Die kapitalistische Krise und die Perspektiven der Jugend

1. September 2011

Die historische Lebensfähigkeit eines Gesellschaftssystems lässt sich an den Zukunftsaussichten ablesen, die es der jungen Generation bietet. Von diesem Standpunkt aus gesehen, fällen die Bedingungen, vor denen die Jugendlichen am Beginn des neuen akademischen Jahres stehen, ein vernichtendes Urteil über das kapitalistische System.

Mehr als zwei Jahre, nachdem die Wirtschaft sich angeblich erholt haben soll, wütet die Massenarbeitslosigkeit in unverminderter Form, vor allem unter Jugendlichen. Im internationalen Maßstab zeigen fallende Wachstumsraten und die steigende Arbeitslosigkeit, dass es keine wirkliche Erholung gibt. Sparmaßnahmen in den USA, Europa und Japan verschlimmern die soziale Katastrophe. Es gibt keinen Grund, der Studenten berechtigt, sich nach Abschluss ihres Studiums einen vernünftigen Arbeitsplatz zu erhoffen.

In den USA war der Prozentsatz der Studenten, die in diesem Sommer einen Ferienjob fanden, der niedrigste seit dem zweiten Weltkrieg. Die überwiegende Mehrheit der verfügbaren Jobs sind Billiglohnstellen, deren Bezahlung nicht ausreicht, um die explodierenden Kosten der Hochschulausbildung auszugleichen.

Die Studiengebühren in den USA, ohnehin die höchsten der Welt, sind in den vergangenen zwanzig Jahren um 130 Prozent angestiegen. Dies hat zu einem Rekordniveau der Verschuldung vieler junger Menschen geführt. Millionen verlassen die Universitäten in dem belastenden Bewusstsein, dass sie für den Rest ihres Lebens verschuldet sein werden.

Sechsunddreißig Staaten in den USA haben dieses Jahr Kürzungen bei den Zuschüssen für öffentliche Universitäten und Colleges angekündigt, die sich auf eine Gesamtsumme von über fünf Milliarden Dollar belaufen. Arizona hat die Zuschüsse für die Universitätsausbildung um 22 Prozent gekürzt, Colorado um 20,9 Prozent und Washington um 23 Prozent. In Kalifornien werden Studenten an öffentlichen Universitäten in diesem Jahr tausend Dollar mehr an Studiengebühren zahlen müssen als im vergangenen Jahr.

Öffentliche Schulen werden zu Hunderten geschlossen, Lehrer massenweise entlassen. 2010 wurden in den USA 151.000 Stellen im Erziehungsbereich gestrichen. Im kommenden Schuljahr sind weitere 227.000 Entlassungen geplant. Das hat eine Studie der amerikanischen Vereinigung von Schulleitern ans Licht gebracht.

Diese fürchterlichen Bedingungen, mit denen Jugendliche konfrontiert sind, beschränken sich nicht auf die Vereinigten Staaten. In Großbritannien werden sich die Studiengebühren im nächsten Jahr von 3.000 Pfund auf 9.000 Pfund verdreifachen. Dies hat in diesem Jahr zu einer dreißigprozentigen Erhöhung der Anmeldungen geführt, da Millionen von Studenten ihre letzte Chance auf eine bezahlbare Ausbildung ergreifen. Die Flut von Bewerbern bedeutet, dass Zehntausende mit einer Ablehnung rechnen müssen.

Die Jugendarbeitslosigkeit schnellt in ganz Europa in die Höhe. In Großbritannien ist sie in gerade einmal drei Jahren von vierzehn auf zwanzig Prozent angestiegen. In Griechenland und Spanien, wo brutale Sparmaßnahmen im vergangenen Jahren Massenproteste ausgelöst haben, beläuft sich die Jugendarbeitslosigkeit auf jeweils 40, bzw. 46 Prozent. Für ganz Europa liegt sie im Schnitt bei über zwanzig Prozent.

Weltweit befinden sich Jugendliche in der gleichen Zwangslage: Es gibt keine Arbeitsplätze, den Schulen werden die Gelder gestrichen, und eine angemessene Ausbildung und Erziehung ist in wachsendem Maße das Privileg einiger Weniger. Junge Menschen müssen zusehen, wie ihre Zukunft vernichtet wird, um Kriege, Bankenrettungen und den extravaganten Reichtum der herrschenden Eliten zu finanzieren.

Die junge Generation wird den Kampf aufnehmen, denn sie ist Teil einer wieder auflebenden Bewegung der Arbeiterklasse. Wie Leo Trotzki 1938 während einer anderen Periode kapitalistischer Krise und sozialer Erhebungen schrieb: „Nur der frische Enthusiasmus und der aggressive Geist der Jugend kann die einleitenden Erfolge im Kampf garantieren; nur diese Erfolge können die besten Elemente der älteren Generation wieder auf den Weg der Revolution zurückführen.“

Während junge Menschen diesen Kampf aufnehmen, stellen sich die Fragen der Perspektive und der Geschichte mit besonderer Schärfe. Wie verläuft der Weg vorwärts? Welche Art von Kampf ist erforderlich? Was für ein politisches Programm wird gebraucht?

Die Ereignisse dieses Jahres decken bereits das Problem der politischen Perspektive auf. In Ägypten und Tunesien waren Jugendliche ein entscheidender Teil der revolutionären Erhebung der Arbeiterklasse, die die US-gestützten Diktatoren nach jahrzehntelanger Machtausübung zu Fall brachten.

Ein halbes Jahr später wird der Staat jedoch noch vom gleichen Militärapparat kontrolliert. Da es keine revolutionäre Führung gab, haben die USA und andere imperialistische Mächte die sozialen Unruhen in der Region benutzt, um ihre eigenen räuberischen Interessen zu verfolgen. Dies wird im kriminellen, neokolonialen Libyenkrieg besonders offensichtlich.

