Stimmt genau, We Need to Talk About Kevin ist “kein problembezogener Film”

Von David Walsh
25. August 2012

Regie Lynne Ramsay, Drehbuch Ramsay und Rory Kinnear, basierend auf dem Roman von Lionel Shriver

Bevor der Film losgeht, erfahren wir über den Charakter, auf den sich der Titel von Lynne Ramsays Wir müssen über Kevin reden bezieht, dass dieser im Alter von fünfzehn einige seiner Schulkameraden getötet hat. In Rückblenden erfahren wir etwas über sein kurzes und unglückliches Leben.

Schon bald erfahren wir, dass seine Mutter, Eva Khatchadourian (Tilda Swinton), ein etwas zwiegespaltenes Verhältnis dazu hat, in erster Linie Mutter zu sein. Nachdem sie quasi ein Künstlerleben in der Stadt als Reiseschriftstellerin geführt hat, lässt Eva sich von ihrem wohlmeinenden Mann Franklin (John C. Reilly) dazu überreden, in ein großes, steriles Haus in der Vorstadt (“unser eigenes Schloss”) zu ziehen. Sie wirkt in ihrem neuen Heim ängstlich und fehl am Platz. Etwas von dieser Unzufriedenheit färbt offensichtlich auf ihren Sohn ab und beeinträchtigt seine Entwicklung.

Kevin macht vom Moment seiner Geburt an nichts als Ärger. Als Baby weint er ständig. In einer Szene verweilt Eva auf der Straße in der Nähe eines Bauarbeiters, der mit einem Presslufthammer arbeitet, damit dieser das Jammern des Kindes übertönt. Als Kleinkind blickt Kevin ständig finster drein und tut, was er kann, um seiner Mutter das Leben schwer zu machen. Später nimmt er eine Wasserpistole und sprüht Tinte quer über alle Karten, mit denen sie sorgfältig ihr Büro dekoriert hat.

Das einzige, woran Kevin (Ezra Miller, als Jugendlicher) Gefallen findet ist Bogenschießen. Seltsamerweise wird er als Teenager ein exzellenter Schütze. Als ein Haustier stirbt und eine jüngere Tochter durch eine ätzende Reinigungsflüssigkeit ein Auge verliert, ist Kevins Mutter sich sicher, wer schuld daran ist. Der immer optimistische Franklin wehrt die Klagen seiner Frau über ihren Sohn ab und schlägt vor, psychiatrische Hilfe in Anspruch u nehmen. Die Eltern stehen kurz vor der Scheidung, als die Tragödie in der Schule stattfindet.

Diese Episoden aus Kevins Erziehung werden mit Szenen über Evas gegenwärtig elende Existenz unterbrochen. Sie verliert alles bei der Katastrophe und fristet jetzt ein Leben, indem sie in einem Reisebüro arbeitet, wo sie ist so etwas wie ein Paria ist. Die Schande ihrer Familie ist ihr gefolgt: ihr kleines Haus wird mit roter Farbe beworfen, Fremde flüstern hinter ihrem Rücken über sie. Eine Frau, vermutlich die Mutter von einem von Kevins Opfern, schlägt sie in aller Öffentlichkeit auf der Straße, Eva stattet ihrem Sohn Besuche im Gefängnis ab, verständlicherweise gequälte Szenen.

Die Filmemacher verwenden einige Mühe darauf, von Kevin das Bild eines Soziopathen zu zeichnen. Ob er gewalttätige Videospiele spielt, Computerviren sammelt, bösartig seine Mutter beim Abendessen in einem Restaurant verspottet, in ihrer Gegenwart masturbiert oder am Ende der Szene über das Gemetzel in dem Gymnasium provokativ grinst, etc., praktisch jedes Mal präsentiert er einen abstoßenden Charakter, wenn er auf der Leinwand auftritt.

Zu welchem Zweck?

