Sardinien: Bergarbeiter besetzen Kohlegrube

Von Marianne Arens
31. August 2012

Seit Sonntagabend halten über hundert Grubenarbeiter der sardischen Bergwerksgesellschaft Carbosulcis an der Südwestküste Sardiniens die Grube Nuraxi Figus besetzt.

Dreißig Bergarbeiter verschanzten sich nach ihrer Schicht im zweituntersten Stollen, der über vierhundert Meter tief liegt. Darauf beschloss am Montagabend die knapp 470-köpfige Belegschaft auf einer Betriebsversammlung, die Besetzung weiterzuführen. Seither wird die Grube im Achtstunden-Turnus rund um die Uhr besetzt, und auch die Zugänge sind versperrt.

Die Arbeiter im Stollen haben 350 kg Sprengstoff bei sich, der unter Tage für das Lossprengen des Gesteins benutzt wird, und drohen, die ganze Grube in die Luft zu sprengen.

Carbosulcis ist die letzte Kohlezeche Italiens. Die Arbeiter fordern von der italienischen Regierung Mario Montis eine Garantie für das Fortbestehen der Grube, die seit 1995 von der sardischen Regionalregierung verwaltet wird.

Im Gespräch ist der Ausbau einer Anlage für „saubere“ Kohleenergie basierend auf der CCS-Technologie, das heißt eines modernen Kohlekraftwerks, bei dem das Kohlendioxid ins Erdinnere geleitet und nicht in die Umwelt ausgestoßen wird. Das Projekt existiert schon seit längerer Zeit, doch müssten Regierung und EU für den Ausbau massiv investieren. Derweil droht die Zechenleitung mit Schließung, wenn sich bis Ende Dezember 2012 kein Käufer findet. Am heutigen Freitag soll die italienische Regierung in Rom über die Zukunft des sardischen Bergbaus entscheiden.

Es handelt sich nicht um die erste Grubenbesetzung im südsardischen Sulcis. Viele Arbeiter haben schon 1984, 1993 und 1995 an Besetzungen teilgenommen. 1995 dauerte die Besetzung hundert Tage, bevor der Betrieb mit Aussicht auf die Einführung der CCS-Technologie wieder aufgenommen wurde.

Der Hauptgrund für die spontane Besetzung ist die unerträgliche Lage der Bergarbeiter. Sie sind zutiefst verbittert und empört. Obwohl sie die Grube seit Jahrzehnten unter unmenschlichen und lebensgefährlichen Bedingungen am Laufen gehalten haben, stehen sie heute vor der Schließung.

Die Bergleute arbeiten in Hitze und Dunkelheit. Die Stollenstrecken summieren sich auf siebzig Kilometer und ziehen sich bis unter das Meer. Die tiefsten Sohlen sind bis zu 500 Meter tief, und die Hitze kann vierzig Grad erreichen.

Viele Arbeiter, die an der Besetzung teilnehmen, sind schon älter und arbeiten seit Jahrzehnten auf Carbosulcis, wie der Handwerker Massimo (54). Er berichtete der Zeitung Il Fatto quotidiano, dass sich jeweils große Mengen Staub freisetzen, wenn er das Kohlegestein aus dem Berg fräst, so dass er oft die ganze Schicht (acht Stunden lang) nichts sehen kann.

Massimo hat zwei Kinder und arbeitet seit 25 Jahren in der Grube. Er verdient 1.500 Euro monatlich, muss aber 700 Euro für ein Darlehen abzahlen. „Stellen sie sich vor, was mir übrigbleibt. Meine Älteste möchte in Cagliari studieren, aber wie soll ich das erlauben?“

Giancarlo (52), der ebenso wenig zum Leben hat, will auf keinen Fall, dass sein Sohn (26) Bergarbeiter wird. Sein Ziel ist: „So schnell wie möglich in Rente, dann mit dem Sohn nach Ligurien: Vielleicht findet er dort Arbeit. Hier ist er bis jetzt immer arbeitslos gewesen.“ Doch Giancarlo weiß nicht, ob er die Rente jetzt überhaupt noch erreichen kann. Die Regierung hat das Rentenalter gerade massiv heraufgesetzt.

