Qantas legt Flotte still, um weitreichende Umstrukturierung durchzusetzen

Von James Cogan
2. November 2011

Der beispiellose Schritt von Qantas Airways, seine gesamte Flotte global vorübergehend stillzulegen ist ein Wendepunkt in der Offensive der Wirtschaft gegen die Arbeitsplätze, Löhne und Arbeitsbedingungen der Arbeiter in Australien. Sie hat dabei die Unterstützung der Labor Party. Der Schritt ist ein Signal, dass die Unternehmen in der globalen Wirtschaftskrise alle Hemmungen fallen lassen, um die Profitinteressen der Finanz- und Wirtschaftselite zu schützen.

Qantas-Chef Alan Joyce sagte auf einer Pressekonferenz am letzten Samstag um 17 Uhr, dass Tausende Qantas Beschäftigte um acht Uhr am Montagmorgen ohne Bezahlung ausgesperrt würden, weil drei Gewerkschaften Streikmaßnahmen ergriffen hätten. Er erklärte, weil die Reaktion der Arbeiter auf die Aussperrung „nicht vorhersehbar“ sei, würden alle 108 Flugzeuge von Qantas auf 22 Flughäfen sofort stillgelegt. Ca. 68.000 Passagiere wurden sich selbst überlassen und mussten sehen, wie sie Plätze auf Maschinen anderer Gesellschaften ergatterten.

Wie von Qantas beabsichtigt, lieferte die Stilllegung der Flotte Premierministerin Julia Gillards Regierung den Vorwand, zum ersten Mal formell in einen Arbeitskampf einzugreifen und die Vollmachten zum Streikbruch zu nutzen, die ihr das Gesetz Fair Work Australia (FWA) einräumt. Sie ordnete eine Dringlichkeitssitzung der Zwangsschlichtungsstelle des FWA an. Am frühen Morgen entschied das Gericht im Sinne von Qantas und der Regierung und ordnete die Beendigung der Aussperrung und der begrenzten Arbeitskampfmaßnahmen der Gewerkschaften der Piloten, Techniker und des Bodenpersonals an. Die Schiedsstelle wird rechtlich bindende Regelungen erlassen, wenn Verhandlungen in den nächsten 21 Tagen zu keinem Ergebnis führen.

Das Vorgehen von Qantas ist der Höhepunkt der Bestrebungen, die Opposition der Belegschaft gegen die Restrukturierungen auszutreten, die zu einer ständigen Verringerung der Aktivitäten unter dem Firmennamen von Qantas führen. Seit fast zehn Jahren baut Qantas ein Firmengeflecht von Tochtergesellschaften in teilweisem oder vollständigem Besitz von Qantas auf, in denen Beschäftigte zu wesentlich geringeren Löhnen und schlechteren Arbeitsbedingungen beschäftigt werden, als bei der „nationalen“ australischen Fluggesellschaft. Im Moment gehören zu diesem Firmengeflecht JetConnect in New Zealand, Jetstar Asia in Singapur, Jetstar Pacific in Vietnam, und Jetstar Airways und QantasLink in Australien.

In Australien bekommen die Jetstar Piloten und das Kabinenpersonal um bis zu 20 Prozent geringere Löhne als ihre Kollegen bei Qantas. Die Bodendienste wie AeroCare und Toll DNATA, die Jetstar engagiert hat, bezahlen ihren Beschäftigten ca. 200 Dollar weniger, als den Gepäckverladern bei Qantas. Die Bedingungen bei den Tochtergesellschaften in den asiatischen Ländern sind noch schlechter.

Im August kündigte Joyce die nächste Stufe der Umwandlung von Qantas an. Neben der Streichung weiterer 1.000 Arbeitsplätze in Australien möchte die Firme eine neue Premium-Gesellschaft gründen, um die Qantas-eigenen Flüge zu bedeutenden asiatischen, amerikanischen und europäischen Zielen zu ersetzen. Qantas bemüht sich gerade um eine Lizenz für eine neue Fluggesellschaft in Singapur. Wenn sie damit nicht durchkommt, stehen Malaysia oder China als mögliche Basis auf dem Wunschzettel. Joyce hat auch die Gründung von Jetstar Japan in 2012 in Kooperation mit Japan Airlines bekanntgegeben.

