Eine freundliche Reaktion auf William Whitlows Bemerkungen zu Thomas Kuhn

Von Philip Guelpa
28. Juli 2012

Der folgende Kommentar ist ein Nachtrag zu dem Artikel von William Whitlow mit dem Titel „Thomas Kuhn, Postmodernismus und Materialistische Dialektik.“

Einleitend möchte ich feststellen, dass meine Bemerkungen in keiner Weise postmoderne Ansichten innerhalb der Wissenschaft befürworten wollen. Als ein in den Vereinigten Staaten ausgebildeter Archäologe, wo die Anthropologie vier Unterfelder – Gesellschafts-/Kulturanthropologie, physikalische/biologische Anthropologie, Archäologie und Linguistik – umspannt, ist mir schmerzlich bewusst, dass mindestens eines dieser Unterfelder, nämlich die Gesellschafts-/Kulturanthropologie, durch postmodernistische Heimsuchungen verseucht wurde. Die Folgen dieser theoretischen Transformation wurden vor kurzem von der American Anthropological Association kodifiziert: sie gab ihre vormalige Position auf und erklärte, dass die Anthropologie keine Wissenschaft sei. In der anthropologischen Archäologie zeigen sich die Auswirkungen der postmodernistischen Angriffe bei weitem nicht so ausgeprägt, allerdings gab es natürlich auch hier derartige Versuche.

Ich stimme zu, dass Kuhns Position hinsichtlich der Unmöglichkeit von Objektivität abzulehnen ist. Ich möchte hinzufügen, dass Menschen keine perfekte, gottgleiche Kenntnis der materiellen Welt haben können. Unser Verstehen ist immer dialektisch durch den aktuellen Stand von Theorie/Philosophie, Wissenschaft und Technologie vermittelt. Unser Wissen über die Außenwelt nimmt immerwährend zu, bleibt allerdings stets vereinzelt und unvollständig.

Nach dieser Vorrede möchte ich nun Gründe anführen, warum wir das Kind der wissenschaftlichen Revolutionen nicht mit dem Kuhnschen Badewasser ausschütten sollten. Ebenso wie bei anderen sozialen Erscheinungen führt wissenschaftliche Forschung zu Diskontinuitäten zwischen den theoretischen Systemen, welche die Forscher nutzen, um ihr Verstehen der Wirklichkeit sowie die Ergebnisse ihrer Forschung zu strukturieren. Diese Widersprüche sind manchmal von solcher Größenordnung, dass ihre Auflösung die Praxis eines wissenschaftlichen Gebietes fundamental wandelt; dies kann sogar solche Ausmaße annehmen, dass ein signifikanter Teil dessen, was vormals zu den gesicherten Tatsachen zählte, unbrauchbar wird oder zumindest beträchtlicher Neubearbeitung bedarf. Ich werde mein eigenes Gebiet der Archäologie heranziehen um aufzuzeigen, was ich meine.

Der geringere Einfluss des Postmodernismus in der Archäologie geht nicht zurück auf irgendwelche den Archäologen inhärenten materialistischen Neigungen. Oberflächlich besehen könnte man meinen, die Archäologen würden automatisch die Welt durch einen materialistischen Rahmen betrachten, da doch ihr Gegenstand einer materiellen Kultur (Artefakte, Gebäudetrümmer etc.) entstammt. Im Gegensatz hierzu allerdings war bis in die 1960er Jahre das vorherrschende Paradigma, die theoretische Rubrik, oder welche Etiketten man auch immer verwenden will, zutiefst idealistisch.

Gestützt auf frühere Theorien, die von der Gesellschafts-/Kultur- Anthropologie entwickelt wurden, betrachtete man das menschliche Verhalten als Ausdruck einer Reihe von Ideen oder gesellschaftlicher Normen, an denen Mitglieder einer gegeben gesellschaftlichen Gruppe festhalten, als „normative“ Meinung. Unterschiede zwischen Gesellschaften, die sowohl zeitlich als auch räumlich auseinander liegen, wurden als Ergebnis allmählicher Veränderungen der Erscheinungsweisen kultureller „Merkmale“ interpretiert, zu denen Abwanderung, Verbreitung, stilistische Abweichung und weitere derartige Mechanismen zählten. Veränderung galt als im Wesentlichen zielloser Prozess, der an der relativen Zu- oder Abnahme kulturell aussagefähiger Merkmale abgelesen werden konnte.

