Ausstellung über russische und sowjetische Moderne bereist Europa

Von Tim Tower
8. Oktober 2011

Werke von Künstlern, Architekten, Ingenieuren und Fotografen, deren Schaffen von der Oktoberrevolution 1917 inspiriert wurde, sind zurzeit auf einer Wanderausstellung durch Europa zu sehen. In Deutschland werden die Fotografien, Gemälde, Modelle und Zeichnungen vom 5. April bis 9. Juli 2012 im Martin-Gropius-Bau in Berlin zu sehen sein.

Die Ausstellung trägt den Titel Baumeister der Revolution. Sowjetische Kunst und Architektur von 1915–1935. Den Katalog veröffentlicht der Mehring Verlag diesen Monat. Nachdem die Ausstellung bereits in Barcelona und Madrid zu sehen war, wird sie unter dem Titel Building the Revolution vom 29. Oktober 2011 bis 22. Januar 2012 an der Royal Academy of Arts in London gastieren.

Dieser Artikel berichtet über die Schau im LaCaixa Forum in Madrid, die am 18. September zu Ende ging.

Im Frühjahr 2006 war eine Auswahl großformatiger Bilder des Architekturfotografen Richard Pare zum ersten Mal im Ruinen-Flügel des Staatlichen Schtschusew-Museums für Architektur (MUAR) in Moskau zu sehen. Seither konnten Menschen in vier Ländern auf drei Kontinenten die Bilder bewundern. Nach beinahe sechs Jahren haben sie eine lange Reise hinter sich, die wirklich aufsehenerregend ist, weil nur wenige Ausstellungen nach so langer Zeit immer noch auf ungebrochenes Interesse stoßen. Zu den Fotos von Richard Pare sind inzwischen viele kleinformatige, historische Fotos aus den Archiven des MUAR und Exponate aus der Sammlung Costakis des Staatlichen Museums für Zeitgenössische Kunst in Thessaloniki hinzugekommen.

Die Szenerie in Madrid war spektakulär. Als wir uns auf dem Paseo del Prado dem Museum von Süden näherten, tauchte ein prächtiger Garten auf, an der Seite eines Gebäudes, das den kleinen Eingangsbereich flankiert. Der vertikal an der Hauswand gepflanzte Garten des französischen Gartenkünstlers Patrick Blanc durchbricht das städtische Erscheinungsbild und reflektiert den Königlichen Botanischen Garten auf der gegenüberliegenden Straßenseite des Paseo del Prado.

Museum und Garten von der Straße gesehen Museum und Garten von der Straße gesehen

Die vom Caixa-Museum in Auftrag gegebenen Umbauarbeiten an einem stillgelegten Elektrizitätswerk, unter der Leitung von Jacques Herzog und Pierre de Meuron, wurden 2008 abgeschlossen. Weiter nördlich und etwas höher gelegen befindet sich das Geburtshaus von Miguel de Cervantes, der dort vor beinahe 400 Jahren auch starb. Jahrhunderte alte Gebäude in engen Straßen mit Kopfsteinpflaster sind typisch für diesen Teil der Stadt. Aus diesen dicht aneinander stehenden Gebäuden wurde der Eingang zur Ausstellung praktisch herausgebrochen.

Die Architekten retteten die Ziegelfassade des ehemaligen Elektrizitätswerks. Sie ersetzten die bestehende Gebäudeform durch große, auskragende Elemente und gestalteten einen Eingang im alten Stil völlig neu. Es schien uns, als stiegen wir in ein Grab, als wir durch den tief gelegenen Eingang des riesigen, hoch aufragenden Gebäudes gingen, ehe wir die asymmetrische Treppe aus rostfreiem Stahl ins Foyer hinauf stiegen.

Die Treppe im LaCaixa Forum Die Treppe im LaCaixa Forum

Der Hauptbereich des Museums, der die Treppen und die Aufzüge enthält, ist sanft gebogen und hat cremefarbene Terrazzoböden. Viele Neuerungen sind gut gemacht, doch die Anlage des Museums insgesamt leidet darunter, dass ein einheitliches und schlüssiges Konzept fehlt. Für viele der in der Ausstellung gezeigten Arbeiten trifft gerade das Gegenteil zu. Sie sind von einem einzigartigen Ziel getragen, das die technischen Möglichkeiten der Zeit ihrer Entstehung zu überwinden sucht.

Die Kuratoren der Ausstellung sind MaryAnne Stevens der Royal Academy of Arts in London und Maria Tsantsanoglou des Staatlichen Museums für Zeitgenössische Kunst in Zusammenarbeit mit Richard Pare. Der Katalog ist David Sarkisjan (1947–2010) gewidmet. Als Direktor des Schtschusew-Museums unterstützte er schon früh das Projekt von Richard Pare, die Architektur der schöpferischen Periode, die auf die Revolution folgte, zu dokumentieren.

