Leo Trotzki über den mexikanischen Maler Diego Rivera (1938)

11. Januar 2012

In seinem Artikel Kunst und Politik in unserer Zeit vom Juni 1938 1) besprach Leo Trotzki das Werk des mexikanischen Malers und Wandkünstlers Diego Rivera, der zu dieser Zeit mit der Vierten Internationale sympathisierte.

Zunächst ging Trotzki auf das künstlerische Leben unter dem stalinistischen Regime in den 1930er Jahren in der Sowjetunion ein, das er als „Konzentrationslager” bezeichnete. Er fragte: „Was kann man von Künstlern erwarten oder verlangen, die gezwungen sind, die groben Spuren einer für sie selbst evidenten historischen Fälschung mit ihrem Pinsel zu verwischen?“

Trotzki fährt dann fort:

„Der Stil der offiziellen sowjetischen Malerei von heute heißt ‚sozialistischer Realismus’. Dieser Name ist ihr offenbar von irgendeinem Leiter irgendeiner Kunstsektion gegeben worden. Dieser Realismus besteht darin, die provinziellen Daguerreotypien des dritten Viertels des letzten Jahrhunderts nachzuäffen; der ‚sozialistische‘ Charakter besteht offensichtlich darin, mit den Mitteln einer verfälschenden Photographie Ereignisse darzustellen, die niemals stattfanden. Es ist nicht möglich, ohne ein Gefühl physischen Ekels und Entsetzens sowjetische Verse oder Romane zu lesen oder Reproduktionen sowjetischer Gemälde und Plastiken zu betrachten: in diesen Werken verewigen mit Feder, Pinsel oder Meißel bewaffnete Funktionäre unter Aufsicht von Funktionären, die mit Mauserpistolen bewaffnet sind, ‚große‘ und ‚geniale‘ Führer, die in Wirklichkeit nicht einen Funken von Größe oder Genialität besitzen. Die Kunst der Stalinepoche wird als schärfster Ausdruck des tiefsten Niedergangs der proletarischen Revolution in die Geschichte eingehen.

Dieser Tatbestand macht an den Grenzen der UdSSR nicht halt. Unter dem Vorwand einer verspäteten Anerkennung der Oktoberrevolution hat der ‚linke‘ Flügel der westlichen Intelligenz vor der sowjetischen Bürokratie einen Kniefall gemacht. Im allgemeinen haben sich die charakterstarken und begabten Künstler abseits gehalten. Aber die Versager, Streber und Nullen haben sich um so bissiger in den Vordergrund gedrängt. Da entrollte sich ein breites Band von Zentren und Sektionen beiderlei Geschlechts, unvermeidlichen Briefen von Romain Rolland, subventionierten Editionen, Banketten und Kongressen, auf denen es schwierig war, die Trennungslinie zwischen Kunst und GPU [Stalinistischer Geheimdienst] zu bestimmen. Trotz ihrer mächtigen Aktivität erzeugte diese militante Bewegung auch nicht ein einziges Werk, das fähig wäre, seinen Autor oder seine Inspiratoren aus dem Kreml zu überleben....

In der englischen Fassung des Aufsatzes heißt es dann weiter:

„Auf dem Felde der Malerei hat die Oktoberrevolution ihre besten Interpreten nicht in der UdSSR, sondern im fernen Mexiko gefunden, nicht unter den offiziellen ‚Freunden‘, sondern in der Person eines bekannten ‚Volksfeindes‘, den die Vierte Internationale voll Stolz zu den Ihren rechnet. Geprägt durch die Kunst aller Völker und Epochen, verstand es Diego Rivera im innersten Kern seines Genius, Mexikaner zu bleiben. Was ihn in seinen großartigen Fresken inspiriert hat, was ihn über die gesamte Kunsttradition hinaushebt, über die zeitgenössische Kunst und in gewissem Sinn auch über sich selbst, ist der mächtige Atem der proletarischen Revolution. Ohne den Oktober hätte seine schöpferische Fähigkeit, die Epopöe der Arbeit, der Versklavung und der Revolte zu erfassen, niemals eine solche Kraft und Tiefe erreichen können. Möchten Sie die verborgenen Triebfedern der sozialen Revolution mit ihren eigenen Augen sehen? Betrachten Sie die Fresken Riveras! Möchten Sie wissen, was revolutionäre Kunst ist? Betrachten Sie die Fresken Riveras! Treten Sie ein wenig näher heran! Dann werden Sie auf einigen dieser Fresken Kratzer und Flecken erkennen, die von Vandalen stammen: Katholiken und anderen Reaktionären, unter ihnen natürlich Stalinisten. Diese Kratzer und Schrammen vermitteln den Fresken noch größere Lebendigkeit. Wir haben nicht bloß ein ‚Gemälde‘ vor uns, einen Gegenstand passiver ästhetischer Anschauung, sondern ein lebendiges Stück des Klassenkampfes. Und es ist zugleich ein Meisterwerk!

Allein die geschichtliche Jugend dieses Landes, das das Stadium des Kampfes für nationale Unabhängigkeit noch nicht überschritten hat, hat es dem revolutionären Pinsel Riveras gestattet, die Mauern der öffentlichen Gebäude Mexikos zu bemalen. In den Vereinigten Staaten stieß das auf größere Schwierigkeiten. Gerade so, wie die mittelalterlichen Mönche – freilich aus Unkenntnis – die antiken literarischen Texte von den Pergamenten schabten, um diese dann mit ihren scholastischen Hirngespinsten zu bedecken, so bedeckten die Lakaien Rockefellers –  diesmal allerdings mit böser Absicht – die Fresken des großen Mexikaners mit ihren dekorativen Banalitäten. Dieser neue Palimpsest wird der Nachwelt das Schicksal der von der verfallenden bürgerlichen Gesellschaft gedemütigten Kunst vor Augen führen.

Die Situation ist indessen im Lande der Oktoberrevolution keineswegs erfreulicher. Obgleich das auf den ersten Blick unglaubwürdig erscheint, gibt es für die Kunst eines Diego Rivera weder in Moskau noch in Leningrad Platz, noch irgend woanders in der UdSSR, wo die aus der Revolution geborene Bürokratie sich ihre gewaltigen Paläste und Denkmäler errichtete. Wie sollte denn auch die Kremlclique in ihrem Reich einen Künstler dulden, der weder Ikonen mit dem Bildnis des Führers malt noch lebensgroße Porträts von Woroschilows Pferd? Die Tatsache, dass sich die sowjetischen Tore vor Diego Rivera schließen, brandmarkt die totalitäre Diktatur mit unauslöschlicher Schande.“

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1) Veröffentlicht unter dem Titel Kunst und Revolution, in: Lev Trockij: Literaturtheorie und Literaturkritik, München 1973, S.149. Der Text über Rivera befindet sich in Fußnote 10 auf Seite 182f.