Aktionstag der IGM-Jugend: Alibi für die Gewerkschaft

Von Dietmar Henning
4. Oktober 2011

Am Samstag organisierte die Jugendorganisation der IG Metall einen bundesweiten Aktionstag unter dem Motto „Laut und Stark“. Laut Gewerkschaftsangaben kamen rund 20.000 junge Menschen nach Köln zur Demonstration und dem anschließendem Pop-Konzert.

Der Zweite IG-Metall-Bundesvorsitzende Detlef Wetzel sagte auf der Hauptkundgebung auf dem Kölner Neumarkt, Politik und Unternehmern hätten die Interessen der jungen Generation über Jahre hinweg ignoriert. „Wir wollen ein Zeichen setzen, damit die Politik endlich die Themen der jungen Generation auf die politische Tagesordnung setzt, sie zur Chefsache macht.“

Die IG Metall werde in der kommenden Tarifrunde für die unbefristete Übernahme aller Auszubildenden kämpfen, kündigte Wetzel an.

Eric Leiderer, 39jähriger Jugendsekretär der IG Metall, kritisierte, dass die junge Generation noch immer als das schwächste Glied in der Gesellschaft ausgenutzt würde. „Bei jungen Menschen lässt sich am einfachsten kürzen, streichen und Löhne drücken.“

Die IG Metall hat sich den Aktionstag einiges kosten lassen. Neben den üblichen kostenlosen T-Shirts, Boxhandschuhen, Transparenten (selbstgemachte waren kaum zu sehen), inszenierten symbolischen Aktionen auf dem Kundgebungsplatz und anderem Schnick-Schnack, hatte die IG Metall die Lanxess-Arena nebst den „angesagtesten deutschen Bands“, wie die IG-Metall-Jugend stolz erklärte, gebucht (Dolly Gun, Mono & Nikitaman, Jennifer Rostock, Revolverheld und Culcha Candela). „Comedy-Star Carolin Kebekus moderiert die Party mit ihrer Ghetto-Schnauze.“

Der mehrere Hunderttausend Euro kostende Aktionstag war erstens eine PR-Aktion der Gewerkschaft, um von ihrer eigenen Verantwortung beim „kürzen, streichen und Löhne drücken“ abzulenken. Denn wer hat denn in den letzten Jahren dafür gesorgt, dass gerade die jungen Beschäftigten in Dauer-Praktika, schlecht bezahlte Leiharbeit und befristete Beschäftigung oder gleich in die Arbeitslosigkeit abgeschoben wurden? Es waren die Gewerkschaften, die sich entweder erst gar nicht um die prekär Beschäftigten kümmern oder dies ausdrücklich in allen vergangenen Tarifrunden vereinbart haben.

Auf Betriebsebene haben die Gewerkschaftsvertreter in den Betriebs- und Personalräten unzählige Vereinbarungen mit den Unternehmen getroffen, um mit der Abschiebung der Auszubildenden in Leih- und Subunternehmen, in befristete Beschäftigung oder gleich in die Arbeitslosigkeit die Personalkosten zu drücken und so die „Wettbewerbsfähigkeit“ des Unternehmens zu sichern.

Es ist diese Zusammenarbeit der IG Metall und des Arbeitgeberverbands, der dazu führte, dass die Gewerkschaft viele Mitglieder verlor. Von den einst 2,7 Millionen Mitgliedern der IG Metall vor 20 Jahren sind derzeit nur noch 2,2 Millionen übrig. Weil die Gewerkschaft sich in den letzten Jahren kaum für die Jungen in den Betrieben eingesetzt hat, sind die rund 200.000 Mitglieder unter 27 Jahren deutlich unterrepräsentiert.

Der inszenierte Aktionstag in Köln ist zudem eine Reaktion auf die sich verschlechternde Situation der jungen Generation in Deutschland, Europa und der Welt.