Maria Tsantsanoglou besuchte Moskau 2006, als Pares Fotografien zum ersten Mal öffentlich gezeigt wurden. Als sie die Ausstellung besuchte, machte sie darauf aufmerksam, dass das Archiv des Schtschusew-Museums von diesen Gebäuden Originalbilder haben müsste, die die Fotografien Pares hervorragend ergänzen würden. David Sarkisjan stimmte sofort zu. Ein Jahr darauf wurden Pares Fotografien im New Yorker Museum of Modern Art gezeigt.

Richard Pares Fotografien im Ruinen-Flügel des Staatlichen Schtschusew-Museums für Architektur in Moskau, 2006 Richard Pares Fotografien im Ruinen-Flügel des Staatlichen Schtschusew-Museums für Architektur in Moskau, 2006

Als das Staatliche Museum für Zeitgenössische Kunst über Gelder für eine Ausstellung im Jahr 2008 verfügen konnte, bat Maria Tsantsanoglou David Sarkisjan, Archivfotos aus dem MUAR zur Verfügung zu stellen. Sie selbst steuerte Exponate aus der Sammlung Costakis bei, die zu den gezeigten Bauwerken in einer besonderen Beziehung stehen.

George Costakis war ein einzigartiger Sammler, denn er „sammelte alles“, erklärte Tsantsanoglou, „kleine Skizzen, Papierfetzen, alte Sachen auf dem Dachboden“. Einige dieser ungewöhnlichen Gegenstände sind Keimformen späterer wichtiger Tendenzen in der sowjetischen Avantgarde. Diese Dinge waren schwer in einer Ausstellung unterzubringen, aber: „Richards Fotografien stellten sie in den richtigen Zusammenhang.“

Ein doppelseitiges Tafelbild nahe dem Eingang zur Ausstellung in Madrid gibt dem Besucher ein Gefühl dafür, wie sich dieser historische Ansatz auswirkt. Eine kleine Skizze (Kat. 1, Blick aus meinem Fenster auf Häuser, 1906) von Ljubow Popowa nimmt eine Seite eines großen Tafelbildes in Anspruch. Popowa, eine Gründerfigur des Konstruktivismus, war Lehrerin, Lebensgefährtin und Mitarbeiterin des Architekten Alexander Wesnin und Bühnenbilddesignerin für Wsewolod Meyerhold, der für das experimentelle Theater eine herausragende Rolle spielte. Ein für ihn angefertigtes Bühnenbild und mehrere Bauwerke von Wesnin sind in der Ausstellung ebenfalls vertreten.

Popowa, Tochter eines wohlhabenden Kaufmanns, war mit sechzehn Jahren schon eine erfahrene Künstlerin und hatte bereits fünf Jahre bei Künstlern gelernt. Ihre konventionelle Darstellung von Wohnhäusern entlang der Moskwa ist eine aussagekräftige Ankündigung der bevorstehenden Veränderung. Aus der Studentin für Ikonenmalerei und Stadtlandschaften wurde eine entschiedene Fürsprecherin des neuen Stils.

Zu den großen Schätzen der Ausstellung gehört ein Bild aus Popowas Gemäldeserie Raum-Kraft-Konstruktion (1920–1921). Das Trägermaterial ist eine Ikonentafel, die buchstäblich ins Gegenteil verwandelt wurde.

<i>Raum-Kraft-Konstruktion </i>von Ljubow Popowa Raum-Kraft-Konstruktion von Ljubow Popowa

1920 war das Land vom Bürgerkrieg beherrscht, als die Rote Armee die Weißen Armeen der Gutsbesitzer und Kapitalisten, die von den Imperialisten mit Kriegsmaterial und Truppen unterstützt wurden, vertrieb. Es mangelte an allem. Die Malerin nahm eine Holztafel, die zuvor einem religiösen Ikonenbild als Unterlage gedient hatte und vermutlich aus einer Kirche stammte, bearbeitete die Oberfläche mit Sand und beließ das fluoreszierende Birkenholz und rostige Nägel. Rote, halbkreisförmige Linien durchschneiden spiralförmig aufsteigend das Bild, als schneide eine Sichel den letzten weißen Rest aus der Geschichte.

Das Bild verströmt ein unstillbares Verlangen, zu erziehen und aufzuklären.

Während dieser Periode arbeitete und lehrte sie an den drei wichtigsten Einrichtungen für Kunsterziehung in Moskau: SWOMAS (Staatliche Freie Kunstwerkstätten), WChUTEMAS (Höhere Künstlerisch-Technische Werkstätten/Künstlerisch-Technische Hochschule) und INChUK (Institut für künstlerische Kultur).

Jahrhunderte lang musste die Bevölkerung in erzwungener Rückständigkeit unter der zaristischen Selbstherrschaft darben, die die Unterstützung der Orthodoxen Kirche genoss. Die Revolution hatte die Voraussetzung geschaffen, diesen Zustand abzuschaffen. Popowa gehörte zu der Schicht Intellektueller, die Partei für die Revolution bezogen.

Ihre Botschaft ist eindeutig. Die Materialien und Techniken der alten Gesellschaft sollten benutzt werden, um die Bevölkerung zu befreien – geistig, kulturell, gesellschaftlich.

