Slavoj Zizek: Rechte Tiraden gegen britische Jugendliche

Von Stefan Steinberg
2. September 2011

Das britische Establishment hat nicht mit Gehässigkeiten gegen die Jugendlichen gespart, die kürzlich an den Protesten und Ausschreitungen in Großbritannien beteiligt waren. Die rechtsgerichtete Presse, insbesondere das Murdoch-Imperium, das die willkommene Gelegenheit ergriff, von den eigenen Verbrechen abzulenken, forderte Blut und veröffentlichte Fahndungsfotos von jungen Menschen, die als „Krawallbrüder“ und „Schläger“ bezeichnet wurden.

Politische Rückendeckung erhielt diese Kampagne staatlicher und medialer Repression von führenden Mitgliedern der sogenannten Labour-„Linken“ wie dem Londoner Ex-Bürgermeister Ken Livingstone und der prominenten schwarzen Bürgerrechtsaktivistin und Parlamentsabgeordneten Dianne Abbott. Diverse britische und deutsche Stalinisten und ex-linke Organisationen konnten ihre eigene Legitimation als fanatische Anwälte kapitalistischer Law und Order-Politik gar nicht schnell genug unter Beweis stellen.

Als bislang letzter sprang der slowenische Philosoph Slavoj Zizek auf diesen Zug politischer Verleumdung auf und startete einen eigenen hinterhältigen Angriff auf die an den Ausschreitungen beteiligten Jugendlichen. Im führenden britischen Literaturmagazin London Review of Books veröffentlichte er einen Artikel unter dem zynischen Titel „Ladendiebe aller Länder, vereinigt euch!“

Schiebt man das pseudo-soziologische und post-moderne Wortgeklingel mal beiseite, dann enthüllt der Artikel die traditionellen Markenzeichen der extremen Rechten: Verachtung wie auch Angst gegenüber der Arbeiterklasse.

Zizek kritisiert die Randalierer dafür, dass sie “keine Botschaft” gehabt hätten. Er bezieht sich auf den deutschen Philosophen Hegel (den er dabei vollkommen entstellt), um die Jugendlichen als „Gesindel“ zu beschreiben, „das seine Unzufriedenheit nur durch völlig ‚irrationale‘ Ausbrüche zerstörerischer Gewalt“ ausdrücken kann.

Zizek geht in seiner Verleumdung der an den Protesten Beteiligten noch weiter. Nach einem Absatz, in dem er sich auf einen seiner ideologischen Väter, den deutsch-amerikanischen Philosophen Herbert Marcuse, beruft, verkündet er: „Was wir bei den Unruhen in Großbritannien gesehen haben, waren nicht zu Tieren gewordene Menschen, sondern die nackte Form des durch die kapitalistische Ideologie erzeugten „Tieres“.

Zizek zufolge waren die hirnlosen “Tiere”, die in London, Manchester und Leeds auf die Straße gingen, ausschließlich durch die primitivsten Triebe gesteuert, zuerst und vor allem durch den Konsumtrieb. Zizek zitiert den polnisch-britischen Soziologen und Post-Modernisten Zygmunt Bauman, der die Proteste als das Werk „geistig derangierter und sich selbst disqualifizierender Konsumenten“ charakterisierte.

Das wahre Ziel von Zizeks wütender Polemik sind nach seinen eigenen Worten “Linksliberale”, die “voraussehbar an ihrem Mantra von Sozialprogrammen und Integrationsinitiativen festhielten, demzufolge die gesellschaftliche Vernachlässigung die zweite und dritte Immigranten-Generation ihrer wirtschaftlichen und sozialen Chancen beraubt hat.“

Für Zizek sind derartige soziale Faktoren vollkommen irrelevant, wenn es darum geht, die Proteste zu erklären. Schließlich sind die Demonstranten, wie uns dieser gutbezahlte Akademiker an anderer Stelle seiner Hetzschrift mitteilt, „zwar unterprivilegiert und de facto von der Gemeinschaft ausgeschlossen, aber nicht unmittelbar vom Hunger bedroht.“

Zizek verbeugt sich vor seinem Publikum ehemaliger linker Radikaler und ernüchterter Akademiker, indem er die Reaktion des Thatcher-Flügels der britischen Konservativen auf die Krawalle kritisiert.

Das erlaubt ihm dann den Übergang zu einem der Haupteinflüsse seiner eigenen politischen Karriere zu machen, dem Einfluss Josef Stalins. Der sowjetische Diktator, so erzählt uns Zizek, hätte in seiner Weisheit sowohl die konservative als auch die linke Reaktion auf die Krawalle verurteilt. Zizeks positive Bezugnahme auf Stalin in seinem Artikel ist, wie wir sehen werden, kein Zufall.

