Junge Menschen in der Schuldenfalle

Von Elisabeth Zimmermann
8. November 2011

6,4 Millionen Deutsche sind überschuldet, das sind fast zehn Prozent aller Erwachsenen. Sie können ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen und haben keine Möglichkeit, das nötige Geld in absehbarer Zeit zu beschaffen. Das geht aus dem Schuldneratlas 2011 der Wirtschaftsauskunft Creditreform hervor. Die durchschnittliche Verschuldung der Betroffenen liegt bei 33.700 Euro – das entspricht insgesamt einem Schuldenberg von 216 Milliarden Euro.

Besonders stark überschuldet sind junge und alte Menschen. Während die Gesamtzahl der überschuldeten Erwachsenen gegenüber dem Vorjahr leicht zurückging, ist die Zahl der Jugendlichen dramatisch gestiegen. Jeder vierte Überschuldete ist weniger als 30 Jahre alt.

Bei den 18- und 19-Jährigen hat die Zahl der Überschuldeten im Vergleich zum letzen Jahr sogar um besorgniserregende 23 Prozent zugenommen. Seit dem Jahr 2004, als der Schuldneratlas von Creditreform zum ersten Mal herausgegeben wurde, explodierte ihre Zahl um 358 Prozent oder um 243.000 junge Menschen, die in der Schuldenfalle gefangen sind.

Hauptgrund dafür ist die hohe Arbeitslosigkeit unter Jugendlichen. Die offizielle Rate ist zwar in Deutschland im Vergleich zu anderen europäischen Ländern relativ niedrig. Sie umfasst aber nicht die zahlreichreichen jungen Menschen, die in „berufsvorbereitenden Maßnahmen“ oder Ähnlichem „geparkt“ sind, so dass sie nicht in der offiziellen Arbeitslosenstatistik erscheinen.

Ein weiterer Grund für die rapide ansteigenden Schulden junger Menschen sind die unsicheren Beschäftigungsverhältnisse – zeitlich befristete Jobs mit niedrigen Löhnen und Einstiegsgehältern, Leiharbeit und Berufspraktika, die gering oder gar nicht entlohnt werden. Auch kreditfinanzierte Kosten für Ausbildung und Studium tragen zur Überschuldung junger Menschen bei, wenn sie nicht schnell eine ihrer Ausbildung entsprechende Arbeit mit angemessener Bezahlung finden.

Ein weiterer Grund sind die sich häufenden Sanktionen von Arbeitsagenturen und Jobcentern. Sie treffen jugendliche Arbeitslose überdurchschnittlich oft. Oft reichen nicht eingehaltene Termine und „Zielvereinbarungen“ für das Verhängen von Sanktionen aus.

So heißt es in einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linkspartei im Bundestag vom 22. März 2011: „Die Sanktionsquote unter den arbeitslosen SGB-II-Berechtigten (Hartz IV) lag im Januar 2009 bei 3,7 Prozent, bei arbeitslosen Leistungsberechtigten unter 25 Jahren bei fast 10 Prozent. Gerade bei diesen jüngeren Leistungsberechtigten wird nicht nur häufiger, sondern auch deutlich drastischer sanktioniert: Bei über einem Drittel der 250.000 in einem Jahr sanktionierten jungen Leistungsbeziehenden wurden 100 Prozent und mehr des Regelleistungsbedarfes gekürzt (Zeitraum: April 2008 bis März 2009). Selbst Schwangere sind vor Sanktionen nicht geschützt.“

Da die Sanktionen und Strafmaßnahmen gegen Arbeitslose in den letzten Jahren verschärft worden sind, kann davon ausgegangen werden, dass auch die Zahl der betroffenen jungen Menschen in den letzten beiden Jahren weiter gestiegen ist. Die Folgen sind nicht nur Überschuldung und soziale Verelendung, sondern auch ein spürbarer Anstieg der Obdachlosigkeit bei unter 25-Jährigen.

Brechen junge Arbeitslose nach solchen Sanktionen ihren Kontakt zu den zuständigen Ämtern und Agenturen ab, erscheint das in der offiziellen Statistik als Erfolg, da sie keine Leistungen mehr beziehen und nicht mehr in der Arbeitslosenstatistik erscheinen.

Ebenfalls stark angestiegen ist die Überschuldung von über 70-Jährigen. Ihr Anteil an den Überschuldeten stieg seit 2004 um 42 Prozent. Der Leiter von Creditreform, Helmut Rödl, sieht hier einen „verstärkten Trend zur Altersarmut“.

Wegen der Gefahr eines deutlichen Wirtschaftseinbruchs rechnen die Wirtschaftprüfer von Creditreform damit, dass die Zahl der Überschuldeten im nächsten Jahr auch insgesamt wieder wachsen wird.

In Ostdeutschland waren 2011 gut eine Million Menschen überschuldet, in Westdeutschland waren es knapp 5,4 Millionen. Während die Anzahl der überschuldeten Frauen im letzten Jahr um 5,3 Prozent auf gut 2,3 Millionen zurück ging, stieg die Anzahl der überschuldeten Männer um 1,2 Prozent auf 4,1 Millionen.

Die Experten von Creditreform nennen als Grund für den höheren Anteil verschuldeter Männer deren höhere Risikobereitschaft bei der Übernahme finanzieller Verpflichtungen. Sie warnen aber gleichzeitig davor, dass auch bei Frauen – bei längerfristiger Betrachtung – die Anzahl der Überschuldeten steigt.

Auch regional gibt es große Unterschiede. Unter den Bundesländern liegt der Stadtstadt Bremen mit einer Schuldnerquote von 13,5 Prozent an der Spitze, gefolgt von Berlin mit 12,3 Prozent, Sachsen-Anhalt mit 11,5 Prozent, Saarland mit 11 Prozent und Nordrhein-Westfalen mit 10,8 Prozent.

Unter den Städten mit mehr als 400.000 Einwohnern führen Duisburg mit 14,6 Prozent und Dortmund mit 13,5 Prozent die Schuldenstatistik an, gefolgt von Bremen und Berlin und drei weiteren Großstädten aus Nordrheinwestfalen: Düsseldorf, Essen und Köln. Wuppertal nimmt im Vergleich aller Städte mit einer Schuldnerquote von 17,9 Prozent den zweitschlechtesten Platz hinter Bremerhaven mit 18 Prozent ein.

Auch innerhalb der einzelnen Städte ist die Verschuldung höchst ungleich verteilt. So liegt in der Ruhrgebietsstadt Essen die Quote der Überschuldeten in den Vierteln rund um den Hauptbahnhof bei 25 Prozent, in vermögenderen Wohngegenden wie Bredeney dagegen unter fünf Prozent. Ähnlich sieht es in vielen anderen Städten aus.

Die Lage in Großbritannien und den USA ist noch weit schlimmer. Während in Deutschland jeder zehnte Erwachsene seine Rechnungen nicht mehr begleichen kann, ist es in Großbritannien jeder sechste und in den USA jeder fünfte. Im Vergleich zu 2004 ging die Schuldnerquote in Deutschland um 3,7 Prozent zurück. In den USA stieg sie im gleichen Zeitraum um 52 Prozent und in Großbritannien um mehr als 100 Prozent.

Auf eine weitere Zahl weisen den Autoren des Creditreform-Berichts hin: Über die Hälfte der Betroffenen stecken dauerhaft in der Schuldenfalle fest – ohne Hoffnung, ihre Lage aus eigener Kraft verbessern zu können. Ihr Anteil wird angesichts des Wirtschaftsrückgangs und weiterer staatlicher Kürzungsmaßnahmen mit Sicherheit steigen.