Die Amokläufe an Schulen in den USA sind ein ernst zu nehmendes gesellschaftliches Problem. Die späten 1980er und frühen 1990er Jahre verzeichneten einen deutlichen Anstieg der Waffengewalt in amerikanischen Schulen. Insbesondere seit Mitte der 1990er-Jahre wurde das Phänomen, dass Schüler ihre Kommilitonen und Lehrer erschießen, ein häufig wiederkehrendes Thema in den Schlagzeiten. Mit zu den schmerzlichsten Episoden gehörten die Vorkommnisse von Pearl in Mississippi im Oktober 1997, von West Paducah in Kentucky im Dezember 1997, von Jonesboro in Arkansas im März 1998, von Edinboro in Pennsylvania im April 1998, von Springfield in Oregon im Mai 1998 und natürlich von Littleton in Colorado im April 1999.

Während der letztgenannten Tragödie schossen zwei siebzehn und achtzehn Jahre alte Schüler um sich und töteten an der Columbine High School fünfzehn Personen (einschließlich sich selbst) und verwundeten weitere siebenundzwanzig.

Lionel Shrivers Roman We Need to Talk About Kevin wurde im Jahr 2003 veröffentlicht und Lynne Ramsay hat über eine Reihe von Jahren hinweg versucht, eine Filmversion daraus zu machen. Die Autorin und Regisseurin (geboren 1969in Glasgow) wurde zum ersten Mal 1999 mit ihrem viel gepriesenen Film Ratcatcher berühmt. Ihr weitaus schwächerer Film Morvern Callar mit Samantha Morton kam 2002 in die Kinos.

Tilda Swinton widmet sich mit Leib und Seele der Darstellung von Eva, sowohl in ihrer Unsicherheit als Mutter als auch in ihrer Verzweiflung nach dem mörderischen Amoklauf Kevins. Wie in einer Reihe anderer neuerer Filme spielt John C. Reilly, ein guter Schauspieler, nur eine unbedeutende kleine Rolle. Ezra Miller grinst und spielt schrecklich, oft cartoonartig, wozu er vermutlich vom Regisseur angehalten wurde.

In seiner Umsetzung von We Need to Talk About Kevin stellt Ramsay Vergangenheit und Gegenwart in Form von Fragmenten dar, die den Zuschauer auffordern, ihnen einen Sinn zu geben und deren Ziel es ist, ein schlüssiges Bild zu zeichnen. Zu einem gewissen Grad tun sie das, aber noch einmal: zu welchem Zweck?

Ramsay nennt ihr jüngstes Werk “einen psychologischen Horrorfilm”, der “Elemente aus dem Genre verwendet”. Das ist irreführend. Bis vor wenigen Jahren zumindest hatte die Filmindustrie durch die Wahl ihrer Mittel (intensive Musik, übertriebene bildliche und Rollendarstellung, etc.) die Möglichkeit, dem Publikum zu vermitteln, dass ein Film dem “Horror” Genres angehörte und sein Inhalt in Bezug auf seine Realitätsbezogenheit mit einer gewissen Vorsicht zu genießen war.

Auf der anderen Seite leitet Ramsay ihren Ansatz von der globalen Schule des quasi-poetischen Realismus her. Aber er ist nicht zu vergleichen mit Das Omen (1976) oder gar The Bad Seed (1956) und noch viel weniger mit Das Dorf der Verdammten (1960), die ihr befremdliches Material und ihre Kinder-Schurken in umfassenden Darstellungen behandeln.

Wir sollen instinktiv, mit welchen Auswirkungen auch immer, von Kevins Schlechtheit und Evas Elend überzeugt sein. Es wird kein Aufwand gescheut, dies entlang der dramatischen Filmstränge darzustellen. Und doch bleibt das Ganze überaus absurd und unglaubwürdig. Der Film ist endlos lang, weil er so schlecht durchdacht ist. Dem hasserfüllten Kevin und der deprimierten Eva zwei Stunden lang zuzusehen ist eine unangenehme Erfahrung. Außerdem vermittelt der Film eine allgemeine Abneigung der Menschheit.

