verletzungen und Ungerechtigkeiten“ hin). Sie werden durch ein Telegramm über den Tod ihres mittleren Sohnes (im Alter von 19 Jahren, wie wir später erfahren) informiert, wobei die Gründe ungenannt bleiben. Die beiden sind untröstlich. Während der Vater (Brad Pitt) sich besonders reuevoll zeigt, verlangt seine Frau (Jessica Chastain) eine Erklärung von Gott („Antworte mir“).

Im Houston von Heute denkt Jack (Sean Penn), ein überlebender Sohn und erfolgreicher, wenn auch verbissener, Architekt, über die Vergangenheit nach und fragt sich wie und warum sein jüngerer Bruder „hinweg gerafft wurde.“ (Natürlich würde das Publikum eher einen Schlüssel hierzu besitzen, wenn ihm ein Hinweis auf die Todesursache des Bruders geliefert würde, doch der Regisseur hat offensichtlich ein größeres „Wie und Warum“ im Sinn.)

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Darauf liefert uns Malick seine Vision von der Geburt des Universums, voller gewaltiger Explosionen, wirbelnden Gaswolken, Nebeln, geschmolzenen Planeten und Vielem mehr. Schließlich erscheint das Leben auf der Erde in seinen primitivsten Formen, dann sehen wir fischähnliche Kreaturen, gefolgt von einer Sequenz mit Dinosauriern (auch einen uneigennützigen darunter). Irgendwo hierzwischen sehen wir eine besonders bedrohlich wirkende Aufnahme einer gefährlichen Gruppe von Hammerhaien.

Dieser Abschnitt scheint dem Vorspann-Zitat des Films zu folgen, welcher dem Buch Hiob aus dem Alten Testament entnommen wurde, wo Gott auf Hiobs Klagen über sein grundloses und unberechtigtes Leid mit der rhetorischen Frage antwortete: „Wo warst du, da ich die Erde gründete?“ Diese „Gründung“ geschah in einer gigantischen Katastrophe, von der Malick suggeriert, sie hätte etwas zu tun mit dem Zustand des menschlichen Daseins, das möglicherweise auch ein Element plötzlichen und unerwarteten Leidens und Sterbens enthält. Diese Besonderheiten scheinen, gemäß der Logik des Films, in der DNA des Lebens kodiert zu sein.

Was an Malicks Darstellung des physikalischen Ursprungs des Universums im Besonderen stört, obwohl elegant komponiert und gedreht (hauptsächlich unter Nutzung organischen Materials), ist der darin vorherrschende Sinn für Vorahnungen, der durch die musikalische Untermalung noch betont wird. Die verheerenden Zusammenstöße, zerstörenden Ausbrüche und die unaufhörliche Bewegung sind furchteinflößend und sollen offenbar Einschüchterung bezwecken, als ob wir daran erinnert werden sollten, dass die Erde (und letztlich das Leben) in ungeheurer Gewalt entstand und wir daher über die schrecklichen Dinge, die noch kommen werden, nicht überrascht sein dürfen – als ob das Leben auf diesem Planeten, angesichts der Konvulsion seiner Herkunft, in der Tat von Anfang an hoffnungslos und verhängnisvoll fehlerhaft sei.

Eine flimmernde, ewige Flamme (Schöpfer, Geist, oder ...?) ist auch vorhanden, mit welcher Dialog gehalten wird. Gnade und Güte gibt es ebenfalls. Wie das? Wo kommen sie her? Wie es scheint, von irgendwoher außerhalb der ursprünglichen, natürlich-physikalischen Entwicklung, obwohl die Natur der Erde auch ihre ruhige und harmonische Seite (Bäume, Flüsse, Felder, Wolken) hat. Das organische Sein scheint dieses Element zu besitzen, vor allem im Gegensatz zu Himmelskörpern, Felsen und metallischen Wolkenkratzern. Vielleicht ist seine Quelle unerklärlich. Wir wissen es nicht. Aber die Hoffnung, dass menschlicher Edelmut und Liebenswürdigkeit die Oberhand gewinnen würden, erschiene demnach als eine fragwürdige These. Letzten Endes ist es eine flackernde Flamme in dunklem Raum.

