Warum Die Tribute von Panem – The Hunger Games den Nerv des Publikums trifft

Von Christine Schofelt und David Walsh
10. April 2012

Regie Gary Ross, Drehbuch Ross, Suzanne Collins und Billy Ray, nach einem Roman von Suzanne Collins.

Die Tribute von Panem – The Hunger Games, in Deutschland seit dem 22. März in den Kinos, brach an diesem Wochenende Einnahmerekorde an den Kinokassen. Allein am Freitag spielte er 68 Millionen Dollar ein; bis Samstagmorgen hat Lions Gate, das diesen Film vertreibende kanadische Medienunternehmen, gemäß Deadline.com „seine weltweiten Gesamteinnahmen auf wuchtige 214,25 Millionen Dollar erhöht.“

Die Tribute von Panem fußt auf dem ersten Teil einer populären Romantrilogie für junge Leser aus der Feder von Suzanne Collins. Der von Gary Ross gedrehte Film schildert ein zukünftiges Nordamerika, das jetzt Panem genannt wird und in zwölf Distrikte geteilt ist. Jahrzehnte zuvor wurde ein Volksaufstand gewaltsam niedergeschlagen, wobei ein dreizehnter Distrikt während der Unterdrückung vollständig ausgelöscht wurde.

The Hunger Games The Hunger Games

Die Bewohner Panems dürfen die ihnen zugewiesenen Distrikte nicht verlassen. Zur Strafe für den niedergeschlagenen Aufstand, der von den Herrschenden als „Verrat“ bezeichnet wird, ist jeder Distrikt verpflichtet, alljährlich ein Mädchen und einen Jungen, durch eine Lotterie ausgelost, als „Tribut“ an das Kapitol zu entsenden. Dort sollen sie an den Hungerspielen teilnehmen, einem über Fernsehen übertragenen Kampf, der auf wechselnden unbewohnten Gebieten stattfindet und andauert, bis nur noch einer überlebt. Als Siegespreis erhält der Distrikt des Siegers Lebensmittel.

Weder das Buch noch der Film sind von größerer künstlerischer Bedeutung, doch beiden gelang es, einen Nerv zu treffen, der ein großes Publikum anlockte. Sagt das etwas aus? Einige der hervorstechendsten Züge von Tribute von Panem könnten eine Antwort liefern.

Im Zentrum der Geschichte steht Katniss Everdeen (Jennifer Lawrence aus Winter’s Bone). Sie lebt im Distrikt 12, der früher Appalachia hieß. Ihr Vater starb einige Jahre bevor der Film einsetzt bei einem Grubenunglück. Katniss überquert heimlich den nicht immer elektrisch geladenen Zaun, der den Distrikt eingrenzt, und geht gemeinsam mit Gale (Liam Hemsworth), einem Freund, auf Jagd, um ihre Familie zu ernähren.

Während die Waldflächen und Berge in frischem hügeligem Grün erscheinen, besteht die Stadt aus schmutzigen Straßen und alten Holzhäusern. Die Menschen wirken beinahe ausgemergelt und einige flüchtige Szenen sind bewusste und wirkungsvolle Reprisen der Depressionszeitfotografien von Dorothea Lange. Der gesamte Distrikt 12 wurde dieser Epoche nachempfunden, als ob er in die Zeit des Aufstands zurückversetzt worden wäre.

Kohlebergbau ist nach wie vor eine der wenigen Beschäftigungsmöglichkeiten und offenbar nicht sicherer als heute. Der Roman bemerkt, dass Jahrhunderte langer Bergbau die Menschen zwang, immer tiefer in der Erde nach Kohle zu suchen, die anschließend ins wohlhabende Kapitol verfrachtet wird. Unfälle und Explosionen, wie diejenige, in der Katniss‘ Vater getötet wurde, sind gang und gäbe.

