Die neue Aristokratie

Während Regierungen in aller Welt Schulen schließen, Arbeiter entlassen, Gelder für Arme, Alte und Kranke kürzen, vermehrt die Finanzaristokratie, die die Welt regiert, ihren Wohlstand und ihren Reichtum.

Wie die Forschungsgesellschaft Equilar auf Grund einer Analyse der fünfzehn größten Banken der Welt berichtet, stiegen die Einkommen der Bankmanager im vergangenen Jahr um 12 Prozent. Die Manager erhielten im Durchschnitt pro Kopf 12,8 Millionen Dollar und das, obwohl Aktienwerte, Umsätze und Profite der meisten Banken sanken.

Jamie Dimon, Vorstandsvorsitzender und Topmanager von JP Morgan Chase, führt die Liste einmal mehr mit einem Einkommen von 23,1 Millionen US-Dollar an, elf Prozent mehr als im Jahr zuvor. Unter Dimon hat JPMorgan vor kurzem einen Milliardenverlust bei Spekulationsverlusten erlitten.

Regierungen in aller Welt haben diese Banken mit Milliardenbeträgen gerettet. Sie haben diese gigantischen, in Privatbesitz befindlichen Finanzinstitutionen massiv subventioniert und sie stehen bereit, das nötigenfalls wieder zu tun.

Der Bericht über die Banker-Gehälter erschien nur einen Tag, nachdem der Topmanager von Oracle, Larry Ellison, Lanai, die sechstgrößte hawaiianische Insel, für einen Betrag zwischen 500 und 600 Millionen Dollar gekauft hatte. Die 3000 Einwohner der Insel werden von Ellisons Wohlwollen abhängen wie mittelalterliche Vasallen von ihren Gutsherren.

Ellison, der drittreichste Amerikaner, ist sowohl für seine Extravaganz, als auch für seinen Geiz bekannt. 2008 erstritt er eine Steuerrückzahlung in Höhe von 3 Millionen Dollar von der Stadt Woodside in Kalifornien. Ein Gericht des Staates kam zu der Erkenntnis, dass sein Haus, der Nachbau eines japanischen Kaisersitzes, trotz seiner Baukosten von 200 Millionen Dollar wegen der gegenwärtigen Marktsituation nur etwa 100 Millionen Dollar wert war.

Das Gericht erklärte, dass niemand außer Ellison sich das Haus leisten könne, was zu einer “veringerten Käuferanziehungskraft” führe und senkte auf Grund dieser Einschätzung die Steuer auf das Grundstück.

Die Steuerumgehungen von Ellison und seinen Milliardärskumpanen in Kalifornien tragen zu dem 15-Milliarden-Defizit bei, dem jetzt durch einschneidende Maßnahmen bei lebenswichtigen Sozialprogrammen entgegengesteuert wird, die Millionen vor der Verelendung retten.

Der kalifornische Gouverneur Jerry Brown, ein Demokrat, und das von Demokraten kontrollierte Parlament des Staates haben sich vergangene Woche auf ein Minimum von acht Milliarden Dollar an Kürzungen und Einschnitten geeinigt. Die staatliche Sozialhilfe soll um die Hälfte reduziert werden, das Gesundheitswesen um eine Milliarde gekürzt, die Löhne im öffentlichen Dienst um 402 Millionen und die Sozialleistungen für Kinder sollen um 240 Millionen Dollar gesenkt werden.

Ellison, dessen Privatvermögen ca. 36,5 Milliarden US-Dollar beträgt, könnte einen Scheck ausstellen, um diese Beträge zu begleichen... und das insgesamt viermal. Außer ihm gibt es im Staat Kalifornien 99 weitere Milliardäre.

Ein anderes Beispiel, wie die Superreichen mit ihrem Geld umgehen, zeigt der Dokumentarfilm The Queen of Versailles (Die Königin von Versailles), der demnächst herauskommt. Der Film zeigt die Anstrengungen, die der Milliardär und Gründer von Westgate Resorts (eine Firma für Timeshare- Ferienanlagen) und seine Frau, ein ehemaliges Fotomodell, unternommen haben, um das größte Haus der USA zu bauen. Auf ca 8.000 Quadratmetern Wohnfläche enthält das Herrenhaus in Florida zehn Küchen und eine Bowlingbahn.

Das palastartige Gebäude heißt zu Ehren des Palastes von Ludwig XVI und Marie Antoinette Versailles. Es scheint die Erbauer des neuen Versailles nicht sonderlich zu interessieren, dass dem königlichen Paar in der Französischen Revolution die Köpfe abgeschnitten wurden.

Ein charmantes Detail hilft zu erklären, warum das so tragisch geendete Paar beim französischen Volk so verhasst war: Die königlichen Hunde waren nicht stubenrein, weil eine Armee von Dienern immer bereit stand, um ihren Dreck zu beseitigen.

