Zum Tod von Václav Havel

Von Peter Schwarz
21. Dezember 2011

Der Tod von Václav Havel am vergangenen Sonntag hat eine Flut positiver Nachrufe ausgelöst. Quer durch die internationalen Medien wird der ehemalige Gegner des stalinistischen Regimes und spätere tschechische Präsident als „Staatsmann von historischer Bedeutung“, „großer Europäer“ und „Kämpfer für Menschenrechte und Demokratie“ geehrt.

Viele in Tschechien und Osteuropa werden das anders sehen. Havel gehörte zu jener Sorte Demokraten, die im Stalinismus vor allem ein Hindernis für ihren eigenen sozialen Aufstieg sahen, weil ihnen der gesellschaftliche Status, der Reichtum und die Prominenz versagt blieben, die Teile der oberen Mittelklasse im Westen genossen. Das Schicksal der arbeitenden Bevölkerung war ihm dagegen weitgehend egal.

Václav Havel wurde am 5. Oktober 1936 in einer einflussreichen Prager Großbürgerfamilie geboren. Sein Großvater, Vater und Onkel hatten in der Zwischenkriegszeit mit dem Bau imposanter Gebäude in Prag und der Gründung der berühmten Filmstudios in Barrandov ein beträchtliches Vermögen erworben. Nach der Regierungsübernahme der Kommunistischen Partei wurden sie 1948 enteignet.

Das stalinistische Regime verwehrte Václav den Besuch einer höheren Schule, weil er einer bourgeoisen Familie entstammte. Er bildete sich auf der Abendschule weiter, arbeitete in einem Chemielabor und als Taxifahrer, begann ein Wirtschaftsstudium, das er aber wieder abbrach. Als Bühnentechniker gelangte er schließlich zum Theater, wo in den 1960er Jahren schließlich auch seine eigenen Stücke aufgeführt wurden.

Havels Stücke standen in der Tradition des absurden Theaters, das zahlreiche Berührungspunkte zur Existenzphilosophie hat. Sie kritisierten die absurden Aspekte des stalinistischen Machtapparats und trugen so zur intellektuellen Atmosphäre bei, die 1968 den Prager Frühling prägte.

Nach dessen Niederschlagung durch Truppen des Warschauer Pakts wurde die Aufführung von Havels Stücken in der Tschechoslowakei verboten. Er verbrachte wegen seiner Opposition gegen das Regime insgesamt fünf Jahre im Gefängnis.

1977 zählte Havel zu den Initiatoren der Charta 77, die die Einschränkung und Unterdrückung bürgerlicher Rechte und die Unterordnung der staatlichen Institutionen unter die Kommunistische Partei verurteilte. Einzige Forderung der Charta 77 war die Einhaltung der Verträge, die die tschechoslowakische Regierung selbst unterzeichnet hatte, insbesondere der Schlussakte der KSZE-Konferenz von Helsinki. Die Charta wurde von führenden westlichen Zeitungen veröffentlicht und gilt als Gründungsdokument der Bürgerrechtsbewegung in der Tschechoslowakei.

Havel legte stets Wert darauf, nicht als Dissident bezeichnet zu werden, weil er nicht vom Stalinismus „abgewichen“, sondern stets dessen Gegner gewesen sei. Er lehnte nicht nur den Stalinismus ab, sondern jede sozialistische Perspektive und selbst den Fortschrittsglauben der Aufklärung.

Kernthema seiner Theaterstücke und Schriften war die Entfremdung des Menschen von seiner „Lebenswelt“ – ein Begriff, den er über den tschechischen Philosophen Vaclav Belohradsky aus der Phänomenologie Edmund Husserls übernommen hat. Als Ursache für die Entfremdung von der Lebenswelt oder natürlichen Welt betrachtet er die Wissenschaft, die in der aufgeklärten Gesellschaft die Stellung der obersten Instanz eingenommen habe, die vorher dem unbekannten Höheren (Gott) vorbehalten gewesen sei.

