David North spricht im Rahmenprogramm der Leipziger Buchmesse

Von Wolfgang Weber
16. März 2012

Auf Einladung des Mehring Verlages wird im Rahmen des Programms der „Leipziger Buchmesse 2012“ der Autor David North am Freitagabend (16.03.2011) an der Leipziger Universität einen Vortrag halten. Sein Thema: „Die Verteidigung Leo Trotzkis – Fragen der historischen Wahrheit, der wissenschaftlichen und verlegerischen Integrität“.

David North ist Verfasser des Buches „Verteidigung Leo Trotzkis“, das 2010 im Mehring Verlag erschienen ist. Darin wird die 2009 bei Harvard University Press erschienene Trotzki-Biographie von Robert Service analysiert und dem Oxforder Professor die Fälschung geschichtlicher Dokumente, der unseriöse Umgang mit Quellenangaben und sehr viele faktische Fehler nachgewiesen. Der Nachweis zahlreicher falscher Daten, der Verwechslung von Namen, etc. ist sorgfältig und detailreich belegt. Darüber hinaus machen, so North, Lügen und Verleumdungen, die ihren Ursprung in der Bürokratie Stalins haben, sowie das Jonglieren mit antisemitischen Vorurteilen das Buch zu einem durch und durch tendenziösen Machwerk.

Mit dem Vortrag im Rahmenprogramm der Leipziger Buchmesse wird David North seine Kritik erläutern und zu der Kontroverse Stellung nehmen, die über das Buch von Robert Service und die Person des marxistischen Revolutionärs und Kämpfers gegen den Stalinismus, Leo Trotzki, ausgebrochen ist.

Ungeachtet seiner bereits 2009 veröffentlichten Kritik waren nämlich noch in den Jahren 2010 und 2011 fast unveränderte Ausgaben des Buchs von Robert Service für Spanien und Lateinamerika (Ediciones B) und in Frankreich (Perrin) erschienen und – wie das englische Original – in den Feuilletons großer Zeitungen begeistert begrüßt worden. Aus der akademischen Fachwelt regte sich kein Protest, die Kritik von David North wurde totgeschwiegen. Auch der Suhrkamp Verlag kündete noch vor einem Jahr auf der Leipziger Buchmesse unbeirrt das Erscheinen der deutschen Ausgabe im Sommer 2011 an.

Doch das änderte sich, als sich im Juni 2011 der international angesehene Historiker Bertrand Patenaude (Stanford University, USA) uneingeschränkt der Kritik von David North anschloss. „Ein Machwerk, das grundlegende Standards der Geschichtswissenschaft nicht erfüllt“, urteilte er in der Zeitschrift American Historical Review vom Juni 2011.

Im darauf folgenden Monat richteten vierzehn Historiker, Politik- und Sozialwissenschaftler aus Deutschland, Österreich und der Schweiz einen persönlichen Brief an die Verlegerin und Eigentümerin des Suhrkamp Verlages, Frau Ulla Unseld-Berkéwicz. Zu den Autoren und Unterzeichnern des Briefes gehören Prof. Hermann Weber, Doyen der Kommunismus- und Stalinismus-Forschung, Prof. Oliver Rathkolb, Leiter des Instituts für Zeitgeschichte an der Universität Wien, Prof. Peter Steinbach, wissenschaftlicher Leiter des Gedenkzentrums Deutscher Widerstand, Berlin, und andere international angesehene Experten.

Unter Verweis auf die vernichtenden Urteile von North und Patenaude empfahlen sie der Suhrkamp-Verlagsleitung nachdrücklich, auf die Veröffentlichung der deutschen Ausgabe in dem angesehenen und traditionsreichen Wissenschaftsverlag zu verzichten.

Diese stoppte daraufhin tatsächlich das praktisch druckfertige Buch und beauftragte einen weiteren Gutachter mit der Prüfung der Vorwürfe. Am Ende ging sie von sich aus jedoch an die Öffentlichkeit und gab – ohne die mehr als einjährige Verzögerung zu erklären – über das Verzeichnis Lieferbarer Bücher und über ihre Website im Internet bekannt, dass Suhrkamp an seinem Vorhaben festhalte und das Erscheinen für 2012 plane.

Was jedoch die vierzehn Wissenschaftler – darunter auch Autoren des Suhrkamp Verlages selbst – angeht, so hat sie diese keiner Antwort, keiner Erläuterung ihrer eigenen Haltung und Entscheidung, für würdig gehalten. Der Brief der Historiker wurde daher am 19. November 2011 auf der World Socialist Website veröffentlicht, um der Fachwelt, aber auch interessierten Lesern und Autoren des Verlages Anregung und Gelegenheit zu geben, sich ihr Urteil zu bilden.

Die Frage war: Soll man ein Buch, das von zahlreichen angesehenen Historikern mehrerer Länder als unwissenschaftlich, als tendenziös, als von Fälschungen, Schlampereien und Lügen strotzend disqualifiziert worden ist, nicht lieber irgendwelchen einschlägigen Verlagen wie dem der Jungen Freiheit überlassen, die auf die Veröffentlichung solchen Schunds spezialisiert sind? Oder soll durch die Veröffentlichung bei einem seriösen Wissenschaftsverlag dem Autor Robert Service und seinem Buch die Weihen der Wissenschaftlichkeit verliehen und damit für eine möglichst große Verbreitung gesorgt werden?

An diesem Punkt schalteten sich einige Zeitungsredaktionen in die Auseinandersetzung ein und versuchten, den Verlag zur Veröffentlichung zu ermutigen.

