Europäische Krise entfacht globale Rezession

6. Juli 2012

Die europäische Finanzkrise erzeugt einen Strudel, der den Rest der Weltwirtschaft in eine immer schlimmere Rezession zu reißen droht.

Drei Jahre, nachdem die sogenannte Große Rezession in den USA für beendet erklärt wurde und zu einem Zeitpunkt, da die wirtschaftliche Erholung bei früheren Aufschwüngen längst deutlich zu sehen gewesen wäre, zeigen die jüngsten Daten, dass die Produktion in den USA rückläufig ist.

Entgegen den Voraussagen vieler Ökonomen gibt der Index des Instituts für Beschaffungsmanagement einen Rückgang von 53,5 im Mai auf 49,7 im Juni an. Das ist der niedrigste Stand seit Mitte 2009. Da jedes Ergebnis unter 50 einen Wirtschaftsrückgang bedeutet, gilt die Zahl als „schreckliches Ergebnis“ und zeigt, dass die amerikanische Wirtschaft von der Finanzkrise der Eurozone negativ beeinflusst wird.

In Europa hat der Produktionsausstoß seit August 2011 Monat für Monat abgenommen. Bedeutsamerweise zeigen die Zahlen für Juni, dass die Produktion in Deutschland, der größten und bisher am wenigsten von der Krise betroffenen Wirtschaft der Eurozone, so schnell sinkt wie seit Juni 2009 nicht mehr.

Am Montag wurde bekannt gegeben, dass die Arbeitslosenquote in der Eurozone auf 11,1 Prozent angestiegen ist, dem höchsten Wert in der Geschichte der Einheitswährung. Die Arbeitslosigkeit in Spanien, die etwa 25 Prozent beträgt, stieg erneut an. In Griechenland und Spanien liegt die Jugendarbeitslosigkeit bei 52 Prozent.

Der Niedergang der europäischen Wirtschaft – es wird erwartet, dass sie noch in diesem Jahr offiziell in die Rezession gerät – lässt erwarten, dass die EZB noch in dieser Woche den Leitzins senkt. Die Bank von England wird sich möglicherweise auch für „quantitative Erleichterung“ entscheiden und mehr Geld in das Finanzsystem pumpen. Grund ist, dass die Aussichten sowohl für das Vereinigte Königreich, als auch für die Weltwirtschaft schlechter sind als noch vor wenigen Monaten prognostiziert.

Beide Maßnahmen werden die Situation kaum verbessern. Trotz der einen Billion Euro, die die EZB in den vergangenen sechs Monaten in das europäische Bankensystem gepumpt hat, zeigen die Zahlen, dass praktisch nichts von diesem Geld in neue Investitionsprojekte geflossen ist. Die Banken haben es fast ausschließlich für Finanzmarktoperationen genutzt, in der Hauptsache, um Regierungsanleihen zu kaufen.

Angesichts der entscheidenden Rolle, die China in den vergangenen vier Jahren bei der Aufrechterhaltung des weltweiten Wachstums gespielt hat, ist sein Wachstumsrückgang nicht weniger bedeutsam als die sich entwickelnde Rezession in Europa und die sich verschlechternden Aussichten in den USA.

Zahlen belegen, dass die Exportaufträge ihren niedrigsten Stand seit März 2009 erreicht haben. Der offizielle Einkaufsmanager-Index (PMI) fiel im vergangenen Monat auf 50,2 Prozent, nachdem er im Mai bei 50,4 und damit nur knapp über der 50er Marke gelegen hatte, die eine Stagnation anzeigt. Die privat betriebene Umfrage des Bankenkonzerns HSBC zeigte für China nach saisonaler Bereinigung einen Wert von 48,2 an. Das ist der niedrigste Stand seit November letzten Jahres.

Ein weiteres Anzeichen für einen Wirtschaftsrückgang kommt von der nationalen Statistikbehörde Chinas. Sie berichtet, dass die Produktion von Elektrizität im April und im Mai nur um 1,7 Prozent zunahm. Im vergangenen Jahrzehnt hatte die jährliche Zunahme bei durchschnittlich 12 Prozent gelegen.

