Die olympischen Spiele in London und die gesellschaftliche Krise

Von Chris Marsden
7. August 2012

Die Olympischen Spiele bringen die besten Sportler und Sportlerinnen der Welt zusammen. Niemand, der die unterschiedlichen Disziplinen verfolgt, kann von den eindrucksvollen Darbietungen der athletisch gebauten und körperlich leistungsfähigen Teilnehmer unberührt bleiben. Das scheinbar Übermenschliche ihrer Leistungen ist in Wirklichkeit ein Beleg für das Gegenteil: für das gigantische Potenzial der Menschheit.

Große Sportereignisse sind indessen unvermeidlich durch wirtschaftliche, soziale und politische Faktoren gefärbt. Das trifft auf keines mehr zu als auf dieses, das wichtigste globale Sportereignis. Es hat niemals ein „Goldenes Zeitalter“ der Olympischen Spiele gegeben. Blauäugige Klagen über das verlorene Paradies, über verratene olympische „Ideale“ und olympischen „Geist“ sind fehl am Platz.

Es sind inzwischen über einhundert Jahre her, dass Baron Pierre de Coubertin die Spiele wiederbelebt hat. Er tat dies nicht allein aus dem Glauben, organisierter Sport sei eine Quelle individueller „Moral und sozialer Stärke“, sondern auch weil die körperliche Ertüchtigung die [französischen] Männer besser auf Kämpfe und Siege in Kriegen vorbereite.

Die Spiele wurden schon immer durch das Prisma von Nationalismus und nationalistischer Antagonismen gebrochen. Am bekanntesten ist Hitlers fehlgeschlagener Versuch, die Olympischen Spiele von 1936 dazu zu nutzen, die arische Überlegenheit zu demonstrieren. In der Ära nach dem Zweiten Weltkrieg boten die Spiele eine Arena für den Kalten Krieg zwischen dem amerikanischen Imperialismus und der Sowjetunion, der von den Sportlern stellvertretend ausgefochten wurde, inklusive der beiden Boykott-Olympiaden von 1980 und 1984.

Selbst vor diesem historischen Hintergrund betrachtet, unterscheiden sich die Olympischen Spielen des letzte Vierteljahrhunderts durch eine gesteigerte perfide Präsenz von Nationalismus und Kommerz.

Gold-, Silber- und Bronzemedaillen, die ein Symbol individuellen und kollektiven Verzichts sowie von Hingabe und Leistung sein sollten, werden seit langem buchhalterisch zusammengerechnet und als Beweise nationaler Überlegenheit gefeiert. Doch dieses Zerrbild wird noch verstärkt durch die grotesken Geldsummen, die von Konzernen in den Sport investiert werden. Atlanta 1996 und Sydney 2000 waren Meilensteine in der Kommerzialisierung der Spiele. Sie führten zu noch höheren Veranstaltungskosten und Eintrittspreisen.

Mit London 2012 findet der unheilvolle Einfluss, den der in einer sozialen, politischen und kulturellen Sackgasse steckende moderne Kapitalismus auf den Sport hat, seinen deutlichsten Ausdruck. Neben staunenswerten Leistungen stehen über ein Dutzend wegen illegalen Dopings disqualifizierte Athleten. Zwei weitere, Pareskevi Papahristou aus Griechenland und Michel Morganella aus der Schweiz, wurden nach Hause geschickt, weil sie rassistische Äußerungen über soziale Netzwerke verbreitet haben.

Die Spiele wurden außerdem mit einem Mannschaftsskandal beschert, in den die Badmintondamendoppel Chinas, Indonesiens und Südkoreas involviert waren: Sie wurden disqualifiziert, nachdem sie in ihren Finalgruppenpartien freiwillig Punkte verloren hatten, um sich eine günstige Auslosung in der nächsten Runde zu sichern.

Leere Sitzplatzreihen sind inzwischen etwas alltägliches. Mindestens 275.000 Eintrittskarten blieben unverkauft, darunter 200.000 Fußballtickets. Vielen arbeitenden Menschen wurden Preise vorgesetzt, die sie sich nicht leisten können. Die Spiele wurden stattdessen zu exklusiven Lustbarkeiten für Unternehmen: für 2.012 Pfund erhält man Zugang zur Eröffnungsfeier, zwischen 655 und 1.500 Pfund sind für die Eintrittskarten zur Abschlussfeier hinzublättern. Selbst weniger prominente Disziplinen verlangen haarsträubende Summen für Standardtickets: 65 Pfund für Beachvolleyball, 75 Pfund für Damenbogenschießen, 125 Pfund für Herrengewichtheben.