Die IG Metall hat in diesem Jahr selbst eine Studie vorgestellt, in der sie belegt, dass die so genannten prekären Arbeitsverhältnisse junge Menschen überproportional betreffen. Mehr als die Hälfte aller Erwerbstätigen bis 24 Jahre sind befristet oder in Leiharbeit beschäftigt oder gehen einer Arbeitsmarkt-Maßnahme nach. Mit neun Prozent stieg ihr Anteil an den prekär Beschäftigten auf 45 Prozent und übertraf sogar den Wert des Krisenjahrs 2009.

Eine andere Studie der Bertelsmann-Stiftung aus diesem Jahr zeigt auf, dass die jungen Erwachsenen im Alter zwischen 25 und 29 Jahren mit 17 Prozent die höchsten Arbeitslosenquoten aufweisen. Bei den 20- bis 24-Jährigen liegt die Quote noch bei 14 Prozent. Die Gruppe der 15- bis 19-Jährigen, die weder einer Ausbildung noch einer Erwerbsarbeit nachgehen, beträgt lediglich 4 Prozent. Doch liegt dies erstens an der deutschen Schulpflicht und zweitens an unzähligen Warteschleifen für Schulabgänger. Fast 400.000 Jugendliche befinden sich in solchen Maßnahmen, da die Anzahl der Ausbildungsplätze in den letzten Jahren gesunken ist. Nicht einmal jeder vierte Betrieb bildet aus.

Auch ein Studium ist nicht mehr Garantie für einen besseren Arbeitsplatz. Mehr als 600.000 Absolventen fristen ihr Dasein in Praktika, viele andere in prekärer Beschäftigung. Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) veröffentlichte in diesem Jahr Zahlen dazu. Direkt nach dem Studium treten 28 Prozent zunächst ein Praktikum oder eine praktikumsähnliche Beschäftigungsform, wie Hospitationen oder Trainee-Programme an. An zweiter Stelle stehen die befristeten abhängigen Beschäftigungen mit 27 Prozent. Nicht einmal jeder fünfte findet nach dem Studium eine unbefristete abhängige Beschäftigung. 40 Prozent der Praktika nach Studienabschluss sind unbezahlt, obwohl die Absolventen vollwertige Arbeit leisten. Nur 9 Prozent erhalten ein Gehalt von mindestens 800 Euro monatlich.

Nur jeder Dritte (36 Prozent) befindet sich dreieinhalb Jahre nach Studienabschluss in einem unbefristeten Beschäftigungsverhältnis.

In den Revolutionen in Tunesien und Ägypten genauso wie in den Protesten in Spanien, Griechenland, Großbritannien und in vielen anderen Ländern spielten und spielen die jungen Menschen, die keinerlei Perspektive für ihr Leben sehen, eine bedeutende Rolle.

IGM-Jugendsekretär Leiderer sprach dies auf der Kundgebung in Köln unumwunden an. „In ganz Europa erhebt sich die Jugend gegen Perspektivlosigkeit – In Dortmund, in Rom, in Athen, in Wien“, rief er. „Und die IG Metall und ihre Jugend ist mittendrin. Und wir mischen ganz vorne mit. Und wir werden immer stärker und lauter.“

Doch der Grund, weshalb die Gewerkschaft versucht, sich an die Spitze der Erhebungen zu stellen, ist ein anderer, als Leiderer behauptet. Der Aktionstag der IG-Metall-Jugend ist daher auch eine Vorbereitung auf kommende Jugendproteste in Deutschland. Der Gewerkschaftsapparat will von Anfang an die Kontrolle über eine solche Bewegung ausüben, um sie zu kanalisieren und in ungefährliche Bahnen lenken zu können.

Auf keinen Fall vertritt die Gewerkschaft die Interessen von Jugendlichen und jungen Menschen. Das hat sie in der Vergangenheit bewiesen und wird dies auch in Zukunft zeigen.

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