Gewerkschaft UNIA ermöglicht reibungslose Schließung von Merck-Serono in Genf

Von Marianne Arens
17. August 2012

Am Donnerstag den 9. August legten Vertreter der Gewerkschaft UNIA der Belegschaft von Merck-Serono in Genf eine Vereinbarung zur Schließung des Werks zur Abstimmung vor, die einen Verzicht auf weitere Arbeitskampfmaßnahmen beinhaltet.

Demnach wird der Biopharmakonzern wie geplant zum Jahresende seine Niederlassung in Genf schließen, wodurch 1.250 feste und weitere rund 600 externe Arbeitsplätze vernichtet werden. Die Belegschaft muss die Schließung akzeptieren und sämtliche Kampfmaßnahmen einstellen. Die Personalvertretung verzichtet auf Anraten der UNIA sogar darauf, eine Klage gegen Merck-Serono wegen ungesetzlicher Massenentlassungen weiter zu verfolgen. Alle juristischen Schritte werden eingestellt.

Mit folgenden Zugeständnissen hat sich der Konzern die reibungslose Schließung des Genfer Standorts erkauft: Die Festeingestellten erhalten eine Abfindung nach Dienstalter, bestehend aus einem Monatslohn pro Beschäftigungsjahr, mindestens aber 25.000 Franken, maximal zwölf Monatslöhne. Die Älteren haben die Möglichkeit, ab 56 Jahren in Frühpension zu gehen, sofern sie länger als fünf Jahre bei Serono waren. Außerdem zahlt Merck-Serono zwei Millionen Franken in einen kantonalen Fonds ein, der „die Auswirkungen der Schließung auf den lokalen Arbeitsmarkt dämpfen“ soll.

Dies alles sind für den Konzern höchstens „Peanuts“, wenn man bedenkt, dass der deutsche Pharma- und Chemiekonzern Merck, dem Serono seit 2007 angehört, für das Jahr 2011 einen Gesamterlös von über zehn Milliarden Euro ausgewiesen hat. Merck kann auch in Zukunft die Patente von Serono nutzen und von dessen Zugang zum amerikanischen Markt profitieren. Doch die Arbeitsplätze in Genf und dem waadtländischen Coinsins sind – auch für die nächsten Generationen – verloren.

Etwa 700 Mitarbeitern soll ein Arbeitsplatz an einem andern Standort, zum Beispiel in Darmstadt, angeboten werden. Doch im neuen Betrieb müssen sie wieder ganz von vorne beginnen, und sollte es dort ebenfalls zu Stellenstreichungen kommen, müssen sie als erste wieder gehen. Zudem ist das Vertrauen in den Konzern nicht mehr groß. Nicht einmal jeder Zwanzigste der infrage kommenden Angestellten wollte bisher einen solchen neuen Arbeitsvertrag unterzeichnen.

Die Gewerkschaft UNIA brüstet sich auf ihrer Website, dass die Vereinbarung einen Konflikt beende, der „eine der bedeutendsten Mobilisierungen innerhalb der jüngeren Industriegeschichte dieses Landes“ ausgelöst habe.

Ihre Rolle beim Abwürgen dieser Mobilisierung ist bemerkenswert. Der Konzern brauchte die Gewerkschaft dringend, um die Schließung unter einigermaßen gesetzeskonformen Bedingungen durchzusetzen, und um den Arbeitskampf der Belegschaft im Keim zu ersticken.

Nachdem am 24. April die Schließung bekannt gegeben worden war, nahm die Belegschaft Anfang Mai den Arbeitskampf mit großer Begeisterung auf. Sie beteiligte sich an Torbesetzungen, Demonstrationen und Streiks und sandte am 30. Mai eine Delegation von über hundert Mitarbeitern nach Darmstadt zum Stammhaus von Merck, um mit den deutschen Kollegen, die ebenfalls von Entlassungen bedroht sind, Kontakt aufzunehmen.