„Die Lebenswelt trägt vermöge ihres Seins die Voraussetzung des Absoluten in sich, das sie begründet, abgrenzt, belebt und lenkt, ohne das sie undenkbar, absurd und überflüssig wäre und das wir nur schweigend respektieren können“, schrieb Havel 1984 in einem Essay. (1) „Jeder Versuch, es zurückzuweisen, zu beherrschen oder mit etwas Anderem zu ersetzen, erscheint im Rahmen der Lebenswelt als Ausdruck einer Hybris, für die Menschen einen hohen Preis bezahlen müssen, wie dies Don Juan und Faust getan haben.“

In den stalinistischen Diktaturen sah Havel die Extremform dieser Entfremdung von der Lebenswelt. Herrscher und Führer, die einst eigenständige Persönlichkeiten waren, seien “durch den Manager, den Bürokraten, den Apparatschik ersetzt worden – durch einen professionellen Herrscher, Manipulator und Experten in der Technik des Managements, der Manipulation und der Verschleierung, der eine entpersönlichte Schnittmenge funktionaler Beziehungen ausfüllt, ein Zahnrad in der Staatsmaschinerie, gefangen in einer vorbestimmten Rolle.“

Letztlich, schreibt Havel im selben Essay, wohne diese Entfremdung der gesamten modernen Zivilisation inne: „Sicher, dieser Prozess, der die Macht anonym macht, entpersönlicht und zu einer reinen Technik der Herrschaft und Manipulation reduziert, hat tausend Gesichter, Varianten und Ausdrucksformen. Im einen Fall ist er verdeckt und unauffällig, im anderen völlig offen; in einem Fall schleicht er sich auf feinen und krummen Pfaden an uns heran, in einem anderen ist er brutal direkt. Im Wesentlichen handelt es sich aber um denselben allgemeinen Trend. Es handelt sich um den grundlegenden Charakterzug aller modernen Zivilisation…“

Immer wieder kommt er auf diesen Punkt zurück: „Der größte Fehler wäre, die totalitären Systeme nicht als das zu verstehen, was sie letztlich sind – ein konvexer Spiegel aller modernen Zivilisation und ein scharfer, vielleicht letzter Aufruf, das Selbstverständnis dieser Zivilisation global zu verändern.“ Und: „Lasst mich wiederholen: die totalitäre Macht ist eine große Mahnung an die zeitgenössische Zivilisation.“

Daraus leitet Havel ein grundlegende Aufgabe ab, „aus der sich alle anderen ergeben sollten“: „Die Aufgabe, wachsam, wohl überlegt und aufmerksam, aber gleichzeitig mit voller Hingabe, stets und überall dem irrationalen Schwung der anonymen, unpersönlichen und unmenschlichen Macht zu widerstehen – der Macht der Ideologien, Systeme, Apparate, Bürokratien, künstlichen Sprachen und politischen Parolen. Wir müssen ihrem vielschichtigen und völlig entfremdenden Druck widerstehen, sei es in Form des Konsums, der Werbung, der Unterdrückung, der Technologie oder des Klischees – die allesamt Blutbrüder des Fanatismus und Quellen totalitären Denkens sind. Wir müssen unsere Maßstäbe aus unserer Lebenswelt ableiten, ohne auf Spott zu achten, und deren verleugnete Bedeutung bestätigen. Wir müssen die Grenzen dieser Lebenswelt und das Geheimnis, das hinter ihnen liegt, mit der Bescheidenheit des Weisen ehren und eingestehen, dass es in der Ordnung des Seins etwas gibt, das ganz offensichtlich unsere gesamte Kompetenz überschreitet.“

Diese rückwärtsgewandte, irrationale, im buchstäblichen Sinne des Wortes reaktionäre Ideologie machte Havel zum idealen Instrument für die Wende von 1989. Er gehörte zu den Wortführern der sogenannten „samtenen Revolution“ in Prag, in deren Verlauf die stalinistischen Machthaber und Havels Bürgerforum eine schrittweise, friedliche Machtübergabe vereinbarten.

Dabei ging es weniger um die Einführung von Demokratie, als um die Aufteilung des Staatseigentums unter eine neue Klasse kapitalistischer Eigentümer, die sich sowohl aus der alten stalinistischen Bürokratie wie aus den aufsteigenden „Demokraten“ rekrutierte. Die beiden Lager verständigten sich auf die politischen und juristischen Mechanismen, mit denen das gesellschaftliche Eigentum in Privatbesitz überführt wurde.