Dieses Paradigma hatte enormen Einfluss darauf, wie archäologische Wissenschaft praktiziert wurde. Da verschiedene Kulturen durch die An- oder Abwesenheit bestimmter Merkmalskonstellationen und Veränderungen durch allmählich ab- oder zunehmende Verbreitung solcher Merkmale erklärt werden konnten, wurden sowohl die Auswahl zulässiger Forschungsfragen als auch die Richtung, in der Felduntersuchungen und Analyse der Datenergebnisse betrieben wurde, weitgehend begrenzt durch die Nominalskala im statistischen Sinne (d. h. mehr qualitativ als quantitativ). Die am weitesten verbreiteten Artefakttypen, in formaler, stilistischer Weise definiert, repräsentierten das Eigentliche einer Kultur. Merkmale, die in geringerer Regelmäßigkeit auftauchten, wurden faktisch als weißes Rauschen betrachtet. Der Fokus wurde darauf gerichtet, die charakteristischen Merkmale gegebener archäologischer Fundplätze oder Schichtengrabungen zu identifizieren und diese dann mit anderen Fundplätzen oder Schichten zu vergleichen. Diesen Ansatz könnte man als Adelserhebung des Schmetterlingssammelns bezeichnen.

Ein umfassender Wandel des Blickes der Archäologen auf die menschliche Kultur begann Anfang der 1950er Jahre und setzte sich fort bis zu seinem Höhepunkt in den späten 1960er und frühen 70er Jahren. Ich möchte behaupten, und das geht nicht auf mich zurück, dass diese Transformation eine Revolution darstellte, obgleich nicht genau im Kuhnschen Sinne. Sie verwandelte sowohl die Art und Weise wie Archäologen über ihren Gegenstand dachten als auch wie sie ihn nun behandelten. Die Revolution war so fundamental, dass, wie Kuhn es auf anderen Gebieten beobachtet hatte, viele von den unter dem alten Paradigma zusammengetragen „Tatsachen“ unter dem neuen Paradigma in großem Ausmaß unbrauchbar oder doch zumindest nur noch beschränkt verwendungsfähig wurden.

Diese Revolution wurde ausgelöst durch eine Reihe sowohl theoretischer als auch praktischer Faktoren, die zunehmend darlegten, dass das alte idealistische Paradigma vollkommen ungeeignet war, ein zufriedenstellendes Verständnis der menschlichen Kultur und ihrer Veränderung durch die Zeit zu geben. Eine „Krise“ in der Bedeutung Kuhns war eingetreten. Theoretische Elemente dieser Entwicklung wurden teilweise von Marxisten und marxistisch beeinflussten Forschern angestoßen, ebenso von anderen mit generell ‚materialistischer‘ Neigung, die zwischen den 1930er und 1950er Jahren den Kinderschuhen entwuchsen. Herausragend innerhalb der erstgenannten Gruppe war der bekannte australisch-britische Archäologe V. Gordon Childe, der zahlreiche populäre Werke verfasste, darunter Der Mensch schafft sich selbst (dt. Dresden 1959, auch als: Triebkräfte des Geschehens - Die Menschen machen ihre Geschichte selbst, Wien 1949), das eine marxistische Sicht der menschlichen Kultur darlegte. Noch umfassender geriet, unter der Rubrik „Subsistenzökonomie“, die Bedeutung menschlichter Wechselwirkung mit der Außenwelt in den zunehmenden Fokus der Forschung. Entwicklungen auf anderen Gebieten, etwa der Ökologie, hatten ebenso Auswirkungen auf das Denken der Archäologen.

Der andere prinzipielle Faktor, der die wachsende Unzufriedenheit mit dem traditionellen Paradigma vorantrieb, waren technologische Entwicklungen. Vielleicht die bedeutendste unter diesen Neuerungen, zumindest zu Beginn, war die Entwicklung der Radiokarbondatierung. Diese gab den Archäologen erstmals, unabhängig von relativen Datierungen anhand des stilistischen Wandels, eine „absolute“ Datierungsmethode. Die Datierung anhand des stilistischen Wandels ergibt zu einem großen Teil zirkuläre Ergebnisse, da sie auf einer Variante desselben Phänomens basiert, das sie ergründen will. Andere neue Techniken wie die Pollenanalyse, die eine Rekonstruktion der Umwelt gestattete, zunehmend leistungsstarke Computer und statistische Methoden, die es erlaubten, viel umfangreichere Datenmengen zu verarbeiten, öffneten der Forschung Scheunentore an Möglichkeiten, an die zuvor absolut nicht zu denken war.

