Parteitag der PSG

Verteidigung Leo Trotzkis

Resolution 4

31. Juli 2012

Vom 22. bis zum 24. Juni fand in Berlin der Parteitag der Partei für Soziale Gleichheit (PSG) statt. Neben Delegierten aus ganz Deutschland nahmen daran auch Vertreter des Internationalen Komitees der Vierten Internationale aus anderen europäischen Ländern, den USA, Australien und Sri Lanka teil. Nach der Hauptresolution zur Krise der Europäischen Union sowie Resolutionen zur Lage in Deutschland sowie zur Verteidigung von Günter Grass und dem Kampf gegen den deutschen Militarismus veröffentlichen wir hier die letzte Resolution zur Verteidigung Leo Trotzkis.

1. Der Parteitag 2012 der Partei für Soziale Gleichheit begrüßt und unterstützt den Kampf des IKVI zur Verteidigung Leo Trotzkis und seines politischen Erbes gegen historische Fälschungen. Die PSG betrachtet die Weiterentwicklung dieses Kampfs als einen zentralen Bestandteil ihrer Arbeit, neue Generationen von Jugendlichen und Arbeitern für revolutionäre Perspektiven zu gewinnen und im Marxismus zu erziehen.

2. Die Vertreter der postsowjetischen Schule der Geschichtsfälschung – angefangen bei dem stalinistischen Militärhistoriker Dimitri Wolkogonow bis zu den britischen Historikern Ian Thatcher, Geoffrey Swain und Robert Service – bedienen ein existenzielles Bedürfnis der herrschenden Klassen auf der ganzen Welt: Angesichts näher rückender Klassenauseinandersetzungen bemühen sie sich, der jungen Generationen den Weg zu den Anschauungen, Analysen und Perspektiven Leo Trotzkis zu versperren.

3. Sie nutzen die Methode des Rufmords und entstellen Trotzkis Charakter und persönliches Leben in abstoßender Weise, während sie seine politischen Schriften verdrehen, verzerren oder überhaupt nicht erwähnen. Ihre Trotzki-Biografien strotzen von faktischen Fehlern und Falschdarstellungen, die ihren Ursprung größtenteils in der stalinistischen Schule der Fälschungen haben. Auf diese Weise versuchen sie, jedes ernsthafte Interesse an Trotzkis Leben und Werk im Keim zu ersticken.

4. Mit der Verfälschung von Trotzkis Leben und Werk soll ein Verständnis der historischen Lehren des 20. Jahrhunderts unterbunden werden, ohne das keine revolutionäre Perspektive für die Klassenkämpfe des 21. Jahrhunderts entwickelt werden kann. Für ein solches Verständnis führt kein Weg an Trotzki vorbei. Er war theoretischer Wegbereiter und neben Lenin wichtigster Führer der ersten siegreichen proletarischen Revolution sowie der konsequenteste Gegner ihrer stalinistischen Degeneration. Seine Analysen des Stalinismus und des Nationalsozialismus sind bis heute unübertroffen. Er ist der herausragende Marxist des Zeitalters des Weltkapitalismus und der Gründer der Vierten Internationale, der Weltpartei der sozialistischen Revolution.

5. Das Internationale Komitee der Vierten Internationale (IKVI) hat von Anfang an gegen die Schule der postsowjetischen Geschichtsfälschung gekämpft. In den 1990er Jahren arbeitete es eng mit dem russischen Historiker Wadim Rogowin zusammen, der in seinem siebenbändigen Werk „Gab es eine Alternative“ die enorme Bedeutung der trotzkistischen Linken Opposition für die Sowjetunion nachwies.

6. In den vergangenen Jahren stieß David Norths detaillierte Widerlegung der Fälschungen und Verdrehungen in den Trotzki-Biografien von Ian Thatcher, Geoffrey Swain und insbesondere Robert Service, die in dem Buch „Verteidigung Leo Trotzkis“ zusammengefasst ist, auf wachsende internationale Resonanz und Unterstützung, auch in historischen Fachkreisen.

7. Der amerikanische Historiker Bertrand Patenaude stellte sich in der American Historical Review uneingeschränkt hinter das Buch von North und die dort vorgebrachte Kritik an Robert Service. Die PSG begrüßt dies und die Initiative von 14 Wissenschaftlern in Deutschland, Österreich und der Schweiz, die sich in einem Brief an den Suhrkamp Verlag gegen die Veröffentlichung der Trotzki-Biographie von Robert Service gewandt haben. Die 14 Wissenschaftler setzten sich für die Verteidigung der historischen Wahrheit, wissenschaftlicher Standards und der verlegerischen Integrität ein. Dies betrachten wir als Indiz für bedeutsame Veränderungen in Wissenschaft und Kultur.