In den USA kündigten Massendemonstrationen in Wisconsin zu Beginn dieses Jahres eine weitaus breitere Bewegung an. Zehntausende junger Menschen, Studenten und Arbeiter, nahmen daran teil, um gegen Kürzungen im Erziehungs-, Gesundheits- und Rentenbereich zu kämpfen.

Aber die Demonstrationen wurden von den Gewerkschaften mit Hilfe kleinbürgerlicher, ex-linker Organisationen wie der International Socialist Organization (ISO) abgewürgt. Ihr Ziel war es, die Massenopposition zu entschärfen und in die Wahlkampagne der Demokratischen Partei einmünden zu lassen. Und dies, obwohl die Gewerkschaften die Kürzungen, die der republikanische Gouverneur vorschlug, akzeptierten, und die Demokraten sie öffentlich befürworteten.

Arbeiter und Jugendliche in den Vereinigten Staaten stehen vor der Tatsache, dass die Wahl Obamas – der ganz besonders junge Menschen angesprochen hatte – absolut nichts geändert hat. Obama, der Kandidat des „Wechsels“, steht bei der Zerstörung der öffentlichen Bildung an erster Stelle. Er setzt sich für milliardenschwere Kürzungen bei der Sozialhilfe und grundlegender Errungenschaften ein, die auf den New Deal der dreißiger Jahre zurückgehen.

Die jüngsten Aufstände in Großbritannien drückten die Unzufriedenheit von Millionen junger Menschen aus, deren Empörung über Arbeitslosigkeit, Armut und Polizeibrutalität innerhalb des bestehenden politischen Systems keinen Ausdruck finden kann. Die Gewerkschaften und die Vertreter einer korrupten und im Überfluss lebenden Mittelklasse haben diese Jugendlichen aufgegeben.

Die International Students for Social Equality (ISSE), die Studentenorganisation des Internationalen Komitees der Vierten Internationale und der ihm angeschlossenen Parteien, organisiert Studenten und junge Arbeiter in der ganzen Welt in einem Kampf gegen Krieg, soziale Ungleichheit, Arbeitslosigkeit und Armut.

Die ISSE betont, dass die grundlegenden Probleme, vor denen Studenten stehen, untrennbar mit den Bedingungen der Arbeiterklasse als Ganzer verbunden sind. Diesen Bedingungen kann man sich nicht einfach innerhalb der Grenzen von Schulen und Universitäten widersetzen. Studenten und Jugendliche müssen sich der Arbeiterklasse zuwenden und den Kampf für ihre internationale Einheit und die politische Mobilisierung gegen die kapitalistische Klasse und alle ihre politischen Parteien und Repräsentanten aufnehmen.

In den Vereinigten Staaten bedeutet das den Bruch mit der Demokratischen Partei und die unversöhnliche Gegnerschaft gegen sie. Sie ist neben den Republikanern die zweite große Partei des amerikanischen Big Business. In Europa und international bedeutet es, sich gegen die sozialdemokratischen und Labourparteien zu stellen, die allesamt eine reaktionäre, Konzern-freundliche Politik unterstützen. Es geht nicht darum, wie die ISO in den USA und ihre Weggefährten international behaupten, Druck auf das politische Establishment auszuüben. Die Aufgabe besteht im Gegenteil darin, eine neue Partei aufzubauen, die für die Errichtung einer Arbeiterregierung und den Sozialismus kämpft.

Eine solche Bewegung muss international sein. Die ISSE weist alle Versuche, Arbeiter und junge Menschen nach nationalen, rassischen, religiösen oder ethnischen Trennungslinien zu spalten, zurück. Sie widersetzt sich insbesondere allen Versuchen der herrschenden Klasse, eine gegen Immigranten gerichtete Stimmung zu schüren. Die ISSE besteht auf dem Recht von Arbeitern und Jugendlichen, in dem Land ihrer Wahl zu leben, die Staatsbürgerschaft ihrer Wahl anzunehmen und alle demokratischen Rechte ihrer Wahlheimat zu genießen.

Vor allem muss sich diese Bewegung auf das Verständnis gründen, dass die zugrundeliegenden Probleme im kapitalistischen System selbst wurzeln. Die Alternative zum Kapitalismus mit seinen endlosen Kriegen, Wirtschaftskrisen und der Geisel der Massenarbeitslosigkeit ist der Sozialismus.

Das sozialistische Programm erfordert eine massive Neuaufteilung des gesellschaftlichen Reichtums. Fabriken und Konzerne müssen den Händen der Milliardäre entrissen und in öffentlichen Besitz unter der demokratischen Kontrolle der ganzen Bevölkerung gestellt werden. Diese politischen Forderungen sind wesentlich, um die grundlegenden Rechte der Arbeiterklasse zu sichern, einschließlich des Rechtes auf einen gutbezahlten Arbeitsplatz, hochwertiger Ausbildung, umfassender Gesundheitsversorgung, lebenswerter Unterkunft und einer Welt frei von Krieg und Unterdrückung.

Die ISSE werden in den kommenden Monaten an Schulen und Universitäten, wie auch in Arbeitervierteln und Fabriken einen entschlossenen Kampf führen. Wir sind sicher, dass die Perspektive des sozialistischen Internationalismus unter jungen Menschen, die einen Weg vorwärts suchen, Gehör finden wird.

Wir fordern alle Studenten und jungen Menschen auf, den Kampf für den Sozialismus aufzunehmen, sich den ISSE anzuschließen und den Kampf für den Aufbau der Vierten Internationale als der neuen revolutionären Führung der Arbeiterklasse aufzunehmen.

Andre Damon