Todesursache Profitsucht

Von Ernst Wolff
11. August 2011

Am 25. Juli dieses Jahres ging eine Eilmeldung durch alle deutschen Medien: In einer Wohnung in der Puchanstraße in Berlin-Köpenick waren die Leichen von sechs Personen gefunden worden. Bei den Toten handelt es sich um die 27-jährige Anna P., ihre ein, vier, fünf und sechs Jahre alten Kinder und ihren 40-jährigen Lebensgefährten. Der leibliche Vater der Kinder hatte, nachdem er tagelang nichts von ihnen gehört hatte, die Polizei informiert, die die Wohnung daraufhin öffnete.

In dieser Erdgeschosswohnung starb die sechsköpfige Familie In dieser Erdgeschosswohnung starb die sechsköpfige Familie

Zunächst wurde ein Gewaltverbrechen vermutet. Die Presse spekulierte, der Mann habe Anna P. und ihren Kindern Tabletten verabreicht und dann Selbstmord begangen. Doch eine von der Staatsanwaltschaft angeordnete Obduktion der Leichen widerlegte die Vermutung und ergab als Todesursache eine Kohlenmonoxidvergiftung.

Eine solche Vergiftung setzt voraus, dass es in der Wohnung eine defekte Gasleitung gegeben hat. Da Anna P’s Vormieter ihre Gasrechnung nicht bezahlt hatten, war der Anschluss bei ihrem Einzug, der erst wenige Wochen zurückliegt, jedoch abgestellt. Deshalb lässt die Polizei gegenwärtig prüfen, ob er möglicherweise unsachgemäß wieder in Gang gesetzt worden ist. Außerdem sind Ermittlungen gegen die Vormieter aufgenommen worden, die bei einer Befragung aussagten, vor mehreren Jahren das Abzugsrohr der zum damaligen Zeitpunkt ebenfalls abgestellten Gastherme zum Schutz vor Zugluft und Kälte mit Stoff und Zeitungen verstopft zu haben.

Was auch immer die weiteren Nachforschungen von Polizei und Staatsanwaltschaft ergeben: Sie werden weder die wahren Gründe für diese Tragödie zutage fördern, noch werden sie die wahren Schuldigen benennen. Hinter dem Tod dieser sechs Menschen verbirgt sich nämlich ein Verbrechen, das nicht zum Einsatzgebiet von Polizei und Staatsanwaltschaft gehört: Die brutale und rücksichtslose Ausnutzung sozial schwacher Menschen im Immobilienbereich.

Die Zustände in dem Haus, in dem Anna P. und ihre Kinder starben, sind verheerend. Der Sicherheitszustand der technischen Anlagen ist einem Handwerker zufolge „abenteuerlich“. Der verdreckte Eingangsbereich, das heruntergekommene Treppenhaus und eingeschlagene Fensterscheiben zeigen genauso wie der verwahrloste Zustand des Gartens, dass es dort so gut wie keine Wartung und schon gar keine Instandsetzung durch die Hausverwaltung gibt.

„Rohrbrüche gehören bei uns an die Tagesordnung“, sagt eine im Gartenhaus wohnende junge Frau und erzählt, dass es seit dem Tod der sechs Menschen im Vorderhaus keine Warmwasserversorgung mehr gibt. „Aber das wundert uns alle nicht, weil hier nie was gemacht wird, außer die Mieten zu erhöhen.“

Die Wohnung, in der das Unglück passiert ist, sei von den Vormietern in verwahrlostem Zustand hinterlassen, aber ohne jegliche Renovierung weiter vermietet worden, sagt eine andere Frau aus dem Haus. Aber gewundert hätte sich auch darüber niemand, schließlich „haben die neuen Besitzer es eilig, die brauchen nämlich Geld“.

Wer sind diese neuen Besitzer, die einer jungen Frau mit vier Kindern eine heruntergekommene Wohnung vermieten und nicht einmal ihrer Vermieterpflicht nachkommen, für eine funktionierende Gastherme zu sorgen?

Seit 2010 gehört das Haus an der Puchanstraße der Tower Group, einem an der dänischen Börse notierten Immobilienunternehmen mit 9.200 Wohneinheiten und 700 Gewerbeeinheiten in Deutschland. Zwischen 2006 und 2009 aufgebaut, hat sich die Tower Group auf den Ankauf und die Vermietung von Immobilien in Berlin, Brandenburg und Nordrheinwestfalen spezialisiert. Wegen der Verschlechterung der Situation am Immobilienmarkt in Zahlungsschwierigkeiten geraten, wurde das Unternehmen 2010 restrukturiert und mehrheitlich von der in Holland ansässigen BXR Real Estate Investment übernommen.

