Winterolympiade 2018:

Ein Spiel um Geld und Macht

Von Werner Albrecht
7. Juli 2011

Die gestrige Entscheidung für die südkoreanische Stadt Pyeongchang als Austragungsort für die Winterolympiade 2018 kam nicht überraschend. Neben der bayerischen Landeshauptstadt München und Annecy in Ostfrankreich galt Pyeongchang seit langem als Favorit.

Das Internationale Olympische Komitee (IOC) traf die Entscheidung auf seinem Kongress in Durban (Südafrika) mit deutlicher Mehrheit schon im ersten Wahlgang. Pyeongchang hatte sich in der Vergangenheit bereits zweimal erfolglos beworben. Dieses Mal hatte es seine Kampagne systematisch auf die Wirtschaftsinteressen der Großmächte in Asien ausgerichtet.

Sein Slogan „Neue Horizonte“ ist ein Hinweis auf die wesentlichen Auswahlkriterien: Es geht um die Erschließung neuer Märkte und um viel Geld für den IOC und für die Sponsoren, die bei ihrer Unterstützung der Spiele alles andere als uneigennützig sind.

In München herrschte gestern Katerstimmung. Das Land Bayern und die Bundespolitik hatten sich sehr angestrengt, um die Spiele nach München zu holen. Bundespräsident Christian Wulff war persönlich nach Durban gereist, um der deutschen Bewerbung Nachdruck zu verleihen.

Starke Wirtschaftsinteressen sind im Spiel. Im Münchner Bewerbungsbuch, auch Bid-Book genannt, spiegelten sich auf 396 Seiten vor allem die Erwartungen der beteiligten Sponsoren und kommerziellen Interessengruppen. Von den Sportlern wird lediglich erwartet, dass sie möglichst viele Medaillen sammeln und der deutschen Delegation zu einem guten Platz in der Nationen-Wertung verhelfen.

Doch in letzter Zeit blieb der Medaillenregen aus. Ausgerechnet bei der letzten Weltmeisterschaft im alpinen Skisport im Februar in Garmisch-Partenkirchen, der Generalprobe für das kommende Großereignis, ließen die hoch gehandelten Stars diese Rechnung nicht aufgehen. Bei dem groß angekündigten Wintermärchen sprangen für Deutschland lediglich zwei Bronzemedaillen und ein bescheidener zehnter Platz heraus.

Zu den mehr als 10.000 Zuschauern zählte auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Sie wünschte mitreißende Wettkampftage unter dem Motto „Festspiele im Schnee“. Merkels Auftritt war Teil einer groß angelegten Werbe- und Medienkampagne.

Die Athleten waren als Werbeträger wie glänzende Litfaßsäulen zurechtgemacht. Die TV-Kameras begleiteten sie während ihrer strapaziösen Abfahrt quer durch alle Markenlogos, die positiv besetzte Werte wie Schnee, Natur und Frische suggerieren sollten.

Zum Beispiel versuchte sich der Energiekonzern Vattenfall, der nicht gerade als umweltfreundlich gilt, mit einer verschneiten Landschaft reinzuwaschen. Vattenfall betreibt Atomkraftwerke und erzeugt Strom aus Braunkohle. Am Start der Skistrecken verkündete das Logo der Firma Audi strategisch den „Vorsprung durch Technik“, und am Ziel wartete bereits die süße Belohnung durch Milka-Schokolade für geleistete Anstrengungen. Auf den Helmen der Fahrer und Fahrerinnen mit Top-Positionen waren auch das Uhrenunternehmen Hublot und der Schuhproduzent Deichmann geradezu inflationär im Blickfeld.

Schon im Vorfeld der alpinen Weltmeisterschaft hatte die Firma Kässbohrer ein WM-Paket geschnürt. Sie erhielt zahlreiche Marketing-Rechte und Flächen und durfte damit werben, „dass während der Alpinen Ski-WM 2011 nur Kässbohrer-Raupen im Einsatz sind“.

Für ein weiteres Highlight in Sachen „Sponsoren-Weltmeisterschaft und -Olympiade“ sorgte ein Konzern in München, der scheinbar so gut wie nichts mit Wintersport zu tun hat. Die Firma Siemens hatte direkt vor ihrer Konzernzentrale eine künstliche Piste aufgebaut, da sie als Ausrüster der WM das Medienzentrum ausstattete. Siemens macht im Skigeschäft mit Antriebs- und Steuerungstechnik für Lifte und Seilbahnen Kasse und erzielt damit etwa hundert Millionen Euro Umsatz. Vorstandschef Peter Löscher sieht darin eine Art patriotische Aufgabe: „Das ist unsere Heimat, so einfach ist das.“

Ein Beispiel für Kosten und Preise bei Großveranstaltungen wie Weltmeisterschaften oder Olympiaden wird aus den Bekanntmachungen der öffentlich-rechtlichen TV-Anstalten ersichtlich: Ein Dreißig-Sekunden Spot in der ARD Vorberichterstattung kostet zwischen 16.800 und 38.850 Euro. Im direkten Live-Umfeld der Wettkämpfe kurz vor 20 Uhr kostet ein Dreißig-Sekunden-Spot 55.000 Euro.

