Terroranschlag in Mumbai kostet 21 Menschenleben

Von Keith Jones
16. Juli 2011

Mindestens 21 Menschen wurden getötet und mehr als 140 verletzt, als am Mittwoch fast gleichzeitig an drei verschiedenen Stellen in Mumbai Bomben explodierten. Mumbai ist die größte indische Stadt und Finanzzentrum des Landes.

Die Bomben wurden offensichtlich gezündet, um die größtmögliche Zahl an Todesopfern zu erreichen. Sie explodierten mitten im größten Feierabendverkehr, innerhalb von zwölf Minuten an drei besonders belebten Plätzen im Stadtzentrum.

Die erste und tödlichste Explosion erschütterte kurz vor 19 Uhr den Zaveri-Basar, einen Juwelenmarkt. Eine Minute später explodierte die zweite Bombe im Geschäftsdistrikt Opera House, einem Zentrum von Mumbais Diamantenexport. Die dritte Bombe war in einem Taxi in Dadar versteckt, einer Wohngegend im Mumbai-Zentrum, dessen Bahnhof eine wichtige Umsteigestation ist.

Der gestrige koordinierte Angriff rief sofort Erinnerungen wach an die Kommandoaktion gegen zwei Luxushotels, einen Bahnhof und ein jüdisches Gemeindezentrum in Süd-Mumbai Ende November 2008. Der Überfall konnte erst nach sechzigstündigem Chaos niedergeschlagen werden und kostete 166 Menschen das Leben.

Er führte damals zu einer tiefen Krise in den ohnehin schon labilen Beziehungen zwischen Indien und Pakistan. Die Regierung in Neu-Delhi machte Islamabad für den Angriff verantwortlich, weil es Hinweise gab, dass die Angreifer von Pakistan aus nach Mumbai gereist waren und während des Angriffs Telefonkontakte mit Leuten in Pakistan unterhielten. Die pakistanische Regierung wurde von Indien beschuldigt, sie habe die anti-indischen, islamistischen Milizen in Pakistan nicht unterdrückt.

Der indische Innenminister P. Chidambaram und andere Regierungsvertreter drohten mehrfach, wenn es nochmals zu einem Terroranschlag von pakistanischem Boden aus käme, werde Indien in Betracht ziehen, gegen “Terrorlager” in Pakistan grenzüberschreitende Schläge zu führen.

Die gestrigen Bombenanschläge sind offenbar weit weniger professionell vorbereitet und ausgeführt als der Überfall vom November 2008.

Nach den Bombenanschlägen versetzte die indische Regierung Sicherheitskräfte in großen Städten des ganzen Landes in höchste Alarmbereitschaft. Premierminister Manmohan Singh rief gleichzeitig zu Ruhe auf. In der Vergangenheit war Mumbai immer wieder Schauplatz religiöser Gewalt. Der bekannteste Fall ist der Angriff von Aktivisten von Shiv Sena und anderen Hindu-Kommunalisten auf Muslime in Mumbai. Sie fanden in den Wochen nach der Zerstörung der Moschee Babir Masjid in Ayodhya durch rechte Hindus im Dezember 1992 statt.

Innenminister Chidambaram berief für Mittwochabend hohe Beamte für die innere Sicherheit zusammen. An dem Treffen nahm teilweise auch Premierminister Singh teil. Danach flog Chidambaram nach Mumbai, um die Tatorte zu besichtigen.

Wie zu erwarten, versuchen die Hindu-Suprematisten die gestrige Tragödie als Beweis dafür zu nutzen, dass die Zentralregierung der Kongresspartei unfähig sei, Indien vor dem Terrorismus zu schützen. Sie gehören der Bharatiya Janata Party (BJP) an, welche die offizielle Opposition im indischen Parlament darstellt. Ein wichtiger Führer dieser Partei ist Narendra Modidass, Ministerpräsident (BJP) im Bundesstaat Gujarat und Hauptanstifter der anti-muslimischen Pogrome von 2002. Ohne den Schatten eines Beweises sagte Modidass, die gestrigen Bomben könnten die „Generalprobe“ für einen noch viel größeren Anschlag sein.

Die pakistanische Regierung beeilte sich, die jüngste Terrorepisode in Mumbai zu verurteilen. Es war ihr erst vor kurzem gelungen, Indien dazu zu bewegen, den umfassenden Dialog wieder aufzunehmen. Die bilateralen Streitpunkte umfassen territoriale, militärische und andere Fragen, wie beispielsweise das Wassermanagement.

