Flutkatastrophe in Krymsk: Kreml vertuscht Ursachen und Konsequenzen

Von Clara Weiss
19. Juli 2012

Gut zwei Wochen nach der Flutkatastrophe in der südrussischen Stadt Krymsk liegen weder die Zahl der Opfer noch die Ursachen des Unglücks fest. Die Bevölkerung war vor den Überschwemmungen in der Nacht vom 7. auf den 8. Juli in der Krasnodar Region im Süden Russlands nicht gewarnt worden und wurde so größtenteils im Schlaf von den Fluten überrascht. Am schwersten betroffen wurde die Stadt Krymsk, die rund 60.000 Einwohner hat. (Siehe: „Über 150 Menschen sterben bei Überschwemmungen in Südrussland“)

Die offiziellen Angaben zur Zahl der Toten schwanken zwischen 152 und 172. Über 1.000 Menschen sind laut Angaben der Regierung verletzt und 35.000 von den Fluten betroffen worden. Fest steht, dass die meisten Opfer ältere Menschen sowie Frauen und Kinder sind, die sich nicht rechtzeitig aus den Häusern retten konnten. Berichte von Einwohnern der Stadt Krymsk legen jedoch nahe, dass die Zahl der Opfer um ein Vielfaches höher ist, als von der Regierung angegeben.

Noch Ende letzter Woche gab es zahlreiche Berichte von Einwohnern der Stadt Krymsk, laut denen weiterhin Leichen von Kindern und alten Menschen in den Straßen lagen.

Typisch ist folgender Bericht, der am 11. Juli auf der populären Nachrichtenzeitung gazeta.ru gepostet wurde. Der Mann, der selbst in der Nähe von Krymsk lebt und dessen Bericht sich auf Angaben von Verwandten in der Stadt stützt, schreibt, entgegen den Behauptungen des Bürgermeisters von Krymsk habe es keinerlei Warnung der Bevölkerung vor der Katastrophe gegeben. Er berichtet, allein in der Straße, in der sein Bruder früher gelebt habe, seien 73 Leichen gefunden worden und ganze Familien im Schlaf ertrunken. In der Nacht würden regelmäßige Lastwagen die Leichen aus Krymsk wegfahren, wobei jeder Wagen 300 bis 500 Leichensäcke transportiere.

Ein anderer Internet-user kommentierte diesen Bericht mit folgenden Worten über die Regierung: „Es ist gerade so wie bei Goebbels – je vulgärer und offener die Lüge ist, desto größer sind die Chancen, dass sie geglaubt wird.“

Viele Familien haben bisher auch nicht die versprochenen (äußerst geringen) Entschädigungszahlungen der Regierung erhalten. Da die wirklichen Zahlen offenbar weit höher liegen als offiziell anerkannt, werden viele Opfer auch nie Anspruch auf eine materielle Entschädigung erheben können. Manche Opfer mussten tagelang auf Hilfe warten, rund 30.000 Menschen hatten noch am vergangenen Wochenende keinen Strom, Gas oder fließendes Wasser.

Zurzeit sind rund 20.000 Hilfskräfte in Krymsk im Einsatz, jede dritte kommt aus der Armee. Nach der Flutkatastrophe sind außerdem hunderte Freiwillige nach Krymsk gereist, um den Betroffenen zu helfen. Inzwischen versucht die Regierung, sie aus der Stadt zu treiben, mit der fadenscheinigen Begründung, die Lager der Freiwilligen im Park würden die Einwohner „beim Erholen“ stören. In Wahrheit will der Kreml jede unabhängige Berichterstattung aus der Krisenregion verhindern.

Genauso systematisch, wie der Kreml die wahre Zahl der Toten und Verletzten beschönigt, verschweigt er die wirklichen Ursachen der Katastrophe. Seit den Überschwemmungen ist kein Tag vergangen, an dem keine neue Erklärung für ihr ungewöhnliches Ausmaß im öffentlichen Fernsehen oder in regierungsnahen Zeitungen präsentiert wurde. Aber keine dieser Versionen kann plausibel erklären, weshalb Krymsk, wie Augenzeugen übereinstimmend berichten, in nur 15 Minuten von einer rund sieben Meter hohen Wasserwelle vollständig überflutet wurde, während die Stadt Gelendschik, wo die Regenfälle weit stärker waren, in viel geringerem Maße betroffen war. Die offiziellen Erklärungen, die alles auf die starken Regenfälle zurückführen, nimmt deswegen kaum jemand für bare Münze.

