Hedgefondsmilliardär ersteigert Munchs „Schrei“ für 120 Mio. Dollar

Von Will Morrow
21. Juli 2012

Wie das Wall Street Journal berichtet, war der New Yorker Milliardär und Hedgefondsmanager Leon Black bei einer im Mai stattgefundenen Auktion der anonyme Käufer des Gemäldes Der Schrei von Edvard Munch aus dem Jahr 1895. Das Blatt bezieht sich auf ungenannte Quellen aus dem Umfeld des Käufers. Das Werk wurde für 119,9 Millionen Dollar verkauft; dies ist der höchste Preis, der jemals an einer Auktion erzielt wurde.

Schrei

Der Kauf ist ein weiterer Beweis dafür, dass sich die amerikanische und globale Finanzelite von jeglichen Verlusten erholt hat, die sie sich im Wirtschaftszusammenbruch von 2008 zuzog. Obwohl sie den Zusammenbruch durch ihre kriminelle Politik selbst herbeigeführt hatte, ist sie heute in der Lage, phantastische Summen auf jede erdenkliche Weise auszugeben.

In dem Artikel im Wall Street Journal, verfasst von Kelly Crow, heißt es: „Herr Black zählt zu den wenigen Milliardären, die mit verschwenderischen Ausgaben für Kunst den internationalen Kunstmarkt in den letzten Jahren verwandelt haben. Der Kunsthandel ist enorm gewachsen, und die Preise für alle Kunstformen schnellen in die Höhe. Zu Blacks Sammlung im Wert von 750 Millionen Dollar zählen bereits Zeichnungen von Vincent van Gogh und Raphael, Aquarelle von J.M.W. Turner, kubistische Malereien von Pablo Picasso und antike chinesische Bronzestatuen. Vor drei Jahren zahlte Herr Black 47,6 Millionen Dollar an Christie’s für die Kreidezeichnung ‚Kopf einer Muse‘ von Raphael, damals ein Rekordpreis für eine Zeichnung.“

Black, der über ein Privatvermögen von 3,4 Milliarden Dollar verfügt, ist Vorstand der Investmentfirma Apollo Global Management, die weltweit Vermögenswerte von 105 Milliarden Dollar verwaltet. Gemäß Forbes flossen Apollo 2009 als direkte Folge der Wirtschaftskrise Milliarden zu. Apollo investierte in notleidende Kredite und wettete damit erfolgreich auf die Bailoutpolitik der Obama-Regierung. Pflichtschuldigst übereignete sie Billionen Dollar an die Finanzeliten, um toxische Investitionen abzusichern.

Auf dem Weltkunstmarkt stiegen die Preise kontinuierlich, nachdem sich im Jahr 2010 das Niveau vor dem Zusammenbruch wiedereingestellt hatte. Der „Art Market trends report 2011 [Kunstmarkttrendbericht für das Jahr 2011]“ von artprice.com stellt fest: „Kunst wurde im Jahr 2011 tatsächlich besser verkauft als jemals zuvor in der Geschichte. Mit einem weltweiten Jahresumsatz von 11,57 Milliarden Dollar sind das zwei Milliarden Dollar mehr als im Jahr 2010, was seinerseits bereits die beste Leistung des Jahrzehnts darstellte.“

In dem Bericht heißt es weiter: “Dieser Luxusgütermarkt entwickelte im Jahr 2011 eine außergewöhnliche Dynamik. Nicht weniger als 1.675 Kunstwerke erzielten Kaufpreise von über einer Million Dollar (59 von ihnen überschritten die Schwelle von zehn Millionen Dollar). Das bedeutet einen Anstieg der siebenstelligen (und höheren) Auktionssummen um 32 Prozent gegenüber 2010. Der Anstieg seit Beginn des Jahrzehnt beläuft sich auf 493 Prozent!“

Im Bericht wird festgestellt, dass das Wachstum zum Großteil von expandieren superreichen Käuferschichten aus China angeheizt wurde. Dort nahmen die Käufe, verglichen mit 2010, um fast fünfzig Prozent zu. In Europa, wo Banker und ihre politischen Vertreter immer brutalere Sparmaßnahmen gegen die Arbeiterklasse durchpeitschen, nehmen die Käufer ebenfalls zu. Gleichzeitig werden Löhne und Renten gekürzt und soziale Einrichtungen wie Gesundheitsfürsorge und Bildung beschnitten. In Großbritannien stiegen die Auktionsverkäufe um 24 Prozent, in Frankreich um neun und in Deutschland um 23 Prozent.

