Eon kündigt den Abbau von 11.000 Arbeitsplätzen an

Von Elisabeth Zimmermann
17. August 2011

In der vergangenen Woche hat der Vorstand des Energiekonzerns Eon seine Absicht bestätigt, weltweit bis zu 11.000 Arbeitsplätze abzubauen und ein drastisches Sparprogramm umzusetzen. Damit ist mehr als jeder zehnte Arbeitsplatz gefährdet. Der größte deutsche Energiekonzern hatte 2010 noch 85.000 Beschäftigte und erzielte bei einem Jahresumsatz von 93 Milliarden Euro einen Gewinn von 5,8 Milliarden Euro.

Nach Konzernangaben befinden sich von den weltweit 85.000 Arbeitsplätzen über 35.000 in Deutschland, mehr als 16.000 in Großbritannien, 6.500 in Rumänien, jeweils rund 5.000 in Ungarn, Schweden und Russland, sowie weitere 12.000 in Tschechien, Bulgarien, Italien, Polen, Spanien und Frankreich.

Der Konzernvorstand rechtfertigt den drastischen Jobkahlschlag vor allem mit sinkenden Gewinnen als Folge des in Deutschland beschlossen Ausstiegs aus der Atomenergie. Die Rücknahme der Laufzeitverlängerung für die Atomkraftwerke nach der Katastrophe von Fukushima im Frühjahr lasse die Gewinnerwartung um mehrere Milliarden sinken. Die Kosten des Atomausstiegs und der Brennstoffsteuer betragen für das erste Halbjahr 2011 laut Unternehmensangaben 1,9 Milliarden Euro. Eon gehören die stillgelegten Kernkraftwerke Isar 1 und Unterweser.

Als weitere Probleme nennt der Konzern ungünstige Gaslieferverträge mit langen Laufzeiten, niedrigere Erlöse aus dem Verkauf von Strom sowie eine hohe Verschuldung des Unternehmens. Eon hatte im November letzten Jahres bereits vor der Energiewende der Bundesregierung angekündigt, bis Ende 2013 Unternehmensanteile im Gesamtwert von 15 Milliarden Euro verkaufen zu wollen.

Dennoch erwartet der Konzernvorstand auch in den nächsten Jahren weiterhin Milliarden-Gewinne. In den ersten sechs Monaten dieses Jahres war der Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen zwar um 45 Prozent gesunken, betrug aber immer noch 4,3 Milliarden Euro.

Der seit Mai letzten Jahres im Amt befindliche Vorstandschef Johannes Teyssen strebt mit den Abbau- und Umstrukturierungsplänen auch eine stärkere Zentralisierung des Unternehmens an. Mindestens drei wichtige Standorte in Deutschland sollen deshalb ganz aufgegeben werden – Eon-Energie in München, Eon-Kraftwerke in Hannover und Eon-Ruhrgas in Essen.

Eon-Energie in München war bisher für das Osteuropa-Geschäft des Konzerns zuständig. Nach der Auflösung und Schließung dieses Standorts mit 400 Mitarbeitern soll dieses Geschäft von der Eon-Konzernzentrale in Düsseldorf übernommen werden. Insgesamt hat Eon in Bayern derzeit noch 8.000 Beschäftigte.

Eon war dort im Jahr 2000 aus der Fusion von Viag und Veba unter Vermittlung der bayerischen Landesregierung hervorgegangen. Die Konzernzentrale von Eon kam nach Düsseldorf. Das Land Bayern hielt ursprünglich einen Anteil von 25,1 Prozent an Viag, der im Zuge der Fusion auf 15 Prozent und wenig später auf 5,48 Prozent reduziert wurde. Heute hält Bayern nur noch 1,44 Prozent der Eon-Aktien. Der damals mit der Privatisierung betraute bayerische Finanzminister Dr. Georg Freiherr von Waldenfels (CSU) sitzt inzwischen im Aufsichtsrat von Eon.

In der Zentrale von Eon-Ruhrgas in Essen, die ebenfalls von der Schließung bedroht ist, arbeiten 1.800 Beschäftigte. Sie sind für die Beschaffung, Speicherung und den Vertrieb von Gas sowie die Betreuung der dafür notwendigen technischen Anlagen zuständig.

