Massenentlassungen bei Neckermann

Von Helmut Arens
6. Juli 2012

Das Versandhaus Neckermann will zum Jahresende 2012 sein Zentrallager in Frankfurt und den Eigenhandel mit Textilien komplett einstellen. Wie schon Ende April bekannt wurde, will das 1950 gegründete Traditionsversandhaus 1380 von seinen 2100 Stellen in Frankfurt bis zum Jahresende abbauen.

In der Logistik, die ganz geschlossen werden soll, werden 800 Arbeitsplätze vernichtet, 390 in der Verwaltung, 140 beim Einkauf und 50 in der Werbung. Einen Neckermann-Katalog soll es nicht mehr geben.

Die Beschäftigten waren von der Nachricht geschockt und überrumpelt. Bisher gehen noch täglich 58.000 Sendungen an die Kunden raus. Das Sortiment des Versandhändlers umfasst ca. 700.000 Artikel vor allem aus den Bereichen Textilien, Haushalt, Spielwaren und Technik.

Die Entlassungen sind das Ergebnis einer systematischen Zerschlagung des Konzerns, der einst 18.000 Mitarbeiter zählte. In diesem Prozess arbeiteten die Gewerkschaft Verdi und ihre fünf Vertreter im Aufsichtsrat eng mit der Konzernleitung zusammen, um jeden Widerstand der Arbeiter gegen den Umbau im Keim zu ersticken.

Zum Jahresbeginn 2008 wurde Neckermann mehrheitlich an den Finanzinvestor Sun Capital in Florida übergeben, eine so genannte Heuschrecke, die auf die Übernahme angeschlagener Firmen spezialisiert ist. Geldgeber sind z.B. Pensionsfonds, Stiftungen und finanzstarke Privatleute. Laut Presseberichten gibt Sun Capital von ihr übernommenen Firmen vier Jahre Zeit, um wieder profitabel zu werden. Diese Frist ist für Neckermann gerade abgelaufen.

Sun Capital bekräftigt, immer noch ein „langfristiges Interesse an der profitablen Entwicklung des Unternehmens“ zu haben. Es will aber nur noch das Onlinegeschäft von Neckermann weiterführen.

An der ersten großen Protestaktion am 8. Mai nahmen 1700 Arbeiterinnen und Arbeiter mit Fahnen, Tarnsparenten und Trompeten teil und blockierten die an der Neckermannzentrale vorbeiführende Hauptverkehrsader Hanauer Landstraße. „Wir geben Neckermann nicht auf“ riefen sie und machten deutlich, dass es um ihre Existenz geht.

Verdi-Funktionär Bernhard Schiederig verkündete lauthals: „Wir kämpfen um jeden Arbeitsplatz“. Dass das nicht allzu wörtlich zu nehmen war, wurde am nächsten Tag deutlich, als Verdi und Betriebsrat ihre Verhandlungen mit Sun Capital aufnahmen.

Die Gewerkschaft bot sich als Unternehmensberater und besserer Manager an und versuchte Sun Capital ein Alternativkonzept schmackhaft zu machen. Dieses Konzept ging davon aus, den Logistikbereich zu erhalten und dafür Aufträge von Fremdfirmen einzuwerben. Die städtische Wirtschaftsförderung sollte dabei behilflich sein, entsprechende Kunden ausfindig zu machen. Die Textilabteilung sollte weitergeführt werden.

Wie Betriebsräte bei Neckermann heute zugeben, hätte auch dieses Alternativkonzept der Gewerkschaft viele Arbeitsplätze gekostet, auch wenn die Anzahl der damit verbundenen Entlassungen niemals offen genannt wurde.

Nachdem die Vertreter von Sun Capital auf ihren Plänen bestanden, beeilte sich Verdi, jeden ernsthaften Kampf dagegen zu verhindern. „Wir mussten unsere Hoffnungen endgültig begraben“, sagte der Betriebsratsvorsitzende der Logistik-Mitarbeiter, Thomas Schmidt, der Frankfurter Rundschau. Es gebe jetzt in dieser Sache „nichts mehr zu verhandeln“.

Arbeitern, die Streiks und Betriebsbesetzungen geforderten hatten, traten die Gewerkschaftsfunktionäre offen feindlich gegenüber. „Wir wollen das Unternehmen ja nicht kaputt streiken.“ erklärte etwa der Frankfurter Verdi-Sekretär Wolfgang Thurner.

