Die Welt gleitet in die Depression

Wir nähern uns dem Zeitpunkt, zu dem die Großbank Lehman Brothers vor vier Jahren im Herbst 2008 zusammenbrach. Die Ereignisse der vergangenen Monate unterstreichen zwei grundlegende Züge der Krise, die sich aus dem anschließenden Finanzkollaps ergab: 1. Dass die Krise systemisch und nicht vorübergehender Natur ist und dass sie 2. global ist und jedes Land der Erde betrifft. Der global integrierte Kapitalismus hat eine global integrierte Krise erzeugt.

Eine Reihe von Wirtschaftsdaten, die in dieser Woche veröffentlicht wurden, bestätigen diese Analyse: Die Hoffnungen bürgerlicher Kommentatoren, dass die Schuldenkrise in Europa durch wirtschaftliches Wachstum in Deutschland aufgehalten werden oder dass die Schwäche des Westens als Ganzes durch starke Produktionszahlen in Asien ausgeglichen werden könne, schwinden von Tag zu Tag.

Tatsächlich geht die Produktion sowohl in Deutschland als auch in China zurück, was großenteils an den sinkenden Exporten liegt. Den Zahlen vom Donnerstag zufolge hat der deutschen Einkaufsmanager Index ein Drei-Jahres-Tief erreicht und ist im Juni um 0,2 Punkte gegenüber dem Vormonat gefallen. Der HSBC Produktionsmanager-Index fiel ähnlich von 48,4 Punkten im Mai auf 48,1 im Juni. Es war der achte aufeinanderfolgende Monat unter 50 Punkten, was einen deutlichen Rückgang anzeigt.

 

Anderen größeren „sich entwickelnden“-Wirtschaften geht es nicht besser. Indiens Wirtschaft wuchs im ersten Quartal nur um 5,3 Prozent. Das ist die geringste Wachstumsrate seit neun Jahren und vier Prozent weniger als 2011. Die brasilianische Zentralbank kündigte letzte Woche an, die Wirtschaft des Landes sei im April gegenüber dem Vorjahr wahrscheinlich geschrumpft. Das wäre der erste jährliche Rückgang seit 2009.

In den Vereinigten Staaten, dem Zentrum des Weltkapitalismus, versucht die Obama-Regierung einen scharfen Wirtschaftsrückgang nach einer weitgehend ausgefallenen „Wirtschaftserholung“ mit schönen Worten zu verschleiern. Das Federal Open Market Comittee (FOMC) berichtete diese Woche, dass alle grundlegenden Indikatoren wirtschaftlicher Erholung sich seit März abgeschwächt hätten. Dennoch stellte die amerikanische Bundesbank Federal Reserve klar, dass sie nicht darauf reagieren werde.

Trotz der Massenarbeitslosigkeit stellen die Konzerne keine neuen Arbeitskräfte ein und die Banken schränken die Kreditvergabe ein. Diese Woche hielt sich die Zahl von Amerikanern, die Arbeitslosenhilfe beantragten, auf einem hohen Niveau. Der vierwöchige Durchschnitt für Neuanträge auf Arbeitslosenhilfe hat seinen höchsten Stand seit Dezember erreicht. Dem Arbeitsministerium zufolge fiel die Anzahl offener Stellen im April um 325.000 – der größte Rückgang seit September 2008.

Und natürlich taumelt Europa von einer Krise in die nächste. Der Aufschwung an den Aktienmärkten nach der Bankenrettung in Spanien dauerte kaum einen Tag, bis das vorherrschende düstere Gefühl in Finanzkreisen wieder einsetzte. Die allgemeine Atmosphäre politischer Lähmung wurde durch den unter einem schlechten Stern stehenden Abschluss des G-20-Gipfels in Mexiko verstärkt, der mit einer gemeinsamen Erklärung enden sollte, aber tatsächlich mit einem Missklang zwischen den Großmächten zu Ende ging.

Obwohl die herrschenden Kreise konsterniert sind und die Schärfe und Zuspitzung der Konflikte zwischen den Großmächten zunimmt, hat die Bourgeoisie eine klare Vorstellung davon, wie sie auf die Krise reagieren soll: nämlich mit den gnadenlosesten, entschlossensten Angriffen auf die Arbeiterklasse. Sie hat auf jede Phase der Krise mit Bankenrettungen und noch härteren Kürzungsmaßnahmen reagiert und dabei die größte Vermögensumverteilung von unten nach oben in der modernen Geschichte organisiert. Die Krise wird auf dem Wege des verschärften Klassenkampfs ausgetragen.

Die Ereignisse in Griechenland zeigen der Arbeiterklasse in aller Welt, was in jedem einzelnen Land vorbereitet und durchgesetzt wird. Ein Viertel der Arbeitskräfte sind arbeitslos –unter Jugendlichen mehr als die Hälfte – und am vergangenen Mittwoch bildeten tausende von Menschen Schlangen, als kostenlose Produkte verteilt wurden – eine Szene, die an die Große Depression der 1930er Jahre erinnerte.

Am Donnerstag verkündete der MSCI, ein globaler Aktienindex, er ziehe in Erwägung, Griechenland als erstes Land der Erde vom Status einer entwickelten Landes auf den eines „Entwicklungslandes“ herabzustufen.

Das Wort „Entwicklungsland“ ist allerdings völlig fehl am Platz. Der Weltkapitalismus verordnet den Lebensverhältnissen der Arbeiterklasse in Griechenland eine Schocktherapie. Wie ein Wirtschaftskommentator bemerkte: „In gewisser Weise brauchen sie wirklich eine neue Kategorie: in die Luft gejagte entwickelte Märkte“. Die Vertreter der herrschenden Klasse geben zu, dass ihr Handeln einen historischen Rückschritt verursacht.

Im Januar 2008, einige Monate vor dem Zusammenbruch von Lehman Brothers, als sich der Zusammenbuch des amerikanischen Häusermarktes bereits abzeichnete, erklärte die World Socialist Website: „Die Turbulenzen auf den Weltfinanzmärkten sind der Ausdruck nicht nur eines konjunkturellen Abschwungs, sondern einer systemischen Störung, die die internationale Politik bereits destabilisiert.“ Die vor allem von bürgerlichen Kommentatoren geäußerten Hoffnungen, es könne ein neues globales Gleichgewicht für wirtschaftliches Wachstum gefunden werden, haben sich zerschlagen. Die Krise ist, im tiefsten Sinne des Wortes, eine Krise des weltweiten kapitalistischen Systems.

Der globale Charakter der Krise erfordert eine globale Antwort der Arbeiterklasse. Der Marxismus geht davon aus, dass die Arbeiter aller Länder durch ihre gemeinsamen Klasseninteressen vereint sind. Diese Interessen sind durch ihre gemeinsame Beziehung zum kapitalistischen Produktionssystem definiert. Das gilt mehr denn je zuvor. Die herrschende Klasse zeigt Tag für Tag durch ihre gnadenlose Verteidigung eines gescheiterten Wirtschaftssystems, wie notwendig die sozialistische Weltrevolution ist.

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