Dann beginnt die Geschichte der O’Brien-Familie in Waco. Umwerbung, Heirat, die Geburt des ersten Sohnes (ebenfalls ein schmerzhafter Prozess), gefolgt von den beiden anderen [Videoclip]

Herr O’Brien, der beim Militär war, hat etwas von einem Zuchtmeister. Er besteht darauf, mit „Sir“ angesprochen zu werden; er bestraft den jungen Jack (Hunter McCracken) dafür, dass er die Tür zuschlagen ließ. Er belehrt den Jungen über die Härte und das Konkurrenzdenken der Welt und erzählt ihm dass die Reichen vorwärtskommen durch “Kampfeswillen“ und „Gaunerei.“ Der Vater sagt seinem Sohn: „Wenn du erfolgreich sein willst, darfst du nicht zu gut sein.“ Er zeichnet eine unsichtbare Linie in den Hintergrund um das Grundstück der O’Briens von dem der Nachbarn abzugrenzen. [Videoclip]

Frau O’Brien, eine strenggläubige Christin, verkörpert menschliche Fürsorge und Mitgefühl, sowohl ihren Kindern gegenüber als auch anderen. Sie bietet einem Sträfling, dem sie auf der Hauptstraße der Kleinstadt begegnet, ein Glas Wasser an. Sie spielt mit ihren Söhnen im Haus und auf dem sonnigen Rasen und der Straße. Sie tanzt und sie schwimmt sogar mitten in der Luft. Die Mutter spricht wenig, Ausnahmen sind geflüsterte Botschaften an Gott und eine Schelte an Jack wegen seiner Grausamkeit gegenüber einem kleinen Tier („Mache es niemals wieder“).

Ihr Ehemann steckt in tiefen Widersprüchen. „Ich träumte davon, ein großer Musiker zu werden.“ Stattdessen arbeitet er als Techniker oder Abteilungsleiter in einer Fabrik oder Raffinerie, die unbestimmt bleibt. Er besitzt zahlreiche Patente, doch seine Bemühungen, sich irgendwie geschäftlich zu verselbständigen, scheitern. Er verliert seine Anstellung oder muss in einen anderen Ort wechseln. [Videoclip]

Der bei weitem stärkste Abschnitt in The Tree of Life behandelt Jacks wachsende Lebenserkenntnis, seinen Aufbruch aus der Kindheit. Hierfür funktioniert der elliptische, bildhafte Stil ganz ausgezeichnet. Malick drückt präzise die Neuheit bestimmter Erfahrungen aus, solcher Momente, in denen der Junge sich zum ersten Mal der Differenz (und in manchen Fällen des Leids) bewusst wird: die ausgezehrten Gefangenen, ein verkrüppelter Mann, der die Straße überquert, eine Gruppe Schwarzer bei einem Grill-Treffen, der Tod eines kleinen Jungen durch Ertrinken in einem örtlichen Schwimmbad.

Eine kurze Sequenz in einem Klassenraum beweist großes Einfühlungsvermögen. Jack bemerkt ein Mädchen. Es ergeben sich hieraus keine Folgen, aber der Filmmacher modelliert die Bilder in einer subtilen Weise, die die Antwort zu suggerieren scheint, warum der Junge plötzlich das Mädchen in seinen Blick nimmt. In Wirklichkeit entfaltet sich vor unserem Auge ein gänzlich bio-psychischer Prozess. In der schönsten und herzzerreißendsten Szene des Films sehen wir dasselbe Mädchen in mittlerer Entfernung, auf einer ansonsten menschenleeren Straße in der Abenddämmerung. Jack kommt dann in einiger Entfernung zu ihr ins Bild. Wir sehen das Mädchen niemals wieder.

