Selbstmord in Athen: Polizei löst Proteste auf

Von Christoph Dreier
7. April 2012

Der Selbstmord des 77 jährigen Dimitris Christoulas hat in Athen Tausende, meist junge Menschen auf die Straßen getrieben. Sie protestierten gegen den Sozialkahlschlag der Regierung, der dem Land von der Europäischen Union verordnet wird. Die Polizei reagierte darauf mit brutaler Gewalt und trieb Demonstrationen mehrfach auseinander.

Christoulas hatte sich am Mittwoch auf dem zentralen Syntagma-Platz erschossen – direkt vor dem Parlamentsgebäude, in dem in den letzten Monaten die brutalsten Kürzungen verabschiedet wurden. In einem Abschiedsbrief, den er bei sich trug, erklärte er, dass er sich lieber mit Würde das Leben nehme, als im Müll nach Essen zu suchen. Er könne nur hoffen, betonte er, dass der Regierung das gleiche Schicksal bereitet werde.

„Der Abschiedsbrief meines Vaters lässt keinen Raum für Fehlinterpretationen. Er war Zeit seines Lebens ein linker Kämpfer. Ein selbstloser Visionär.“ sagte seine einzige Tochter Emy Christoula, „Seine letzte Handlung war eine bewusste politische Aktion, die in Übereinstimmung mit dem stand, was er glaubte und tat.“

Christoulas hatte sich in den letzten Jahren an zahlreichen Protesten gegen die Kürzungspolitik der Regierung beteiligt. Nachbarn zufolge hatte er ein Transparent an seinem Balkon gehängt, auf dem der Slogan „Ich werde nicht zahlen“ einer Bewegung gegen die Erhöhung der Massensteuern geschrieben stand. „Mit seinem Selbstmord wollte er eine politische Aussage treffen.“ zitiert die griechische Zeitung Ta Nea einen anderen Nachbarn. „Er war sehr politisiert, aber auch wütend.“

Letzten Sommer hatte sich der Rentner an der Bewegung der Empörten beteiligt, die mehrere Wochen lang den Syntagma-Platz besetzte. Einer seiner damaligen Mitstreiter, Nicholas Fotopoulos, erklärte gegenüber dem Guardian, dass er sich noch gut an ihn erinnern könne. „Christoulas hat sich unter diesem Baum umgebracht, weil er dort im letzten Sommer sein Zelt aufgeschlagen hatte, als die Empörten den Platz besetzten.“ sagte er. „Ich bin mir ziemlich sicher, dass er mit seinem Tod etwas sagen wollte: erhebt Euch, bewaffnet Euch, nehmt das nicht mehr hin!“

Christoulas Freitod zeigt unmissverständlich die Verzweiflung, mit der in Griechenland nicht nur Rentner, sondern auch Arbeiter und Jugendliche massenhaft konfrontiert sind. Er ist eine Anklage an die Europäische Union und die griechische Regierung, die in der Zerschlagung der Löhne, Renten und Sozialsysteme eng zusammengearbeitet haben. In den letzten zwei Jahren ist die Suizidrate infolgedessen um 40 Prozent angestiegen. Seit Ausbruch der Schuldenkrise sollen über 1500 Menschen den Freitod gewählt haben.

Doch die tragische Entscheidung des Rentners, sich das Leben zu nehmen, ist auch Ausdruck einer tiefen Frustration über die zahllosen Proteste, die von Gewerkschaften, „Empörten“ und linken Parteien bewusst in harmlose Kanäle gelenkt wurden, um das Spardiktat der Regierung nicht zu gefährden.

Dies mag auch ein Grund gewesen sein, weshalb sich am Mittwoch kurz nach Bekanntwerden des Todes Tausende überwiegend junge Menschen auf dem Syntagmaplatz versammelten, um dem Verstorbenen zu gedenken und gegen die Sparpolitik der Regierung zu protestieren. Einige riefen in Sprechchören, es habe sich nicht um einen Selbstmord, sondern um einen "vom Staat verübten Mord" gehandelt.

Der Baum unter dem sich Christoulas erschoss - Foto von Jack Zalium Der Baum unter dem sich Christoulas erschoss -
Foto von Jack Zalium

Unter dem Baum, unter dem sich Christoulas das Leben nahm, legten viele Demonstranten Briefe und Blumen ab. „Genug ist genug!“ steht auf dem einen „Getötet von der Diktatur der Gläubiger“ auf einem anderen. Ein Demonstrant schrieb nur die Frage „Wer wird das nächste Opfer sein?“.