Die chinesische Regierung steht unter dem Druck wie nach dem Einsetzen der globalen Finanzkrise 2008 wiederum Ankurbelungsmaßnahmen zu beschließen.

Aber es kann keine einfache Wiederholung solcher Maßnahmen geben. Die massive Ausweitung von Krediten durch die Zentralregierung hat zu einer Immobilienblase und der Erstellung von riesigen Infrastrukturprojekten geführt, die jetzt als zumindest fragwürdige Posten in den Bilanzen der staatlichen Banken auftauchen.

Die jüngsten Trends in der Weltwirtschaft bestätigen die Analyse der World Socialist Web Site, dass der globale Kapitalismus keinen konjunkturellen Abschwung erlebt, von dem er sich wieder erholen wird, sondern in die Phase des Zusammenbruchs eingetreten ist.

In dieser Situation gibt es für die herrschenden Klassen nichts Wichtigeres als die Aufrechterhaltung der gefährlichen Illusion, dass es zu Massenarbeitslosigkeit und Depression eine Alternative gibt, wenn nur die richtige Politik betrieben wird. Hierin liegt die Bedeutung des „Manifests für sinnvolle Wirtschaftspolitik“ des New-York-Times-Kolumnisten und führenden keynesianischen Ökonomen Paul Krugman, das vergangene Woche in der Financial Times veröffentlicht wurde.

Krugman zufolge kommen „die fortgeschrittenen Wirtschaften der Welt nicht vom Boden hoch und erinnern dabei sehr an die 1930er Jahre.“ Der Grund für diesen schrecklichen Zustand liegt darin, dass die falsche Politik jenes Jahrzehnts wiederholt wird. „Als Ergebnis ihrer falschen Theorien“, schreibt Krugman, „fügen viele westliche Politiker ihren Völkern erhebliches Leid zu.“

Dies ist die Wirtschaftsvariante der Geschichtstheorie vom bösen Mann, die die Ideologen der herrschenden Klasse immer hervorgekramt haben, wenn historische Krisen und Widersprüche des kapitalistischen Systems, das sie verteidigen, die Menschheit in eine Katastrophe zu stürzen drohen.

Die Vorstellung, die Weltwirtschaft könne gerettet werden, wenn nur die Regierungen und die Finanzmächte auf die weisen Ratschläge von Herrn Krugman hören würden, löst sich schnell in Wohlgefallen auf, wenn wir uns anscheuen, was geschähe, wenn seine Vorschläge angenommen würden.

Jeder Rückgriff auf Ankurbelungsmaßnahmen zur Steigerung der Ausgaben – nicht der Bankrettungen – in den USA oder einer anderen fortgeschrittenen kapitalistischen Wirtschaft würde zum sofortigen Ausbruch einer Währungs- und Finanzkrise führen, weitere Arbeitslosigkeit und eine Verschärfung der Angriffe auf die Arbeiterklasse nach sich ziehen. In den 1930er Jahren führte nicht Roosevelts „New Deal“ zur Erholung – die begann erst mit dem Ausbruch des zweiten Weltkrieges. Aber heute sind selbst Roosevelts begrenzte Experimente ausgeschlossen und zwar wegen des historischen Niedergangs der globalen Position der Vereinigten Staaten.

Für die internationale Arbeiterklasse beginnt der Weg aus der globalen Wirtschaftskrise mit der Zurückweisung aller von Krugman und seinesgleichen geförderten Illusionen. Um eine Wiederholung der Katastrophen der 1930er Jahre oder noch Schlimmeres zu verhindern, muss die Arbeiterklasse aller Länder den politischen Kampf zum Sturz des Profitsystems in Angriff nehmen und Arbeiterregierungen aufbauen, die die Weltwirtschaft auf sozialistischer Grundlage reorganisieren.  

Nick Beams