Jack wird auch einer attraktiven Nachbarin gewahr. Er betritt ihr Haus während ihrer Abwesenheit, stöbert in ihrer Garderobe und stiehlt einen ihrer Slips. In Panik geraten, versucht er später die Unterwäsche zu verstecken und wirft sie dann in einen Bach, der sie davonträgt.

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In einer anderen lebhaften und vorübereilenden Szene, der es gelingt Sommer und Kindheit wahrheitsgetreu einzufangen, nimmt die Kamera (vom bemerkenswerten Kameramann Emmanuel Lubezki geführt) einen ganzen Spielplatz in die Einstellung, auf dem vergnügt jauchzende Kinder in verschiedenen Richtungen umherlaufen. Und es gibt den zauberhaften Moment, in dem die O’Brien-Jungen hören, dass ihr Vater verreist ist und sie (und ihre Mutter schließlich auch) daraufhin über die einbrechende temporäre Freiheit in ein Freudenfest ausbrechen. [Videoclip]

Die wirklich lebensechten und wahrheitsgetreuen Teile von The Tree of Life sind jedoch zu selten und bleiben zu sehr auf halber Strecke liegen. Überdies ist der Film als Ganzes mit einem Mantel aus Unbehagen und Pessimismus überzogen, der sich niemals wirklich auflöst, sodass selbst die Momente der Freude entweder verstohlen oder erzwungen wirken. Die Abscheu, die Malick gegenüber dem zeitgenössischen Housten (für dessen Kälte und Sterilität Jack als Architekt vermutlich einige Verantwortung trägt), und implizit gegenüber dem modernen amerikanischen Leben, ist fühlbar; die idyllischste Szene findet sich im Jenseits. Die Grundrichtung des Films sollte klar sein.

Die Figuren und Szenen tragen im Allgemeinen zu schwer an ihrer metaphysischen Last und verlieren dadurch viel von der Befähigung spontanes Handeln zu zeigen. Falls es Malicks Absicht gewesen war, seinen Filmbildern und der Erzählung eine frei fließende, einem Fluss ähnliche Qualität zu verleihen, so ist er meines Erachtens schwer gescheitert. All zu oft stellt sich die Wahrnehmung eines Künstlers ein, der angestrengt Ereignisse und Personen in irgendetwas einfügen will…

Dieses Irgendetwas genau zu bestimmen, ist eine stärker herausfordernde Aufgabe und möglicherweise nicht gänzlich lösbar. Malick meidet es, seine Filme zu kommentieren oder seinem Werk scheinbar rationale Erklärungen im Allgemeinen zu geben. Ein Bewunderer beobachtet, dass die Absicht des Regisseurs eine „reinere Art des Filmemachens“ ist, nicht gebunden an das „Gebiet der Geschichte,“ in welcher er „Gefühle einfangen und Stimmungen wachrufen“ kann.

Reinerer Künstler oder nicht, wie alle Sterblichen, so hat auch Malick eine Lebensgeschichte, eine Stellung in der Gesellschaft und eine Weltanschauung. Der spätere Filmregisseur studierte Philosophie in Harvard und ging als Rhodes-Stipendiat nach Oxford, wo er offenbar in einen Konflikt über seine Doktorarbeit zu Aspekten des Werks von Kierkegaard, Heidegger und Wittgenstein geriet und die Universität ohne Doktortitel verließ. „Er reiste dann Mitte der 1960er Jahre nach Deutschland um sich mit [Martin] Heidegger zu treffen und fertigte dann eine wissenschaftliche Übersetzung von Heideggers Vom Wesen des Grundes (engl. The Essence of Reasons) im Jahr 1969 an. Im selben Jahr schloss Malick mit der Philosophie ab, um Filmregisseur zu werden“ (“A Heideggerian Cinema? On Terrence Malick’s The Thin Red Line,”von Robert Sinnerbrink, Macquarie University [dt. Ein Heidegger’sches Kino? Über The Thin Red Line von Terrence Malick,” Robert Sinnerbrink, Macquarie-Universität]).