Ein Eingreifen breiterer Bevölkerungsschichten war dabei nicht erwünscht, da die eng mit dem staatlichen Eigentum verbundenen sozialen Errungenschaften der Arbeiterklasse den kapitalistischen Eigentumsverhältnissen zum Opfer fielen.

Am 29. Dezember 1989 wurde Havel von der stalinistisch dominierten Föderalversammlung vereinbarungsgemäß zum Präsidenten gewählt. Ein halbes Jahr später bestätigte ihn das mittlerweile neu gewählte Parlament in diesem Amt. Sein Büroleiter war damals Karel Schwarzenberg, der Spross einer jahrhundertalten, millionenschweren böhmischen Adelsfamilie und derzeitige tschechische Außenminister.

Havel präsidierte nun über die Zerschlagung des Bildungs-, Gesundheits- und Rentensystems und über die Einführung jenes Wildwest-Kapitalismus, der bis heute Tschechien, ganz Osteuropa und Russland prägt. Für Arbeiter und Rentner bedeutete die Wende eine soziale Katastrophe. Havel profitierte dagegen davon. Die Rückerstattung des 1948 enteigneten Familienvermögens machte ihn und seinen Bruder Ivan zu Millionären.

Die Privatisierung löste heftige Verteilungskämpfe zwischen verschiedenen Flügeln der herrschenden Klasse aus, was schließlich zur Zweiteilung des Landes führte. Havel verlor deshalb 1992 vorübergehend sein Amt, wurde aber nach der Abspaltung der Slowakei zum Präsidenten der Tschechischen Republik gewählt und übte diese Funktion zehn Jahre lang aus.

Vom Parteiengezänk versuchte sich Havel durch einen exzentrischen Amtsstil abzuheben, der feudalen Pomp mit Elementen seines absurden Theaters verband. Er zelebrierte das Präsidentenamt auf der mittelalterlichen Prager Burg mit Fanfaren, Ritualen und sonstigem Pomp und ließ sich von seinem Freund, dem Regisseur Milos Forman, eigens einen Kostümbildner aus Hollywood schicken, um der graugekleideten Palastwache neue bunte Uniformen zu schneidern.

Auch der Musiker Frank Zappa und die Rolling Stones waren regelmäßige Gäste auf der Prager Burg. Ihre Rockmusik war in den 1960er Jahren in Prager Oppositionskreisen populär gewesen. Die Rolling Stones revanchierten sich, indem sie Havel eine neue Beleuchtungsanlage für den Präsidentenpalast spendierten.

Ungeachtet seiner Exzentrik verfolgte Havel einen extrem rechten politischen Kurs. Seine Schwärmerei für Natur und Lebenswelt hielten ihn nicht davon ab, Tschechien so schnell wie möglich in das größte Militärbündnis der Welt zu integrieren und die Kriege in Jugoslawien, in Afghanistan und im Irak zu unterstützen.

Eine Volksbefragung über die umstrittene Nato-Mitgliedschaft lehnte Havel mit der Begründung ab, sie ziehe das Mandat der demokratisch gewählten Vertretung des Staates in Zweifel und sei eine Misstrauensäußerung gegenüber dem Staat. Eine seiner letzten Amtshandlungen bestand 2003 in der Einreihung Tschechiens in die „Koalition der Willigen“, obwohl die Regierung und die Mehrheit der Bürger den Irakkrieg ablehnten.

Havels Antikommunismus, seine Arroganz gegenüber der arbeitenden Bevölkerung und seine bedingungslose Unterstützung für die Kriege der Nato und der USA haben ihn zum Liebling der internationalen Politik und Medien gemacht. Er konnte sich vor Orden und Auszeichnungen kaum retten. So erhielt er 1989 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, 1991 den Aachener Karlspreis und 2003, aus den Händen George W. Bushs, die Presidential Medal of Freedom. Auch für den Friedensnobelpreis wurde er mehrere Male vorgeschlagen.

Anmerkung

1) Václav Havel, “Politics and Conscience”, aus dem Englischen übersetzt.