Alessandro ist jünger, seit kurzem verheiratet; er arbeitet seit fünf Jahren in der Grube. „Ich muss monatlich 600 Euro für ein Darlehen abzahlen.“ Obwohl er als Grubenfacharbeiter ausgebildet ist, arbeitet er als Ungelernter und verdient 1.400 Euro, denn nur so wurde er eingestellt. „Mit 32 kann ich es mir nicht leisten, ein Kind zu bekommen; ich schufte in Staub und Dreck den ganzen Tag, das ist wirklich ungerecht. Sie bestimmen über dich, dass du keine Zukunft hast, und nicht genug damit, machen sie dich noch platt, so schnell sie können. Aber wir lassen uns nicht plattmachen.“

Die sardische Bergbauregion im Westen von Cagliari gilt als Armenhaus Italiens; das Durchschnittseinkommen liegt hier unter tausend Euro monatlich. Von 150.000 Einwohnern ist ein Drittel arbeitslos, ein weiteres Drittel ist in Rente. Immer wieder trifft man hier auf verrostete Zechen- und Industrieruinen und verfallene Siedlungen.

Nicht weit von hier, an der gegenüberliegenden Küste Sardiniens, liegen die Residenzen der High Society. In Porto Rotondo, über dem Golf von Marinella, erstreckt sich zum Beispiel kilometerweit das Anwesen des Ex-Premiers Silvio Berlusconi. Auch der Mars könnte von Sulcis nicht weiter entfernt sein.

In Sulcis kämpfen dagegen auch andere Arbeiter ums Überleben, wie die Belegschaft des Aluminiumwerks Alcoa, das zu einem amerikanischen Konzern gehört. Der Konzern will spätestens Anfang November seine sardische Schmelze schließen, und über tausend Arbeiter verlieren den Unterhalt. Aus Protest haben hunderte Alcoa-Arbeiter vor einer Woche den Flughafen von Cagliari besetzt. Einige sprangen ins Hafenbecken, um die Fähre am Auslaufen zu hindern.

Die Arbeiter der Kohlegesellschaft Carbosulcis haben klargemacht, dass sie nichts zu verlieren haben. Am Mittwoch schnitt sich der 49-jährige Stefano Meletti in der besetzten Grube vor laufenden Kameras das Handgelenk auf und schrie: „Wir können es nicht länger ertragen! Wir können nicht! Wir können nicht! Wenn hier jemand beschlossen hat, die Familien der Bergarbeiter umzubringen, dann tun wir uns selbst etwas an.“

Gewerkschaften und Politiker bieten den Bergarbeitern keine Perspektive und tun alles, um eine Ausdehnung des Kampfs zu sabotieren. Sie spielen die sardischen Bergarbeiter gegen ihre Kollegen in anderen Regionen aus, zum Beispiel in Venetien, wo zwischen Ravenna und Venedig das Kraftwerk Porto Tolle steht. Die Regierung in Rom ist durch ein Gesetz verpflichtet, ein Kraftwerk nach der umweltschonenden CCS-Technologie (Carbon Capture and Storage) zu unterhalten. Deshalb fordern die sardischen Politiker, Carbosulcis zu fördern und Porto Tolle fallenzulassen, das dem halbstaatlichen Energieriesen ENEL gehört.

Diese lokalchauvinistische Perspektive wird auf Sardinien von sämtlichen Parteien von ganz rechts bis ganz links unterstütz. Mauro Pili, der aus der poststalinistischen PDS stammt und heute der Berlusconi-Partei PDL angehört, wird mit den Worten zitiert: „Unser geschworener Feind heißt Enel; wir brauchen sofort ein Gesetz, das Enel aufhält. Wenn wir die Zeche verlieren, (…) dann kann die Situation gefährlich werden, sehr gefährlich.“