Arthur Ransome und die bolschewistische Revolution

Teil 1

Von Dave Hyland
12. Juli 2011

Arthur Ransome ist heutzutage bekannt als Autor der erfolgreichen Kinderabenteuerserie Swallows and Amazons [dt. Der Kampf um die Insel, 1933], die er von 1930 bis in die späten 1940er Jahre schrieb. Doch eine kürzlich erschienene Neuauflage seines Buches Six Weeks in Russia 1919 [dt. Sechs Wochen in Sowjetrussland, 1920] , die The Truth about Russia: Open Letter to the People of America [Die Wahrheit über Russland: Ein Offener Brief an das Volk von Amerika] enthält, erinnert daran, dass Ransome sein wichtigstes literarisches Werk etwa 15 Jahre vorher veröffentlicht hatte: einen gewichtigen Augenzeugenbericht über die Entfaltung der Russischen Revolution, dem größten Ereignis der Weltgeschichte.

Ransome war der einzige Reporter, dem während der turbulenten Zeit unmittelbar vor der Oktoberrevolution 1917 sowie unmittelbar nach ihr, als der Arbeiterstaat vor außerordentlich komplexen praktischen, politischen und militärisch-diplomatischen Aufgaben stand, enger Zugang zur Führungsspitze der Bolschewiki gestattet wurde. Seine Trilogie The Truth about Russia, Six Weeks in Russia und Crisis in Russia [dt. Die Krisis in Russland, 1922] ist von maßgebender historischer, politischer und literarischer Bedeutung.

In den letzten drei Jahren sind zwei Bücher über Ransome erschienen. Das erste unter ihnen, The Last Englishman: The Double Life of Arthur Ransome [Der letzte Engländer: Das Doppelleben des Arthur Ransome], verfasst von Roland Chambers und erschienen bei Faber and Faber im Jahr 2009, fand günstige Aufnahme und wurde später mit dem Preis des Biography Club für die ‚Beste Erste Biographie‘ ausgezeichnet.

Die anerkennenden Besprechungen stellten sicher, dass die Taschenbuchausgabe des Buchs einigermaßen hohe Verkaufszahlen erreichte. Es erfuhr Unterstützung nicht allein von beinahe jedem rechtsstehenden Blatt und Magazin Großbritanniens, sondern es rühmte sich außerdem der Befürwortung einer pensionierten Direktorin des britischen Geheimdienstes. Auf einem Streifen auf der Titelseite prangt der Schriftzug „Faszinierend“, Stella Rimington, The Times.

Das Buch enthält wenige neue biographische Details und fußt weitestgehend auf Hugh Brogans früherer ausführlicher, aber politisch teilnahmsloser Biographie The Life of Arthur Ransome [Arthur Ransomes Leben], 1984 im Verlag Jonathan Cape erschienen. Tatsächlich entstellt Chambers zahlreiche der schon bekannten biographischen Fakten.

Auf Seite acht erklärt er, was für ein Buch er zu schreiben beabsichtigte:

„Ursprünglich war mein eigenes Buch als ein kurzes und farbenfrohes Exposé gedacht, als eine scharfe Korrektur der Blütenweiße, durch die Ransome bislang vor einer ehrlichen Einschätzung verschont wurde.“

Es ist schwer, sich eine opportunistischere Herangehensweise bei der Abfassung einer Biografie vorzustellen. Der Autor hat sich bereits ein Urteil über seinen Gegenstand gebildet und beabsichtigte nun, dessen Charakter auf jede sich bietende Weise zu unterhöhlen, indem er auf die „Blütenweiße“ große Mengen Schlamm spritzt.

Möglicherweise sich bewusst werdend, wie schädlich solch ein Auftakt ist, fügt er die Einschränkung hinzu: „Doch sehr schnell verstand ich, dass sein Leben, wie auch die Epoche, in welcher er lebte, etwas viel Reichhaltigeres bot.“ (The Last Englishman, S. 8)

In Wirklichkeit blieb Chambers bei seiner ursprünglichen Aufgabe, ein „Exposé“ anzufertigen; nur die angestrebte Kürze wich einer ausgedehnteren Übung in Rufmord.

Chambers beschreibt Ransome als eine äußerst charakterschwache Persönlichkeit: ein undankbarer und greinender Sohn, ein nutzloser und untreuer Ehemann, ein distanzierter Vater und ein im Kern illoyaler Charakter. Und als ob dies allein nicht ausreichte, um zu beweisen, dass Ransomes Arbeiten über Russland das Werk eines zynischen, opportunistischen und nicht vertrauenswürdigen Menschen sind, welchem die Fähigkeit zu ehrlicher und objektiver Berichterstattung abgeht, erhält seine intellektuelle Glaubwürdigkeit zusätzlich noch den Gnadenstoß in Form der Unterstellung, er sei ein Doppelagent gewesen.

