62. Internationale Filmfestspiele Berlin - Teil 4

Eisensteins Film Oktober - ein gewaltiger Torso

Von Bernd Reinhard
13. März 2012

Dies ist der 4. Teil einer Serie von Artikeln über das Berliner Filmfestival. Die Berlinale fand vom 9. bis 19. Februar 2012 statt. Der erste Teil der Serie erschien am 25. Februar, der zweite Teil am 3. März und der dritte Teil am 7. März.

Oktober Oktober

Auf einer Sondervorstellung der Retrospektive war Eisensteins Revolutionsklassiker Oktober in einer neuen Fassung zu sehen. Es ist die bisher vollständigste Rekonstruktion des ursprünglichen Films von 1928. Erstmals wurde der Film auch mit der für die deutsche Aufführung komponierten Musik von Edmund Meisel aufgeführt. Meisel hatte bereits die Musik für die deutsche Aufführung des Panzerkreuzer Potemkin geschrieben.

Unter der Leitung von Frank Strobel spielte das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin. Eisensteins Bilder, kombiniert mit der wuchtig rhythmischen Musik Meisels ziehen den Zuschauer in einen Sog. An einigen Stellen fungiert das Orchester als reiner Percussions-Apparat, wie um jeden Eindruck einer musikalisch-ästhetischen Scheinwelt zu zerstören: Hier marschiert die Revolution.

Im Vergleich zu früheren Filmen Eisensteins hinterlässt Oktober einen etwas schwächeren Eindruck. Die Massenszenen folgen seit Streik immer demselben Schema. Und selbst die beeindruckende Szene an der Brücke beinhaltet Motive, die an frühere Filme erinnern. Eisenstein war mitten in der Arbeit zu Die Generallinie, einem neuen experimentalen Film über die Entwicklung auf dem Lande, als er 1926 den staatlichen Auftrag erhielt, einen Film zum 10-jährigen Jubiläum der Oktoberrevolution zu schaffen.

Die sowjetische Gesellschaft hatte sich in der Zeit verändert. Die internationalen Niederlagen der Arbeiterbewegung der zwanziger Jahre stärkten die bürokratischen Kräfte in der sowjetischen Partei und international. Die politischen Auseinandersetzungen fanden ihren Höhepunkt in Parteiausschlüssen und der Verbannung von Oppositionellen. 1927 wurde Trotzki aus der Partei ausgeschlossen, wenig später verbannt und 1929 aus der UdSSR ausgewiesen..

Oktober Oktober

Ursprünglich plante Eisenstein, wie man der Eisenstein-Biografie von Oksana Bulgakowa entnehmen kann, einen sehr umfassenden Film, "in dem alle Siege der Roten Armee unter Trotzki vorkamen." Das heißt, einen Film, der die Zeit des Bürgerkriegs und Kriegskommunismus mit einschloss. Der Plan wurde abgelehnt und Eisenstein geraten, sich auf die Ereignisse des Jahres 1917 in Petrograd zu beschränken. Den eingereichten Entwurf mussten Eisenstein und sein Mitarbeiter Grigori Alexandrow wiederum ändern. Auf die Frage eines amerikanischen Journalisten, wer der Verfasser des Drehbuchs sei, antwortete Eisenstein trocken: "Die Partei."

Am Abend des 7. November 1927 sollte der noch unfertige Film im Bolschoi-Theater das erste Mal gezeigt werden. Dann kam am selben Tag die plötzliche Weisung, Trotzki aus dem Film zu nehmen. Der Grund: Am Vormittag hatte die trotzkistische Opposition in Moskau und Leningrad Protestdemonstrationen abgehalten. Stalin selbst, so Alexandrow in seinen Erinnerungen, soll Nachmittags in Eisensteins Schneideraum gekommen sein, um sich die Trotzki Szenen im Film zeigen zu lassen.