Insbesondere die Einwohner von Krymsk sind überzeugt, dass der nahe gelegene Damm Neberdschaewsk absichtlich von den lokalen Behörden geöffnet wurde. Auch von offizieller Stelle ist Anfang vergangener Woche zugegeben worden, dass bestimmte Wassermengen den Damm verlassen haben. Dennoch weigerte sich die von der Regierung ernannte Untersuchungskommission, dieser Frage weiter nachzugehen

Die Regenfälle am Wochenende der Katastrophe waren die stärksten seit Jahrzehnten, was von Wissenschaftlern auf den Klimawandel zurückgeführt wird. Wie der Militärwissenschaftler Andrey Schalygin feststellte: „Die Ereignisse in Krymsk waren vollkommen vorhersehbar, und dergleichen wird es in Zukunft noch häufiger geben.“

Doch selbst wenn man annimmt, dass die Überschwemmungen ausschließlich durch die Regenfälle verursacht wurden, erklärt das nicht, warum niemand gewarnt wurde und so viele Häuser in Krymsk vom Wasser zerstört wurden.

Ob der Damm absichtlich geöffnet wurde oder nicht – allein die Tatsache, dass die Bevölkerung von Krymsk ihre eigene Regierung des Mordes bezichtigt, zeigt, wie groß ihr Hass und ihr Misstrauen gegenüber den herrschenden Eliten ist.

Für Empörung sorgen auch die unverhohlene Arroganz und die offenen Lügen der Regierung. So antwortete der Gouverneur von Krasnodar, der für seine rassistischen Äußerungen und Korruptionsskandale berüchtigte Alexander Tkatschow, Einwohnern von Krymsk auf die Frage, warum sie nicht rechtzeitig gewarnt worden seien: „Wollen Sie etwa, dass wir bei jedem einzeln an die Tür anklopfen? Das ist unmöglich!“

Die Verantwortung der örtlichen Regierung ist so offensichtlich, dass sie selbst von führenden Wirtschaftsmedien wie der Vedomosti oder Forbes öffentlich benannt wird. Auch Präsident Wladimir Putin sah sich gezwungen, das Verhalten der örtlichen Behörden zu kritisieren. Bei einer Umfrage auf der Internetseite der russischen Forbes gaben 88 Prozent der Regierung die Schuld an der hohen Zahl der Todesopfer, da sie die Bevölkerung nicht rechtzeitig vor den Überschwemmungen gewarnt hat.

Auch der Zusammenhang zwischen dem jahrzehntelangen Verfall der Infrastruktur und der hohen Zahl der Todesopfer wird allgemein anerkannt. Die russische Zeitung Argumenty i fakty schrieb letzte Woche:

„Nach der Überschwemmung hier [in Krymsk] vor zehn Jahren (es starben mehr als 50 Menschen) gab die Regierung den Anwohnern statt der versprochenen neuen Häuser Geld zur Renovierung. Dabei hätte man aus der Tragödie lernen und Häuser bauen können, die fest sind und nicht wegschwimmen können. Man hätte vernünftig sein und eine Regenwasser- Kanalisation bauen, die Ufer der angrenzen Flüsse festigen, und weitere notwendige Vorkehrungen treffen können. (…) Sie [die Regierung] kann natürlich erklären, dass dies alles teuer und die Staatskassen leer seien. [Aber] das werden die Beamten der Regierung einer Region erklären müssen, die aus Moskau Milliarden [Rubel] an Steuereinnahmen bekommt, die ausschließlich für die Olympiade in Sotschi [2014] verwendet werden. Was wollen sie da den Armen dieser Regionen und den anderen verarmten Russen erklären, die einer beliebigen Natur- und Technikkatastrophe zum Opfer fallen können, und zwar schlicht und ergreifend deshalb, weil sie arm sind?“

Die Flutkatastrophe in Südrussland ist nur eine von zahllosen Naturkatastrophen und Unglücken in Russland, die aufgrund der zerfallenden Infrastruktur regelmäßig hunderte Todesopfer fordern. Selbst wenn man sich auf die letzten zwei Jahre beschränkt, kann man die massiven Waldbrände und die Hitzewelle von 2010, mehrere Flugzugabstürze 2011, sowie den Flugzeugabsturz in Indonesien vor zwei Monaten nennen.

Seit der kapitalistischen Restauration fließen öffentliche Gelder ausschließlich in die Taschen der korrupten Oligarchie und Regierung, während die Infra- und Sozialstruktur dem Verfall preisgegeben wird. Auch die Flutkatastrophe in Krymsk ist letztlich ein Resultat davon, dass alle Aspekte des Lebens der arbeitenden Bevölkerung dem Profitstreben der herrschenden Eliten untergeordnet werden. Die Reaktionen der Bevölkerung auf die Flutkatastrophe in Krymsk zeigen, wie tief die soziale Kluft und wie groß der Hass auf die Regierung und Oligarchie ist. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis dieses soziale Pulverfass explodiert.