„Ransomes Biographie, soweit sie von seinem Vater handelt, ist eine Mischung aus berechnender Ergebenheit, Nostalgie und bitterem Vorwurf,“ schreibt Chambers. (ebd., S.18).

Dies ist eine Verunglimpfung Ransomes und eine Missdeutung der komplexen Beziehung, die er zu seinem Vater hatte.

Ransome war ein prototypischer Vertreter der gehobenen Mittelklasse Englands. Er wurde 1884 in der Industriestadt Leeds im Norden Englands geboren, wo sein Vater Professor für Geschichte am Yorkshire College (spätere Universität von Leeds) war. Professor Cyril Ransome war Mitglied der Liberalen Unionisten [1886 als Abspaltung von der Liberal Party gegründet, arbeiteten diese seit 1886 im Unterhaus mit den Konservativen zusammen, mit denen sie 1912 zur Conservative and Unionist Party fusionierten – d. Übers.], ein Imperialer Föderalist1 und Wegbereiter der Arbeiterbildung. Er begründete einen Arbeiterklub, der nach ihm benannt wurde. Sein Sohn verbrachte eine glückliche frühe Kindheit mit langen Sommerferienaufenthalten im Lake District, die zur Inspirationsquelle für seine späteren berühmten Kinderabenteuerbücher wurden.

Es stimmt, dass Ransome in seiner Autobiographie beschreibt, wie er beim Begräbnis seines Vaters „entsetzt war über mich selbst, da sich in meine echte Trauer über den geliebten und bewunderten Vater ein Gefühl der Erleichterung mischte. Es hielt nicht lange an.“ (The Autobiography of Arthur Ransome, Jonathan Cape, 1976, S. 52).

Natürlich muss es Spannungen zwischen Vater und Sohn gegeben haben, wie hin und wieder in allen solchen Beziehungen. In der spätviktorianischen Ära, mit ihrer emotionalen Reserviertheit und ihren gestärkten Kragen, wäre dies doppelt wahr. Sein Vater war ein körperlich aktiver Mann und erwartete dasselbe von seinem ältesten Sohn. Als dieser ihm nicht nachkam, ließ er ihn seine Enttäuschung auch spüren.

Er war ähnlich anspruchsvoll im akademischen Bereich und wollte, dass sein Sohn eine wissenschaftliche Laufbahn einschlägt. Arthur studierte Chemie am Rugby-Internat, der renommierten Privatschule, die der Schriftsteller Thomas Hughe in seinem Klassiker von 1854, Tom Browns Schuljahre, verewigte. Rugby unterrichtete die Söhne der gehobenen Wohlstandsfamilien und bereitete sie auf ihre Verwaltungsaufgaben in Staat und Imperium vor.

Doch Cyril weckte in seinem Sohn auch das Interesse für Literatur. Als dieser erst vier Jahre alt war, gab er ihm eine Ausgabe des Robinson Crusoe zu lesen. Cyril muss erheblich dazu beigetragen haben, Arthurs frühes Leben zu einem persönlichen Idyll der Epoche König Eduards VII.2 zu gestalten. Wir wissen, dass er in seinem späteren Leben oft an seinen Vater zurück dachte: „Er wurde von mir enttäuscht, aber ich stellte mir oft vor, was für Freunde wir hätten werden können, wenn er nicht so jung gestorben wäre“, schrieb Ransome. (ebd. S. 51).

Für Arthur war es im Alter von dreizehn Jahren ein schwerer Schock, als der Vater plötzlich starb. Für den Rest seines Lebens fühlte er ihn missbilligend über seine Schulter blicken. Dies wird für den jungen Mann eine schwere Bürde gewesen sein, die er beim Erwachsenwerden zu tragen hatte. Nostalgie? Ja, doch hier scheint es keine „berechnende Ergebenheit“ oder „Bitterkeit“ zu geben. Nur in Ehren gehaltene Erinnerungen und Gefühle der Liebe gegenüber einem Vater, dem er lange nachtrauerte. Vom jungen Ransome war es mutig und ehrlich, seine momentane Erleichterung über den Tod eines fordernden Elternteils auszudrücken. Und dieses Gefühl, wie er erklärt, hielt nicht an.

