China: Schwächeres Wirtschaftswachstum lässt Kreditkrise befürchten

Von Nick Beams
25. Oktober 2011

In China wecken die jüngsten Wachstumszahlen Befürchtungen, dass der chinesische Aufschwung an sein Ende kommen könnte. Chinas Wirtschaft ist alles andere als der dringend benötigte Impuls für die Weltwirtschaft.

Das Wachstum verlangsamte sich im dritten Quartal auf einen Jahreswert von 9,1 Prozent gegenüber 9,5 Prozent im zweiten Quartal und 9,7 Prozent im ersten. Die Verlangsamung führte dazu, dass der Aktienmarkt einbrach. Es wird befürchtet, dass die chinesische Regierung ihre Kreditpolitik, die teils für die Abschwächung verantwortlich ist, noch weiter treiben könnte.

Die meisten Prognosen sagen immer noch voraus, dass China eine sogenannte „weiche Landung“ hinlegen werde. Doch der Wirtschaftseinbruch in den USA und die Finanzkrise in Europa (Chinas größtem Exportmarkt) werden zweifellos ungünstige Auswirkungen auf die weltweit zweitgrößte Volkswirtschaft haben.

Auch die Kreditverknappung wirkt sich negativ aus. Sie erzeugt zwei wesentliche Effekte: Kleinen und mittelständischen Unternehmen fällt es immer schwerer, an Kredite heranzukommen, und die Immobilieninvestitionen werden beeinträchtigt. Letztere umfassen dreizehn Prozent des Bruttoinlandsproduktes des Landes.

George Magnus, Chef-Wirtschaftsberater der UBS, stellte in einer Gastkolumne der Financial Times vom 16. Oktober fest, dass Immobilientransaktionen in den zwanzig größten Städten rund ein Drittel niedriger waren als vor einem Jahr. Die sinkenden Aktienkurse lassen demnach befürchten, dass die Immobilienblase platzen könnte.

Magnus verwies darauf, dass im Vergleich zum Jahr 2004, als es den chinesischen Behörden gelungen war, eine Abschwächung der Konjunktur in den Griff zu bekommen, Chinas heutiges großes Problem in der Höhe der Schulden der kommunalen und Provinzregierungen bestehe, die für Infrastruktur und Grundstückerschließung verantwortlich seien. Die Situation sei mit der Subprime-Krise in den Vereinigten Staaten vergleichbar.

„Die kommunalen Regierungen sind stark an Vermögenswerten und Sicherheiten beteiligt. Sie sind hoch verschuldet und haben Verbindlichkeiten von mindestens dreißig Prozent des Bruttoinlandsprodukts“, schrieb Magnus. „Viele stehen vor Cashflow-Problemen und geraten leicht in Zahlungsrückstand, was in den nächsten zwei Jahren zu großen Umschuldungen und Zahlungsausfällen führen könnte.“

Laut Magnus haben die Regulierungsbehörde und der nationale Rechnungshof faule Kredite im Wert von etwa 470 Milliarden Dollar ermittelt, das entspricht rund acht Prozent des Bruttoinlandsprodukts. „Eine Welle von Bankrotten, Landversteigerungen und Grundstücksverkäufen, sowie die schwächelnden Immobilienpreise könnten schwerwiegende Folgen für das kapitalistische Modell Chinas haben“, betonte er.

Das Dilemma der chinesischen Regierung hat sich im vergangenen Jahr noch verschärft. Aus Angst, die steigende Inflation könnte eine deutliche Lohnbewegung der Arbeiterklasse wie 2010 auslösen, hat die Regierung eine Politik des knappen Geldes eingeleitet und versucht, die Preise in Zaum zu halten. Aber fünf Zinserhöhungen plus neun Erhöhungen der Mindestreservepflicht der Banken im vergangenen Jahr wirken sich auf den Immobilienmarkt nachteilig aus und belasten besonders kleine Unternehmen, die stark von der Kreditvergabe abhängig sind.

Wenzhou, eine Neun-Millionen-Stadt im Südosten des Landes, steht zurzeit im Zentrum der Aufmerksamkeit. Dort hat die Politik des knappen Geldes jetzt schon große Auswirkungen, und es wird befürchtet, die dortige Entwicklung könnte auf das ganze Land übergreifen.