Eine Pressemitteilung der Tower Management GmbH, des deutschen Ablegers der Tower Group, vom August 2010 verkündet, dass die Einführung der neuen Marke „Tower Wohnen“ auch ein neues „Corporate Design“ mit sich bringe: „Auffallende Farben, ein aufgefrischter Schriftzug und Bilder von echten Mietern statt schöner Models soll Offenheit gegenüber allen sozialen und ethnischen Gruppen (Hervorhebung von uns) ausdrücken.“

Mit unverhohlenem Zynismus wird das Unternehmenskonzept hier auf den Punkt gebracht: Es geht um die Vermietung von Wohnungen, die der Spiegel in einem Bericht vom Mai 2009 als „dringend sanierungsbedürftig“ einstufte, an Sozialhilfeempfänger und einkommensschwache Ausländer. Das sind Zielgruppen, denen es ohnehin nicht leicht fällt, bezahlbaren Wohnraum zu finden, die ihre Rechte als Mieter oft nicht kennen, wegen sprachlicher Barrieren und mangelnder Sozialkompetenz wenig Widerstand bieten und darüber hinaus leichter einzuschüchtern sind als andere Mieter.

Diese Einschüchterung beginnt bei der Tower Management bereits auf der Website. Klickt man dort auf den Button „Services“, so erscheint nicht etwa eine Aufzählung von Dienstleistungen des Hausmeisterteams, sondern folgender Text: „Wir dürfen Sie davon in Kenntnis setzen, dass die Tower Management GmbH die debeo GmbH mit dem Einzug der ausstehenden Mietforderungen beauftragt hat. Die debeo GmbH wird Ihre Arbeit mit sofortiger Wirkung aufnehmen und auf sozial verträgliche Art und Weise mit der Betreibung der Rückstände beginnen.“

Der Text beseitigt auch den letzten Zweifel: Die Tower Management ist sich über den sozialen Stand und die finanziell schwierige Situation ihrer Klientel absolut im Klaren und beauftragt eine spezialisierte Agentur damit, die hohen Mieten einzutreiben.

Das Haus in der Puchanstraße, das in den fünfziger Jahren gebaut wurde, ist ein Beweis dafür, welch verheerende Konsequenzen die auch vom Berliner Senat betriebene Politik der Privatisierung von Wohnraum hat.

Aus dem Besitz der ehemaligen DDR übernommen, gehörte das Haus zunächst der bundeigenen Gagfah, bevor es an private Investoren verkauft wurde. Diese Privatisierung hat dazu geführt, dass es allein in den letzten fünf Jahren drei verschiedene Besitzer gab: Die Köpenicker Wohnungsbau hat es vor vier Jahren an die Firma alpha-Immobilien abgegeben. Diese wiederum hat es vor zwei Jahren an die mit der Führung der alpha-Immobilien eng verbandelte Tower Group verkauft.

Die häufigen Besitzerwechsel zeigen, dass der marode Bau für diese Unternehmen nichts anderes als ein Spekulationsobjekt ist, aus dem sich Profit schlagen lässt. Die schwierigen Lebensumstände der Mieter spielen dabei keine Rolle, sie werden sogar ausgenutzt.

Die Tower Group ist kein Einzelfall. Vor dem sozialen Hintergrund von Wohnraumnot, ständig steigenden Mietkosten und einem Anwachsen der Zahl einkommensschwacher Mieter befinden sich derzeit zahlreiche Investoren auf bundesweiter Kauftour. Dabei erwerben sie ihre Immobilien nicht nur von privat, sondern auch von staatlicher Seite. Im Zuge der „Sanierung der Finanzen“ wegen der öffentlichen Verschuldung werden immer mehr öffentliche Wohnungen an private Investoren abgegeben. Ausschließliches Ziel der Immobilienfirmen ist dabei, die Betriebskosten nach der Übernahme so weit wie möglich zu senken und die Mieten in die Höhe zu treiben.

Dass diese Politik vom Staat nicht nur geduldet, sondern sogar unterstützt wird, zeigt die Reaktion der ermittelnden Behörden im Fall der sechs Toten in Köpenick. Einer Mutter, die eine verwahrloste Wohnung ohne funktionierenden Gasanschluss übernehmen muss, nach ihrem Tod auch noch dessen unsachgemäße Instandsetzung zum Zwecke der Warmwasserbereitstellung für ihre vier Kinder anzulasten, heißt nichts anderes, als das Opfer zum Täter zu machen.

Dasselbe gilt für den Vorwurf der fahrlässigen Tötung, der jetzt gegen die Vormieter erhoben wird, die technisch ahnungslos und mit Sicherheit nicht in heimtückischer Absicht ein Abzugsrohr mit Zeitungspapier verstopften, weil sie die Zugluft in ihrer heruntergekommenen Unterkunft nicht mehr ertragen konnten.

Hier wird versucht, den Opfern eines räuberischen Systems die Schuld für seine verheerenden Konsequenzen in die Schuhe zu schieben und die wahren Schuldigen aus der Schusslinie zu nehmen.

Zu den wahren Schuldigen an der menschlichen Tragödie von Köpenick gehören nicht nur die Tower Management, die eine baufällige Wohnung ohne funktionsfähige Gastherme an eine sechsköpfige Familie vermietet hat, was dieser schließlich das Leben gekostet hat. Dazu gehören auch die Politiker und Parteien, die Wohnraum privatisieren und auf diese Weise solch skrupellose Praktiken auf dem Immobilienmarkt erst ermöglichen – so, wie es SPD und Linkspartei in Berlin seit zehn Jahren tun.

Kämpft gegen Googles Zensur!

Google blockiert die World Socialist Web Site in Suchergebnissen.

Kämpft dagegen an:

Teilt diesen Artikel mit Freunden und Kollegen