Die Landung auf dem Mars

11. August 2012

Die erfolgreiche Landung des Rover-Fahrzeuges Curiosity („Neugierde“) wurde von der Öffentlichkeit mit Interesse und Begeisterung verfolgt. Die Webseiten der NASA wurden von so vielen Menschen aufgerufen, um die neuesten Meldungen zu erhalten und Fotos von der Landung und der Landschaft auf dem Mars herunterzuladen, dass die Server der Raumfahrtbehörde zusammenbrachen.

Stunde um Stunde, und Tag für Tag werden die zehn hochentwickelten Instrumente an Bord der Curiosity den Planeten erforsch en, der so lange Zeit die Fantasie der Menschen als möglicher nächster Schritt für Forschung und Entwicklung fasziniert hat. Die enorme Ausweitung des Wissens der Menschheit ist nicht nur ein mächtiger Schlag gegen religiösen Obskurantismus, sondern auch gegen die reaktionäre Skepsis von idealistischen Strömungen wie dem Postmodernismus.

Das Mars-Wissenschaftslabor, wie Curiosity offiziell heißt, wurde entwickelt, gebaut, abgeschossen und auf dem Planeten zur Landung gebracht, um wissenschaftliche Erkenntnisse zu erweitern, wobei es vor allem darum geht, herauszufinden, ob es auf dem Mars jemals die Bedingungen für die Entwicklung von Lebensformen gab. (Die Landezone, der Gale-Krater, wurde ausgewählt, weil es dort sehr viele Stein- und Sedimentschichten gibt, die ein deutlicheres Bild von der Geschichte des Planeten ermöglichen.)

Die Mission ist schon jetzt ein Triumph der modernen Wissenschaft und Technik. Sie baut auf dem Wissen auf, das bei bisherigen Weltraummissionen angesammelt wurde, vor allem den Missionen der beiden kleineren Rovers. Zwei NASA-Raumschiffe, die Mars Odyssey und die Mars Reconnaissance Orbiter, die sich zurzeit im Orbit des Mars‘ befinden, haben wichtige Rollen dabei gespielt. Sie übertrugen die Kommunikation von der Erde, sie halfen Curiosity bei der siebenminütigen Landung auf der Planetenoberfläche und fotografierten die Landung.

In diesem Sinne ist die jüngste Mars-Mission eine Ausweitung der gemeinschaftlichen Arbeit eines hochbegabten Kaders von Wissenschaftlern und Technikern, deren bisherige Arbeit den Triumph am Sonntagabend möglich machte. Die Landung war nicht nur das Ergebnis individueller Genialität, sondern auch von gemeinsamer Teamarbeit (oder vielleicht gemeinsamer Genialität, denn niemand würde abstreiten, dass die Beteiligten überaus intelligent und fähig waren.)

Das Ausmaß an Planung, das für die Mission aufgewandt wurde, war einer der bemerkenswertesten Aspekte. Tausende von Operationen mussten im Voraus programmiert werden, sodass sie von dem Raumschiff und seinen Komponenten ausgeführt werden konnten. Angesichts der großen Distanz vom Mars zur Erde, über die sogar Funksignale sieben Minuten unterwegs sind, war es für die Techniker auf der Erde unmöglich, die Operationen in Echtzeit zu dirigieren. Hunderttausende von Codezeilen für Software wurden geschrieben, um die wichtigsten Instruktionen zu liefern.

Nach der erfolgreichen Landung veröffentlichte das Weiße Haus eine kurze Stellungnahme im Namen des Präsidenten, in der sie die Leistung in nationalistischem Ton darstellte. „Heute haben die Vereinigten Staaten auf dem Mars Geschichte gemacht,“ hieß es zu Anfang und dann weiter, die Landung werde „bis weit in die Zukunft hinein Anlass zum Stolz auf unsere Nation sein“ und zeige „unsere einzigartige Mischung aus Genialität und Entschlossenheit.

Obamas wissenschaftlicher Berater John P. Holdren, äußerte sich in einem Interview ähnlich: „Es gibt ein Stück amerikanischer Genialität, eine Tonne schwer und so groß wie ein Auto, und es befindet sich gerade im Moment auf der Oberfläche des Mars.“ Er prahlte damit, dass die USA mit mehreren Mars-Missionen die einzige Nation seien, die jemals erfolgreich auf einem Planeten gelandet sei. Damit ignorierte er die sowjetischen Landungen auf der Venus (zehn Venera-Sonden, die dort sanft landeten und von 1970 bis 1985 Daten übermittelten), die einzigen Raumfahrzeuge, die jemals diesen Planeten erreichten.