Über die genauen Kosten für Olympia 2018 kann bisher nur spekuliert werden. Die derzeit prognostizierten „operativen Kosten“ liegen bei 2,9 bis 3,5 Milliarden Euro. Obwohl die Kosten der „allgemeinen Infrastruktur“ für die Spiele nach investiven, operativen und organisatorischen Gesichtspunkten sauber getrennt werden müssten, werden sie absichtlich verschleiert.

Auch die Folgekosten gehen meist nicht in die Kostenkalkulation ein, wenn olympische Bauten später völlig unternutzt sind oder wieder geschlossenen werden und ihr Abriss oder Unterhalt Millionen schwere Unkosten verursacht.

Ein Musterbeispiel für verfehlte Kostenkalkulationen sind die olympischen Städte Vancouver (2010) und Sotchi (2014), wo die Baukosten bereits während der Bauarbeiten explodierten. Die Defizite dieser beiden Städte lagen bei Vancouver im Juli 2010 bei etwa 730 Millionen Euro, bei Sotchi lag die Kostenkalkulation der Spiele ursprünglich bei 1,5 Milliarden US-Dollar und wird inzwischen auf dreißig Milliarden Dollar geschätzt.

Nicht alle Einwohner der neben München beteiligten Austragungsorte in der Region wie Garmisch-Partenkirchen waren einhellig von der Bewerbung begeistert. Das Netzwerk „NOlympia“ erzwang ein Bürgerbegehren in Garmisch-Partenkirchen, um die Rechtswirksamkeit sämtlicher von der Gemeinde bereits unterzeichneten Verträge in Bezug auf die Spiele 2018 überprüfen zu lassen. Ziel war, die olympischen Wettbewerbe in Garmisch zu verhindern, was jedoch in der Abstimmung am 8. Mai nicht erreicht wurde.

Vor allem Bauern und Grundstückbesitzer hatten sich gewehrt, weil sie befürchteten, dass ihre Felder und Wiesen durch künstlich angelegte Skipisten verwüstet und unbrauchbar gemacht würden. Die Stadtväter hatten sich schon im Voraus beim IOC beworben und dem Olympiaplan zugestimmt. Die Gegner hatten auch die 111 Millionen Euro Schulden ins Feld geführt, welche die 26.000-Einwohner Stadt schon bisher mit sich herumschleppt.

Auch andere Austragungsstätten sind hoch verschuldet: Berchtesgaden mit 21,2 Millionen Euro und die Stadt Oberammergau ebenfalls mit 29 Millionen Euro (2010). Oberammergau wurde daher aus den olympischen Planungen wegen „massiven Widerstands“ von vornherein herausgenommen.

Der deutsche Hauptbewerber, die Landeshauptstadt München, gehört mit rund 2,5 Milliarden Euro (2010) zu den am höchsten verschuldeten deutschen Großstädten. Der Stadtkämmerer prognostiziert für das Jahr 2013 eine Schuldensumme von 3,2 Milliarden Euro. In der Regel konnten Städte, die Olympische Spiele oder Weltmeisterschaften austrugen, ihre Schulden keineswegs verringern, sondern blieben auf einem riesigen Schuldenberg sitzen, während das IOC oder andere internationale Sportverbände und Unternehmen das große Geld einstrichen.

Das beste Beispiel ist die Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika im letzten Jahr. Der Fußball-Weltverband FIFA verdiente mit der vierwöchigen WM hundert Millionen Euro und erhöhte seine Finanzreserven auf rund 830 Millionen Euro (1,2 Milliarden Dollar). Dagegen erhöhte Südafrika seinen Schuldenstand durch die WM von zwei auf neun Milliarden Euro. In diesem Land lebt fast die Hälfte der Bevölkerung unter der Armutsgrenze.

Fußball-Stadien wie die in Nelspruit, Polokwane und Rustenburg, jeweils für vier Spiele gebaut, stehen heute leer. Tausende von Einwohnern waren für ihren Bau zwangsumgesiedelt worden. Die Stadien kosteten hundert bis 130 Millionen Euro und sind teilweise erst in hundert Jahren abbezahlt. Es gibt dort keine Fußballmannschaften, die das Stadion nutzen könnten. In Kapstadt sprang der Stadionbetreiber ab, so dass nun die Stadt die laufenden Kosten übernehmen muss. Mit Konzerten und Gottesdiensten versucht die Stadt, das Stadion zu füllen.

Verbände wie die FIFA und der IOC sind inzwischen florierende Unternehmen, die wie andere Investoren über Länder oder Regionen herfallen und diese aussaugen.