Ob Malick sein Interesse an Heidegger beibehielt, ist unmöglich zu sagen und Behauptungen eines „Heidegger’schen Kinos“ scheinen gänzlich substanzlos. In jedem Fall ist Malick Künstler und nicht Philosoph. Undeutliche Einflüsse lassen sich indessen ausfindig machen. Malick scheint nicht des deutschen Denkers und NSDAP-Mitglieds (seit Mai 1933) „Liebesaffäre mit Unvernunft und Tod“ zu teilen, auch nicht den Gedanken, dass „der Mensch, in die Welt geworfen, verloren und verängstigt ist“ und „dem Nichts und dem Tod entgegenzutreten lernen muss.“ Doch es gibt Hinweise auf das Letztgenannte in seiner Behandlung des anscheinend erschreckenden Ursprungs des Universums. Und ist da nicht vielleicht ein Widerhall des Misstrauens gegenüber Vernunft und Intellekt als „hoffnungslos unzuverlässige Führer zum Geheimnis des Seins“? (Peter Gay, Weimar Culture).

Gibt es darüber hinaus nicht Spuren zu Heideggers „Isolation“, seinem „freiwilligen Provinzialismus, seinem Hass auf die Stadt“, seiner „verächtlichen Abweisung der modernen städtischen rationalen Zivilisation,“ in Malicks Leben und Werk, und speziell in The Tree of Life?

Der Filmmacher scheint sich zu bemühen, Prozesse in Natur und Evolution in direkte Verbindung zu menschlichen Beziehungen und Verhalten zu setzen und sie als beschädigend darzustellen. Man findet ein Echo von Gaswirbeln, Vulkanausbrüchen, kochenden Planeten in den körperlichen Bewegungen und dem Verhalten der O’Briens und anderer Bewohner von Waco.

Es ist Malick zugute zu halten, dass er offenbar umfassende Studien zum Ursprung des Universums und dem Leben auf der Erde betrieb. Der Produktionstext erklärt, dass Malick und sein Team „mehrere Jahre“ in Gesprächen mit dem Wissenschaftsberater Dr. Andrew H. Knoll, Fisher-Professor für Naturgeschichte in Harvard, standen. Knoll kommentiert treffend: “Terrence hat sich die entsprechende Wissenschaft hart arbeitet, um in der Geschichte des Lebens den weitesten Rahmen für eine innige Familiengeschichte zu erhalten.“

Viele zeitgenössische Naturwissenschaftler (und Künstler) haben die Neigung, biologische und andere naturwissenschaftliche Prinzipien unkritisch auf den Bereich des sozialen Lebens zu übertragen und damit höchst rückschrittliche Aussagen zu treffen über die sogenannte inhärente aggressive Menschennatur, die Unvermeidlichkeit von Krieg, Verbrechen, ethnischer Konflikte, sozialer Ungleichheit und so weiter.

Obwohl das soziale Leben eine biologische Basis hat (die physikalische Existenz lebender Männer und Frauen als Naturwesen), stellt es eine besondere Stufe des Seins dar und besitzt seine eigenen ausgeprägten und komplexen Gesetze. Die Stellung und Anschauung der Individuen in der Gesellschaft ist letztlich nicht festgelegt durch ihre natürlichen Eigenschaften (obzwar sie sich gar nicht als soziale Wesen oder etwas anderes betätigen könnten, wenn sie nicht anfangen zu atmen, essen, sich zu bewegen usw.), sondern durch ihre Zugehörigkeit zu einer bestimmten Klasse und ihrer Beziehung zur Produktion.