Folgen wir dem von Kuhn beschriebenen Muster, so wurde in diesem Falle die Revolution von neuen Wissenschaftlern verwirklicht, die im Verlauf der 1960er Jahre zu akademischer Reife gelangten. Dieser Wechsel wurde, zumindest symbolisch, markiert durch die Veröffentlichung der New Perspectives in Archeology (dt. Neue Perspektiven in der Archäologie) im Jahr 1968. Diese Artikelsammlung mehrerer Verfechter der „Neuen Archäologie“, auch als prozessuale Archäologie bekannt, signalisierte den Sieg des neuen Paradigmas über das alte. Von diesem Moment an wurde das alte Paradigma von der neuen Generation der Archäologen als ungültig angesehen und ihre Anwender versuchten, meist mit wenig Erfolg, sich umzustellen oder sie wurden ersetzt.

Es konnten jetzt Forschungsfragen formuliert werden, die unter dem alten Paradigma keinen Sinn machten. Zuvor, wie oben beschrieben, hatten die Archäologen beispielsweise nur die größten und fundstückreichsten Stätten zu Ausgrabungen gewählt, weil angenommen wurde, dass dort die vollständigste Repräsentation aufgelisteter Merkmale der Artefakte einer gegebenen Kultur zu finden sei.

Jetzt geriet plötzlich die ganze Vielfalt der verschiedenartigen Fundstätten in den Blick, von kleinen Jägerlagern zu primitiven Materialvorratsstätten und jahreszeitbedingten Feldlagern. Die Existenz solcher Arten von Ausgrabungsstätten war natürlich auch vorher schon bekannt, aber sie wurden unter dem alten Paradigma als unwichtig angesehen. Sie waren es nicht wert, Zeit mit ihnen zu verschwenden – ihnen fehlte die wissenschaftliche Bedeutung. Unter dem neuen Paradigma wurde das Konzept der Siedlungssysteme entwickelt. Dieses betrachtete Gesellschaften als aus einer Vielzahl verschiedener Tätigkeiten zusammengesetzt, wobei diese Tätigkeiten sowohl innerhalb als auch zwischen den Stätten verrichtet wurden. Die räumliche Anordnung der Fundstätten selbst beruhte auf einer Reihe von Größen, zu denen die Ressourcenverteilung innerhalb der Landschaft, Handelswege, technologische Möglichkeiten und dergleichen zählten.

Fundstücke galten nicht mehr bloß als stilistische Markierungen. Sie waren Werkzeuge, Fertigungsrückstände, Essensabfall usw. Jedes einzelne Artefakt konnte Informationen über das tägliche Leben ihrer Produzenten liefern. Während zuvor die Bergung der Fundstücke einer nur relativ unbefangenen Kontrolle unterworfen war, wurde es jetzt wesentlich, eine akribische, detaillierte Ausgrabung und Dokumentation anzufertigen, um statistisch aussagefähige Proben hervorzubringen. Die Proportionen verschiedener Werkzeuge und Fertigungsrückstände konnten quantitativ analysiert werden, um verschiedene Tätigkeiten zu charakterisieren und um Dinge wie Handwerksspezialisierung oder sogar soziale Differenzierung zu identifizieren. Viele weitere solcher Beispiele könnten aufgezählt werden.

Es konnten jetzt Versuche unternommen werden, im Einzelnen zu verstehen, wie und warum der Übergang vom Jagen und Sammeln zum Ackerbau stattfand, anstatt ihn simpel als „gute Idee“ zu bezeichnen. Das komplexe Wechselspiel zwischen pflanzlicher und tierischer Genetik, menschlicher Bevölkerungsdichte, technologischen Möglichkeiten, Klimawandel usw. mussten verstanden und abgewogen werden.

Kultur wurde jetzt als ein dynamisches, interaktives System betrachtet, auf das die Einzelteile einwirken, die selbst ebenso durch andere Einzelteile beeinflusst werden. Obwohl die Mehrzahl der Archäologen noch nicht den nächsten Schritt ging und dies als dialektischen Prozess auffasste, zeigte die Aneignung der Systemtheorie durch viele Forscher auf, dass sie in dieser Richtung suchten.

Theoretische Weiterentwicklungen haben seit dem Sieg der Neuen Archäologie vor mehr als vier Jahrzehnten selbstverständlich nicht aufgehört. Ich stimme zu, dass die von Kuhn vorgebrachte starre Betrachtungsweise der „normalen Wissenschaft“ falsch ist. Dessen ungeachtet halte ich es allerdings für richtig, dass die Neue Archäologie eine Revolution darstellt, die eine umfassende Veränderung im Denken der Archäologen über menschliche Kultur brachte und wie sie zu erforschen sei.

