Kabinenpersonal bestreikt Lufthansa

Von unserem Korrespondenten
29. August 2012

Die 19.000 Flugbegleiter der Lufthansa befinden sich seit gestern im Arbeitskampf. Das gab der Vorsitzende der Gewerkschaft UFO, Nicoley Baublies, am Dienstagmittag in Frankfurt bekannt, nachdem die Tarifverhandlungen in der Nacht zuvor an der Unnachgiebigkeit der Konzernleitung gescheitert waren.

Die Arbeitsniederlegungen sollen „örtlich und zeitlich begrenzt“ erfolgen und erst wenige Stunden vorher angekündigt werden. Für Dienstag selbst waren noch keine Arbeitsniederlegungen geplant.

Es handelt sich um den ersten offiziellen Streik der Flugbegleiter der Lufthansa, die mit einem Jahresumsatz von knapp 30 Milliarden Euro zu den weltweit größten Fluglinien zählt. Lediglich 2009 hatten die Flugbegleiter zwei Tage lang mit mehrstündigen Warnstreiks für Flugausfälle und Verspätungen gesorgt.

Die Mitglieder der Unabhängigen Flugbegleiter Organisation (UFO), in der Schätzungen zufolge rund zwei Drittel der Flugbegleiter organisiert sind, hatten sich schon Anfang August mit überwältigender Mehrheit für Arbeitskampfmaßnahmen ausgesprochen. Von den 83 Prozent der Mitglieder, die sich an der Urabstimmung beteiligten, votierten 97,5 Prozent für Streik.

Es geht dabei um viel. Die Lufthansa hat im April das Sparprogramm „Score“ angekündigt, mit dem sie das Betriebsergebnis bis 2014 um 1,5 Milliarden Euro steigern will. Dies soll vor allem durch eine Senkung der Personalkosten geschehen, die bei der Lufthansa mit 22 Prozent der Gesamtkosten deutlich höher liegen als bei der Konkurrenz.

Neben 3.500 Entlassungen im Verwaltungsbereich sieht „Score“ massive Lohnsenkungen beim Flug- und Bodenpersonal vor. Dies soll unter anderem durch den Einsatz von deutlich schlechter bezahlten Leiharbeitern, die Auslagerung von Personal in konzerneigene Billigfluggesellschaften sowie die Auflösung der bisherigen Tarifstruktur erfolgen. Diese garantierte den Flugbegleitern bei einem relativ niedrigen Einstiegsgehalt von 1.780 Euro alle zwei Jahre eine höhere Einstufung. In der höchsten Tarifstufe konnte ein Flugbegleiter so auf 4.000 Euro und ein Servicechef auf 7.000 Euro brutto im Monat kommen.

Der Konzern kann bei der Verwirklichung von „Score“ auf die Unterstützung der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi zählen, deren Chef Frank Bsirske stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender von Lufthansa ist. Verdi hat immer wieder für niedrige Tarifabschlüsse gesorgt und ist kleineren Spartengewerkschaften, wie der Pilotengewerkschaft Cockpit, der Fluglotsengewerkschaft GdF und der Flugbegleitergewerkschaft UFO wiederholt in den Rücken gefallen.

Diese Spartengewerkschaften sind größtenteils entstanden, weil sich die betroffenen Berufsgruppen von Verdi nicht mehr vertreten fühlten. Das gilt auch für UFO, die sich 1992 von einer Vorgängerorganisation von Verdi abgespalten hat.

Im Dezember 2011 hatte UFO überraschend erklärt, die anstehenden Tarifverhandlungen mit Verdi gemeinsam bestreiten zu wollen. Nachdem Verdi im Januar aber statt der geforderten 6,1 Prozent Lohnerhöhung 3,5 Prozent plus unvorteilhafte Sonderregelungen akzeptierte, rumorte es in der UFO-Mitgliedschaft. Die Führung sah sich daraufhin gezwungen, die Tarifgemeinschaft zu verlassen.

UFO forderte dann neben einer Lohnerhöhung von fünf Prozent keine Leiharbeit an Bord der Lufthansa-Maschinen, keine Auslagerung von Arbeitsplätzen in Billigtöchter und den Erhalt der bisherigen Tarifstruktur.

Doch die Lufthansa zeigte sich unnachgiebig. Am 16. August legte sie ein Tarifangebot vor, das, so UFO, „nach über drei Jahren Nullrunde kein konkretes Angebot zur Vergütungserhöhung“ enthielt und „selbst die schlimmsten Erwartungen bei weitem übertraf“. Es bestand „aus Verschlechterungen für alle – weniger Gehalt, mehr arbeiten, keine Absicherung“.

Aufsichtsratschef Jürgen Weber, der von 1991 bis 2003 selbst an der Spitze von Lufthansa gestanden hatte, riet seinen Nachfolgern zur Konfrontation. „Besser man lässt es zum großen Knall kommen, bevor sich das Unternehmen aus dem Wettbewerb katapultiert“, sagte er am 22. August der Wochenzeitung Die Zeit. Die Konzernleitung ließ verlauten, dass sie mit „einer turbulenten Auseinandersetzung“ rechne.

Die Führung von UFO zeigt sich dieser harten Konfrontation in keiner Weise gewachsen. Sie trägt zwar den Kurs von Verdi nicht mit, die völlig mit dem Management verschmolzen ist. Aber sie lehnt einen kompromisslosen Arbeitskampf, die Mobilisierung anderer Berufsgruppen bei Lufthansa und ihren Tochtergesellschaften, Solidaritätsaktionen in anderen Luftfahrtkonzernen sowie eine weitergehende politische Perspektive ab. Diese sind aber unentbehrlich, um Lufthansa in die Knie zu zwingen.

Selbst mit der Schweizer Flugbegleitergewerkschaft Kapers, die die Kollegen und Kolleginnen der Lufthansatochter Swiss vertritt, scheint sich UFO nicht abzustimmen, obwohl deren Mitglieder der Gewerkschaftsführung erst vor kurzem wegen ihrem Kompromisskurs das Misstrauen ausgesprochen haben. (Siehe: „Swiss: Flugbegleiter wählen Gewerkschaftsführung ab“)

Stattdessen behandelt UFO den Streik als reine Lufthansa-Angelegenheit und bildet sich ein, sie könne den Konzern durch einige Nadelstiche zu einem Kompromiss bewegen. Noch am 16. August beteuert sie in einer offiziellen Stellungnahme zum provokativen Tarifangebot ihre Kompromissbereitschaft. Das Lufthansa Management habe „die große Chance vertan“, heißt es darin, „mit qualifiziertem und wieder motiviertem Kabinenpersonal einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil weiterhin zu nutzen und die vorhandene Kompromissbereitschaft ernst zu nehmen“.

UFO-Chef Nicoley Baublies, der erst seit einem halben Jahr im Amt ist, hatte schon unmittelbar nach der Urabstimmung erklärt, einen Erzwingungsstreik wie etwa in der Metallindustrie halte er für unrealistisch. Aber UFO sei in der Lage, empfindlich Nadelstiche zu setzen.

Trotz des überwältigenden Ergebnisses der Urabstimmung ließ sich UFO dann immer wieder auf neue Verhandlungen und Versprechen der Konzernleitung ein. Noch vor einer Woche lobte Baublies das persönliche Engagement von Personalvorstand Peter Gerber, der die Gewerkschaft zur Wiederaufnahme der Verhandlungen überredet hatte. Nun hat er sich erneut für eine Taktik der Nadelstiche ausgesprochen. Mit zeitlich begrenzten Aktionen an einzelnen Stationen solle der Flugplan nachhaltig durcheinander gebracht werden.