Marx bemerkte im Kapital, dass der Mensch, indem er auf die äußere Welt einwirkt und sie verändert, gleichzeitig seine eigene Natur modifiziert und zugleich in ihm "schlummernde Kräfte" entwickelt. In einer früheren Schrift kommentierte er: „Die Bildung der fünf Sinne ist eine Arbeit der ganzen bisherigen Weltgeschichte.“ Die Menschheit findet ihre wahre Natur nur in der Gesellschaft, Bewusstsein ist ein gesellschaftliches Produkt, „und bleibt es solange Menschen existieren.“ (Engels)

In seiner Darstellung des Universums vom Urknall bis zu Waco in den 1950er Jahren lässt Malick dieses kleine Detail unerwähnt, auch den Gang der menschlichen Gesellschaft, die konkreten Fakten der US-amerikanischen Geschichte, die Natur und die Folgen des Zweiten Weltkriegs, die Widersprüche des Nachkriegsbooms, das Kräftespiel des Lebens in Texas, und so fort. Man findet zwar den „weitesten Rahmen“ in der „Geschichte des Lebens,“ aber ein engerer Rahmen wäre erforderlich gewesen, um die Besonderheiten der Gegebenheiten der Mittelklassen im Südwesten der USA zur Zeit der Eisenhower-Ära zu erklären.

Doch die konkreten Fakten historischer Entwicklung, muss man schließen, sind für Malick, dessen Sicht auf die Dinge wesentlich statisch ist, von geringer Bedeutung. Er findet ewige Muster, wohin er auch blickt, Muster, die wohl die Basis von Mythen und Religionen bilden.

Ein Kommentator behauptet, dass „Malick weniger Mythen in die Realität einfügt, als dass er vielmehr mythisches Material aus der Realität herauszieht.“ Irgendwie trifft dies nicht das Wesentliche. Klassische Mythen reflektieren den primitiven Stand der Beziehungen zwischen Menschen und zwischen Menschen und Natur, wobei die letztere wie das „Schicksal“ über der Menschheit schwebt. Wir brauchen keine Mythen, sondern die Wahrheit über die Realität.

Unglücklicherweise fühlt man, dass zahlreiche Mythen im und um The Tree of Life schlummern (der seinen Namen sowohl aus Charles Darwins Ursprung der Arten und dem 1. Buch Mose, der Genesis, wie auch anderen Stellen, ableitet), darunter Adam und Eva, Kain und Abel, Ödipus und wer weiß, welche sonst noch. Der Film fühlt sich an, als sei er mit diesen aufdringlichen Geistern schwer bepackt.

Dies hilft, mit seinem größten dramatischen Problem zu Rande zu kommen. Obwohl Malicks Film länger als zweieinviertel Stunden läuft, wird den fesselndsten Entwicklungen relativ wenig Zeit gelassen; Jacks Beziehungen zu Vater und Mutter, zu seinem jüngeren Bruder und zum anderen Geschlecht. Sonderbarerweise werden die Abschnitte zu diesem zentralen Drama hastig abgespult. Wir werden rastlos gedrängt, ob gewollt oder nicht, das große kosmische Bild zu betrachten.

Man ist versucht zu sagen, wenn Malick einfach die Geburt des Universums und die ewige Flamme aus seinem Film herausgenommen hätte, würde die Geschichte viel konziser und zwingender werden! Doch das ist zu einfach. Die gekünstelte Qualität des Dramas entspringt nicht einfach aus der fehlenden Zeit für seine Entfaltung, sondern aus dem Beharren des Regisseurs, reales Leben einem Paradigma auf die Ewigkeit stopfen zu wollen, ein Paradigma, das falsch und demoralisierend ist.