Hinter ihrem Gemälde ist Richard Pares Fotografie des spiralförmigen Treppenaufgangs in der Wohnsiedlung der Tscheka in Jekaterinburg zu sehen. Sie bedient sich einer ähnlichen Ikonografie, Hammer und Sichel spiralförmig nach oben führend, aber zunehmend mit entgegengesetzter Intention. Die Architekten des zwischen 1929 und 1936 erbauten Komplexes waren Iwan Antonow, Wenjamin Sokolow and Arseni Tumbasow.

Bis Ende der 1920er Jahre hatten in der Weltpolitik schwerwiegende Veränderungen stattgefunden, die sich gravierend auf die sowjetische Gesellschaft auswirkten. Die Revolution in Deutschland war 1923 gescheitert. 1926 wurde der Generalstreik in England verraten und 1927 führte der wachsende Einfluss der stalinistischen Politik in der Kommunistischen Internationale zur Niederlage der Revolution in China. In den späten 1920er Jahren, als mit dem Bau der Wohnsiedlung der Tscheka begonnen wurde, war der Ausschluss der Linken Opposition aus der Kommunistischen Partei bereits eine Tatsache, und Vorbereitungen auf Massensäuberungen hatten bereits begonnen.

Diese Vorgänge waren äußerst komplex. Formen, die in den Gemälden Ljubow Popowas als Symbole der Befreiung gedient hatten, wurden nun, im Wohnkomplex der Geheimpolizei, zu Symbolen der staatlichen Unterdrückungsmaschinerie. Während der 1920er Jahre verstärkte eine anwachsende Bürokratie ihren Würgegriff um das staatliche und kulturelle Leben insgesamt.

Formen, die als Folge der leidenschaftlichen Debatten unter den Künstlern über ihre Rolle in der sozialen Revolution entstanden waren, wurden zum Sinnbild der repressiven Macht des Staates, der immer mehr zum wichtigsten Instrument der Konterrevolution wurde. Man vergleiche Nikolai Tarabukins Statisch-dynamische, planare und volumetrische kompositorische Konstruktivität aus dem Jahr 1921 (Kat. 31) mit dem Treppenhaus der Wohnsiedlung der Tscheka (1929–1936) (Kat. 77.5). Die Widersprüche sind frappierend. Eine lyrische Spirale aus den stürmischen Tagen gegen Ende des Bürgerkriegs wurde zum Vorzeigesymbol der Staatsmaschinerie.

Gegenüber der Tafel mit Popowas früher Skizze shen wir sieben kleine Zeichnungen von Iwan Kljun aus dem Jahr 1915 (Kat. 4.1 bis 4.7). Es sind eigenartige Kombinationen geometrischer Objekte, die an wenigen Fäden hängend im Raum schweben. Kljun nannte sie „dreidimensionale Konstruktionen“ oder „fliegende Skulpturen“. Von den Objekten selbst ist keines erhalten, aber die Skizzen sind die ersten Beispiele moderner Mobiles.

Ähnliche Bilder erscheinen immer wieder in der Periode unmittelbar vor und nach der Revolution. In der Ausstellung sind einige Konstruktionen von Alexander Rodtschenko zu sehen (Kat. 9 und 40.2), El Lissitzkis Skizze für Proun 6B aus dem Jahr 1921 (Kat. 14) und Dynamische Stadt von Gustav Kluzis, 1919–1921 (Kat. 12). Immer schwebt eine wunderbar ausgewogene geometrische Komposition durch den Raum. Das Bild ist oft planetarisch, und der Impuls ist eindeutig. Der Künstler, entsetzt über den Zustand der Welt, aber scheinbar unfähig, sie zu ändern, stellt sich eine bessere, in perfektem Gleichgewicht befindliche und friedliche Welt vor.

<i>Dynamische Stadt</i> von Gustav Kluzis, 1919–1921 (Kat. 12) Dynamische Stadt von Gustav Kluzis, 1919–1921 (Kat. 12)

Die Architekten Mamen Domingo und Ernest Ferré lehnten sich an diese Idee an und entwarfen ein System, die Kunstwerke zu präsentieren. Um die sozialen Spannungen und großen Hoffnungen der Periode spürbar zu machen, hingen sie Tafeln an Stahlkabeln auf, die zwischen Deckenbalken und am Boden befestigten Stahlplatten gespannt waren.

Mitte der 1920er Jahre, als der sowjetische Staat in der Lage war, Mittel für Bautätigkeit freizumachen, spiegelten sich einige Themen der Avantgarde in den Bauten wider. In einem kommenden Artikel werden wir einige dieser Gebäude genauer besprechen.

Der Katalog zu dieser Ausstellung ist im Mehring Verlag erhältlich.

Baumeister der Revolution

Sowjetische Kunst und Architektur 1915–1935

270 Seiten mit ca. 250 Abbildungen

Einband: gebunden mit Schutzumschlag

Preis: € 39,90 [D], € 41,10 [A]

ISBN: 978-3-88634-096-5

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