Das Wort Aristokratie kommt aus dem Griechischen und bedeutet “Herrschaft der Besten”. Die Finanzoligarchie allerdings, deren selbstsüchtige Interessen die Politik des ganzen Planeten diktieren, besteht aus den ignorantesten und verkommensten Teilen der modernen Gesellschaft. “Der Abschaum schwimmt oben”, sagte Marx, als er über die Spekulanten und Betrüger seiner Zeit schrieb.

“Die Finanzaristokratie”, fügte er hinzu, “ist in der Art, wie sie sich bereichert und in der Art, wie sie sich vergnügt, nichts als die Wiedergeburt des Lumpenproletariats am anderen Ende der bürgerlichen Gesellschaft”.

In den Jahrzehnten vor dem Wallstreet-Crash von 2008 kam es zu einer dramatischen Bereicherung dieser sozialen Elemente und einer Veränderung der Politik in ihrem Interesse. Die Finanzoligarchie übt einen monopolistischen Einfluss auf das politische Leben aus. Die Polizeistaatsmechanismen, die seit 2001 eingeführt worden sind, dienen großenteils dem Schutz ihres Wohlstands.

Die Obama-Regierung ist selbst Ausdruck dieses Prozesses. 2008 erhielt Barack Obama mehr Geld von der Finanzindustrie als jeder andere Kandidat in der Geschichte der USA. Nach der Wahl packte er sein Kabinett voll mit ehemaligen Managern der Wall Street. Sobald er sein Amt übernommen hatte, stellte er den Banken Milliarden zur Verfügung und schützte diejenigen vor gesetzlicher Verfolgung, die für den Crash von 2008 verantwortlich waren.

Die Konzentration dieses großen Reichtums in den Händen einer Finanzaristokratie erfolgt auf Kosten des gesamten Restes der Gesellschaft. Fünfzig Prozent der Menschen in den USA sind entweder arm oder an der Armutsgrenze und das Vermögen von Haushalten mittleren Einkommens fiel von 2007 bis 2010 um 39 Prozent.

Millionen kämpfen Tag für Tag ums Überleben. Gleichzeitig hat die Zahl derer, die in absoluter Armut leben, atemberaubend zugenommen. Der Anteil der “extrem Armen” an der Bevölkerung in den USA ist seit 2000 um 50 Prozent angewachsen, von 4,5 Prozent auf 6,7 Prozent. Als extrem arm gilt in den USA, wer weniger als 5.851 Dollar pro Jahr verdient oder als Familie weniger als 11.509 Dollar zur Verfügung hat.

Wie Mark Twain einst schrieb: “Revolutionen passieren erst dann, wenn die Bedingungen so erdrückend und unerträglich werden, dass es keinen anderen Ausweg mehr gibt.”

Jahr für Jahr werden Milliarden verprasst für Jachten, Herrenhäuser und Countryclubs der Reichen und für die Mikroökonomie, die sie um sich herum geschaffen haben. Riesige Ressourcen werden zum Zwecke der Spekulation angezapft, um das Casino Wall Street in Gang zu halten. Diesen Wohlstand sinnvoll einzusetzen, würde bei der Ausmerzung von Arbeitslosigkeit, Armut und vermeidbaren Krankheiten ganz erheblich helfen.

Die Anarchie und die Ausbeutung im Herzen des kapitalistischen Systems, die in der Konzentration obszöner Reichtümer an der Spitze der Gesellschaft ihren Ausdruck finden, müssen beendet werden. Das würde der Menschheit ermöglichen, die Produktivkräfte zu mobilisieren und zu entwickeln, einschließlich der Wissenschaft und der Technologie, die notwendig sind, um das materielle und kulturelle Niveau der menschlichen Gesellschaft anzuheben und die Ungleichheit auszumerzen.

Und dennoch lautet der allgegenwärtige Ruf in der Politik “Es ist kein Geld da”, um soziale Programme oder angemessene Löhne zu bezahlen. Arbeiter, darunter die ärmsten und verletzlichsten Mitglieder der Gesellschaft, werden angehalten, “den Gürtel enger zu schnallen”.

Dies ist der Charakter historisch bankrotter herrschender Klassen. Entscheidend ist dabei nicht so sehr ihr persönlicher Wohlstand, sondern ihr Zugriff auf die Produktivkräfte der Gesellschaft. Die riesigen Konzerne und die Finanzinstitutionen müssen dem privaten Besitz entrissen und demokratisch geführt werden, um so die Gesellschaft wieder aufzubauen, die von den Superreichen verwüstet wurde.

Es gibt keinen anderen Weg als die soziale Revolution, um die politische und wirtschaftliche Macht der neuen Aristokratie zu brechen, die die Gesellschaft zum Zwecke der persönlichen Bereicherung ausplündert.

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