Nehmen wir beispielsweise Jacks Beziehungen zu seinem Vater. Es gibt überzeugende Momente, sogar überzeugende Konflikte, doch Malick geht zu weit. Pitts Rolle ist nicht die eines brutalen Rohlings, er zeigt sich als energiegeladen und ungeduldig. Als Jack über seinen Vater spricht und sagt: „Du hasst mich…du würdest mich gerne töten,“ bleibt man weitestgehend wenig überzeugt. Die ödipale Beziehung bis zu diesem Extrem geführt, mag eine notwendige Zutat in Malicks Schematismus von der Welt sein, doch macht sie relativ wenig Sinn angesichts dessen, was wir von den O’Briens wahrgenommen haben.

Ebenso steht es mit des Vaters endgültigem Gefühl der Wertlosigkeit. Es wirkt unangemessen und dem Charakter fremd. „Ich wollte geliebt werden, weil ich großartig war…ein großer Mann,“ sagt er zu Jack. „Du bist alles, was ich habe,“ fährt er fort, sich als „Null“ bezeichnend. Dies ist vielleicht in annähernd biblischer Sprache ein tief gesunkener Mann, doch was hat dies zu tun mit einem mittleren Manager oder Ingenieur in Waco etwa im Jahre 1955? (In jedem Falle zeigt die Szene,, in der die Eltern vom Tod des mittleren Sohnes erfahren und die etwa ein Jahrzehnt später spielt, dass die Familie ökonomisch ziemlich gut vorankam.)

Jacks Empfinden für Sünde, für die verlorene Unschuld, anlässlich der stibitzten Damenunterwäsche, wirkt ebenfalls fehl am Platze. Zu viele dieser Momente, sind geleitet von Malicks ideologischen Interessen und nicht von der Logik des Dramas. Sie ragen heraus wie Knochen aus einem missgestalteten Körper.

Und am Ende die Botschaft, dass der „einzige Weg zu leben zu lieben ist,“ dass man seine natürliche Aggression transzendieren kann, und dieser alberne Spaziergang am Strand, zwischen den Lebenden und den Toten…? Das ist ziemlich banal.

Pitt ist ein exzellenter Schauspieler, der stärkste Anwesende im Film. Chastain, ein relativer Neuling in Filmen, ist belastet mit der Aufgabe, etwas Quasi-Heiliges darzustellen und sie kann dem Druck nicht immer gut standhalten. Die Jungen, besonders Laramie Eppler als mittlerer Sohn R. L., sind sehr gut. Die Szenen, in denen die Kinder spielen, neigen am wenigsten zur Überfrachtung. Sean Penn hat wenig anderes zu tun, als ein langes Gesicht zu machen.

The Tree of Life ist ein extremes Beispiel bestimmter kultureller und intellektueller Richtungen: Technologie und Bildherstellung haben sich in den letzten Jahrzehnten immens weiterentwickelt, während Betrachtung und Verständnis des sozialen Lebens und der Geschichte von Seiten der Kunst sehr, sehr weit zurückgeblieben sind. Große Ansprüche wurden an The Tree of Life gestellt. Die Kritiker, meist Schüsse ins Dunkel abgebend, sind jedesmal vom Donner gerührt, wenn ihnen etwas Extremes widerfährt und fragen sich jedes Mal: „Ist dies der große Wurf?“ Einer von ihnen schreibt, in diesem Film sähen wir das Filmemachen der Zukunft. Ich denke, das Gegenteil ist richtig, und dass Malicks Leistung uns eher das Ende von etwas anzeigt.

Das wahrhaft innovative Werk, das wir erwarten, sollte aus der Ernsthaftigkeit, mit der Malick und andere individuelle Bilder einfangen und aus ihrer Fähigkeit schöpfen, verschiedene flüchtige Seelenzustände mittels eindringlicher und vertrauter optischer Mittel darzustellen, aber solches Filmemachen wird es erforderlich machen, diese Elemente in einem weit größeren Bewusstsein sozialer Prozesse und historischer Gesetze zu verbinden, und außerdem erfordert es ein weitergehendes Vertiefen in das Leben, und zwar nicht als Schema, sondern wie es tatsächlich gelebt wird.