Merck Serono schließt Standort in Genf

Von Max Schneider und Marianne Arens
20. Juli 2012

Am 24. April 2012 kündigte der Pharmakonzern Merck Serono die Schließung des Standortes in Genf mit 1.250 Mitarbeitern an. Das Unternehmen will 500 Stellen ganz streichen; 750 weitere Stellen sollen in andere Länder auslagert werden, wobei Merck Serono den betroffenen Mitarbeitern einen Umzug nach Deutschland, in die USA oder nach China anbietet. Außerdem sind die Arbeitsplätze bei Zeitfirmen und lokalen Dienstleistern betroffen.

Die Produktionsstandorte in Corsier-sur-Vevey und Aubonne im Kanton Waadt sind von den Sparmaßnahmen nicht berührt. An diesen beiden Standorten sind 800 Arbeiter im Bereich biotechnologische Produktion beschäftigt. Die Fabrik in Coinsins, ebenfalls im Kanton Waadt, mit achtzig Stellen wird jedoch vollständig geschlossen.

Die Geschäftszahlen der Firmengruppe Merck Serono für das Jahr 2011 weisen einen Reingewinn von über 600 Millionen Euro und 1,4 Milliarden liquide Mittel aus. Das veranlasste den Verwaltungsratspräsidenten am 20. April 2012, vier Tage vor der Schließungsnachricht, dazu, eine Dividendenerhöhung von zwanzig Prozent anzukündigen. Allein das Medikament Rebif zur Behandlung von Multipler Sklerose hat einen Umsatz von fast 1,7 Milliarden Euro oder 31 Prozent des Gesamtumsatzes erwirtschaftet. Das zweitstärkste Medikament Erbitux zur Behandlung von Lungenkrebs erzielte einen Umsatz von 855 Millionen Euro oder fünfzehn Prozent des Gesamtumsatzes.

Der in Darmstadt beheimatete deutsche Familienkonzern Merck, das älteste pharmazeutisch-chemische Unternehmen der Welt, übernahm Serono Anfang 2007 für 16 Milliarden Franken (10,6 Milliarden Euro). Es war die größte Akquisition in der Firmengeschichte. Anschließend wurde am Standort Genf das biopharmazeutische Geschäft konzentriert, und seitdem heißt die neue Unternehmenssparte Merck Serono.

Die Serono-Besitzerfamilie Bertarelli erhielt für ihren Anteil am Unternehmen über zehn Milliarden Franken (fast sieben Milliarden Euro). Ernesto Bertarelli, CEO des Biotech-Unternehmens bis zum Verkauf an Merck, wurde im März 2003 mit seinem Boot „Alinghi“ auch als Sieger der Segelregatta „America's Cup“ über die Landesgrenzen hinaus bekannt. Seit dem Verkauf des Unternehmens Serono gehören die Bertarellis mit einem geschätzten Vermögen von zehn bis elf Milliarden Franken zu den reichsten Familien der Schweiz.

Der Vater Fabio Bertarelli hatte das Istituto Farmacologico Serono, das zu dem Zeitpunkt dem Vatikan gehörte, in den 1970er Jahren in Familienbesitz gebracht und von Turin an den Genfersee verlagert. Dort produzierte und verkaufte die Firma Serono Fruchtbarkeitshormone, die sich insbesondere in den 1980er-Jahren durch die Entdeckung der In-Vitro-Fertilisation zum ersten Verkaufsschlager entwickelten. Aufgrund des technischen Fortschritts im Bereich der Biotechnologie konnten ab 1989 erste Medikamente mit Hilfe von gentechnisch veränderten Tierzellen produziert werden, und 1996 erfolgte die Zulassung des Fruchtbarkeitsmittels Gonal-F, das bis heute eines der erfolgreichsten Produkte des Biotechnologie-Unternehmens ist.

Der Merck-Konzern, der das Unternehmen im Jahre 2007 kaufte, wollte damals fast um jeden Preis Marktanteile durch Akquisitionen im Pharmabereich hinzugewinnen. Deshalb war er bereit, den Konkurrenten aufzukaufen, obwohl Serono in den USA in verschiedene Gerichtsfälle wegen illegaler Geschäftspraktiken verwickelt war. Dabei ging es um unerlaubte „Kick-back“-Zahlungen an Ärzte, die ihren Patienten Medikamente des Unternehmens Serono verschreiben sollten.