Am Tag der “Ernte”, als die Jungen und Mädchen für die Hungerspiele ausgewählt werden, sind riesige Bildschirme auf dem Marktplatz aufgestellt worden. Kamerapersonal und „Friedenswächter“ in Kampfausrüstung drängeln sich an den Rändern der Menschenmenge, die aus Kindern und Jugendlichen besteht. Der Kontrast zwischen der verfügbaren Technologie, die jeden Moment der grauenvollen Spiele aufzeichnen und übertragen kann und dem Mangel an so vielem, wie etwa einem Bürgersteig für die Bevölkerung, wird scharf gezeichnet.

Effie Trinket (Elizabeth Banks), die vom Kapitol als Begleitung der Tribute des Distrikts 12 entsandt wurde, stellt eine manische Ergebenheit für die Spiele zur Schau. Wie auch bei der Mehrheit der Charaktere des Kapitols, besteht ihre Kleiderwahl aus einem Durcheinander von Stilen und Epochen. Der grausame Präsident Snow, dem wir später begegnen werden, wird von Donald Sutherland mit frostiger Kultiviertheit gespielt. Er ist wie ein Industriekapitän des 19. Jahrhunderts gekleidet, lediglich der Zylinder fehlt.

Auch die Kulissen sind dazu entworfen, die sozialen Unterschiede zu unterstreichen; einige sprechen für sich selbst. In einer der unheimlichsten Sequenzen ähnelt das Pflegezentrum, in das die Tribute nach ihrer Ankunft im Kapitol gebracht werden, eindeutig einem Leichenschauhaus. Die jungen Leute werden auf harte, kalte Oberflächen gelegt, verharren in ihrem passiven Zustand und werden von Funktionären, die sie kaum zur Kenntnis nehmen oder überhaupt nichts sagen, gewaschen, eingewachst und gekämmt. Schon vor Spielbeginn sind die Tribute gesellschaftlich tot.

Viele nicht zueinander passende Elemente wurden in Die Tribute von Panem eingesetzt, davon einige gelungener als andere. Collins sagte in Interviews, dass ihr die Idee zu der Geschichte gekommen sei, als sie Fernsehen schaute, und die Grenzlinien zwischen „Reality-TV-Programmen“ und Szenen aus dem Irakkrieg „sich während des Umschaltens zwischen den Kanälen zu verwischen begannen.“ (School Library Journal)

Die Hungerspiele werden als eine von Caesar Flickerman (Stanley Tucci) veranstaltete Reality-Show präsentiert, die landesweit ausgestrahlt wird und deren Publikum gesetzlich verpflichtet ist, sie zu sehen. Die Wiederkehr antiker römischer Namen wie auch der Name des Landes selbst, Panem, das offenbar dem bekannten Ausdruck „Brot und Spiele“ (auf Latein panem et circenses) entnommen wurde, scheinen die Aufmerksamkeit auf den gladiatorischen Charakter des Schauspiels lenken zu wollen. Präsident Snow macht einem Untergebenen, der Sympathie für die „Außenseiter“ bekundet, auf erbarmungslose Weise deutlich, dass die jährliche Veranstaltung ein Mittel der politischen Kontrolle und Einschüchterung bleiben wird.

Die Kriege im Irak und in Afghanistan (und zweifellos auch der Vietnamkrieg, an dem Collins’ Vater teilnahm) sind fühlbar präsent. Verarmte Familien können Lebensmittel und Vorräte erwerben, indem sie innerhalb einer Frist die Namen ihrer Kinder an das Losverfahren für die Spiele übermitteln. Zumindest in den weniger wohlhabenden Distrikten werden die Ärmsten und am meisten Verzweifelten am ehesten ausgelost. Sie sind im wahrsten Sinne die „kostengünstigsten Wehrpflichtigen“ für die Todesspiele.

Die zahlreichen Fingerzeige auf die zerstörerische und unterdrückerische amerikanische Militärmacht, von dem Erscheinen eines Luftkissenbootes, den schwerbewaffneten (doppelzüngig so genannten) Friedenwächtern bis zum Kontrollraum der Spiele, wo Techniker die Wettkampfbedingungen manipulieren und bei einer Gelegenheit Feuerbälle verschießen (Drohnenschläge?), sind klar erkennbar.