Kommerzielle Sponsoren boten in Erwartung baldiger Rückflüsse 1,4 Milliarden Pfund auf. Es ist gerade dieses Sponsorentum der Sportunternehmen, Energiegetränkehersteller und so weiter, das auf die Mannschaften und Einzelathleten den Druck verschärft, Medaillen zu gewinnen. Es ist der Hauptgrund für die fortschreitende Seuche des Dopings um der Leistungssteigerung willen.

Dann ist da noch die umfassende Verwendung olympischer Symbole in der Werbung, die derart bizarr ist, dass Windeln in Farben der patriotischen Unionsflagge und Tampons mit olympischer Thematik feilgeboten werden.

Das am meisten störende und auch bezeichnende Element der Londoner Spiele von 2012 ist die Tatsache, dass sie hinter einem „Ring aus Stahl“ stattfinden, wie die britischen Streitkräfte erklärt haben. Die außerordentliche Militarisierung der Spiele wurde durch einen Überflug der Red Arrows, der Kunstflugabteilung der britischen Luftwaffe Royal Air Force, während der Eröffnungsfeier sowie der Anwesenheit von Mitgliedern der Streitkräfte ins Bewusstsein gehoben, die die Nationalflagge und olympische Flagge aufzogen,.

49.000 Uniformierte, darunter 17.000 Soldaten, wurden mobilisiert, um den Schutz der Spiele zu gewährleisten. Diese größte einzelne Mobilmachung britischer Sicherheitskräfte seit der Suezkrise von 1956 verursacht exzessive Kosten von über einer Milliarde Pfund. Im Einsatz befinden sich außerdem der Flugzeugträger HMS Ocean, Kampfflugzeuge, Kampfhubschrauber und Boden-Luft-Raketen. Nicht unterschlagen werden darf, dass die Vereinigten Staaten Personal von CIA, FBI und anderen Agenturen entsandten, um ihre Athleten zu schützen, Flughafenkontrollen zu überwachen und ein „integriertes Bedrohungslagezentrum“ (threat integration center) in der amerikanischen Botschaft einzurichten.

Man kann dies nicht als Antwort auf zu erwartende Bedrohungen durch Terroristen verstehen. London wirkt wie eine besetzte Stadt. Die globale Elite entschied, von ihren Höhen herabzusteigen, in London eine Party zu feiern und ein paar Geschäfte zu erledigen – und die Stadt wurde ihr praktisch als Lehnsgut ausgehändigt. Es sind die Bewohner Londons, die von den Oligarchen als Bedrohung wahrgenommen werden und nicht islamistische Fundamentalisten. Sie, deren Leben durch Mühsal, Armut und Arbeitslosigkeit ruiniert wurde, sollen die Zeche für die Spiele zahlen.

Regierung und Staatsmacht entschieden, dass die unteren Ränge von den Geschehnissen ausgeschlossen bleiben. Es soll keinen politischen Protest oder Zwischenfall unter Beteiligung eines Prominenten geben, der die Reputation der Stadt als finanzielles und kommerzielles Zentrum beflecken würde.

In einem früheren Leitartikel ( Olympia 2012 im Polizeistaat ) hat die World Socialist Web Site bereits auf den offiziellen Anspruch aufmerksam gemacht, die „Olympische Idee, den Sport in den Dienst der harmonischen Entwicklung der Menschheit zu stellen und eine friedliche Gesellschaft zu schaffen, in der die menschliche Würde gewahrt bleibt“. Daneben wird der Anspruch erhoben, „soziale Verantwortung und Respekt für allgemeingültige ethische Grundprinzipien“ zu tragen.

Keine Sportaktivität kann einen solchen Auftrag erfüllen. Vielmehr ist es heute, mehr als zuvor, nicht Aufgabe des Sports, eine Entfaltung der Menschheit zu befördern, sondern umgekehrt: der Sport kann nur gerettet werden durch eine Weiterentwicklung der Menschheit und ihrer gesellschaftlichen Organisation.

Sport sollte allen gehören und von allen genossen werden. Doch ebenso wie vieles andere, wird er von der herrschenden Elite angeeignet, kontrolliert und denen vorenthalten, die es sich nicht leisten können zu zahlen. Dieser Prozess entstellt und entwürdigt ihn.

Jeder Aspekt menschlichen Strebens, nicht nur des sportlichen, sondern auch des künstlerischen, wissenschaftlichen und intellektuellen, ist bedroht von lähmenden Zwängen des Profitsystems, mit denen er in Widerstreit liegt. Das an sich hehre und lebensbejahende Streben nach hervorragenden Leistungen wird herabgewürdigt zu einem Mechanismus der gigantischen Konzerne und der Superreichen, der ihre Bankguthaben mehren und Nationalismus schüren soll.