Der Pharmariese Merck ist dabei, durch den Abbau von weltweit über zweitausend Stellen die operativen Kosten zu senken. Das globale Unternehmen beschäftigt über 40.000 Mitarbeiter, 10.600 davon in Deutschland, wo bis November mindestens zehn Prozent der Arbeitsplätze gestrichen werden.

Merck Serono erzielte bis heute jedes Jahr einen Gewinn bei gleichzeitigem Umsatzwachstum. Mit der Standortschließung in Genf versucht Merck, auf Kosten der Arbeiter die Umsatzrendite und die Dividenden für die Aktionäre zu steigern. Wie viele Stellen dabei in den nächsten Jahren noch der Profitmaximierung geopfert werden, hat das Unternehmen bisher nicht bekannt gegeben.

Die angekündigte Schließung und das zynische Angebot an einen Teil der Mitarbeiter, in andere Länder umzuziehen, hat in der Belegschaft besonders angesichts der positiven Geschäftsentwicklung und der Finanzlage des Konzerns große Wut und Frustration ausgelöst. Seit Anfang Mai kam es mehrmals zu Streiks, Demonstrationen und Torbesetzungen. Am 30. Mai fuhr eine Delegation von über hundert Mitarbeitern nach Darmstadt zu einer gemeinsamen Demonstration mit den deutschen Kollegen.

Doch der Kampf um die Arbeitsplätze wird von den Gewerkschaften – sowohl den schweizerischen, als auch den deutschen – sabotiert und in eine nationalistische Sackgasse geführt.

In Deutschland sitzen die Betriebsräte und Gewerkschaftsvertreter im Aufsichtsrat von Merck und weigern sich seit Monaten, den vollen Umfang der geplanten Rosskur bekanntzumachen. Als perfekte Juniorpartner der Konzernleitung haben sie selbst den Abbau der Arbeitsplätze in die Hand genommen. So zitiert die Frankfurter Rundschau vom 5. Juni 2012 den Merck-Betriebsratsvorsitzenden Heiner Wilhelm mit den Worten: „Ich rechne damit, dass [in Deutschland] bis zu 900 Mitarbeiter das Angebot von Altersteilzeit und freiwilligem Ausscheiden annehmen.“

Auf der Schweizer Seite ist die größte Schweizer Gewerkschaft Unia aktiv. Seit drei Monaten mobilisiert sie die Beschäftigten für das aussichtslose Unterfangen, Druck auf Konzernleitung und Politiker auszuüben, damit bei Merck Serono in Genf ein alternatives Geschäftsmodell zum Tragen kommt, das Unia selbst entwickelt hat. Es beinhaltet drei verschiedene Szenarien, die alle den Abbau von mehreren hundert Arbeitsplätzen einschließen.

Die Maximalforderung der Gewerkschaft sieht den Abbau von 250 der 1.250 Arbeitsplätze in Genf, Unterstützung für ein Restrukturierungs- und Effizienzprogramm sowie Lohneinbußen und Boni-Kürzungen von 10 bis 20 Prozent vor. Nach dem zweiten Modell sollen nur 500 Arbeitsplätze in Genf erhalten und alle Headquarter-Funktionen nach Darmstadt verlagert werden. Und im dritten Modell fordert Unia die Gründung eines Geneva Biotech Cluster mit einer Anschubfinanzierung von 100 Millionen Euro, in dessen Rahmen die Beschäftigten in Spinn-offs und Startups selbständig wirtschaften und neben Merck Serono auch andere Auftraggeber bedienen sollen.

Um Unterstützung für diese alternativen Modelle wandte sich Unia an die nationale und kantonale Regierung. „Die politischen Behörden müssen ihre Unterstützung verstärken, endlich ihre uneingeschränkte Solidarität mit den Angestellten aussprechen und alles unternehmen, damit der Standort Genf erhalten werden kann“, heißt es in einer Erklärung der Gewerkschaft vom 10. Mai.