Die Regierung reagierte mit äußerster Brutalität auf die spontanen Proteste. Die Polizei nutze einige kleinere Scharmützel, um mit Gummieknüppeln und Tränengas gegen die Demonstranten vorzugehen. Zehn Menschen wurden festgenommen und zahlreiche verletzt.

Als sich am Donnerstag erneut hunderte Demonstranten auf den Parlamentsplatz begaben, wurden sie schon nach kurzer Zeit von der Polizei auseinandergetrieben. Alles deutet darauf hin, dass die Sicherheitskräfte dabei auch bewusst gegen Journalisten vorgingen, um eine kritische Berichterstattung zu verhindern.

Bereits am Mittwoch wurde eine Reporterin des privaten Fernsehsenders Antena in ein Krankenhaus eingeliefert, weil sie von Polizisten schwer verletzt worden war. Ein Journalist des Fernsehsenders Net sagte, er sei von der Polizei attackiert worden, obwohl er versucht habe, sich als Journalist zu erkennen zu geben. „Ich bin vom Gehweg auf die Straße gefallen, aber anders als meine Kollegin wurde ich glücklicherweise nicht verletzt“, sagte Georgios Gerafentis.

Am Freitag erklärte die Gewerkschaft der Fotojournalisten, dass auch am Donnerstag Journalisten „barbarisch und unprovoziert“ angegriffen worden seien. Der Vorsitzende der Vereinigung, Marios Lolos, befand sich selbst noch im Krankenhaus, weil er Zeugen zufolge wiederholt mit Knüppeln geschlagen worden war.

„Die systematischen und wiederholten Attacken auf Presseleute, die ihre Arbeit verrichten, verletzen die grundlegendsten Menschenrechte und können nicht als willkürlich verstanden werden; selbst der Naivste kann annehmen, dass sie beabsichtigen, die Presse zu knebeln.“ heißt es in der Erklärung der Gewerkschaft.

Polizisten auf dem Syntagma Platz - Foto von Jack Zalium Polizisten auf dem Syntagma Platz - Foto von Jack Zalium

Die Brutalität, mit der die Polizei gegen Demonstranten und Journalisten vorgeht, ist ein Ausdruck der zunehmend autoritären Herrschaftsformen in Griechenland. Die soziale Konterrevolution, die von der EU verordnet und von der nie vom Volk legitimierten Technokratenregierung von Loukas Papadimos durchgesetzt wird, ist unvereinbar mit demokratischen Rechten für die Bevölkerung.

Selbst die geschönten Zahlen von Eurostat belegen mittlerweile, dass nur noch die Minderheit der unter 25 Jährigen eine Arbeitsstelle hat. Diejenigen, die Arbeit haben, waren in den letzten Monaten mit empfindlichen Lohnkürzungen konfrontiert und erhalten meist nicht viel mehr als den gesetzlichen Mindestlohn von 600 Euro im Monat. Angesichts einer derart zugespitzten Klassenkonfrontation, reagiert die Regierung auf jede Form des Aufbegehrens, das sich nicht unter der unmittelbaren Kontrolle der Gewerkschaften vollzieht, mit gewaltsamer Unterdrückung.

Der zunehmend autoritäre Charakter des griechischen Staats zeigt sich auch in der sogenannten „Besen-Kampagne“ des sozialdemokratischen Ministers Michalis Chrysochoidis (PASOK). An dem Tag, an dem sich Christoulas das Leben nahm, jagten hunderte Polizisten mit kugelsicheren Westen und Schäferhunden durch die Straßen Athens, um Migranten aufzuspüren, die keine Aufenthaltsgenehmigung vorweisen konnten. Jeder ausländisch aussehende Passant wurde angehalten und kontrolliert, hunderte wurden in Gewahrsam genommen.

Die Betroffenen sollen jetzt in "Aufnahmezentren für illegale Einwanderer" (KEPY) untergebracht werden, von denen die Regierung dreißig im ganzen Land errichten will. Von dort soll die Abschiebung in die Heimatländer organisiert werden. Es ist nicht einmal 40 Jahre her, dass in Griechenland solche Lager von der Obristen-Diktatur zur Inhaftierung politischer Gegner genutzt wurden.