Zizeks Verleumdung derer, die an den Aufständen beteiligt waren, gehen weiter und nehmen an Schärfe zu. Es reicht ihm nicht, sie als „Gesindel“ und „Tiere“ zu bezeichnen. Er zieht sogar eine Parallele zwischen den Aufständen und „Terrorangriffen und Selbstmordanschlägen“.

Wie in all seinen Aufsätzen zu zeitgenössischen Fragen versucht Zizek, sich einen radikalen Anstrich zu geben. Dabei hat der vermeintliche Philosoph absolut nichts Neues zu sagen. Seine Grübeleien über die allumfassende Macht des Kapitalismus und die Unterwürfigkeit der Arbeiterklasse unter den Gott des Konsums sind alte Hüte – Konzepte, die vor Jahrzehnten schon von der Frankfurter Schule und den Post-Modernisten propagiert wurden.

Genau wie jene Theoretiker hat Zizek nichts über die Parteien und Organisationen zu sagen, die traditionell mit der Arbeiterklasse in Verbindung gebracht werden – im Falle Großbritanniens die Labour Party und die Gewerkschaften. Ihr Verrat wird einfach ignoriert. Staat dessen belehrt uns Zizek, dass es sich bei den Randalierern um „Tiere“ handelt, die sich fest im Griff der kapitalistischen Ideologie befinden.

Es ist notwendig, die Formulierungen, die Zizek in seinem Artikel benutzt, sehr offen anzusprechen. Lässt man das verlogene Soziologenkauderwelsch beiseite, dann würden seine Argumente gut in ein Pamphlet der äußersten Rechten hineinpassen. Das Ende seines Artikels bestätigt diese Einschätzung.

Zizek erklärt zunächst, dass die Krawalle nichts am politischen Status Quo ändern werden. Dann präsentiert er seinen eigenen Vorschlag für eine Art von diktatorischem Regime und „starkem Mann“, wie man sie traditionell mit Stalin und der stalinistischen Bürokratie in Verbindung bringt. Es sei notwendig, so argumentiert Zizek, „der Gesellschaft eine neue Organisationsform zu geben. Um das tu tun, braucht man eine starke Kraft, die in der Lage ist, schnelle Entscheidungen zu treffen und sie mit der nötigen Härte durchzusetzen.“

Wer ist Slavoj Zizek?

Ein kurzer Blick auf Zizeks Karriere macht deutlich, dass die autoritäre und bösartige gegen die Arbeiterklasse gerichtete Einstellung, die er im London Review of Books einnimmt, kein Zufall ist.

Als Sohn stalinistischer Hardliner nahm Zizek 1977 im ehemaligen Jugoslawien seinen ersten Job nach dem Studium an und arbeitete für das Zentralkomitee der Slowenischen Kommunistischen Liga. Zu seinen Aufgaben gehörte das Verfassen von Reden für Mitglieder der stalinistischen Bürokratie.

Zizek hatte zuvor Philosophie studiert und sich auf die in den 1960er und 1970er Jahren populären Formen westlicher Ideologie spezialisiert. Durch seine Studien war er in der Lage, erste Kontakte zu westeuropäischen akademischen Schichten zu knüpfen. Als er in den 1980er Jahren merkte, dass Titos sogenannter „dritter Weg“ in Jugoslawien – der darauf abzielte, zwischen der stalinistischen Bürokratie im Osten und den imperialistischen Ländern im Westen hin- und her zu lavieren – zum Scheitern verurteilt war, schloss sich Zizek Ende der 1980er Jahre der sezessionistischen Slowenischen Liberaldemokratie (SLD) an.

Zizek war kein einfacher Parteisoldat. In den 1990er Jahren kandidierte er für das Amt des slowenischen Präsidenten und verlor nur knapp gegen einen anderen SLD-Kandidaten. Die SLD führte von 1992 bis 2004 Koalitionsregierungen an und setzte nach der Ablösung von Jugoslawien in Slowenien mittels kapitalistischer Schocktherapie wirtschaftliche Veränderungen durch. Zizek unterstützte die Partei in der gesamten Zeit.

Gleichzeitig gelang es Zizek, Beziehungen zu ehemaligen linken Organisationen zu knüpfen, die aus dem Zusammenbruch der osteuropäischen stalinistischen Staaten vollkommen pessimistische Schlussfolgerungen gezogen hatten und sich zunehmend mit dem Kapitalismus und dem freien Markt arrangierten. Neben seinen politischen Aktivitäten für die SLD schrieb er Artikel für das britische theoretische Organ New Left Review, dessen Redaktionsleitung sich aus dem Vereinigten Sekretariat rekrutierte, das 1953 mit dem Trotzkismus gebrochen hatte.