Ein betrunkener Veteran der Spiele, der einzige noch lebende Sieger des Distrikts 12, Haymitch Abernathy (Woody Harrelson), hat die Aufgabe, die diesjährigen Tribute seines Distrikts, Katniss und Peeta Mellark (Josh Hutcherson), in den Tagen vor Spielbeginn einzuweisen. Vielleicht würde dieser Charakter in begabterer Künstlerhand einen schneidenden Kommentar über die Langzeitfolgen von Krieg und Brutalität abgegeben haben. Haymitchs Aufgabe, die nächsten möglichen Überlebenden (wahrscheinlicher jedoch Opfer) auszubilden, wirft viele moralische Fragen auf. Harrolsen spielt ihn gut, aber er gibt nicht mehr her.

Die Sequenzen der Spiele selbst, in denen die vierundzwanzig Tribute tagelang einander auflauern, umbringen und zahlenmäßig schrumpfen, sind die schwächsten und vorhersehbarsten Abschnitte des Films (und des Buchs). Leider finden es amerikanische Autoren und Filmemacher nach wie vor bequemer, diese Art von Abenteuerszenario zu konstruieren, als die Implikationen des Bildes der Gesellschaft auszuloten, das Autor und Regisseur hier zu zeichnen begonnen, dann aber wieder verlassen haben.

Der Film liefert einige starke Darbietungen, besonders die von Jennifer Lawrence gespielte Hauptrolle. Es ist zweifelhaft, ob der Film ohne ihr Talent seine Redlichkeit in der zweiten Hälfte behalten würde. Lawrence bringt eine Vielschichtigkeit ein, die im Buch nicht oft sichtbar wird; ihre Entschlossenheit, die sie Umgebenden zu retten oder dies zu versuchen, ist bewundernswert; ihre Selbstlosigkeit und ihr Wunsch, mit anderen Menschen in Verbindung zu treten, sind ergreifend. Ihre Verbindung mit dem jungen schwarzen Mädchen Rue (Amandla Stenberg) aus dem Distrikt 11, die etwas über die Hälfte des Filmes andauert, ist überwältigend dargestellt.

Die Isolierung der Distrikte voneinander, die im Buch besser dargestellt wird, wird schließlich durchbrochen, als Distrikt 11 Rues Tod und Katniss‘ Bemühungen, ihr Ehre zu erweisen, sehen kann. Diese Szene entfacht in Rues Heimat einen Volksaufruhr über Rassengrenzen hinweg (eine Sequenz, die der Regisseur Steven Soderbergh gefilmt hat). Die Liebesgeschichte, oder besser halbe Liebesgeschichte, die sich während der Spiele zwischen den beiden Tributen aus Distrikt 12 entspinnt, ist weder gut entwickelt noch überzeugend. Bisweilen ist sie einfach nur peinlich.

Angesichts seines bisherigen Werdeganges durften wir von Gary Ross (Regisseur von Pleasantville und Seabiscuit, Drehbuchautor von Big, Mr. Baseball und Dave) eine passable, weltoffene aber eher simplifizierende Leistung erwarten. Genau dies liefert er ab, obwohl auch gelegentlich sein visueller Spürsinn aufflackert. Die schauspielerische Leistung ist äußerst ungleichmäßig. Es sieht aus, als machten jene Darsteller, die die Fähigkeiten mitbringen, einen Charakter mehr oder weniger selbständig zu entwickeln (Lawrence, Harrelson, Tucci, Sutherland), ihre Sache gut bis besser, während die anderen sich nur abquälen.

Buch und Film sind sehr verworren. Sie rufen starke soziale Gefühle wach, besonders in ihrer Eröffnungsszene: durch die Tatsache, dass es sich um Appalachia handelt, durch das Bergbaumotiv und die halbverhungerte Bevölkerung, durch den zuvor niedergeschlagenen Aufstand und die Existenz des verhätschelten, wohlhabenden Kapitols und so weiter. Manches davon rührt uns an und hat seine Wurzeln in der heutigen Wirklichkeit.