In Wenzhou ist die Industrie von kleinen und mittleren Unternehmen nachhaltig geprägt. Sie arbeiten mit engen Gewinnspannen und sind von billigen Arbeitskräften und Krediten abhängig. Mit den Kürzungen der Staatskredite konfrontiert, wenden sich viele Unternehmen an private Kreditgeber, welche Zinssätze von bis zu neunzig Prozent verlangten. Dies führt dazu, dass sie sich Geld ausleihen müssen, um frühere Kredite zurückzahlen zu können.

Der aus Shanghai stammende Ökonom und langjährige China-Analyst Andy Xie, der kürzlich zwei Monate lang eine Untersuchung in Wenzhou durchführte, sagte Associated Press: „Ich bin zum Schluss gelangt, dass dies ein Schneeballsystem ist. Neues Geld wird zur Abzahlung alten Geldes verwendet. Falls wir dies nicht unter Kontrolle bringen, könnte es zu einer nationalen Katastrophe führen.“

In einigen Fällen können seriöse Geschäftsbetriebe ihre Produktion nicht aufrechterhalten, weil ihre Rohstofflieferanten fürchten, die Werksbesitzer könnten – wie schon bei einigen geschehen – die Stadt fluchtartig verlassen, um ihren Gläubigern zu entkommen.

Zhou Dewen, Leiter eines Unternehmerverbands von Wenzhou, berichtet Associated Press: „Die Kreditklemme ist so eng, dass bis zu vierzig Prozent der klein- und mittelständischen Wirtschaftsunternehmen schließen oder zumindest in den kommenden Monaten mangels Betriebskapitals die Produktion zurückfahren müssen“.

Die Entwicklung in Wenzhou könnte vorwegnehmen, was der Wirtschaft als Ganzes bevorsteht. Huang Yiping von Barclays Capital erklärte gegenüber der Financial Times: „Was in Wenzhou geschieht, zeigt, dass das [auf Exporte und hohe Investitionen basierende] chinesische Modell an sein Ende kommt. Chinas wirtschaftlicher Erfolg der letzten dreißig Jahre beruhte auf billigem Kapital, billigen Arbeitskräften, billiger Energie und billigem Land. Doch diese haben die heutigen gewaltigen Ungleichgewichte und Ineffizienzen verursacht, deren Folgen immer weitergehende Probleme sind.“

Weltbank-Präsident Robert Zoellick sagte: „Die Triebkräfte des kometenhaften Aufstiegs Chinas nehmen ab. Die Ressourcen sind schon weitgehend von der Landwirtschaft zur Industrie verschoben. Da die Erwerbsbevölkerung schrumpft und die Gesamtbevölkerung altert, gibt es immer weniger Arbeitskräfte, um die Rentner auszuhalten. Das Produktivitätswachstum geht zurück.“

Die chinesischen Behörden wissen über das gestörte Gleichgewicht und die Widersprüche in der Wirtschaft bestens bescheid. Präsident Hu Jintao erklärte vor kurzem: „China leidet an einem schweren Mangel an Gleichgewicht, Koordination und nachhaltiger Entwicklung.“

Der neueste Fünf-Jahres-Plan sieht eine Verlagerung hin zum inländischen Verbrauch und weg von der Abhängigkeit von Exporten und hohen Investitionen vor. Dadurch will man das Wirtschaftswachstum retten. Aber der Plan leidet an einem grundlegenden Widerspruch. Wenn der Konsum wachsen soll, müssen auch die Löhne steigen, und damit verschlechtert sich Chinas Position im Wettbewerb mit Bangladesch oder Vietnam, wer die billigsten Arbeitskräfte anbieten kann.

Weit davon entfernt, der Weltwirtschaft einen Weg vorwärts zu weisen, sind Chinas wachsende wirtschaftliche Probleme selbst Ausdruck der Krise. Vor drei Jahren, im Zuge des Zusammenbruchs von Lehman Brothers, erlitt China einen Einbruch der Exporte. Damals strömten 23 Millionen Arbeiter aus den Städten in ländliche Regionen zurück, als ihre Fabriken stillgelegt wurden.

Die Regierung reagierte damals mit einem Konjunkturpaket über 500 Milliarden Dollar und einer massiven Ausweitung der Kreditvergabe durch das Bankensystem. Alle diese Maßnahmen haben jedoch Bedingungen hervorgebracht, die zu einer großen Krise führen. Dies wird gravierende Auswirkungen auf die gesamte asiatische Pazifikregion und den Rest der Welt haben.

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