Ein Mitglied der Geschäftsleitung von Qantas gab Sonntagnacht vor der Schlichtungsstelle zu, dass die Stilllegung der Flotte schon seit dem 14. Oktober vorbereitet worden war. Die endgültige Entscheidung für die Aussperrung der Qantas-Belegschaft wurde nach der Eigentümerversammlung von Qantas am Freitag getroffen. Die großen Anteilseigner stimmten der Konzernstrategie zu und billigten Millionen Dollar Boni für die Vorstände und eine Gehaltserhöhung von zwei Millionen Dollar im Jahr für Joyce.

Gewerkschaftsvertreter überschlugen sich in ihrer Kritik an Joyce, aber der Vorstandschef und der Vorstand sind lediglich die ausführenden Organe der mächtigsten Teile des Finanzkapitals, die alle Teile der australischen und der internationalen Wirtschaft beherrschen.

Qantas befindet sich fast vollständig im Besitz globaler Finanzinstitute, die auch bestimmende Anteile an australischen Banken, Bergwerksgesellschaften und anderen Konglomeraten besitzen. Sie beriefen Joyce 2008 auf den Chefsessel, um die begonnene Umstrukturierung umzusetzen. Vorher leitete er für kurze Zeit Qantas’ Billigfluggesellschaft Jetstar.

Dieses Vorgehen von Qantas ist für das Finanz- und Wirtschaftsestablishment das Modell für die Art von Angriffen, die die Labor-Regierung durchführen soll, um die Bedingungen der Arbeiter auf ein “international konkurrenzfähiges” Niveau zusammenzustreichen.

Der Kolumnist Stephen Bartholomeusz vom Business Spectator urteilt: “Die Wirtschaft insgesamt wird das Vorgehen der Regierung – und den Erfolg oder Misserfolg der Strategie von Qantas - genau beobachten. Die Aggression/Verzweiflung von Qantas könnte breite Nachahmung finden.“

Die Gewerkschaften wehren sich nicht gegen das Verlangen von Qantas nach internationaler Wettbewerbsfähigkeit. Sie haben an jedem Punkt der Restrukturierung der Fluglinie mit ihr zusammengearbeitet. Sie haben die schlechteren Bedingungen bei Jetstar akzeptiert, weil sie im Gegenzug die Vertretungsrechte für die Belegschaft erhielten. 2008 arbeiteten sie an der Streichung von 1.750 Stellen bei Qantas mittels freiwilliger Aufhebungsverträge mit. Sie akzeptieren den zunehmenden Einsatz geringer bezahlter Piloten aus Neuseeland auf Qantas-Flügen und das Engagement von immer mehr Fremdfirmen in den Tätigkeitsbereichen des Konzerns.

Die Arbeitskämpfe der vergangenen Monate sind nicht das Ergebnis neu erwachter Militanz der Gewerkschaftsführungen, sondern der Erkenntnis der Qantas-Beschäftigten, dass ihre gesamte Zukunft auf dem Spiel steht. Um die Kontrolle über eine immer unruhigere Mitgliedschaft nicht zu verlieren, fordern die Gewerkschaften „Beschäftigungssicherung“ im Rahmen von Betriebsvereinbarungen. Diese Abkommen sollen den Beschäftigten in Tochtergesellschaften oder in ausgelagerten Firmen die gleichen Löhne und Arbeitsbedingungen wie bei Qantas garantieren, wenn sie Arbeiten verrichten, die im Zusammenhang mit Qantas stehen. Gleichzeitig, aber wesentlich leiser, garantieren die Gewerkschaften, dass sie weiter mit dem Management zusammenarbeiten werden, um die Kosten zu senken, wie sie das seit drei Jahrzehnten in jedem Industriezweig tun.

Das Management weigert sich, überhaupt über Beschäftigungssicherung zu reden. Seine gesamte Geschäftsstrategie ist darauf ausgerichtet, die Zahl der ursprünglich bei Qantas Beschäftigten und ihre Tätigkeiten zu reduzieren. Die bisher dort geltenden Arbeitsbedingungen sind unvereinbar mit den Profiterwartungen der Aktienbesitzer. Qantas reagierte auf die Verweigerung von Überstunden und Warnstreiks mit der Absage von Dutzenden von Flügen und dem Einmotten von sieben Flugzeugen, um die Regierung zum Eingreifen zu bewegen.

Damit folgt Qantas einer gründlich ausgearbeiteten Strategie, die die volle Unterstützung führender Wirtschaftskreise, der Labor-Regierung, der Gerichte und des gesamten Staates hat.

