Karstadt will 2000 Arbeitsplätze vernichten

Von Sybille Fuchs
21. Juli 2012

Die Beschäftigten der Kaufhauskette Karstadt müssen erneut um ihre Zukunft bangen. Das Unternehmen plant einen massiven Stellenabbau. 2.000 der derzeit fast 25.000 Arbeitsplätze sollen bis 2014 gestrichen werden, erklärte Karstadt-Chef Andrew Jennings am Dienstag den Beschäftigten in der Essener Hauptverwaltung.

70 Prozent der abzubauenden Stellen sollen auf nur 15 der insgesamt 83 Karstadthäuser entfallen. In einigen von ihnen sollen ganze Abteilungen geschlossen werden. Details sollen nach den Verhandlungen mit dem Betriebsrat voraussichtlich im Oktober bekanntgegeben werden.

Am Montag hatte Jennings bereits die Medien informiert und die Entlassungspläne als „nächste Phase der strategischen Neuausrichtung und Strukturanpassung“ verkauft.

Die Ankündigung trifft die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des mehr als 130 Jahre alten Unternehmens besonders heftig, weil sie seit der Übernahme der insolventen Kaufhauskette durch den Investor Nicolas Berggruen auf große Teile ihres Urlaubs- und Weihnachtsgeldes verzichtet hatten. Es war nicht der erste Lohnverzicht, hatten sie doch wiederholt dem Unternehmen auf diese Weise wieder auf die Beine geholfen.

2004 war der Arcandor-Konzern, zu dem neben Karstadt auch die Versandhäuser Quelle und Neckermann gehörten, in finanzielle Schwierigkeiten geraten und hatte mit einem radikalen Kahlschlag bei Löhnen, Arbeitsplätzen und Sozialleistungen versucht, sich auf Kosten der Belegschaft zu sanieren. Das wurde damals vom Gesamtbetriebsrat und der Gewerkschaft Verdi mitgetragen und unterstützt.

Diese Rolle spielten sie erneut, als Arcandor 2009 die Eröffnung des Insolvenzverfahrens beantragte. Neckermann war schon 2007 an den amerikanischen Finanzinvestor Sun Capital verschenkt worden; jetzt hat das Versandhaus Insolvenz beantragt. Quelle wurde 2009 im Rahmen des Insolvenzverfahrens abgewickelt, während die Karstadt-Warenhäuser für den symbolischen Kaufpreis von einem Euro an den milliardenschweren deutsch-amerikanischen Großinvestor Nicolas Berggruen verhökert wurden.

Verdi feierte damals den Sohn des bekannten Kunsthändlers Heinz Berggruen als Retter in der Not und handelte einen Sanierungsvertrag aus, in dessen Rahmen die Belegschaft bis Ende August 2012 auf Urlaubs- und Weihnachtsgeld in Höhe von insgesamt 150 Millionen Euro verzichtete.

Berggruen versprach im Gegenzug, die geschrumpfte Kaufhauskette mit 25.000 Beschäftigten weiterzuführen, 240 Millionen Euro zu investieren und zunächst keine weiteren Opfer von der Belegschaft zu verlangen. Er schwafelte von der Wiederbelebung der „Kultmarke Karstadt“ und wollte angeblich „frische und attraktive Perspektiven“ bieten.

Davon ist nichts übrig geblieben. Nach Ablauf des Sanierungsvertrags geht es jetzt wieder ums knallharte Geschäft. Das Versprechen auf sichere Arbeitsplätze, für das die Karstadt-Beschäftigten so viel geopfert haben, ist nichts mehr wert. Zu den angekündigten Sanierungsplänen hat sich der Retter bisher in Stillschweigen gehüllt. Ein Branchenkenner, den Zeit-online zitiert, meint dazu: „Ich war schon immer erstaunt, dass ver.di anscheinend glaubt, er (Berggruen] würde das aus Gutmenschentum tun.“

Die 400 Millionen Euro, die in die Modernisierung des Unternehmens investiert werden sollten, muss der Konzern selbst erwirtschaften. Berggruen zahlt davon keinen Cent. Die Lebensmittel-Zeitung meldete sogar, er liebäugele damit, liquide Mittel abzuziehen, was allerdings dementiert wurde. Aber es ist nicht unwahrscheinlich, dass Berggruen lukrativere Geschäfte wittert, in die er sein Geld stecken möchte.