Eon-Ruhrgas hatte erst vor zehn Monaten einen neuen Gebäudekomplex bezogen. Der Eon-Ruhrgas-Chef Klaus Schäfer hatte die Investition in die neue Firmenzentrale damals als „Bekenntnis zum Energiestandort Essen“ bezeichnet und auf die lange Tradition von Ruhrgas verwiesen, das seit 1926 im Ruhrgebiet ansässig ist. Jetzt stehen die Exploration (Erkundung von Lagerstätten) und der Handel mit Gas zur Disposition.

Das gleiche trifft auf die Eon-Kraftwerkstochter in Hannover zu. Soweit die Geschäftsbereiche der bisherigen Tochterunternehmen noch benötigt werden, sollen sie auf bestehende oder neu zu schaffende Gesellschaften in der Konzernzentrale in Düsseldorf übertragen werden. Mittelfristig will der Eon-Vorstand den Konzern in eine Europäische Aktiengesellschaft (Societas Europaea, SE) umwandeln.

Auch die Arbeitsplätze in der Konzernzentrale in Düsseldorf werden nicht vom Abbau verschont, wie Eon-Chef Teyssen in der letzten Woche auf mehreren Betriebsversammlungen in München, Düsseldorf und Essen klar machte. Die Verwaltung müsse insgesamt verkleinert und „verschlankt“, das Unternehmen „besser, schneller und billiger“ werden, zitiert ihn die Ruhrgebietszeitung WAZ. „Unsere Geschäfte sind wichtiger als unsere Verwaltung, und unsere Zukunft ist wichtiger als historische Standorte“. Ziel des Konzernumbaus sei es, jährlich 1,5 Milliarden Euro einzusparen.

Bei der Durchsetzung des Arbeitsplatzabbau können sich Teyssen und der Vorstand auf die Gewerkschaften Verdi (Vereinigte Dienstleistungsgewerkschaft) und IGBCE (Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie und Energie) sowie auf die Betriebsräte stützen. Sie protestierten zwar laut, als der Vorstand seine Pläne an die Öffentlichkeit brachte, doch das dient nur dazu, ihre Rolle zu verschleiern.

Zunächst einmal ist es höchst unwahrscheinlich, dass sie – wie behauptet – nichts von den Abbau-Plänen wussten. Noch im Juni hatten sich Verdi und die IGBCE mit dem Vorstand auf einen neuen Tarifvertrag geeinigt, in dem sie sich – anders als in anderen Energie-Konzernen – auf eine 19-monatige Laufzeit und einen niedrigeren Abschluss einließen. Was waren die Argumente für diesen Deal? Verdi und IGBCE erklärten Anfang Juni, der schlechte Abschluss sei „vor dem Hintergrund sinkender Erträge“ akzeptabel.

Zudem sitzen zehn Vertreter der Gewerkschaften und des Betriebsrates in dem 20-köpfigen Aufsichtsrat – darunter Erhard Ott aus dem Bundesvorstand von Verdi als stellvertretender Vorsitzender des Aufsichtsrats, sowie Sven Bergelin (Verdi-Bundesfachgruppenleiter Energiewirtschaft), Hubertus Schmoldt (bis 2009 Vorsitzender der IGBCE), der Eon-esamtbetriebsratsvorsitzende Hans Prüfer und weitere sieben Betriebsräte. Sie sind bis auf eine Ausnahme Betriebsratsvorsitzenden der einzelnen Eon-Gesellschaften.

Das Muster, nach dem Gewerkschaften und Betriebsräte den Arbeitsplatzabbau durchsetzen, ist sattsam bekannt. Eon-Chef Teyssen verkündete, auch „betriebsbedingte Kündigungen“ seien nicht ausgeschlossen. Dagegen – nicht aber gegen den Arbeitsplatzabbau an sich – richtete sich dann die Empörung von Verdi, IGBCE und Betriebsräten.

Unterstützung erhielten sie von der SPD. Der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel und der NRW-Arbeitsminister Guntram Schneider (SPD), der vor seinem Ministeramt mehrere Jahre DGB-Vorsitzender in Nordrhein-Westfalen war, äußerten sich nach einer Sitzung mit Gewerkschafts- und Betriebsrats-Vertretern vor der Presse. Gabriel erklärte, es wäre ein „absoluter Tabubruch, wenn ein Unternehmen von der Größe Eons betriebsbedingte Kündigungen aussprechen würde“. Schneider bedauerte den „gewaltigen Imageschaden“ für Eon durch das Vorgehen des Vorstands.