Die weitgehenden Folgen eines Paradigmenwechsels innerhalb eines Wissenschaftsfeldes können auch Beispiele von Gebieten der Geologie und Biologie illustrieren. Die Entdeckung der Plattentektonik (d. h. der Kontinentalverschiebung) hat das Verständnis der Biogeographie und Paläontologie revolutioniert. Ich erinnere mich, während meine Studentenzeit in den frühen 1970er Jahren, ältere Geologielehrbücher gelesen zu haben, die von auffallenden Ähnlichkeiten der Landtier- und Landpflanzenarten sprachen, die sowohl die westliche als auch die östliche Halbkugel besiedeln. Diese Vorkommen waren paradox, da sie nur innerhalb verbundener Landmassen hätten auftreten können. Das Problem stellte der atlantische Ozean dar, der die Landmassen teilte und für diese Arten unpassierbar war.

Zu einer Zeit, als angenommen wurde, dass die Kontinente unbeweglich seien, postulierten Forscher, die dieses offensichtliche Paradoxon auflösen wollten, phantastische „Landbrücken,“ die auf mysteriöse Weise erschienen und wieder verschwanden, für die es aber keine realen Beweise gab. Dies kann mit den extremen theoretischen und mathematischen Verzerrungen verglichen werden, in die Astronomen gezwungen wurden, um die Himmelsbewegungen zu erklären, als sie noch unter dem vorkopernikanischen Paradigma arbeiteten. Man könnte sagen, dass die Biogeographie und die Paläontologie in einer andauernden Krise steckten, aus der sie nicht entfliehen konnten. Das Paradoxon verschwand indessen, als Tiefseebohrungen den Beweis erbrachten, dass der atlantische Meeresboden sich tatsächlich ausbreitet und die westliche und östliche Halbkugel einmal vereint waren. Einem neuen Verständnis der Verbreitung der Pflanzen und Tiere sowie der Evolution wurde dadurch der Weg geöffnet.

Noch umfassender war der Einfluss der Darwinschen Evolutionstheorie, später mit Mendels Vererbungslehre in der modernen „Synthetischen Evolutionstheorie“ verkoppelt, auf die Biologie, die durch ihn vollständig umgewälzt wurde. Während Linnés elementare Klassifikationsform der Pflanzen und Tiere verblieb, wurde der alte Inhalt, der auf statischer, typologischer Kategorisierung und morphologischen Attributen beruhte, auf der Basis eines dynamischen, evolutionären Models ganz und gar uminterpretiert.

Mein grundsätzliches Argument ist, dass wissenschaftliche Forschung, welchen Begriff man auch wählt, durch übergreifende theoretische Formulierungen eingeengt ist, die in hoher Weise beeinflussen, welche Forschungsfragen gültig sind und sogar was als “Tatsache“ gilt. Ein kritischer Punkt ist erreicht, wenn sich auf theoretischer und beobachtbarer Ebene Widersprüche entwickeln, die infolge von Widersprüchen zwischen neuen Befunden sowie neuem Verständnis und den Voraussagen, die gestützt auf das Paradigma gemacht wurden, entstanden. Ein solcher kritischer Punkt kann nur überwunden werden, indem eine fundamentale Überarbeitung des theoretischen Rahmens, des Paradigmas stattfindet, unter dem das besondere wissenschaftliche Gebiet arbeitet.

Hierbei handelt es sich nicht um etwas, das sich lediglich “in den Köpfen” der Wissenschaftler ereignet. Vielmehr ist dies ein Produkt der Dialektik von Theorie und Praxis. Sowohl interne als auch externe Faktoren des gegebenen Gebiets nehmen hierauf Einfluss. Bestimmte Individuen können das neue Verständnis verkörpern und in seiner Entwicklung Schlüsselrollen spielen, doch sie sind letztlich nur Ausdruck eines größeren gesellschaftlichen Prozesses. Diese Dialektik wirkt sich nicht in gleichmäßiger, linearer Weise aus, sondern produziert vielmehr Perioden der Diskontinuität und theoretischer Krisen, die durch neue Synthesen gelöst werden, welche wiederum neue Widersprüche hervorbringen. Gleichwohl hat jeder solcher Zyklus ein reicheres und tieferes Verständnis der objektiven, materiellen Welt zur Folge.

Man kann ganz zu Recht Kuhns postmodernistische Ansichten zurückweisen, doch trotzdem akzeptieren, dass einige der Grundmuster, die er beschreibt (wachsende Widersprüche zwischen Theorie und Forschungsergebnissen, Krise und revolutionäre Lösung), zumindest beschreibende, wenn nicht deutende, Gültigkeit besitzen.