Die Tragödie ließ ihn noch enger an seine Mutter heranrücken. Chambers porträtiert Ransome als eine frustrierende Last seiner Mutter. Wie die meisten Mütter wollte sie das Beste für ihren Sohn. Doch sie stimmte nicht immer mit seinem Ziel überein, Schriftsteller zu werden. Trotz dieser und anderer Differenzen, die sich von Zeit zu Zeit einstellten, war ihre Beziehung eng und liebevoll; sie wurde am Leben gehalten durch ihren Briefwechsel, beginnend mit Ransomes Internatszeit in Windermere und Rugby, über London und Russland, dann von jedem Ort in der Welt, wo sich Ransome aufhielt, bis zum Tod der Mutter im Jahr 1944. 400 Briefe wurden in Ransomes Schublade entdeckt, als er 1967 starb. Viele von ihnen fanden Einlass in die Sammlung, die Hugh Brogan für sein Buch Signalling from Mars (Jonathan Cape, 1997) auswählte, welches ausschließlich aus Ransomes Korrespondenz besteht.

Obzwar er recht glücklich wurde mit der Chemie, war es die große Literatur, die die Vorstellungskraft des jungen Mannes wirklich anspornte. Großen Einfluss hatten die Werke von William Morris, doch sein Lieblingsautor war William Hazlitt, ein radikaler Maler, Essayist und Parlamentsjournalist des 18. und beginnenden 19. Jahrhunderts. Als Ransome Jahrzehnte später seine Autobiografie verfasste, schaute er liebevoll zurück in die Zeit, in der er das Werk Hazlitts entdeckte:

„Hazlitts Table Talk hat meine Tasche niemals verlassen, außer wenn ich es las, oder nachts, wenn ich es, gleichsam einem magischen Ritual folgend, an meinem Bett aufbewahrte und, nachdem ich darin gelesen hatte, meine Brille auf ihm ablegte, um darüber zu wachen und in gewisser Weise in ihm weiter zu lesen, während ich schlief.“ (Ransome, 1976, S. 67).

Ransome entschied sich gegen die Zukunft, die andere für ihn geplant hatten, und verließ die Universität ohne Abschluss, um bei einem Verleger als Laufbursche zu beginnen. Schon bald begann er damit, Übersetzungen und eine große Auswahl an Artikeln über Literatur für Zeitschriften anzufertigen. 1909 heiratete er. Obwohl zunächst glücklich, ging es mit dieser Verbindung ziemlich rasch bergab. Ransome war nicht in der Lage, mit den Stimmungsschwankungen und dem extravaganten Benehmen seiner Frau umzugehen und begann zu glauben, er habe einen Fehler gemacht.

Chambers unternimmt den Versuch, Ransome als einen ehebrecherischen Schürzenjäger darzustellen, der eine Geliebte hatte, während er mit Ivy verheiratet war. Doch wie Brogan erklärt, bat Ransome 1912 um die Scheidung „um seiner Kunst und geistigen Gesundheit willen“, und es war Ivy, die die Geliebte von Ivan Campbell wurde. Nur wegen seiner Tochter Tabitha ließ Ransome die Ehe weiter über sich ergehen: „Arthurs Ehe schleppte sich im Kern bis 1917, und formal bis 1924 weiter“, wohingegen beider Rechtsanwalt, Sir George Lewis, geltend machte, dass die Ehe tatsächlich bereits 1914 endete. Nach einem besonders hysterischen Ausbruch sagte er zu Ivy: „Sie haben mir gerade genau bewiesen, wieso es ratsam ist, dass er und Sie sich trennen“. (Brogan, 1984, S. 91).

Chambers behauptet auch, Ransome habe von seiner Tochter keine Notiz genommen und sie im Grunde genommen verlassen. Auch dieser Aspekt ist weit komplizierter, als er ihn darstellt. In einem Brief an seine Mutter vom 30. Juni 1913 schreibt Ransome: „Meine liebe Mutter, wenn ich an Ivys gezielte Versuche, mich von meiner eigenen Familie zu trennen, an die Zensur meiner Briefe und alles andere denke, wundere ich mich, dass ich noch bei Verstand bin…“ (ebd. S. 92).