Eisensteins Film wurde am Abend nicht im Bolschoi-Theater sondern dem ihm angeschlossenen "Experimentaltheater", vermutlich vor kleinem Publikum gezeigt. Zu sehen waren lediglich drei Episoden. Wieder wurden Änderungen gefordert. So sollten zwei Teile des Films zu einem gekürzt werden. Erst am 14. März 1928 erfolgte die öffentliche Premiere im Bolschoi, ein Misserfolg. Auch in Berlin wurde Oktober widersprüchlich aufgenommen.

Eisenstein hatte, anders als allgemein erwartet, keinen pathetischen zweiten Panzerkreuzer Potemkin gedreht. Oktober steckt voll Humor und Ironie. Nicht nur das Spiel mit den barocken Skulpturen des Schlosses, die teilweise die Ereignisse ironisch zu kommentieren scheinen, stieß auf Irritation. Der Film sei stellenweise obszön und symbolisch überfrachtet. Es fielen Vorwürfe wie Ästhetizismus und Unverständlichkeit. Kritik kam nicht nur aus den Reihen der Partei sondern auch von Künstlern. Die Reaktion der avantgardistischen "Linke Front der Kunst" (LEF) war so aggressiv, dass Eisenstein die Gruppe verließ.

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Das Neuartige, Irritierende im Film war sicher mit beeinflusst von den realen, sehr unpathetischen und oft grotesken Widersprüchen der nachrevolutionären sowjetischen Gesellschaft. Leider ist Oktober nie wirklich fertig geworden. Die Filmwissenschaftlerin Anna Bohn vermutet, dass die Premierenfassung, der ja schon Änderungen vorausgingen, noch zirka 40 Minuten länger war, als der jetzige russische Film. Die Frage nach Eisensteins wirklichen Intentionen ist daher schwierig zu beantworten.

Doch eins scheint klar. Es hätte zwei revolutionäre Führer gegeben: Lenin und Trotzki. Die Abwesenheit Trotzkis steht so auffällig im Gegensatz zur historischen Wahrheit, dass man nur schlussfolgern kann, dass hier massiv eingegriffen wurde. Trotzki war seit dem 25. September Vorsitzender des Petrograder Sowjets. Im Film hält aber nicht Trotzki sondern Jakow Swerdlow, ein anderer Führer des Petrograder Sowjets vor Soldaten eine aufrüttelnde Rede. Eine wichtige Episode des Films ist der 2. Gesamtrussische Kongress der Sowjets. In den realen Auseinandersetzungen spielte Trotzki eine wesentliche Rolle. Im Film fehlt er. Und seine "historischen Worte ‚Den Worten müssen Taten folgen’ sind einem Weggefährten in den Mund gelegt (...)" heißt es im Programmheft zu Oktober.

Die Fähigkeit, soziale und menschliche Widersprüche mittels Montage darzustellen, stellt Eisenstein in der Charakterisierung Kerenskis unter Beweis. Eindrucksvoll zeigt er einen "Demokraten", der sich dem Adel innerlich verbunden fühlt. In einem berühmten Schnitt öffnet sich die Tür zum Thronsaal, Kerenski tritt ein - in das Hinterteil eines mechanischen Pfaues. Ähnlich humorvoll, mit Hilfe mehrerer Napoleon-Statuen, deckt der Film die innere Seelenverwandtschaft Kerenskis zu Kornilow, dem General der Konterrevolution, auf.

Hätte Eisenstein in ähnlicher Weise bestimmte Schlüsselereignisse der Revolution auf ihre Widersprüche hin abgeklopft, wäre die gegenwärtige Parteiführung blamiert gewesen. Der siegreiche Aufstand war nicht ihr Verdienst, im Gegenteil.

Bis zur Ankunft Lenins aus der Verbannung im April 1917 war die Parteimehrheit für eine kritische Unterstützung der Kerenski-Regierung. Im Wesentlichen sahen nur Trotzki und Lenin Kerenskis Verrat an der Revolution voraus. Sie plädierten für einen bewaffneten Aufstand. Einig waren sich beide darüber, den Aufstand nicht von einem Beschluss des 2. Gesamtrussischen Kongress der Sowjets abhängig zu machen, wenn die Stimmung der einfachen Volksmassen für Aufstand war. Sinowjew und Kamenew gingen in ihrer Opposition gegen den Aufstand soweit, ihre Haltung über eine menschewistische Zeitung in der Öffentlichkeit zu verbreiten. Beiden drohte der Parteiausschluss.

