Weltwirtschaftskrise wirkt sich auf Deutschland aus

Von Elisabeth Zimmermann
11. Juli 2012

Die Auswirkungen der weltweiten Krise des Kapitalismus machen sich auch in Deutschland immer stärker bemerkbar. In den vergangenen Wochen und Monaten häuften sich Insolvenzen, Betriebsschließungen und Arbeitsplatzabbau in Industrie und Dienstleistungsbereich. Internationale Institutionen wie der Internationale Währungsfonds (IWF) und nationale Wirtschaftsinstitute warnen vor einem wirtschaftlichen Rückgang und einem Anstieg der Arbeitslosigkeit.

Die Anzahl der Insolvenzen und der davon betroffenen Arbeiterinnen und Arbeiter hat seit Beginn des Jahres stark zugenommen. Nach Schätzungen der Wirtschaftsauskunftei Creditreform summiert sich der finanzielle Schaden, der von Januar bis Juni dieses Jahres durch Insolvenzen entstanden ist, auf 16,2 Milliarden Euro – eine Steigerung um 55 Prozent gegenüber dem gleichen Zeitraum des Vorjahrs. Über 150.000 Beschäftigte haben auf diese Weise ihren Arbeitsplatz verloren oder müssen fürchten, ihn zu verlieren. Im ersten Halbjahr 2011 waren es 110.000.

Die Insolvenz der Drogeriemarkkette Schlecker, die fast 30.000 Beschäftigten den Arbeitsplatz kostete, gehört zu den größten Firmenzusammenbrüchen der jüngeren Zeit. Beim Druckmaschinenhersteller Manroland, der Großbäckerei Müller-Brot und mehreren, erst vor wenigen Jahren gegründeten Solartechnik-Firmen haben weitere Tausende durch Insolvenzen ihren Arbeitsplatz verloren.

Der LKW-Hersteller Iveco hat letzte Woche Werksschließungen und Umstrukturierungen in seinen Werken in Europa angekündigt. (Siehe: Werksschließungen bei Iveco) Auch die Deutsche Telekom plant den Abbau von Arbeitsplätzen. So sollen allein in der Telekom-Zentrale in Bonn die Hälfte der 3.000 Arbeitsplätze gestrichen werden. Der öffentliche Fernsehsender ZDF plant in diesem Jahr den Abbau von 100 und bis 2016 von 300 Vollzeitstellen. Das ist jeder zwölfte der insgesamt 3.600 festen Arbeitsplätze.

Nach Ansicht von Experten ist dies erst der Anfang. So warnte Anfang dieser Woche der IWF, weitere Erschütterungen im Euro-Raum würden in Deutschland einen massiven Wirtschaftseinbruch auslösen. Die deutsche Wirtschaft ist extrem stark von Exporten abhängig. Im vierten Quartal 2011 lag der Anteil der Ausfuhren an der gesamten Wirtschaftsleistung bei 50,6 Prozent. „Eine Verschärfung der Rezession in Europa und eine deutlich nachlassende Wachstumsdynamik in Südostasien würden Deutschland hart treffen“, sagte ein IWF-Vertreter.

Schon jetzt macht sich die Krise bei den Exporten bemerkbar. Das Statistische Bundesamt meldete für April einen Exportrückgang. Besonders stark gingen die Ausfuhren in europäische Länder zurück, die massiv von der Eurokrise betroffen sind.

Das DIW (Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung) stellte seine Sommerprognose mit den Worten vor: „Die Krise im Euro-Raum holt die deutsche Wirtschaft ein“. Es erwartet für 2012 nur noch ein Wirtschaftswachstum von 1 Prozent und einen leichten Rückgang der Beschäftigung.

Der Vorsitzende des Unternehmerverbands Gesamtmetall Martin Kannegiesser erklärte gegenüber der Tageszeitung Die Welt: „Wenn Unsicherheiten über die künftige Entwicklung da sind, dann werden Investitionen erst einmal angehalten oder verschoben. Diese Phase hat jetzt begonnen. ... Früher oder später werden wir die Krise umso stärker spüren. Der Zeitpunkt rückt näher.“

Siemens-Finanzvorstand Joe Kaeser berichtete im Juni vor Analysten in Washington über die konjunkturelle Entwicklung und die Gewinnaussichten des Konzerns und sprach von einem „steinigem Weg“.

Solche und ähnliche Äußerungen sind ein sicheres Anzeichen dafür, dass in den Vorstandsetagen und Personalabteilungen vieler Unternehmen eifrig an Plänen über Einsparmaßnahmen und Arbeitsplatzabbau gearbeitet wird.

Ende Juni berichtete die Süddeutsche Zeitung, der Stahlhersteller Salzgitter erwarte statt eines Gewinns einen Verlust. Der Grund dafür seien die zunehmenden Konjunktursorgen wichtiger Kunden. Laut einem Stahlmanager herrscht in der Autoindustrie eine „Riesenunsicherheit“. Im Maschinenbau sehe es noch schlechter aus: „Da stehen die Zeichen noch stärker auf Sturm als in der Autoindustrie.“

Bei der Maschinenbauindustrie gingen in den ersten vier Monaten dieses Jahres acht Prozent weniger Bestellungen als im Vorjahr ein. Der Auftragseingang aus dem Euro-Raum ging sogar um zwölf Prozent zurück.

Der Stahlkonzern ThyssenKrupp denkt bereits öffentlich über die Einführung von Kurzarbeit für Tausende von Stahlarbeitern nach. Die Entscheidung darüber wird in zwei bis drei Wochen fallen. Auch der weltgrößte Stahlkonzern Arcelor-Mittal ist stark vom Rückgang der Nachfrage, insbesondere aus den hoch verschuldeten Staaten Südeuropas betroffen. Als mögliche Gegenmaßnahme plant Arcelor-Mittal, 25 Prozent der Verwaltungskosten einzusparen.

Gegenwärtig liegt die offizielle Arbeitslosenrate in Deutschland mit 6,6 Prozent unter dem europäischen Durchschnitt. Der Rückgang ist aber zum Stillstand gekommen. Saisonbereinigt ist die Arbeitslosigkeit im Juni gegenüber dem Vormonat um 7.000 gestiegen.

Dabei umfasst die offizielle Arbeitslosenstatistik lange nicht alle von Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung Betroffenen. So tauchen Arbeitslose ohne Anspruch auf Arbeitslosengeld in der Arbeitslosenstatistik gar nicht auf.

Das betrifft insbesondere Jugendliche. Mit 7,9 Prozent ist die offizielle Arbeitslosenrate unter Jugendlichen in Deutschland zwar weit von den Rekordraten von über 50 Prozent in Griechenland und Spanien entfernt. Aber deutsche Jugendliche sind außer von Arbeitslosigkeit auch besonders stark von der Ausbreitung prekärer, unsicherer Arbeitsplätze und von niedrigen Einkommen betroffen.

Laut der Studie „Sozialmonitor Jugendarmut“ ist jeder Fünfte der etwa 13 Millionen Jugendlichen im Alter von 14 bis 27 Jahren in Deutschland von Armut bedroht. Insgesamt sind dies 2,6 Millionen junge Menschen.