Neckermann-Insolvenz gefährdet 2.400 Arbeitsplätze

Von Helmut Arens
25. Juli 2012

Vergangene Woche hat das Versandhaus Neckermann beim Amtsgericht Frankfurt Insolvenz beantragt. 2.400 Arbeitsplätze in ganz Deutschland sind betroffen.

Bereits Ende April hatte Neckermann angekündigt, bis zum Jahresende 2012 das Zentrallager und die Logistik in Frankfurt zu schließen, den Eigenhandel mit Textilien komplett einzustellen und den Neckermann-Katalog abzuschaffen. Lediglich ein kleines Online-Versandhaus sollte beibehalten werden. (Siehe „Massenentlassungen bei Neckermann“)

Darauf waren am 8. Mai über 1.700 Neckermann-Beschäftigte in den Streik getreten und hatten im Zentrum von Frankfurt gegen den geplanten Kahlschlag demonstriert. Doch die Gewerkschaft Verdi sorgte dafür, dass der Zorn über die Massenentlassungen nicht in einen Kampf zur Verteidigung jedes einzelnen Arbeitsplatzes mündete.

Verdi schlug ein eigenes „Sanierungskonzept“ mit weitgehenden Zugeständnissen vor und verhandelte über einen Sozialplan. Das Gewerkschaftskonzept sah wie das des Unternehmens den Abbau von 1.380 Stellen mit reduzierten Abfindungen, eine Transfergesellschaft sowie Kriterien für eine Sozialauswahl bei den Entlassungslisten vor. Doch die Geschäftsführung ließ die Verhandlungen über den Sozialplan scheitern, weil der Eigentümer, der Finanzinvestor Sun Capital in Florida, in letzter Minute den Geldhahn zudrehte.

Sun Capital hatte Neckermann, das bis dahin zum Arcandor-Konzern (Karstadt, Quelle) gehörte, zum Jahreswechsel 2007/2008 buchstäblich geschenkt bekommen und angepeilt, den angeschlagenen Betrieb innerhalb von vier Jahren wieder profitabel zu machen. Seither wurde jeder zweite Arbeitsplatz abgebaut, immer mit Zustimmung der Gewerkschaft, die mit fünf Mitgliedern im Aufsichtsrat sitzt und in die Pläne von Sun Capital involviert war.

In den letzten drei Monaten machte Verdi bei ihren Versuchen, mit Sun Capital wieder ins Gespräch zu kommen, immer größere Zugeständnisse an die Kapitalseite. Zuletzt erklärte sich die Gewerkschaft bereit, die in der noch geltenden Gesamtbetriebsvereinbarung von 2005 enthaltenen Abfindungssummen auf ein Viertel zu reduzieren. Dieses Geld wäre, so Verdi, aus dem laufenden Geschäft heraus finanzierbar gewesen, hätte Sun also keinen Cent gekostet.

Der Finanzinvestor folgerte daraus vor allem eins: Von Seiten der Gewerkschaft war mit Sicherheit kein Widerstand zu erwarten. Dadurch ermutigt, ging er letzten Mittwoch zum offenen Angriff über. Hatte Sun Capital vor einem Monat noch behauptet, wenigstens das Onlinegeschäft von Neckermann weiterführen zu wollen, drehte der Investor jetzt den Geldhahn zu und zwang das Versandhaus in die Insolvenz.

Nun müssen die zwei Insolvenzanwälte, die ihre Arbeit am Freitag aufnahmen, als erstes einen Bankkredit aushandeln, damit sie die Gehälter von 2.400 Neckermann-Mitarbeitern für Juli, August und September überhaupt bezahlen können, denn die Bundesanstalt für Arbeit zahlt Insolvenzgeld nur rückwirkend. Die Mitarbeiter verlieren durch die Insolvenz auch ihre Abfindung, sowohl die in der Gesamtbetriebsvereinbarung festgeschriebene als auch die reduzierte des letzten Sozialplans.

Unternehmenschef Henning Koopmann behauptet zwar, er wisse von Investoren, die sich für Neckermann oder Teile davon interessierten. Aber viele Arbeiter sind skeptisch. Nicht wenige haben ihr ganzes Arbeitsleben hier verbracht und sind schon vierzig und mehr Jahre bei Neckermann beschäftigt. Andere kamen mit der Wende: Aus Thüringen pendelten sie anfangs täglich in mehrstündigen Busfahrten hin und her, um später nach Frankfurt umzuziehen. Sie alle haben den stetigen Niedergang der letzten Jahre, den Verdi mit organisiert hat, erlebt.

„Die Kapitalbesitzer ziehen das eiskalt durch“, sagte eine Mitarbeiterin der World Socialist Web Site. „Wir sind wohl nur die ersten, die das in dieser offenen Brutalität erleben.“ Eine andere sagte: „Hier dreht sich alles nur um Profit. Das ist momentan überall so: bei Schlecker, bei Opel oder bei Neckermann.“

In der Tat ist die Situation der Beschäftigten bei Neckermann vergleichbar mit denen bei anderen Handelsunternehmen. Den größten Jobverlust in der Handelsbranche brachte bisher die Schlecker-Pleite mit sich, 25.000 Menschen verloren ihren Arbeitsplatz.

Bei der Metro AG sollen bis spätestens 2015 weltweit rund 900 Stellen wegfallen. Karstadt will bis 2014 rund 2.000 Arbeitsplätze streichen. Bei der Baumarktkette Praktiker sollen die Personalkosten bis 2014 jährlich um 17,3 Millionen Euro gesenkt werden, durch Arbeitsplatzabbau, den Verzicht auf Weihnachtsgeld, Sozialleistungen sowie Kürzungen bei der tariflichen Altersvorsorge. Verdi hat diesen Kürzungen bei Praktiker zugestimmt, angeblich gegen eine Beschäftigungsgarantie. Doch wie immer gibt es eine Öffnungsklausel für „wirtschaftliche Notfallsituationen“.

Wie bei Neckermann, Karstadt, Metro und Schlecker arbeitet die Gewerkschaft auch bei Praktiker eng mit den Eigentümern und der Unternehmensleitung zusammen und präsentiert ihnen Arbeitsplätze und Löhne auf dem Silbertablett. Sie weigert sich, die Beschäftigten im Einzelhandel zu vereinen und alle Arbeitsplätze zu verteidigen. „Wir wollen das Unternehmen ja nicht kaputt streiken“, entgegnete etwa der Frankfurter Verdi-Sekretär Wolfgang Thurner den Neckermann-Beschäftigten.

Doch nicht die Beschäftigten, ihre Arbeitsplätze, Löhne oder Sozialleistungen sind für die Krise im Einzelhandel verantwortlich. Vielmehr treiben die drastischen Sparmaßnahmen der europäischen Regierungen, mit der sie die billionenschwere Rettung des Bankensystems nach der Pleite von Lehman Brothers finanzieren, die europäische Bevölkerung in die Armut. Diese Politik ist für den Nachfrage-Einbruch nicht nur bei Autos, sondern bei allen Waren verantwortlich.

Die angekündigten Entlassungen und Lohnsenkungen sind daher nur die Spitze des Eisbergs. Während die Banken und Investmentgesellschaften wie Sun Capital wieder Rekordprofite einfahren, bezahlt die arbeitende Bevölkerung dafür mit ihrer Existenzgrundlage, ihren Arbeitsplätzen und Löhnen.Verdi hat in der Vergangenheit zur Genüge bewiesen, auf welcher Seite sie steht: Auf der Seite der Unternehmen, Banken und Investoren.