Niedriges deutsches Bruttosozialprodukt veranschaulicht Niedergang der Weltwirtschaft

Von Barry Grey
18. August 2011

Das deutsche Wirtschaftswachstum ist laut Zahlen des Statistischen Bundesamts vom Dienstag im zweiten Quartal dieses Jahres nahezu zum Stillstand gekommen. Es war der hauptsächliche Motor für das relative Wirtschaftswachstum der Europäischen Union.

Deutschlands Bruttosozialprodukt (BSP) stieg von April bis Juni um nur 0,1 Prozent; im Vergleich dazu waren es im vorherigen Quartal 1,3 Prozent. Das Wachstum im ersten Quartal wurde zuvor auf 1,5 Prozent geschätzt und nach unten korrigiert.

Die Zahlen für das zweite Quartal lagen deutlich unter den von Ökonomen vorhergesagten 0,5 Prozent. Es waren die schlechtesten Quartalsergebnisse seit den ersten drei Monaten des Jahres 2009, als Deutschland gerade aus der schlimmsten Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg kam.

Der deutsche Geschäftsklimaindex sank im Juli so tief wie seit neun Monaten nicht mehr, und die Stimmung bei den Investoren war so schlecht wie seit zweieinhalb Jahren nicht mehr. Die Inlandsnachfrage nach Kapitalgütern fiel im Juni um fünfzehn Prozent, die nach Verbrauchsgütern nahm ebenfalls ab.

Dieser virtuelle Zusammenbruch des deutschen Wirtschaftswachstums folgt breiteren internationalen Trends. Eurostat, das statistische Amt der Europäischen Union, meldete am Donnerstag, das Gesamt-Bruttosozialprodukt der siebzehn Eurostaaten sei im zweiten Quartal nur um 0,2 Prozent gestiegen, während es im ersten Quartal noch um 0,8 Prozent gestiegen war. Das war der niedrigste Quartalsanstieg seit Mitte 2009.

Die Industrieproduktion in der Eurozone sank um 0,7 Prozent im Juni im Vergleich zum Mai. Im Juli sank das Wachstum der Produktionszahlen, und die Stimmung in der Wirtschaft sank auf das niedrigste Niveau seit fast einem Jahr.

Am Freitag meldete Frankreich ein Nullwachstum im zweiten Quartal. Großbritannien meldete ein Wachstum von nur 0,2 Prozent, die Niederlande 0,1; Spanien 0,2 Prozent; Portugal ebenfalls Nullwachstum und Italien 0,3 Prozent. In Russland sinkt das Wirtschaftswachstum bereits seit einem halben Jahr.

Die USA meldeten im letzten Monat ein Wachstum von 1,3 Prozent im zweiten Quartal, deutlich weniger als erwartet. Das Wachstum im ersten Quartal wurde auf 0,4 Prozent korrigiert, womit das Nettowachstum für die erste Hälfte 2011 0,8 Prozent erreicht. Im Jahr 2010 lag das Wachstum noch bei drei Prozent.

Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass Japan oder die aufstrebenden asiatischen Wirtschaftsmächte China und Indien der Weltwirtschaft Wachstumsimpulse geben könnten. Am Freitag meldete Japan, sein Wachstum liege im zweiten Quartal bei 0,3 Prozent, und dies wurde als positives Signal gewertet, da es besser sei als das Ergebnis, mit dem allgemein gerechnet worden war. Die Wirtschaftsleistung von Hongkong sank im Zeitraum April-Juni zum ersten Mal seit Ausbruch der Weltfinanzkrise.

China und Indien versuchen, ihre Wirtschaften abzukühlen, da sie sich mit steigender Inflation und der Bildung von Spekulationsblasen konfrontiert sehen. Diese sind hauptsächlich das Ergebnis der Billigdollar-Politik der US-Regierung. China verzeichnete im Juli eine Inflation von 6,5 Prozent, ein Dreijahreshoch. Es lässt zu, dass seine Währung, der Yuan, im Vergleich zum Dollar und anderen Währungen steigt, um Kredite zu verteuern und den Preisanstieg aufzuhalten.

Gründe für die weltweite Verschlechterung sind die Achterbahnfahrten der Finanzmärkte, sowie die Staatsschulden- und Bankenkrise. Die europäische Staatsschuldenkrise greift bereits auf Italien und Frankreich über, und erstmals wurde sogar die amerikanische Kreditwürdigkeit herabgestuft.

Die Weltwirtschaft tritt in eine neue Phase des Abschwungs ein, der auf den Börsenkrach an der Wall Street im September 2008 folgte. Die Leitwährung der Welt, der Dollar, ist irreparabel destabilisiert, der Euro wird von innereuropäischen Ungleichgewichten und nationalen Antagonismen unterhöhlt, und die gesamte, nach dem zweiten Weltkrieg geschaffene Weltwirtwirtschaftsstruktur löst sich auf.

Niemand kann mehr glaubwürdig behaupten, die Wirtschaftskrise, die vor fast drei Jahren ausbrach, sei nur ein vorübergehender Rückgang, auf den eine echte und nachhaltige Erholung folgen werde. Entscheidungsträger müssen zugeben, dass die massiven Banken-Bailouts und die Sparprogramme kein einziges grundlegendes Problem gelöst haben, sondern dass sich die wirtschaftliche Lage zusehends verschlechtert.