Gleichzeitig wird in den Vereinigten Staaten und weltweit der Zugang zu Kultur und anderen gesellschaftlichen Angeboten drastisch beschnitten. Seit dem Finanzzusammenbruch 2008 erklären regionale und staatliche Regierungen der Demokratischen oder Republikanischen Partei unisono, es sei „kein Geld“ vorhanden, um für die arbeitende Bevölkerung Einrichtungen der Kunst und Kultur zu unterhalten. Die Ausgaben für Museen, Orchester und Kunstgalerien wurden reduziert und die Angestellten wurden gezwungen, drastische Lohnkürzungen hinzunehmen.

Die Spekulation hat die Kunstpreise gewaltig ansteigen lassen, und das bedeutet, dass Museen und Galerien immer weniger in der Lage sind, Kunstwerke zu erwerben oder auch nur die Versicherungssummen für jene Exponate aufzubringen, die sie bereits besitzen.

Der große norwegische Expressionist Edvard Munch (1863-1944) vollendete das Pastellgemälde im Jahr 1895. Es ist eine von vier Varianten des bekannten Bildes eines Menschen, der seinen Kopf mit den Händen umfasst und den Mund zum Schrei öffnet. Alle vier Bilder sind zwischen 1893 und 1910 entstanden; die drei übrigen befinden sich in Gallerien in Oslo.

Wie man hört, kann Black jetzt wählen, welchem der beiden New Yorker Museen, in deren Vorstand er sitzt, er den Schrei stiften möchte: dem Metropolitan Museum of Art oder dem Museum of Modern Art. Mit anderen Worten, ob und wann das Werk der Öffentlichkeit gezeigt wird, hängt, wie bei allen in Privatbesitz befindlichen Kunstwerken, von den Launen eines einzelnen Individuums ab.

Black machte sein Vermögen zwischen 1977 und 1990 als Führungskraft bei Drexel Burnham Lambert, wo er auf fremdfinanzierte Übernahmen und Erwerbungen spezialisiert war. Die durch solche Operationen gescheffelten Profite sind in der Regel das Ergebnis von Schließungen oder „Umstrukturierungen“ von Unternehmen, die mittels Massenentlassungen, Lohnkürzungen und Verschlechterung der Arbeitsbedingungen abgewickelt werden.

Im August vergangenen Jahres war Black Gastgeber einer verschwenderischen Party anlässlich seines 60. Geburtstags, die er sich mehrere Millionen Dollar kosten ließ und zu der 200 Gäste geladen waren. Berichten zufolge gab es neben einem Auftritt Elton Johns auch „scharf angebratene Stopfleber“ in Überfülle. (vgl. http://www.wsws.org/articles/2011/aug2011/blac-a20.shtml)

Schilderungen der Auktion, die vor drei Monaten stattfand, machen auch den Abgrund deutlich, der die breite Masse der Bevölkerung von den Galleristen, Sammlern, Händlern, Medienreportern und anderen Schichten der gehobenen Mittelklasse trennt. Diese fühlen sich von Ereignissen dieser Art stark angezogen und sind von den Summen, die hier über den Tisch gehen, tief beeindruckt.

Kelly Crow, Reporterin für das Wall Street Journal, erzählte im Mai PBS Newswire: „Ich muss schon sagen: Ein gewaltiger Adrenalinstoß geht einem durch und durch, wenn man die Show im Auktionsraum betritt und bedenkt, dass ein einziges Gemälde für vierzig, achtzig Millionen Dollar weggeht, und es gibt nur eine Handvoll Milliardäre, die tatsächlich den Preis auf 120 Millionen drücken können.“

Das Journal schrieb am Mittwoch: “Als die Gebote die Hundert-Millionen-Marke überschritten hatten, brachte Herr Meyer, ein Auktionator auf dem Podium, seinen Smoking in Ordnung und bemerkte: ‚Darf ich sagen, dass ich Sie liebe?‘ Der mit hunderten Menschen gefüllte Saal im Haus an der York Avenue gluckste und kicherte.“