Die Beschäftigten und die ganze Arbeiterklasse werden im Gegensatz dazu von den Gewerkschaften im Unklaren darüber gelassen, womit sie es eigentlich zu tun haben. Der Sekretär der Transportarbeitergewerkschaft Tony Sheldon lobte die von der Regierung initiierte Entscheidung der FWA-Schiedsstelle, alle Arbeitskampfmaßnahmen zu beenden. „Zum ersten Mal in der australischen Geschichte musste ein Unternehmen zur Ordnung gerufen werden“, behauptete er. Das sei „ein Schlag ins Gesicht von Qantas“. In Wirklichkeit lag der Antrag der Labor-Regierung, alle Arbeitskampfmaßnahmen zu beenden, völlig auf der Linie von Qantas.

Die Einstellung aller Flüge durch die Airline wird als das irrationale Handeln des “verrückten” Alan Joyce hingestellt, der aufgrund seiner irischen Herkunft die Verhältnisse in Australien nicht kenne.

Der Zweck solch nationalistischer Ausfälle besteht darin, den Mythos am Leben zu halten, dass Australien von dem Klassenkampf, der anderswo herrscht, ausgenommen sei. Die Arbeiter sollen die weitreichende Bedeutung der Restrukturierung von Qantas und die Rolle der Labor-Regierung nicht verstehen, und vor allem soll ihnen die wirkliche Agenda der Gewerkschaften verborgen bleiben.

Die gesamte Perspektive der Gewerkschaften besteht darin, Qantas in Australien kostensenkende Maßnahmen als Alternative zur globalen Umstrukturierung der Gesellschaft anzubieten. Gewerkschaftsfunktionäre haben wiederholt betont, dass sie von Joyce verlangen mit ihnen darüber zu verhandeln, wie die von der Firma verlangten „Produktivitätsfortschritte“ erreicht werden könnten. Der Chef des Gewerkschaftsdachverbandes ACTU, Jeff Lawrence, versprach, dass die Gewerkschaften darauf achten würden, „dass Qantas eine gute, ertragreiche Airline bleibt, die gute Arbeitsplätze für australische Arbeiter zur Verfügung stellt.“

Seit den Abkommen zwischen Labor-Regierung, Unternehmern und Gewerkschaften in den 1980er Jahren bedeutet der Ausdruck, australische Unternehmen “lebensfähig” zu machen, immer Angriffe auf die Errungenschaften der Arbeiter im Namen von “internationaler Konkurrenzfähigkeit”. Die Unterstützung der Gewerkschaften für dieses Konzept hat ihren Grund in ihrer pro-kapitalistischen und nationalistischen Orientierung. Sie fühlen sich nicht den Interessen der Arbeiterklasse verpflichtet, sondern versuchen die Position von Arbeitsdirektoren für die Wirtschaftselite einzunehmen.

Deshalb brauchen Arbeiter eine neue politische Perspektive. Es ist unmöglich die Interessen der Arbeiter in irgendeinem Land zu vertreten, ohne unmittelbar einen politischen Kampf zu führen Dieser muss darauf ausgerichtet sein, die Kontrolle der herrschenden Finanz- und Wirtschaftselite über die Industrie und den Reichtum der Welt zu brechen. Überall wird den Arbeitern erzählt, sie müssten sich dem Wettbewerb um die niedrigsten Löhne und schlechtesten Bedingungen unterordnen, durch den der Reichtum einiger Weniger verteidigt wird – des „einen Prozents“, das die internationale Occupy-Bewegung aufs Korn genommen hat.

Die Arbeiterklasse muss sich von der Perspektive des internationalen Sozialismus leiten lassen. Es geht um die Errichtung einer wirklichen Arbeiterregierung, die die Wirtschaft und die Gesellschaft grundlegend umorganisieren wird. Die großen Finanzinstitute und Konzerne und auch die wichtigen Unternehmen des Lufttransportes müssen in öffentliche, demokratisch kontrollierte Unternehmen verwandelt werden. Die Weltwirtschaft muss geplant werden, damit sie die sozialen Bedürfnisse der Bevölkerung befriedigen kann und nicht die privaten Profitinteressen der Herrschenden.

In Australien setzt der Kampf für den Sozialismus einen politischen Bruch mit der Labor Party und den Gewerkschaften und eine unabhängige revolutionäre Massenbewegung der Arbeiterklasse voraus. Die Socialist Equality Party fordert die bei Qantas Beschäftigten auf, diese Perspektive zu durchdenken und einen neuen Weg einzuschlagen.