Ramsay, die sich offenbar an die Vorgaben des Schriftstellers Shriver hält, ist entschlossen, das eindeutig soziale Problem von Amokläufen an Schulen auf keinen Fall als solches zu behandeln. Die Regisseurin macht sich das Leben einfach, indem Kevin einfach als böswillig dargestellt wird. Als George W. Bush die “Achse des Bösen” verurteilte wurde er von liberalen und linken Kommentatoren verspottet. Doch der Ansatz hat innerhalb einer ideologisch verarmten und orientierungslosen Schicht von Pseudo-Intellektuellen eindeutig eine Resonanz gehabt.

Die Regisseurin erklärt, dass sie an dem Phänomen von Schul-Amokläufen “nicht interessiert” war. “Ich habe nicht versucht, einen problembezogenen Film zu machen”. Stattdessen war sie fasziniert von der “Mutter-Sohn-Beziehung”, dieser “perversen Liebesgeschichte”. Ramsay behauptet We Need to Talk About Kevin, handelt “von dem Unerklärlichen. Dass manchmal das Böse von jemandem ausgeht, verstehen Sie, irgendwie unerklärlich.”

Als Eva Kevin wegen seiner Vorliebe, den Computer anderer Leute durch Computerviren zu zerstören, zur Rede stellt, antwortet er bezeichnenderweise (und eine Nahaufnahme unterstreicht die Bedeutung): “Es hat keinen Sinn, darum geht es.” Am echtesten wirkt Kevins Erklärung, mit seinen mörderischen Attacken die Bevölkerung für ihre Faszination mit Skandalen und Chaos bestrafen zu wollen. Die Leute führen so ein stumpfsinniges und banales Leben, dass “die Hälfte der Menschen, selbst im Fernsehen, fernsehen. Was beobachten diese Leute? Leute wie mich.”

Darüber hinaus machen Ramsay und Shriver am Ende ihre fiktive Mutterfigur verantwortlich, zumindest teilweise. Die Schlussfolgerung ist, dass Eva ihrem anfänglichen “künstlerisch-intellektuellen” Instinkt hätte folgen sollen, aus den Vorstädten wegbleiben und keine Kinder hätte bekommen sollen.

Der Schriftsteller, zum Beispiel, sagte in einem Interview, “die Mutter ist sicherlich mit verantwortlich. ... Schauen sie, Kevin mag ein schwieriges Kind gewesen sein, aber sie hat ihre Sache nicht besser gemacht. Ich meine nicht, dass sie aus dem Schneider ist. Sie hat dazu beigetragen, ihn zu dem zu machen, was er ist.” Ramsay lässt durchblicken, dass ihr Film die Frage stellt, ob die Mutter oder das Kind das Monster ist. “Wenn du den Sohn betrachtest, dann sieht er sogar aus wie sie. Für mich war das Aussehen wichtig, es musste jeder wie der andere aussehen. Sie mussten sich gegenseitig widerspiegeln. Im übertragenen Sinn hat sie all diese Menschen ermordet. Es geht um die wirkliche Erkundung der Psyche einer Frau, die diese massive Schuld auf sich geladen hat.”

Das ist Ausdruck einer tiefen Verwirrtheit, auch wenn Ramsay einfach das Blaue vom Himmel herunter erzählt. Tausende und Abertausende von Menschen sind in den USA direkt von Schulamokläufen betroffen, eine weitaus größere Zahl war indirekt davon betroffen. Es ist unverantwortlich, grausam und heuchlerisch, den Eltern oder irgendwelchen Individuen die Schuld an solchen Vorkommnissen zu geben. Diese schrecklichen Ereignisse sind Symptome einer zerrütteten sozialen Ordnung. Zwischen Eltern und Kinder gibt es alle Arten von komplizierten und schwierigen Beziehungen, aber die Tatsache, dass solche Probleme einen derart verheerenden und zerstörerischen Ausdruck annehmen, setzt eindeutig soziale und historische Bedingungen voraus.