Diese Ereignisse spielten sich vor ihrer ersten Trennung ab. „Als Ivy entdeckte, dass er tatsächlich weggegangen war, bekam sie einen heftigen hysterischen Anfall, in dessen Folge sie unter den Blicken ihrer entsetzten Tochter schreiend und lachend unter Tränen die Vorhänge des Speiseraums zerkratzte und zerbiss.“ (ebd. S. 93)

Es war tragisch für Ransome, dass Ivy dieselbe Taktik, mit der sie Mutter und Sohn entzweite, auch jahrelang anwandte, um Ransome von seiner eigenen Tochter zu entfremden.

Indem er Ransom moralisch kompromittiert, will Chambers ihn in den Augen des Lesers abwerten und seine Fähigkeit zu objektiver und selbstloser Beschreibung Russlands und seiner Revolution in Zweifel ziehen.

Als er zu Ransoms Rolle in der russischen Revolution selbst kommt, ist er mitten in seinem zentralen Thema: nämlich, dass Ransomes Haltung zur Revolution angeblich von rein subjektiven Gefühlen persönlicher Unzulänglichkeit und schwelendem Ressentiment geleitet wurde. Damit will Chambers seine Hauptthese untermauern: Die bolschewistische Revolution hatte keine objektive Basis und war nichts anderes – und hierauf wird über das ganze Buch hinweg verwiesen – als ein geschickter „Putsch Lenins“.

Er schreibt: „Aber die Umstände, die Ransome ins Lager der Bürgerlichen zogen, gaben auch Anlass zu gemischten Gefühlen. Zweifellos hatte er eine starke emotionale Bindung zu seiner Klasse, doch er hatte auch gute Gründe, ihr zu grollen, nicht zuletzt, weil er sich selbst nach ihrer Maßgabe beurteilte, was er oft schmerzlich empfand,. Er wusste, dass sein Vater von ihm enttäuscht war. Er hatte in Rugby versagt und seine Ausbildung in Leeds nach kurzem Versuch komplett abgebrochen. Als junger Autor wollte er auf sich aufmerksam machen, und alles Lesen und literarische Schreiben konnte ihn nicht dafür entschädigen, dass ihm das Publikum in Oxbridge das Gefühl gab, unwissend und unbeholfen zu sein. In Russland wurde er bei der Spitzenposition im Anglo-Russischen Büro übergangen, von Hugh Walpole zur Rede gestellt, hinter seinem Rücken in London von Lord Crawford verhöhnt, welcher nun vor Ärger in die Tischkante beißen würde, wie er inständig hoffte.“ (Chambers, S. 137).

Die Folgerung, dass Ransome ein missratener Jugendlicher gewesen sei und dann zu einer missgünstigen Person wurde, die nach Rache dürstete, ist vollständig falsch. Das glatte Gegenteil war der Fall. Ransome wurde von vielen Intellektuellen Londons wärmstens aufgenommen und er fühlte sich wohl unter Autoren und Dichtern wie Edward Thomas, Laurence Binyon und G. K. Chesterton. Sein erstes Buch, Bohemia in London, erschienen 1909, es entstand auf Grundlage dieser Verbindungen.

Ransome führt aus: „In Chelsea fühlte ich mich unter Freunden und war äußerst glücklich… Ich stehe tief in der Schuld von Yoshio Markino, der mich ins Haus von Frau Pamela Coleman Smith in the Boltons einführte. Sie war eine Künstlerin, die auf Jamaika (oder vielleicht während eines Besuchs in Amerika) von Ellen Terry entdeckt und nach England gebracht wurde. Sie hatte wöchentliche ‚Abende‘ in ihrem Atelier und ich wurde bald einer der Glücklichen, die immer eingeladen wurden. An diesen Abenden waren stets Schauspieler und Schauspielerinnen zugegen, und manchmal erleuchtete Ellen Terry persönlich den ganzen Raum, allein durch ihre Anwesenheit. Hier traf ich das erste Mal W. B. Yeats…“ (Ransome, 1976, S.87)

Dass er für die Besetzung des Spitzenpostens im Anglo-Russischen Büro nicht berücksichtigt wurde, warf ein günstiges Licht auf ihn. Es bedeutete, dass man nicht wirklich darauf vertraute, dass er die offizielle Linie des Außenministeriums und des Geheimdienstes vorbehaltlos teilte.

Wird fortgesetzt

Anmerkungen

1) Die Imperialen Föderalisten strebten eine Ablösung des Vereinigten Britischen Königreichs durch einen Imperialen Staatenbund an, der von einem imperialen ‚Superparlament’ regiert werden sollte. Die Bewegung entstand in den 1880er Jahren und löste sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf. – d. Übers.

2) Die Epoche Edward VII. folgte auf die Viktorianische Epoche.

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