Die Olympischen Spiele bringen dem IOC Milliarden an Umsatz. Erst kürzlich hat es seinen Sponsoren-Vertrag mit dem Großkonzern General Electric bis 2020 verlängert. GE ist einer von elf Top-Sponsoren des IOC. Im Juni hatte das IOC für über drei Milliarden Euro (4,38 Milliarden Dollar) die TV-Rechte für vier Olympische Spiele bis 2020 an den US-Fernsehsender NBC verkauft.

Durch seine Wirtschaftspartner verzeichnet das IOC für den Zeitraum von 2010 (Olympische Spiele von Vancouver) bis 2012 (London) Sponsorengelder in Höhe von 450 Millionen Euro (650 Mio. Dollar). Die IOC-Einnahmen inklusive der Fernsehgelder sollen für den Zeitraum 2009 bis 2012 erstmals die Sechs-Milliarden-Dollar-Grenze (4,17 Mrd. Euro) übersteigen.

Wo viel Geld im Spiel ist, ist Korruption und Bestechung nicht weit.

Ein Kommentar, der in der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung etwas näher auf den Kongress in Durban einging, beschreibt das folgendermaßen: „Und wie wirkt sich die WM auf die Bewerbung von München für die Winterspiele 2018 aus? (…) Die Mitglieder des Internationalen Olympischen Komitees stimmen oft nach höchst undurchsichtigen Kriterien ab. Nur auf der Piste gewinnt meist der Beste.“

Der Journalist Jens Weinreich, der seit vielen Jahren über das äußerst undurchsichtige Auswahlverfahren für die Olympischen Spiele recherchiert, stellte in seiner Dokumentation „Olympiapoker“ in der ARD kritische Fragen. Er geht davon aus, dass die austragenden Städte und Gemeinden das finanzielle Risiko tragen, Gewinner ist allein das IOC. Im ARD-Text heißt es dazu: „So hat sich das Spiel zwischen den Spielen über die Jahre zu einer glamourösen Luxus-Veranstaltung hochgeschaukelt, in der ein Heer hoch bezahlter Spin-Doktoren und PR-Berater sowie Sportpromis und Spitzenpolitiker mitspielt. Die Olympischen Spiele sind ein Milliardengeschäft, deren Profiteure sich höchst ungern in die Karten schauen lassen.“

Es liegt auf der Hand, dass auch bei der Vergabe von Olympischen Spielen ähnliche Machenschaften laufen, wie sie jüngst beim Welt-Fußballverband FIFA bei der Vergabe der WM 2022 an das Öl-Scheichtum Katar bekannt wurden.

In einem Rückblick in die Geschichte der Münchener Sommerspiele 1972 beschreiben die Historiker Kay Schiller und der Germanist Christopher Young, dass schon damals vor allem afrikanische IOC-Mitglieder umgarnt und beeinflusst wurden, damit sie den deutschen Olympiakandidaten ihre Stimme gaben. Schiller und Young schreiben, die Bundesregierung habe Marokko damals 194 Millionen D-Mark in Aussicht gestellt. Kurz nach dem Angebot habe das marokkanische IOC-Mitglied Mohammed Benjelloun dem damaligen Präsidenten Max Danz erklärt, nicht nur seine Stimme, sondern auch jene der IOC-Mitglieder Tunesiens, des Senegals und auch Ägyptens seien München sicher. Die Bayern gewannen dann auch mit 31 Stimmen die Wahl vor Montreal (15 Stimmen) und Madrid (13 Stimmen).

1998 wurden mehrere IOC-Mitglieder bestochen, um die Olympischen Winterspiele 2002 in Salt Lake City stattfinden zu lassen.

Immer wieder wurden die Olympischen Spiele auch politisch instrumentalisiert. In den Jahren 1916 und dann 1940 und 1944 fielen die Spiele wegen der Weltkriege aus. Im Jahr 1936 nutzten die Nazis sie zu einer gewaltigen Propagandamaschinerie. 1980 boykottierten die USA und viele westliche Länder die Sommerspiele in Moskau wegen des Einmarschs der Sowjetarmee nach Afghanistan. Die Angst vor terroristischen Attacken wie 1972 in München führt dazu, dass allein die Sicherheitsmaßnahmen jedes Mal Millionen verschlingen.

Geht man weiter in die Geschichte der Olympischen Spiele der Neuzeit zurück, so ist festzustellen, dass sie sich sehr weit vom Anspruch ihres Begründers in der Neuzeit, Pierre de Coubertin, entfernt haben. Von dem ursprünglichen Gedanken des sportlichen Fairplay und der Völkerverbindung ist herzlich wenig geblieben. Heute geht es einerseits um nationales Prestige und andererseits um das große Geschäft. Dabei nehmen Korruption, Bestechung und Doping einen immer größeren Raum ein.