Die Ankündigung von Massenentlassungen in Genf entfachte eine Welle der Solidarität von Seiten der Genfer Bevölkerung und löste besonders angesichts der positiven Geschäftsentwicklung des Konzerns große Empörung aus. Gerade die Biopharma-Sparte von Serono hatte zu prozentual zweistelligen Gewinnzuwächsen geführt.

Zudem hatte Merck-Serono offen gegen geltendes Recht verstoßen. Eine Kündigung im Rahmen einer Massenentlassung ist laut Obligationenrecht in der Schweiz missbräuchlich, wenn vorher nicht die Arbeitnehmer oder, falls vorhanden, eine Arbeitnehmervertretung konsultiert werden. Aus diesem Grunde war für den Konzern das Eingreifen von UNIA so wichtig.

Wenige Tage, nachdem die Schließung angekündigt worden war, lud UNIA Genf die Mitarbeiter zur ersten Gesamtpersonalversammlung ein und ließ eine Personalvertretung wählen, bestehend aus dreizehn Betriebsangehörigen. An ihrer Spitze steht Hubert Godinot, ein Direktor und Leiter einer Steuerungsgruppe für klinische Entwicklungen.

Vertreter dieser Gruppe wurden fortan zu allen Konferenzen mit der Betriebsleitung von Merck und den kantonalen und städtischen Vertretern hinzugezogen. Am 19. Juni wurden die Massenentlassungen ein zweites Mal ausgesprochen, diesmal unter korrekter Berücksichtigung aller Fristen, einschließlich der Konsultation der frisch gewählten Arbeitnehmervertretung.

Mit der Personalvertretung zusammen erarbeiteten UNIA-Funktionäre drei verschiedene „Alternativ-Konzepte“, die jedoch alle ebenfalls mit Massenentlassungen und Lohneinbußen verbunden gewesen wären. Alle Vorschläge wurden von Merck-Serono abgelehnt.

Den Kampf um die Arbeitsplätze gab UNIA schon nach wenigen Tagen auf. Die einzelnen Streiktage und Torbesetzungen wurden stets rasch wieder abgebrochen, mit der Begründung, man müsse dem Unternehmen Gelegenheit zum Einlenken geben.

Am 20. Juli schrieb die World Socialist Web Site: „Ziel der UNIA war es von Anfang an, gemeinsam mit Direktion und bürgerlichen Politikern eine nicht ganz so schlimme Alternativlösung für den Standort Genf zu erarbeiten, – und nicht etwa, gemeinsam mit den Kollegen an allen Merck-Standorten weltweit alle Arbeitsplätze zu verteidigen.“

Am 9. August schließlich gelang es UNIA, den Arbeitskampf ganz abzuwürgen. Die Serono-Mitarbeiter wurden damit konfrontiert, dass UNIA zusammen mit der unerfahrenen Personalvertretung dem Schließungsdeal zugestimmt hatte. Hinter UNIA standen der Konzern und die kantonalen und städtischen Behörden.

Zu dem Zeitpunkt hatte die anfängliche Begeisterung von Belegschaft, Angehörigen und Genfer Anwohnern längst Enttäuschung Platz gemacht. An der Personalversammlungen vom 9. August nahmen weniger als vierhundert Mitarbeiter teil, während drei Monate davor noch fast doppelt so viele gekommen waren.

Am Ende stimmten 277 Anwesende aus Mangel an Alternativen dem Vorschlag zu. Wenn man die externen Mitarbeiter mitrechnet, entspricht dies gerade einmal fünfzehn Prozent der Belegschaft.

Dementsprechend enttäuscht, frustriert und nachdenklich äußerten sich die Mitarbeiter einen Tag später, als ein Team der World Socialist Web Site den Betrieb besuchte und den WSWS-Bericht „Merck Serono schließt den Standort in Genf“ als Handzettel verteilte.