Entgegen den ursprünglichen Versprechen war das „Gesundschrumpfen“ auch nach der Übernahme durch Berggruen durchaus weiter gegangen. So wurden beispielsweise in dem großen Karstadthaus an der Mönckebergstraße in Hamburg nach Auskunft der Betriebsratsvorsitzenden Ursula Stolle in den vergangenen zwei Jahren 100 Arbeitsplätze abgebaut.

Von den bei der Übernahme von Karstadt vorhandenen 25.000 Arbeitsplätzen werden 2015 noch etwa 22.000 vorhanden sein. Ob es dabei bleibt, dass keine Filiale geschlossen wird, wie Karstadt-Chef Jennings jetzt verspricht, ist angesichts des gebrochenen Versprechens über sichere Arbeitsplätze mehr als fraglich.

Die Unternehmensleitung hat erklärt, der erneute Stellenabbau sei notwendig, um die Kaufhäuser angesichts der „herausfordernden Marktbedingungen der Eurokrise“ und der Rückkehr zum ordentlichen Einzelhandelstarifgehalt wettbewerbsfähig zu halten.

Nach dem Auslaufen des Sanierungsvertrags Ende August sollen die Karstadt-Beschäftigten nämlich erstmals seit sechs Jahren wieder das ihnen eigentlich zustehende volle Gehalt erhalten. Bisher hatte die Unternehmensleitung versichert, die Mehrkosten dafür seien im Firmenbudget berücksichtigt. Doch nun sollen die zusätzlichen 50 Millionen Euro offenbar durch den Abbau von Stellen und die verstärkte Ausbeutung der Restbelegschaft eingespart werden. Schon jetzt ist zwischen den Kleiderständern und Verkaufstischen kaum noch eine Verkaufskraft zu entdecken, und an den wenigen geöffneten Kassen bilden sich häufig Schlangen.

Von Kampfmaßnahmen gegen den geplanten Stellenabbau ist von Seiten der Gewerkschaft nicht die Rede. Verdi-Sprecher Christoph Schmitz erklärte, die Gewerkschaft werde zunächst abwarten, bis die Pläne des Unternehmens klar seien. Aber Verdi ist offenbar schon länger über den geplanten Stellenabbau informiert und hat bereits Einzelheiten darüber veröffentlicht. Demnach sollen etwa 900 Stellen bereits im nächsten Jahr wegfallen, weitere 1.000 2014 1.000 und der Rest 2015.

Verdi hat sogar vorgerechnet, dass in Wirklichkeit bis zu 4.000 Mitarbeiter vom Stellenabbau betroffen sind. Wegen des hohen Teilzeitanteils koste die Streichung von 2.000 Vollzeitstellen etwa 3.000 Beschäftigte den Arbeitsplatz, sagte ein Sprecher der Gewerkschaft. Hinzu kämen die schon vorher bekannt gegebene Schließung der Multimedia-Abteilungen mit 648 Stellen und das Nichtverlängern befristeter Arbeitsverträge.

In welchen Häusern und an welchen Standorten die Entlassungen stattfinden, stehe noch nicht fest, teilte ein Unternehmenssprecher mit. Die Entlassungen sollten „so sozialverträglich wie möglich“ stattfinden – über Frühpensionierungen, „freiwilliges Ausscheiden“ und das Auslaufen befristeter Arbeitsverträge. Im September soll mit den Arbeitnehmervertretern darüber verhandelt werden.

Die Entlassungen bei Karstadt sind kein Einzelfall. Etliche Unternehmen des Einzelhandels gelten als Sanierungsfälle oder haben Insolvenz angemeldet, wie das Versandhaus Neckermann mit bundesweit 2.400 Arbeitsplätzen. Die Drogeriekette Schlecker hatte bereits zu Jahresbeginn Insolvenz angemeldet und ist inzwischen stillgelegt. Die Buchhandelskette Thalia, die Bekleidungskette Esprit und der Discounter Penny gelten als Sanierungsfälle. Das Schuhhandelsunternehmen Görtz will etliche Filialen schließen, sein Rivale Leiser ist bereits vor einigen Wochen pleite gegangen. Bei der Baumarktkette Praktiker konnte die Insolvenz in letzter Sekunde vorläufig abgewendet werden. Auch Metro hat angekündigt, 900 Stellen zu streichen.

Als Gründe nennen Experten Überkapazitäten. Angesichts der weltweiten Wirtschaftskrise, den damit verbundenen sinkenden Einkommen und den Unsicherheiten, die sich auch auf bisher relativ gut gestellte Mittelschichten auswirken, können sich viele Konsumenten keine größeren Einkäufe mehr leisten.