Aufschlussreich ist die filmische Darstellung der ZK Sitzung einige Tage vorher. Am 10. Oktober wird im Film der Beginn des Sowjetkongresses und des Aufstands festgelegt. Es ist die einzige Szene, in der Trotzki kurz zu sehen ist. Sie informiert weder über dessen Unterstützung des Aufstands noch über Sinowjews und Kamenews Ablehnung. Ein Zwischentitel nach Trotzkis kurzem Redebeitrag informiert lediglich über den Termin des Kongresses. Als es um den Zeitpunkt der Erhebung geht, hält Lenin eine energische Rede. Die Hände gehen nach oben und Lenin schaut mit prüfendem, strengem Blick in die Runde. Späteren Fassungen wird dieser "nur" indifferente Trotzki nicht mehr genügen. Die von Grigori Alexandrow 1968 erstellte Filmfassung steht ganz in der Tradition der stalinistischen Lüge einer Gegnerschaft zwischen dem "opportunistischen" Trotzki, der den Aufstand angeblich hinauszögern will, und Lenin, der im Film warnt: "Eine Verzögerung würde den Tod bedeuten." Diese Version von Oktober war, mit deutschen Zwischentiteln, auch in der DDR verbreitet.

Bereits 1925 begann mancher Revolutionsteilnehmer, wie Trotzki in Geschichte der russischen Revolution schreibt, seine Erinnerung dem neuen politischen Wind anzupassen. Doch noch wussten zu viele, wie sich die Ereignisse wirklich zugetragen hatten. In der Kommission für die Jubiläumsfeierlichkeiten des Präsidiums des Zentralexekutivkommitees der UdSSR, die Eisensteins Film prüfte, saßen Aktivisten des Aufstands. Einige stellten sich als Darsteller zur Verfügung.

So die ehemaligen Kommandeure Nikolai Podwojski, Leiter der Kommission und Wladmir Antonow-Owsejenko. Stalins weitgehende Abwesenheit im Film wurde nicht kritisiert, weil sie der Wahrheit entsprach. Erst der Große Terror gegen die alten Revolutionäre ermöglichte ein Film-Machwerk wie Michael Romms Lenin im Oktober (1937), das aus Stalin einen Revolutionsführer macht. 1938 erfasste die tödliche Welle auch Antonow-Owsejenko, der 1917 die Provisorische Regierung verhaftet hatte.

In Oktober ist der Geist der "Zehn Tage, die die Welt erschütterten" noch lebendig. Doch auch die restaurierte Fassung ist ein Torso. Allerdings ein gewaltiger. Was für ein grandioses Werk wäre entstanden, wenn Eisenstein die ursprünglichen Pläne hätte realisieren können. Der Sturm von 1917 wäre lediglich die Einleitung gewesen.

Die selbstgenügsame Bürokratie hatte keinen Bedarf für Eisensteins sprühende, respektlose Phantasie, seinen Grenzen sprengenden Ideenreichtum. Sie war nicht interessiert an der Revolution, schon gar nicht an der Weltrevolution, wie sie der Schluss von Oktober noch propagiert. Die sozialistische Revolution in China war durch Stalins Sabotage gerade niedergeschlagen worden.

Einen Tag nach der Uraufführung von Oktober begann eine Parteikonferenz "Zu Fragen des Films." Sie bildete den Auftakt einer Kampagne gegen den sogenannten Formalismus. Oktober wurde verboten - für die nächsten knapp 40 Jahre. Wie viele Revolutionsteilnehmer wären noch aus dem Film geschnitten worden?

Wie zum Hohn hingen die Filmbilder von Eisensteins gewaltig inszeniertem Sturm auf das Winterpalais, als "historische Fotos" in den Revolutionsmuseen der UdSSR.

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