„Eine Katastrophe“ nannte David die Schließung von Merck-Serono. „Das ist der erste Fall von Massenentlassungen dieser Größenordnung in der Schweiz.“ Nach kurzem Nachdenken fügte er hinzu: „Aber vermutlich ist es nicht der letzte Fall.“ Die Schließung werde Auswirkungen nicht nur für die Belegschaft selbst, sondern auch für die Anwohner des Viertels und für die ganze Stadt Genf haben.

Unter den Mitarbeitern, die stehen blieben, waren viele der etwa 600 externen Mitarbeiter. Sie erhalten im Gegensatz zu den fest Angestellten keine Abfindung und gehen im Prinzip leer aus. Zahlreiche betriebliche Funktionen wie Reinigungsdienst, Logistik, Kantine, Hausmeistertätigkeiten, Wartung der Geräte und Maschinen, Druckerei, etc. werden von externen Dienstleistern ausgeführt.

„Die Gewerkschaft hat keinen guten Kampf geführt“, sagte ein Mitarbeiter des Facility Managements ISS. Am Anfang habe die Gewerkschaft die Externen bei allen Aktionen mit dabeihaben wollen. „Am Streik durften wir teilhaben, und auf der Demonstration zum Genfer Stadtrat sind wir alle mitmarschiert.“ Am 9. August dagegen habe UNIA sie praktisch aus der Versammlung geschickt. Nun sei „völlig unklar“, was in Zukunft mit den Externen passieren solle.

Mehrere Arbeiter äußerten die Vermutung, Merck habe Serono in Genf nur übernommen, um an die Patente in den USA heranzukommen. Ein Chemo-Informatiker, der seit 21 Jahren bei der Firma arbeitet, sagte, Merck habe Serono nur ausgenutzt. „Jetzt, wo sie uns nicht mehr brauchen“, werde die Schließung ohne Rücksicht durchgezogen. Die Merck-Familie und die Aktionäre hätten viele hundert Millionen Euro Profite aus dem Betrieb gezogen, und jetzt werde Serono einfach abgestoßen. Die Belegschaft habe zwar ein paar Monate lang Lärm gemacht, aber „was der Konzern mit uns macht, ist unvergleichlich brutaler“. Es sei eine Schande, was hier geschehe, sagte er.

„Merck hatte vorher keinen Zugang zum amerikanischen Markt“, gab auch Aurelien als Grund des ganzen Manövers an. Er arbeitet im Bereich Gebäudeunterhaltung. Nach der geglückten Übernahme von Serono durch Merck habe der Konzern keinen Grund mehr, die Arbeitsplätze in Genf aufrechtzuerhalten. Er selbst sei nicht überrascht gewesen, als er erfahren habe, dass der Standort schließen werde, sagte Aurelien weiter. An den eintägigen Streiks und Kundgebungen habe er sich nicht beteiligt, weil er kein Vertrauen habe, dass die Gewerkschaft überhaupt bereit sei, für die Arbeitsplätze zu kämpfen. „Entweder ganz oder gar nicht“ sei seine Devise, sagte er.

„Das war eher ein Manöver als ein wirklicher Arbeitskampf“, lautete auch das Urteil von Ramon, der bei Serono in der Medikamentenentwicklung arbeitet. UNIA sei offensichtlich von der Betriebsleitung gerufen worden, um die Kastanien aus dem Feuer zu holen.

Viele sprachen die Tatsache an, dass die Situation für die Schweiz vollkommen neu ist. „Das erleben wir hier zum ersten Mal, das ist hier ganz neu“, sagte Nicole, die schon seit einem Vierteljahrhundert bei Serono tätig ist. „Hier ist niemand gewöhnt, auf die Straße zu gehen. Und schon gar nicht die Berufsgruppe, die hier vertreten ist, die fast nur aus Forschern und Wissenschaftlern besteht.“

Sie wies darauf hin, dass es eigentlich völlig unsinnig sei, den Schweizer Standort gegen den Merck-Standort in Darmstadt auszuspielen, wie die Gewerkschaften das tun: „Genf ist eine ganz und gar internationale Stadt. Und hier bei uns sind über fünfzig Nationalitäten vertreten.“