Ramsay stellt fest, dass Gus Van Sants Elephant (2003) “ein brillanter Film” war, der Columbine und ähnliche Tragödien behandelte. In Wahrheit tat er nichts von dem. Van Sant hat die Grenzen bewusst so gesteckt, dass er keine Erklärung für die Schul-Amokläufe zu geben brauchte, wofür er von fast allen Kritikern gelobt wurde.

In einer Besprechung schrieb die WSWS damals dazu:

“Was bedeutet es, die Tragödie von Columbine zu erklären? Natürlich wird niemand jemals genau wissen, was den Tätern in den Tagen vor der Tat durch die Köpfe ging. Genauso wenig kann man schlüssig auf dies oder jenes Trauma oder jenen Tropfen verweisen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Es gibt individuell spezifische und unerklärliche Elemente bei solch irrsinnigen Taten. Und zweifellos waren die Versuche der amerikanischen Massenmedien, soweit sie solche gemacht haben, sich mit dem Ereignis auseinander zu setzen, vorhersehbar oberflächlich und leer.

Aber warum muss 'Erklärung' gleich 'vereinfachte Erklärung' bedeuten? Es ist unmöglich, mit mathematischer Genauigkeit zu berechnen, warum dieser Jugendliche im Gegensatz zu einem anderen unter einem bestimmten sozialen und psychologischen Druck geistig und moralisch zusammenbrach. Wenn es aber ebenso eine nicht zu schaffende Aufgabe ist, ein Bild von der sozialen, politischen und kulturellen Atmosphäre zu zeichnen, in der solch irrationale Handlungen von einigen desorientierten Jugendlichen eine gewisse Unvermeidlichkeit bekommen, wozu ist dann unsere Kunst und unsere Sozialwissenschaft überhaupt gut? ”

Allerdings hat Van Sant dem täglichen Leben seiner zukünftigen Mörder und ihrer Interaktion oder fehlenden Interaktion mit anderen Schülern, Lehrern und Eltern zumindest eine gewisse Aufmerksamkeit geschenkt. Ramsays Film konzentriert sich, was wenig hilfreich und mühselig ist, ausschließlich auf die Familie. Wir sehen nie etwas von Kevins Erfahrungen in der Schule oder mit Gleichaltrigen. Ihnen wird hier keine Bedeutung zugemessen.

Und wie zu erwarten finden genauso wenig irgendwelche Merkmale der amerikanischen Gesellschaft Berücksichtigung, die mitverantwortlich für das moralische und psychologische Klima sind, in dem die Schul-Amokläufe stattfinden: die endlosen Kriege und das Gerede über Krieg, die soziale Polarisierung, die Anbetung des Geldes, Gier und Selbstsucht, die Verrohung und billige Menschenverachtung der Massenkultur und der Alltag, die Ablehnung der Idee des sozialen Fortschritts, die schwere Demoralisierung bei einem Teil der Jugend, und was sonst noch alles dazu gehört.

Zwei allgemeine Trends, die sich zweifellos gegenseitig hochschaukeln, sind für einen Film wie We Need to Talk About Kevin verantwortlich. Ein Teil der Künstler der oberen Mittelschicht findet es unangenehm, sich ernsthaft mit dem sozialen Leben auseinanderzusetzen. Denn eine solche Untersuchung würde bedeuten, einer Gesellschaft, in der sie selber ein sehr angenehmes Leben führen, den Spiegel allzu nah vor das Gesicht zu halten. Zweitens hat leider ein jahrzehntelanger intellektueller und kultureller Niedergang eine Generation von Künstlern hervorgebracht, die es schlichtweg zu anstrengend findet, sich durch ein komplexes soziales Problem zu arbeiten. Sie schlagen die Hände über dem Kopf zusammen und produzieren Arbeiten wie diese.

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[27 April 1999]