Aktienkurse fallen, während Europa in die Rezession stürzt

24. September 2011

Am Donnerstag fielen die europäischen Aktienkurse aufgrund von Meldungen, die darauf schließen lassen, dass Europa und die USA in die Rezession stürzen und sich das Wachstum der asiatischen Märkte verlangsamt.

Bei Handelsbeginn verloren die Hauptaktienmärkte in London, Frankfurt und Paris etwa drei Prozent im Vergleich zum Donnerstag. Die jüngsten Kursverluste bedeuten, dass einige europäische Aktienmärkte, darunter der Londoner FTSE, zwanzig Prozent ihres Wertes im Vergleich zum Höchststand vor zwei Jahren verloren haben.

Laut dem Finanzdienstleister Markit ist der wichtige Frühindikator Purchasing Managers Index der Wirtschaftsmächte der Eurozone von 50,7 Prozent im August auf 49,2 Prozent gesunken. Dass die 50-Prozent-Marke unterschritten wurde, bedeutet, dass die Geschäftsaktivität in der Eurozone zum ersten Mal seit Juli 2009 gesunken ist. Der Autor der Markit-Umfrage, Chris Williamson, kommentierte es so: „Die Erholung ist vorbei, jetzt geht es wieder abwärts.“

In dem Bericht heißt es außerdem, dass die europäische Wirtschaftsleistung in den kommenden Monaten weiter sinken werde, und dass die Zahl der Auftragseingänge bei Geschäften in der Eurozone auf den tiefsten Stand seit Juli 2009 gesunken waren. Williamson schloss daraus, dass „sich die Dinge in den nächsten Monaten noch weiter verschlechtern werden.“

Der Hauptgrund für den Niedergang in der Eurozone ist der Rückgang der Wirtschaftsaktivität in ihrer größten Wirtschaftsmacht, in Deutschland. Die wirtschaftliche „Erholung“ der Eurozonenländer in den vergangenen zwei Jahren hat große Unterschiede zwischen den einzelnen Wirtschaften überdeckt. Einige Eurostaaten befinden sich bereits in der Rezession – vor allem Griechenland. Andere stehen noch am Rande der Rezession – wie Portugal, Spanien und Italien. Die Wirtschaftsaktivität in der Eurozone wurde hauptsächlich durch das Wachstum seiner größten Wirtschaftsmacht, Deutschland, angekurbelt.

Jetzt bewegt sich auch Deutschland in die Rezession. Der deutsche PMI fiel ebenfalls auf den niedrigsten Stand seit mehr als zwei Jahren, auf 50,89 Prozent. Durch den Absturz der Zahlen aus dem produzierenden Sektor und dem Dienstleistungssektor wird das Wachstum der deutschen Wirtschaft auch nach nun bereits acht Monaten weiter zurückgehen. Tim Moore von Markit sagte: „Die ersten Ergebnisse aus dem PMI für September zeigen, dass die Erholung im deutschen Privatsektor auf tönernen Füßen steht.“

Die Anzeichen für ein Abgleiten Europas in die Rezession kommen nach einer Reihe von Warnungen, dass auch andere Teile der Welt von Rezession bedroht sind oder ihre Wirtschaften langsamer wachsen.

Der Internationale Währungsfonds erklärte am Dienstag in seinem Bericht World Economic Outlook, die „Weltwirtschaft befindet sich in einer gefährlichen neuen Phase“ und warnte vor den Gefahren einer sog. Double-Dip-Rezession in den USA und Europa.

Einen Tag später kündigte der Chef der US-Zentralbank Federal Reserve, Ben Bernanke an, dass es für die USA „ernsthafte Abschwungsrisiken“ gebe. Die Maßnahmen zur Liquiditätssteigerung der Banken, die Bernanke gestern ankündigte, laufen darauf hinaus, weiterhin Kredite zu Niedrigzinsen zu verteilen. Das hat zur Wertsteigerung des Euro und damit zu höheren Preisen für europäische Exporte geführt, und so zu dem gegenwärtigen Wirtschaftsrückgang in Europa.

Während die Staaten auf beiden Seiten des Atlantiks in die Rezession rutschen, wachsen die Spannungen zwischen den Partnern der Nachkriegszeit. Die zunehmende Gegnerschaft zwischen den beiden Seiten zeigte sich am deutlichsten als US-Finanzminister Timothy Geithner letzte Woche auf einem Treffen der europäischen Finanzminister in Polen auftauchte.

Die europäischen Wirtschaftsminister zeigten sich distanziert, als Geithner vorschlug, ein Konjunkturpaket für Europa aufzulegen. Einige europäische Entscheidungsträger, wie der Chef der Eurogruppe Jean-Claude Juncker und der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble, lehnten Geithners Plan sofort ab.

Die österreichische Finanzministerin Maria Fekter kritisierte die amerikanischen Vorschläge und deren Wirtschaftspolitik insgesamt besonders heftig. Sie erklärte vor der Presse: „Ich finde es befremdlich, dass die Amerikaner, die ja selbst wirtschaftlich deutlich schlechter dastehen als der Euroraum, uns sagen wollen, was wir tun sollen. Aber wenn wir einen Vorschlag machen (…) lehnen sie ihn sofort ab.“

Die Reibungen zwischen den USA und Europa wurden auch durch den ständigen Druck von amerikanischen Ratingagenturen verstärkt. Am Montag stufte die Agentur Standard & Poor’s die Kreditwürdigkeit Italiens herab, und am Mittwoch tat sie dasselbe mit sieben italienischen Banken, darunter auch die wichtigste, UniCredit.

Die Agentur begründete ihre Entscheidung damit, dass sie sich auf Banken konzentriert habe, die besonders mit den Staatsschulden anderer europäischer Länder beschäftigt sind. Von S&Ps Herabstufung waren außerdem die italienischen Niederlassungen der französischen Bank BNP Paribas betroffen. Hierdurch stieg auch der Druck der Finanzmärkte auf den französischen Bankensektor.

Der italienische Premierminister reagierte auf die Entscheidung, indem er die Ratingagenturen öffentlich kritisierte. Er erklärte, ihre Urteile wirkten, als seien sie eher von Medienberichten beeinflusst als von der Realität; und sie schienen von politischen Erwägungen bestimmt.

Nicht nur die Spannungen und der Chauvinismus gegenüber der jeweils anderen Seite des Atlantiks nehmen zu, sondern auch die nationalen Spaltungen innerhalb Europas. Dass die USA und Europa in die Rezession gleiten, liegt daran, dass ihre jeweiligen Regierungen den Banken unbegrenzte Geldmittel zur Verfügung gestellt haben – und jetzt müssen diese Summen durch Sparprogramme von der Arbeiterklasse eingetrieben werden.

Die Schuldenkrise, die in einigen Randstaaten begonnen hat, ist schnell bis ins Herz von Europa vorgedrungen. Gleichzeitig wollen die führenden Mächte Europas – allen voran Deutschland – den Sparkurs verschärfen. Führende Mitglieder der Koalitionsparteien der deutschen Regierung befürworteten Italiens Herabstufung und den Druck nach größeren Sparmaßnahmen. Der CDU-Politiker Peter Altmaier erklärte diese Woche: „Der Fall von Italien zeigt, dass es nicht nur um Griechenland geht.“

Die politische Elite Deutschlands und ganz Europas ist entschlossen, die Sparpolitik beizubehalten, obwohl sie Europa in die Rezession stürzt und für Millionen europäischer Arbeiter zu Arbeitslosigkeit und Armut führen wird.

Stefan Steinberg