8. Die postsowjetische Schule der Geschichtsfälschung ist eng mit dem Vordringen reaktionärer Ideologien an den Hochschulen und in den Feuilletons verbunden. Seit der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs und insbesondere seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion erfuhren gegen den Marxismus und ganz allgemein gegen Wissenschaftlichkeit und Aufklärung gerichtete Schulen der Gesellschafts- und Geschichtstheorie – wie die Frankfurter Schule, der Postmodernismus und der Poststrukturalismus – eine Blüte. Diese Schulen, deren Wurzeln auf die Philosophien des Subjektivismus des 19. Jahrhundert (Fichte, Stirner, Nietzsche) zurückgehen, wurden zur vorherrschenden Doktrin an den Universitäten und haben eine offene, der historischen Wahrheit verpflichtete Auseinandersetzung mit der Vergangenheit erschwert

9. Sie sehen die Ursachen für die Katastrophen des 20. Jahrhunderts in der Aufklärung, im Streben nach wissenschaftlichem Erkennen von Natur und Gesellschaft, in der Nutzbarmachung naturwissenschaftlicher Erkenntnisse und technologischer Revolutionen in Industrie und Gesellschaft – nicht in den durch sozialdemokratische und stalinistische Bürokratien verursachten Niederlagen der Arbeiterklasse. Das Ziel der Wissenschaften, objektive Wahrheiten zu erkennen, bezeichnen sie als „vermessen“. Die „maßlose Fortentwicklung und Anwendung moderner Naturwissenschaften und Technologien“ zur Überwindung von Armut, Krankheit, Unwissenheit und sozialer Ungleichheit betrachten sie als eine „Bedrohung für die Gesellschaft“, sogar als „Grundlage für totalitäre Diktaturen“.

10. Unter den Bedingungen einer wachsenden Krise des Kapitalismus ist die energische Offensive des IKVI für die historische Wahrheit auf Erfolg gestoßen und hat die Vertreter der postsowjetischen Schule der Geschichtsfälschung in die Defensive gedrängt. Das zeigen die Resonanz auf das Buch „Verteidigung Leo Trotzkis“, der Erfolg von Veranstaltungen zu diesem Thema in Leipzig und New York sowie der Brief der 14 Wissenschaftler.

11. Fünf Jahre vor dem hundertsten Jahrestag der Oktoberrevolution, dem bedeutsamsten Ereignis des 20. Jahrhunderts, wächst das Interesse an der Russischen Revolution nicht nur unter Historikern, sondern auch unter Künstlern. Die Berlinale 2012 zeigte eine Retrospektive deutsch-sowjetischer Filme. Ausstellungen über sowjetische Architektur und Kunst in Berlin und Basel erfolgten in Zusammenarbeit mit dem Mehring Verlag und der World Socliast Web Site. Die PSG wird ihre Zusammenarbeit mit ernsthaften Künstlern vertiefen und sich bemühen, sie für marxistische und sozialistische Perspektiven zu gewinnen.

12. Eine wichtige Rolle in dieser Offensive spielt der Aufbau der International Students for Social Equality (ISSE), der Studentenorganisation des IKVI und der PSG. Die Energie und der Elan der jungen Generationen müssen mit dem optimistischen, weil historisch-wissenschaftlich begründeten Vertrauen in die fortschrittliche Rolle von Wissenschaft und Technik und in die revolutionäre Rolle der Arbeiterklasse verbunden werden. Die ISSE bemüht sich daher, Studenten im unversöhnlichen Kampf gegen subjektivistische Geschichtstheorien und Philosophien zu erziehen und auf dieser Grundlage für den Aufbau einer revolutionären Partei in der Arbeiterklasse zu gewinnen.

13. Die PSG steht auf der Seite aller Wissenschaftler, Schriftsteller und Künstler, die dem Postmodernismus, Poststrukturalismus und ähnlichen wissenschaftsfeindlichen Tendenzen entgegentreten und die Prinzipien der Aufklärung und Wissenschaft in Natur und Geschichte verteidigen. Sie sucht den Dialog, die Zusammenarbeit mit ihnen und unterstützt alle Initiativen, die der Erforschung, der wissenschaftlichen Analyse und Darstellung der Geschichte der revolutionären Bewegung im 20. Jahrhundert, insbesondere der Rolle und Politik Leo Trotzkis und der trotzkistischen Bewegung dienen.

14. Für die PSG ist die Erarbeitung und Verteidigung der geschichtlichen Wahrheit von strategischer Bedeutung. Revolutionäre Perspektiven mit dem Ziel, die gesamte gegenwärtige Gesellschaft umzuwälzen und eine neue, sozialistische aufzubauen, müssen sich auf einem umfassenden, tiefen Verständnis der Geschichte gründen, in der ihre komplexen Widersprüche, Konflikte und ungelösten Probleme wurzeln.