Der Vorstand der amerikanischen Zentralbank Federal Reserve widerrief letzte Woche seine frühere Vorhersage, es würde bald wieder ein normales Wachstum geben. Er versprach, seine Zinsen noch für mindestens zwei Jahre nahe Null zu halten. Die Bank von England korrigierte ebenfalls ihre Vorhersagen für 2011 und 2012, und ihr Chef Mervyn King deutete an, es werde in dieser Zeit keine Zinserhöhungen geben.

Hoch im Kurs sind Vergleiche mit der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre, sowie düstere Warnungen der Politiker und Journalisten. „Wir bewegen uns in ein neues Gefahrengebiet“, sagte Weltbankpräsident Robert Zoellick am Sonntag bei einem Besuch in Australien. Er fügte hinzu, die politischen Führer der Welt müssten entschlossen handeln, und zwar „sowohl kurz- als auch langfristig, um das Vertrauen wiederherzustellen“. Aber er hielt sich darüber bedeckt, wie sie handeln sollten.

Der Unicredit-Analyst Andreas Rees stellte fest: „Das zweite Quartal stellt einen Wendepunkt dar, keine Frage“, und fügte hinzu: „Das Beste liegt hinter uns. Wir müssen uns künftig auf ein schwächeres Wachstum einstellen.“ Christoph Schmidt, Mitglied des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung („Wirtschaftsweiser“), sagte Reuters: „Wir sind noch lange nicht am Ende der Krise. (…) Wir sind eine Schicksalsgemeinschaft: Wenn die USA und Europa in Schwierigkeiten sind, spüren wir das.“

Joseph Stiglitz, Professor der Columbia University, ehemaliger Chefökonom der Weltbank und Nobelpreisträger, veröffentlichte am 10. August eine Kolumne in der Financial Times, in der er zum Schluss kam: „Ein langer Abschwung erscheint jetzt als das optimistischste Szenario.“

Bill Gross, der Gründer und zweite Leitende Investment-Beauftrage des Investmentunternehmens Pimco, veröffentlichte am 12. August in der Washington Post eine Kolumne, in der er schrieb: „Was das Finanzielle angeht, so stellen sich Entscheidungsträger auf eine Rezession und die destruktiven 1930er Jahre ein, und nicht auf eine langsam aber stetig wachsende amerikanische Wirtschaft des 21.Jahrhunderts.“

Nouriel Roubini, Ökonom und Professor an der Stern School of Business der Universität von New York, warnt in seinen Kolumnen, es bestehe eine fünfzigprozentige Wahrscheinlichkeit für eine „Double-Dip-Rezession“. Letzte Woche gab er in einem Interview mit wsj.com zu, dass Marx mit seiner Analyse der Widersprüche im Kapitalismus Recht hatte.

Roubini sagte: „Karl Marx hat es ganz richtig gesehen. (…) An einem bestimmten Punkt kann sich der Kapitalismus selbst zerstören. Denn man kann das Einkommen nicht immer weiter von der Arbeit zum Kapital verlagern, wenn es keine überschüssige Kapazität und zuwenig Nachfrage gibt. Wir haben gedacht, der Markt funktioniert. Aber er funktioniert nicht.“

Eine Notbehelfsmaßnahme nach der anderen scheitert. Nichts kann offenbar das Abgleiten in eine ausgewachsene Depression und eine neue Welle von Bankenpleiten und Staatsbankrotten noch verhindern. Die herrschende Klasse wird immer stärker von Verwirrung, Hilflosigkeit und Furcht ergriffen. Einige Schlagzeilen der großen Zeitungen lauten: „Weltweite Vertrauenskrise“ (Wall Street Journal vom 13. August), „Finanzmärkte mit ihrem Latein am Ende“ (Financial Times vom 13. August), „Geithner und Bernanke haben gegen neue Krise kaum was auf Lager“ (Washington Post vom 14. August).

In einem Punkt sind sich jedoch alle einig: Sie wollen sich selbst auf Kosten der Arbeiterklasse aus der Krise ziehen. Liberale und Konservative, Anhänger von John Maynard Keynes und Milton Friedman, alle halten dafür, dass die grundlegenden Sozialreformen des vergangenen Jahrhunderts zerstört werden müssten und die große Mehrheit der Weltbevölkerung ihren Lebensstandard einbüßen müsse.

Abgesehen von immer brutaleren Kürzungen im Sozialbereich wird auch ein neuer Angriff auf Arbeitsplätze und Löhne vorbereitet. E.on, der größte deutsche Energiekonzern, kündigte letzte Woche an, er werde bis zu 11.000 Stellen streichen, nachdem er zum ersten Mal seit zehn Jahren, seit die staatlichen Energieunternehmen privatisiert wurden, Verlust machte.

Die Financial Times zitierte am Montag in einem Artikel mit dem Titel „US-Industrielle bereiten sich auf Double-Dip-Rezession vor“ Michael Larsen, den Hauptfinanzbeauftragten von Gardner Denver, einem Hersteller von Pumpen für die Öl- und Gasindustrie. Larsen sagte: „Wir haben unser Team zusammen, und eine Liste von Werken ist vorbereitet, die wir eins nach dem andern durchgehen. Wir haben in Zahlen festgelegt, wie viele wir entlassen wollen, und das werden wir sofort tun, wenn weniger Aufträge kommen.“

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