Mit der Unterstützung solcher Kräfte war Zizek in der Lage, Aufsätze und Bücher zu veröffentlichen, die ihm ein Publikum unter demoralisierten und zynischen Schichten der Ex-Linken verschafften, das sich durch seine ganz eigene Art von neo-stalinistischem Autoritarismus und eine mit sexuellen Anspielungen und Stammtischhumor gewürzte Kulturkritik auszeichnete.

Während er die neo-liberale SLD unterstützte, machte Zizek keinen Hehl aus seiner Bewunderung Stalins. In seinen Büchern und Aufsätzen bezieht er sich an verschiedenen Stellen auf die „innere Größe des Stalinismus“, das „emanzipatorische Potential“ stalinistischer Ideologie, selbst „dort, wo sie am totalitärsten auftritt“. Zizek verteidigt sogar Stalins Politik der Zwangskollektivierung in den späten 1920er Jahren, die Millionen russischer Bauern das Leben kostete.

Zusammen mit seinem engen politischen Mitarbeiter, dem französischen Maoisten Alain Badiou, hat Zizek auch Maos katastrophale Kulturrevolution öffentlich unterstützt.

Zizeks öffentliches Bekenntnis zum Stalinismus (Fußnote 1), seine Glorifizierung des Kapitalismus (2), seine Zurückweisung der Arbeiterklasse (3), sein unverfrorener Idealismus (4) und seine gelegentliche Verteidigung von Persönlichkeiten der äußersten Rechten (5) haben viele Organisationen nicht daran gehindert, sich diesem Scharlatan und politischen Provokateur anzuschließen. Seit einem Jahrzehnt ist sein hauptsächlicher politischer Sponsor die staatskapitalistische Socialist Workers Party (SWP) in Großbritannien.

Bereits 2001 gab der Führer der SWP, Alex Callinicos, grünes Licht für die Zusammenarbeit mit dem slowenischen Schriftsteller. Callinicos schrieb in dem Magazin Historical Materialism, ein „so eloquenter und origineller Schriftsteller wie Zizek ist ein mächtiger und willkommener Gewinn für den anti-kapitalistischen Kampf“. Seitdem haben Callinicos und die SWP Zizek regelmäßig bei Sommertreffen sowohl in Großbritannien als auch in Deutschland eine Plattform geboten.

Zizeks niederträchtige Tirade gegen diejenigen, die an den jüngsten Protesten auf britischen Straßen teilgenommen haben, sollte eine Warnung sein: In der Schicht ex-radikaler kleinbürgerlicher Linker geht eine qualitative Veränderung vor sich. Im Fall der von der Nato geführten Operation gegen Libyen haben das pablistische Vereinigte Sekretariat und andere ex-linke Organisationen offen die außenpolitischen Ambitionen der kriegführenden imperialistischen Mächte gutgeheißen. Zizek spricht im Namen von Teilen der Mittelschichten, einschließlich einer ganzen Reihe ex-linker Organisationen, die zunehmend alarmiert sind, weil die diskreditierten Arbeiterorganisationen sich als immer unfähiger erweisen, die öffentliche Empörung über den gesellschaftlichen Niedergang zu ersticken.

Zizeks Artikel im London Review of Books verdeutlicht, dass die britische Bourgeoisie sich auf die bereitwillige Unterstützung solcher kleinbürgerlicher Kräfte verlassen kann , wenn es um die Suche nach neuen Formen autoritärer Herrschaft geht, um drakonische Sozialkürzungen durchzusetzen und ein Tier namens Arbeiterklasse zu zähmen.

Fußnoten:

Fußnote 1: Eine Google-Bildsuche mit den Begriffen Zizek und Stalin führt zu einem Foto, das Zizek in seinem Apartment in Ljubljana im Bett liegend zeigt. Über seinem Kopf hängt ein Porträt Stalins.

Fußnote 2: “Eine der klarsten Lehren der vergangenen Jahrzehnte besteht darin, dass der Kapitalismus unzerstörbar ist“, London Review of Books, 2007

Fußnote 3: “Ich bin kein Idiot. Es würde überhaupt nichts bringen, heute zur leninistischen Arbeiterklasse zurückzukehren“. Interview in 2002

Fußnote 4: “Als Theoretiker habe ich das Recht, über Dinge zu schreiben, von denen ich nichts weiß. Ich glaube an die Absolutheit der Theorie“. Interview mit der Zeitschrift taz.

Fußnote 5: Siehe Zizeks Aufsatz “Warum Heidegger 1933 den richtigen Weg einschlug.” Zizek kritisiert Hitler, nicht gewalttätig genug, und den Nationalsozialismus, nicht radikal genug gewesen zu sein.