Der Protest gegen „betriebsbedingte Kündigungen“ soll den Abbau der Arbeitsplätze über Fluktuation, Abfindungen, Sozialpläne und Beschäftigungsgesellschaften schließlich als „Erfolg“ präsentieren. All das ist ein abgekartetes Spiel.

Beim Autokonzern Opel werden seit vielen Jahren europaweit Tausende von Arbeitsplätzen mithilfe dieser Mechanismen abgebaut. In Bochum, wo vor gut sechs Jahren noch rund 10.000 Opel-Arbeiter in Lohn und Brot standen, werden gerade wieder 1.800 Arbeiter erpresst, ihren Arbeitsplatz aufzugeben. Ende des Jahres stehen dort nur noch 3.200 auf der Gehaltsliste. Der Betriebsrat unter Leitung von Rainer Einenkel hat dann innerhalb von weniger als sieben Jahren sieben von zehn Arbeitsplätzen abgebaut – ohne dass auch nur eine „betriebsbedingte Kündigung“ ausgesprochen wurde.

Deshalb ist die Forderung von Verdi-Vorstandsmitglied Erhard Ott, die Beschäftigungssicherung für die rund 30.000 Beschäftigten des Konzernteils Eon-Energie bis Ende 2012 auf alle 85.000 Beschäftigten auszuweiten, Augenwischerei. Erstens haben die deutschen Gewerkschaften und Betriebsräte nicht vor, eine Beschäftigungssicherung für Eon-Arbeiter in den anderen Ländern durchzusetzen. Und zweitens hatten auch die Beschäftigten von Opel-Bochum und vieler anderer Konzerne ständig Zugeständnisse gegen Beschäftigungsgarantien getauscht. Am Ende sind diese Garantien nicht das Papier wert, auf dem sie stehen.

In Wirklichkeit stimmen Gewerkschaften und Betriebsräte bei Eon den Abbau- und Umstrukturierungsplänen schon jetzt weitgehend zu. Das geht auch aus der Politik hervor, die sie in der Vergangenheit verfolgt haben.

Hans Prüfer, seit 2006 Betriebsratsvorsitzender des Eon-Gesamtkonzerns, beklagte in der Tageszeitung (taz) vom 10. August: „Wir hatten ja bereits ein Sparpaket über 1,5 Milliarden Euro vor zwei Jahren.“ Die Süddeutsche Zeitung zitiert einen nicht namentlich genannten Gewerkschaftsvertreter mit den Worten: „Dass ein Stellenabbau kommt, ist sicher, es geht nur noch um die Frage, wie groß die Zahl wird.“

Und die IGBCE hat in einer Stellungnahme bekannt: „Sozialverträglichkeit ist ein unabdingbares Muss bei allen möglicherweise anstehenden Maßnahmen. Allein [!] die finanztechnischen Ziele des Kapitalmarkts voranzustellen, reicht bei weitem nicht aus. Soziale und energiepolitische Ziele sind ebenso zu berücksichtigen. Sind diese Voraussetzungen erfüllt, ist die IGBCE bereit, konstruktiv mitzuwirken.“

Schon jetzt vertrösten Gewerkschaften und Betriebsrat die Beschäftigten auf die nächste Aufsichtsratssitzung, die erst im November stattfindet. Der Vorstand soll dann angeblich detaillierte Aussagen zu den Abbauplänen des Konzerns geben. Bis dahin wollen die Gewerkschaften Verdi und IGBCE eigene Konzepte für „die Weiterentwicklung des Eon-Geschäfts“ vorlegen. Dies unterstreicht die Rolle der Gewerkschaftsfunktionäre als Co-Manager, die für ihre Dienste auch entsprechend fürstlich entlohnt werden.

Gewerkschaften und Betriebsräte weigern sich nicht nur, zu einem prinzipiellen Kampf zur Verteidigung aller Arbeitsplätze aufzurufen, von einem gemeinsamen Kampf mit den EON-Arbeitern anderer Länder ganz zu schweigen. Sie sind es, die den Abbau gegen die Beschäftigten durchsetzen.

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