Collins sagte der New York Times, dass junge Menschen sich Themen zuwenden müssen wie der „globalen Erwärmung, unserem schlechten Umgang mit der Umwelt, aber auch der Frage: Was soll man von der Tatsache halten, dass einige Menschen ihre nächste Mahlzeit für selbstverständlich nehmen, während so viele andere Menschen in der Welt hungern müssen?“

Ross gab einem Interviewer zu verstehen, dass er stolz auf die Szenen sei, die Sutherland als Präsident Snow zeigen: „Ich liebe diese Szenen mit ihm [Snow]. Ich mag, wie er über die Besitzenden und Besitzlosen spricht, über die 99 Prozent und über das eine Prozent und über die Bodenschätze und den Wohlstand, die sie aus den Distrikten erhalten, und die sie kontrollieren müssen, und wie das neokoloniale Verhältnis artikuliert wird.“

In einem Interview mit Citypages sagte Jennifer Lawrence: „Wir haben gesehen, dass all dies in der [tatsächlichen] Geschichte geschehen ist, als plötzlich diese Regierung da war, die die Menschen kontrollierte, indem sie sie spaltete und hungrig und schwach ließ, damit sie nicht stark genug wurden um sich zu wehren.“ Josh Hutcherson bezog sich im selben Interview auf die Occupy-Wall-Street-Bewegung und fügte hinzu: „Ich komme mir vor wie in der heutigen Welt. Es gibt die 99 Prozent und das eine Prozent und zwischen beiden klafft solch ein Graben. Darum geht es in den Tributen von Panem. Du hast diese Leute, die darum kämpfen, Essen auf den Tisch zu bekommen und dann hast du das Kapitol, das diese Welt absolut nicht wahrnimmt.“

Das sind bewundernswerte Ansichten und die gesellschaftlichen Themen werden in den Tributen von Panem berührt. Tatsächlich inspirieren sie die faszinierendsten Aspekte wie auch die Darsteller des Films. Die Eindringlichkeit, die hierbei entsteht, spielt eine große Rolle dabei, ein großes Publikum aufzurütteln.

Wie dem auch sei, wichtige Themen zu berühren ist eine Sache, eine andere ist es, diese auszuarbeiten und ernsthaft zu behandeln. Hierbei versagen Buch und Film gleichermaßen. Zu viel ist hier stereotyp, formelhaft und seicht.

Wenngleich Die Tribute von Panem als Jugendbuch durchgehen darf, so wird doch ein beträchtlicher Teil des Materials, darunter Katniss‘ Reaktionen, ungeschickt behandelt. Zu praktisch keinem gegebenen Moment kann infrage gestellt werden, wie Katniss fühlt, und viele der Stellen enden mit einer simplen ausdrücklichen Formulierung dessen, was zuvor schon deutlich gemacht wurde.

Die Welt und die Situation in der sich Katniss wiederfindet, strotzen vor Möglichkeiten zu tiefergehenden Kommentaren, doch etliche dieser Möglichkeiten werden vertan, weil der Leser oder Zuschauer von den endlos sich auftürmenden Leichenbergen erdrückt wird. Zu vielen Themen wird keine eindeutige Stellung bezogen.

Die Behauptung, Die Tribute von Panem seien „ein actionbepacktes Loblied auf die Freiheit, die jeder konservative Befürworter eines schlanken Staates lieben“ oder „jeder Tea-Party-Sympathisant bejubeln wird“ (Washington Examiner), ist in hohem Maße Wunschdenken. Vielleicht kann indessen die Verwirrung der Autorin so zusammengefasst werden: auf die Liste ihrer Lieblingsbücher setzt Collins Émile Zolas Germinal, den 1885 erschienen Roman, in dessen Zentrum ein französischer Bergarbeiterstreik steht, der von sozialistisch gesinnten Arbeitern wertgeschätzt wird, und Der Herr der Fliegen, William Goldings düstere Geschichte über eine Gruppe von Jungen, die auf einer einsamen Insel gestrandet sind, die die Verkommenheit der menschlichen Natur aufzeigen will.

Collins und Ross haben weder sich selbst noch ihre Leser oder Zuschauer gefordert und die Ergebnisse sind dementsprechend flickenhaft.