Statt die Arbeitsplätze zu verteidigen fordert Verdi lediglich Abfindungen oder – nach dem Muster kürzlicher Insolvenzen – eine Transfergesellschaft für die Entlassenen. Beides würde das Unternehmen vor massenhaften Klagen schützen, wie sie etwa bei Schlecker geführt werden, wäre für die Arbeiter aber nur der Verschiebebahnhof in die Arbeitslosigkeit. Doch wie sich herausstellte, ist Sun Capital nicht bereit, auch nur einen Cent dafür zu bezahlen.

Stattdessen schlägt die Betriebsleitung vor, die Betroffenen könnten eine Transfergesellschaft aus dem Kurzarbeitergeld vom Arbeitsamt und mit den ausstehenden Löhnen ihrer Kündigungsfristen selbst finanzieren. Die meisten Neckermann-Beschäftigten sind viele Jahre im Betrieb und haben lange Kündigungsfristen von durchschnittlich sieben Monaten.

Ein Teil der Frankfurter Belegschaft arbeitet seit dem Zusammenbruch der DDR vor 22 Jahren bei Neckermann. Anfang 1990 wurden Busse organisiert, die täglich den Weg von Thüringen nach Frankfurt und zurück fuhren, um die billigen Arbeitskräfte, die gerade ihre Arbeitsplätze in der DDR verloren hatten, auszunutzen. Viele dieser Menschen sind geblieben und in Frankfurt sesshaft geworden.

Andere arbeiten schon seit vierzig Jahren bei Neckermann. Heute sind sie alle damit konfrontiert, nach einem Arbeitsleben bei Neckermann „mit einem Tritt vom Hof gejagt zu werden“, wie es ein Mitarbeiter ausdrückte. Gerade die Arbeiterinnen in der Logistik sind überwiegend schon über fünfzig und gering qualifiziert und haben daher besonders schlechte Chancen auf dem Arbeitsmarkt.

Um die Wut der Mitarbeiter über die Pläne der Konzernleitung und ihre Abdeckung durch die Gewerkschaft unter Kontrolle zu halten, organisierte Verdi einige wohldosierte, ein- oder zweitägige Warnstreiks, die aber Sun Capital nicht weh taten.

Immer weniger Arbeiter sind bereit, diese gewerkschaftliche Spiegelfechterei zu unterstützen. Während sich im Mai noch 1.700 Mitarbeiter am Protest beteiligten, hielten es am 11. Juni nur noch etwa 500 Beschäftigte für sinnvoll, an einem Warnstreik teilzunehmen. Da hatte die Gewerkschaft die Verteidigung der Arbeitsplätze schon offiziell fallengelassen.

Diese Woche, am 2. und 3. Juli, brachte Verdi noch gerade mal 350 Arbeiter und Angestellte auf die Straße und zur Teilnahme an einem auf zwei Tage befristeten Warnstreik.

Dabei mangelt es den Kollegen nicht an Solidarität und Kampfbereitschaft. Eine Angestellte aus der Kundenbetreuung, die schon seit insgesamt über dreißig Jahren bei Neckermann arbeitet, sagte zu WSWS-Reportern: „Ich bin nicht direkt betroffen, da ich nächstes Jahr schon in Rente gehen kann. Aber natürlich streike ich mit meinen Kollegen, um sie zu unterstützen.“ Die Sache sei aber „im großen Ganzen schon gelaufen“.

„Ich gebe der ganzen Firma hier noch höchstens ein Jahr“, fuhr sie fort. Die Probleme bei Neckermann hätten ja mit der Krise zu tun, und das Kapital nutze die Krise bewusst aus. „Man sieht es überall: Sie wollen die älteren Beschäftigten mit den relativ guten Löhnen der Vergangenheit loswerden, und kaum sind sie um die Ecke, wird der Laden wieder aufgemacht und ganz niedrige Löhne bezahlt.“

Diese Angestellte hatte schon 2008 Erfahrungen mit Entlassungen gemacht: „Zu der Zeit wurden hier mehrere hundert Leute entlassen. Damals war ich maßlos enttäuscht von der Gewerkschaft, weil sie das alles gleich geschluckt hat.“ Neckermann hatte noch Ende 2007 fünftausend Beschäftigte, von denen heute noch insgesamt 2.400 übrig (und gefährdet) sind.

Ein ca. 35-jähriger Angestellter meinte, hier gehe es um politische und gesellschaftliche Fragen. Das sehe man schon daran, dass die gleichen Frage allerorten auftauchen, wie zum Beispiel bei Opel, Manroland oder Schlecker.