Ziel der Unia war es also von Anfang an, gemeinsam mit Direktion und bürgerlichen Politikern eine nicht ganz so schlimme Alternativlösung für den Standort Genf zu erarbeiten, – und nicht etwa, gemeinsam mit den Kollegen an allen Merck-Standorten weltweit alle Arbeitsplätze zu verteidigen.

Aus diesem Grund hat Unia bis heute nur befristete Streiks organisiert und diese sofort wieder abgebrochen, um den Verhandlungen mit der Geschäftsleitung keine Steine in den Weg zu legen. Auch die Fahrt nach Darmstadt und die gemeinsame Kundgebung mit den Darmstädter Kollegen diente diesem Zweck. Sie war ein Manöver, um Dampf abzulassen und das Zusammenspiel mit der Direktion abzudecken.

Der erste Streiktag fand am 12. Juni statt. Auf der Kundgebung äußerte Bundesrat Johann Schneider-Ammann seine Bewunderung für die Qualität der Vorschläge, die von den Sozialpartnern eingereicht worden seien. Er teilte den Streikenden mit, sein Volkswirtschaftsdepartement habe sich mit Vertretern des Kantons Genf getroffen, um über die Vorschläge der Gewerkschaft zu diskutieren.

Die Geschäftsleitung von Merck Serono weigerte sich allerdings rundheraus, an diesen Gesprächen teilzunehmen. Stattdessen bekräftigte sie am 19. Juni erneut die definitive Schließung des Standortes Genf bis Ende 2012.

Darauf organisierte die Gewerkschaft Unia für den nächsten Tag erneut einen Streik, um die Direktion an den Verhandlungstisch zu zwingen. Diesmal verfolgte Unia jedoch bereits nicht mehr das Ziel, einen Teil der Stellen zu erhalten, sondern lediglich, den Sozialplan für die von Entlassung und Arbeitslosigkeit betroffenen Mitarbeiter zu verbessern.

Nach zwei Tagen, am 22. Juni, brachen die Gewerkschaftsvertreter den Streik mit der Begründung ab, man wolle der vom Genfer Regierungsrat organisierten Mediation eine Chance geben. Der Regierungsrat hatte die Arbeitnehmervertreter und die Direktion von Merck Serono eingeladen, um einen verbesserten Sozialplan auszuhandeln.

Auch diese Mediation wurde von der Direktion boykottiert. Die Geschäftsleitung von Merck Serono hat sich bis heute geweigert, an Verhandlungen mit Personal- oder Gewerkschaftsvertretern teilzunehmen.

Um ihr Gesicht zu wahren, sah sich die Genfer Regierung am 28. Juni 2012 gezwungen, die Direktion von Merck Serono durch die Genfer Kammer für kollektive Arbeitsbeziehungen vorzuladen. Offizielles Thema war die Bedeutung des Personalabbaus für die Region, das Ziel, Merck Serono zu Verhandlungen über einen Sozialplan zu bewegen. In der Frage der Standortschließung bewegte sich Merck jedoch keinen Millimeter.

Heute, drei Monate nach der Schließungsankündigung, ist klar, dass die Politik der Gewerkschaft in eine Sackgasse geführt hat. Um die Arbeitsplätze zu verteidigen, die Angriffe der Konzernleitung abzuwehren und den Beschäftigten am Standort Genf eine Zukunft zu geben, braucht es eine sozialistische Perspektive, welche die Interessen der Merck-Beschäftigten in Genf, in Europa und weltweit höher stellt als die Profite der Aktionäre.

Ein Kampf zur Verteidigung aller Arbeitsplätze in Genf wäre zweifellos ein starker Ansporn für die Kollegen in Deutschland und an allen andern Merck-Standorten. Doch dazu ist es notwendig, die Bevormundung durch Unia und die deutsche IG Chemie zurückweisen und unabhängige Aktionskomitees aufzubauen, die die Interessen der Beschäftigten über die Profitmaximierung stellen. Das ist der erste Schritt, um die Angriffe von Merck Serono abzuwehren und die Arbeitsplätze gegen die Sparmaßnahmen zu verteidigen.