Bezeichnenderweise war es die Junge Freiheit, das „intellektuelle“ Sprachrohr der Rechtsradikalen in Deutschland, die sich als erste zu Wort meldete. Ihr Kolumnist Dr. Stefan Scheil äußert sich höchst erfreut über das Vorhaben von Suhrkamp. Zum einen, weil Robert Service mit seinem Buch, wie er selbst bekannt habe, „Trotzki endlich restlos erledigen“ wolle, was der stalinistische Mörder des Revolutionärs vor 72 Jahren nicht geschafft habe. Zum anderen, weil das Buch von Service endlich das durchbreche, was Scheil als den „Nachkriegskonsens der Bundesrepublik“ bezeichnet, nämlich, dass der Nationalsozialismus und der Krieg gegen die Sowjetunion zu verurteilen seien.

Aber auch große Tageszeitungen bezogen mit prominent platzierten Artikeln bekannter langjähriger Mitarbeiter auf Seiten von Robert Service und Suhrkamp Position.

In der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ) erklärt Prof. Ulrich Schmid die Kritik an den zahlreichen faktischen Fehlern und Schlampereien in einem Geschichtsbuch als „monita“, d.h. Erbsenzählerei. Keinen einzigen der konkreten schweren Vorwürfe von Geschichtsfälschung und unseriöser Quellenangabe widerlegt er. Stattdessen warnt er: „Ein Publikationsverzicht würde der öffentlichen Debatte im deutschsprachigen Raum einen wichtigen Forschungsbeitrag vorenthalten...“

Auch Dr. Lorenz Jäger in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung befasst sich mit keinem der von North und Patenaude konkret aufgeworfenen Kritikpunkte, sondern mit Vorwürfen, die niemand gegen Service erhoben hat. So behauptet er wahrheitswidrig, David North habe die Thematisierung der Präsenz von Juden in der revolutionären Bewegung kritisiert. In Wirklichkeit hat North nachgewiesen, dass Service seine Behauptung, Trotzki habe in seiner Autobiographie „Mein Leben“ seine jüdische Herkunft verschleiern wollen, mit falschen Quellenangaben und puren Erfindungen „belegt“.

Service erklärt, Trotzki habe bis zu seinem 18. Lebensjahr den jüdischen Namen „Leiba“ getragen und dies in „Mein Leben“ verschwiegen. Als Beweis führt Service russischsprachige Quellen an, die jedoch nichts dergleichen enthalten. Jäger geht auf diesen nachgewiesenen Fall betrügerischen Umgangs mit Quellen nicht ein. Stattdessen sucht er Service sogar noch Glaubwürdigkeit zu verleihen, indem er selbst auch behauptet, Trotzki sei als „Leib Bronstein“ geboren worden.

Die Frankfurter Rundschau und Berliner Zeitung schließlich berichten zwar über die von David North und den Wissenschaftlern gegen Service erhobenen Vorwürfe, nehmen aber selbst mit keinem Wort Stellung dazu. Ihr Autor Dr. Christian Schlüter greift nicht Robert Service, sondern seinen Kritiker David North an, er sei unglaubwürdig und operiere „fern der geschichtlichen Wahrheit“. Er begründet dies damit, dass David North, wie Leo Trotzki und die Linke Opposition, die Politik Stalins und der KPD für die Machtübernahme Hitlers 1933 verantwortlich gemacht haben.

Jahrelang, bis zu ihrer eigenen Zerschlagung, hatte die KPD die Arbeiterklasse angesichts der faschistischen Gefahr gelähmt und gespalten, indem sie die SPD und nicht die Nazis zum Hauptfeind erklärte. Wäre die von Leo Trotzki geforderte Einheitsfront von KPD und SPD verwirklicht worden, dann wäre Hitler nicht so leicht an die Macht gekommen, – dies führte David North in einem Vortrag in Berlin aus. Christian Schlüter nennt dies eine „heilsgeschichtliche Einlassung“.

Die Autoren der bisherigen Presseartikel sind alle promovierte Akademiker, teilweise Buchautoren. Die Prinzipien wissenschaftlicher Gewissenhaftigkeit und verlegerischer Integrität sind ihnen bestens vertraut, und doch: Beim Thema Leo Trotzki werfen sie alle wissenschaftlichen Standards bedenkenlos über Bord. Politische Feindschaft und ideologische Voreingenommenheit gewinnen die Oberhand und führen die Feder.

David North wird in seinem Vortrag auf dieses Phänomen eingehen, den Zusammenhang mit philosophischen und wissenschaftstheoretischen Trends der neueren Zeit analysieren und die Bedeutung dieser Fragen in der gegenwärtigen politischen Situation in Deutschland und Europa erläutern.

Der Mehring Verlag lädt zu der Veranstaltung Besucher der „Leipziger Buchmesse 2012“ ein, Dozenten und Studierende der Universität sowie Arbeiter und Jugendliche in Leipzig und darüber hinaus. Die Stadt und ihre Umgebung stellen nicht nur einen der größten Wirtschaftsräume Deutschlands dar. Sie ist ein historisches Zentrum des Buchdrucks und Buchhandels, mit der zweitältesten Universität, der ältesten deutschen Hochschule für Musik, der Hochschule für Graphik und Buchkunst und etlichen anderen Akademien und Hochschulen ein bedeutendes Zentrum der Wissenschaft, Kunst und Kultur, wo die Auseinandersetzung über Fragen der historischen Wahrheit und wissenschaftlichen Standards auf großen Interesse stoßen dürften. Darüber hinaus ist Leipzig ein historisches Zentrum der revolutionären Arbeiterbewegung, wo im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert viele bedeutenden Marxisten gewirkt haben.