Trotz aller Versuche, die Marslandung als Triumph „amerikanischer Werte“ darzustellen, ist sie das Gegenteil des räuberischen Individualismus, den die Wall Street und ihre politischen Diener in Washington und den Medien als einziges mögliches Prinzip der modernen Gesellschaft darstellen. Weder „der Markt“ noch das Profitstreben spielten eine bedeutende Rolle bei dem Vorhaben und der Landung auf dem Mars mit dem größten und fortschrittlichsten Roboter-Aufklärer, der jemals auf einen anderen Planeten gebracht wurde.

Die Arbeit der NASA-Wissenschaftler und Techniker und ihrer Kollegen im Jet Propulsion Laboratory (einem Teil des California Institute of Technology) ist ein anschauliches Beispiel für die Stärke gemeinsamer gesellschaftlicher Anstrengungen und wissenschaftlicher Planung. Dadurch stellt sich unweigerlich die Frage, warum solche Methoden nicht genauso erfolgreich angewandt werden, um die Probleme auf der Erde zu lösen: Hunger, Krankheit, Arbeitslosigkeit, Umweltverschmutzung, Krieg.

Die Erklärung des Weißen Hauses ging dann von der Marslandung dazu über, Obamas Bemühungen zu loben, das Raumfahrtprogramm zu privatisieren. Sie wurden beschrieben als „Vision für eine neue Partnerschaft mit amerikanischen Unternehmen, um amerikanische Astronauten mit amerikanischen Raumfahrzeugen ins All zu schicken.“ Hier treffen sich reaktionärer Nationalismus und die idiotische Anbetung des Marktes.

Genau wie alle anderen Aspekte der amerikanischen Gesellschaft wird das Raumfahrtprogramm verzerrt und geplagt von der Diktatur der Finanzaristokratie, aber die Auswirkungen davon waren bisher nur indirekt. An der Spitze der NASA oder des JPL steht kein millionenschwerer Vorstandschef, der sich zu Lasten des Unternehmens die Taschen füllt. Alle Entscheidungsträger im Mars-Programm sind Wissenschaftler oder Verwalter mit Kenntnissen der Wissenschaft oder der Raumfahrt. Nicht ein Banker oder Konzernplünderer ist unter ihnen.

Die Beteiligten an dem Projekt werden natürlich besser bezahlt als der durchschnittliche amerikanische Arbeiter, aber sie machen es nicht nur für das Geld. Sie sind äußerst engagiert und zielstrebig – wie die Jubelszenen nach der erfolgreichen Landung zeigen.

Einige der großen Luft- und Raumfahrtkonzerne haben zwar höchst profitable Verträge mit der NASA, aber das Raumfahrtprogramm war viel mehr mit den allgemeinen strategischen Zielen des amerikanischen Kapitalismus verbunden und geht zurück auf die Anfangszeit des Wettlaufs im All gegen die Sowjetunion, als Präsident Kennedy schwor, bis Ende der 1960er Jahre einen Menschen auf den Mond zu bringen.

Nach dem Zusammenbruch der UdSSR wurden solche Erwägungen weniger wichtig – was sich teilweise in geringerer Finanzierung der NASA äußerte – aber die herrschende Elite hat begonnen, sie wieder zu entdecken, diesmal im Rennen gegen China. Begrenzungen bei der Nutzung von Satellitentechnologie wurden erstmals 1999 eingeführt. Letztes Jahr verhängte der Kongress ein Verbot, NASA-Gelder ohne Sondergenehmigung für die Entwicklung eines gemeinsamen Programms mit China zu nutzen.

Die wunderbaren wissenschaftlichen Errungenschaften des amerikanischen Raumfahrtprogramms – wie auch des von Russland, China und anderen Ländern – können nur auf einer neuen Grundlage vollkommen entwickelt werden – auf der Grundlage echter internationaler Kooperation der Wissenschaftler und Techniker des ganzen Planeten. Das bedeutet, die Raumfahrt, wie alle anderen menschlichen Projekte aus der Zwangsjacke konkurrierender kapitalistischer Nationalstaaten und der unersättlichen Gier einer herrschenden Elite zu befreien, die fordert, dass alle Ressourcen einer Gesellschaft zur Vergrößerung privater Profite genutzt werden.

Patrick Martin