Bisher hat keine Gruppe die Verantwortung für die koordinierten Bombenanschläge vom Mittwoch übernommen. Was immer die Ziele der Täter gewesen sein mögen, die willkürliche Schlächterei an einfachen Menschen kann nur die Reaktion stärken, neue Vorwände für den Ausbau des staatlichen Unterdrückungsapparats liefern und die Beziehungen zwischen Hindus und Moslems in Indien und zwischen den Völkern Indiens und Pakistans vergiften.

In einem Artikel auf ihrer Web Site behauptete die Zeitung Hindu am Mittwochabend: „Quellen im Geheimdienstapparat tendieren zu der Annahme, dass die bei den Explosionen verwandten Sprengkörper das Werk der Indischen Mudschaheddin [einer indischen islamistischen Terrorgruppe] gewesen seien, die eng mit der [pakistanischen] Terrorgruppe Lashkar-e-Toiba zusammenarbeitet.“ Aber in anderen Presseberichten heißt es, es gebe bisher noch keine Hinweise auf die Verursacher der Anschläge, und es könne durchaus sein, dass sie das Werk eines Verbrecherkartells in Mumbai seien.

Die indische Regierung hatte Lashkar-e-Toiba für die terroristische Gräueltat vom November 2008 verantwortlich gemacht. Die islamistische Gruppe hat lange Zeit das Wohlwollen von Teilen des pakistanischen Geheimdienstapparats genossen. Es gab in der Tat Hinweise, die auf eine Beteiligung von Lashkar-e-Toiba an dem Angriff hinwiesen.

Aber die indische Elite ist für die zwischenstaatliche Rivalität nicht weniger verantwortlich als die pakistanische, – eine Rivalität, die tatsächlich die Gefahr eines nuklearen Konflikts in Südasien beinhaltet. Indien und Pakistan haben sich seit der religiös motivierten Teilung Indiens von 1947 in einen reaktionären geopolitischen Konflikt verbissen. In den letzten zehn Jahren strebt Neu-Delhi intensiv eine strategische Allianz mit dem amerikanischen Imperialismus an und streitet sich mit Pakistan darüber, wer der beste Verbündete Washingtons im Afghanistankrieg sei. Indien hat ein Sonderabkommen mit der US-Regierung über zivile Nukleartechnologie abgeschlossen, das es dem Land ermöglicht, sein eigenes nukleares Waffenprogramm zu forcieren.

Darüber hinaus beutet die indische herrschende Klasse den Angriff von 2008 in Mumbai eifrig für ihre eigenen räuberischen Interessen aus.

Die neue Obama-Regierung wollte Pakistan damals überreden, den Afghanistankrieg stärker zu unterstützen, wenn Neu-Delhi Islamabad Zugeständnisse in der Kaschmirfrage machen würde. Die indische Regierung war damals entschlossen, sich diesem Wunsch Obamas entgegenzustellen. In diesem Zusammenhang war der Angriff auf Mumbai für die indische Regierung ein Geschenk des Himmels. Sie erklärte Pakistan zum „Terrorstaat“ und zum „Epizentrum des weltweiten Terrorismus“ und setzte den „umfassenden Friedensdialog“ mit Islamabad aus. Sie informierte Washington im Vertrauen, dass ein Eingreifen der USA in den Kaschmirkonflikt die indisch-amerikanischen Beziehungen gefährden würde.

Es gelang der BJP und den Hindu-Rechten, den Terrorangriff auf Mumbai zu nutzen, um von dem auffällig gewordenen Hindu-Terrornetzwerk abzulenken, das sowohl Verbindungen zur BJP und ihren Schwesterorganisationen, wie auch zum indischen Militär unterhält. Die von der Kongresspartei geführte Vereinte Progressive Allianz (UPA) und Indiens Medien tolerierten diese Machenschaften. Es ist inzwischen bekannt, dass dieses Hindu-Terrornetzwerk für mehrere tödliche Bombenanschläge verantwortlich war, die die Polizei und die Regierung lange Zeit muslimischen Extremisten in die Schuhe geschoben hatten.

Sowohl die pakistanische, wie die indische Regierung stecken gegenwärtig in der Krise. Es könnte durchaus sein, dass die jeweiligen Eliten versuchen, diese Krise in den Griff zu bekommen, indem sie Chauvinismus gegen ihre Erzrivalen anheizen.

Beide Länder haben mit wirtschaftlichen Problemen und sozialen Unruhen zu kämpfen, besonders mit steigenden Lebensmittelpreisen. In Pakistan kommt noch die Krise der strategischen Partnerschaft mit den USA hinzu. Vergangene Woche kündigten die USA an, 800 Millionen Dollar Militärhilfe an Pakistan zurückzuhalten, weil Islamabad nach dem illegalen Überfall auf Osama bin Laden die militärisch-geheimdienstliche Präsenz der USA im Land eingeschränkt hatte.