Chinas Wachstumsschwäche verschärft globale Krise

18. August 2012

Die häufig geäußerte Hoffnung, Chinas anhaltendes Wirtschaftswachstum werde eine neue Basis für die Ausdehnung der kapitalistischen Weltwirtschaft liefern, hat in den letzten Wochen schwere Schläge erlitten, denn mehrere Wirtschaftsstatistiken verweisen auf eine deutliche Abschwächung.

Die Zahlen haben weltweite Bedeutung, weil sie klar machen, dass mit dem vierten Jahrestag des Zusammenbruchs von Lehman Brothers der dadurch ausgelöste Wirtschaftszusammenbruch noch schlimmer wird und sich in alle Weltregionen ausdehnt.

Chinas Bedeutung für die Weltwirtschaft zeigt sich an der Tatsache, dass es seit dem Ausbruch der globalen Finanzkrise 2008 für mehr als 35 Prozent des gesamten globalen Wirtschaftswachstums steht. In der gleichen Periode erfuhren die großen kapitalistischen Industrieländer eine Stagnation. Die Wirtschaft der Eurozone ist sogar um zwei Prozent geschrumpft.

Die chinesische Wirtschaft ist mit der übrigen Welt in erster Linie über den Handel verbunden. Hier zeigt sich die Schwäche auch am deutlichsten. Die jüngsten Zahlen zeigen, dass das Exportwachstum im Juli praktisch zum Stillstand gekommen ist und nur noch um ein Prozent zugenommen hat. Das ist deutlich weniger als erwartet und weniger als der 11,3-prozentige Zuwachs noch im Juni. Die Importe nahmen nur um 4,7 Prozent zu, was darauf hindeutet, dass die Binnennachfrage nicht so stark gestiegen ist, wie die Regierung gehofft hatte, als sie im Juni die Geldpolitik lockerte.

Der starke Rückgang der Exportzahlen zeigt, dass die chinesische Wirtschaft nicht die Weltwirtschaft stimuliert, sondern dass im Gegenteil die Rezessionstendenzen in allen großen kapitalistischen Zentren Chinas Wirtschaft nach unten ziehen. Exporte aus China in die Eurozone sind im letzten Jahr um sechzehn Prozent geschrumpft. Den stärksten Rückgang verzeichnete der Export in die große Volkswirtschaft Italien (minus 36 Prozent).

Die offizielle chinesische Nachrichtenagentur Xinhua nannte die Lage “trüb”. Man geht davon aus, dass die Vorhersage eines Exportwachstums von zehn Prozent für das ganze Jahr nicht erreicht wird. Es gibt Warnungen, dass das Jahr 2012 der Periode unmittelbar nach dem Bankrott von Lehman Brothers ähnelt, als die Exporte ein paar Monate lang den Atem anhielten und dann zusammenbrachen.

Damals verloren 23 Millionen chinesische Arbeiter ihre Beschäftigung. Die Regierung reagierte mit einem massiven Konjunkturprogramm von circa 500 Milliarden Dollar und einer Anweisung an die Banken, schneller Kredite zu vergeben. Aber diese Maßnahmen stimulierten nicht nur die Wirtschaft, sie führten auch zu starken Ungleichgewichten. Investitionen machen jetzt circa fünfzig Prozent des chinesischen Bruttoinlandsprodukts (BIP) aus. Die chinesische Wirtschaft ist also stark von großen staatlichen Infrastrukturprojekten und der Bauwirtschaft abhängig.

Vieles deutet jedoch darauf hin, dass diese Projekte heute nicht mehr dieselbe Wirkung entfalten wie in der Vergangenheit. Das chinesische BIP wuchs im zweiten Quartal gegenüber dem gleichen Zeitraum des Vorjahres nur noch um 7,6 Prozent. Das ist das langsamste Wachstum seit drei Jahren. Das Wachstum der Industrieproduktion ging von 9,5 auf 9,2 Prozent zurück, das Wachstum des Einzelhandelsumsatzes von 13,7 auf 13,1 Prozent. Die Investitionen wuchsen weiterhin um 20,4 Prozent.

Diese Wachstumsraten sind zwar im Vergleich zu den kapitalistischen Industriestaaten relativ hoch, aber die niedrigen Profitmargen in weiten Teilen der chinesischen Wirtschaft bedeuten, dass schon ein relativ kleiner Rückgang der Wachstumsraten spürbare Auswirkungen hat. Ein Bericht vor zwei Wochen zeigte zum Beispiel, dass die Profite der chinesischen Stahlproduzenten in der ersten Hälfte des Jahres im Vergleich zum Vorjahr um 96 Prozent eingebrochen sind. Ein Sprecher bezeichnete diesen Industriezweig als eine „Katastrophenzone“.

Die Profite in Staatsunternehmen, die immer noch einen beträchtlichen Teil der Wirtschaft ausmachen, fielen in den ersten sechs Monaten des Jahres um 11,6 Prozent. Das ist die schlimmste Entwicklung seit Ausbruch der globalen Finanzkrise Ende 2008.

Die Verlangsamung der chinesischen Wirtschaft wird starke Auswirkungen auf Politik und Wirtschaft zahlreicher Länder haben. Eine wesentliche Auswirkung der Asienkrise von 1997-98 war eine deutliche Verschiebung der wirtschaftlichen Orientierung vieler südostasiatischer Länder. Statt wie bisher Konsumgüter direkt für den amerikanischen und die europäischen Märkte zu produzieren, stellten sie Komponenten für Produkte her, die letztendlich in China montiert wurden.

Für alle diese Wirtschaften ist das langsamere Wachstum des chinesischen Handels besorgniserregend. Die Thailändische Zentralbank warnte diese Woche, dass das verlangsamte Exportwachstum Auswirkungen auf die thailändische Wirtschaft haben werde, die ein bedeutender Komponentenlieferant ist. Ein Sprecher der Bank sagte, die „negativen Auswirkungen der Eurokrise auf unsere Handelspartner“ in der zweiten Jahreshälfte nähmen noch zu. Die Bank hat die Aussichten für das BIP schon zurückgeschraubt.

Wichtige Rohstoff-Exporteure nach China, besonders Australien und Brasilien, werden die Folgen ebenfalls spüren. Diese Woche erklärte ein Sprecher des brasilianischen Eisenerzexporteurs Vale, Chinas verlangsamtes Wachstum bedeute, dass die „goldenen Jahre“ vorbei seien. Der Konzern, der im zweiten Quartal dieses Jahres 44 Prozent seines Erzes und seiner Pellets an chinesische Stahlproduzenten geliefert hat, gab einen Rückgang seiner Profite um fast sechzig Prozent bekannt. Der Preis von Eisenerz liegt gegenwärtig auf dem niedrigsten Niveau seit Dezember 2009. Auch die brasilianische Wirtschaft erleidet schon einen deutlichen Wachstumsrückgang. Die Regierung hat eine Reihe von Privatisierungen bekanntgegeben, und in den kommenden Wochen sind noch mehr zu erwarten.

Die Wachstumsschwäche wird für Australien deutliche Folgen zeitigen, denn es hängt für den Export von Kohle, Eisenerz und Flüssiggas stark vom chinesischen Markt ab. Teile der Bergbauindustrie und andere Interessen haben sich schon kritisch zur Unterstützung Labors für die aggressiven Manöver der USA in Ostasien gegen China geäußert. Diese Unzufriedenheit in den herrschenden Kreisen wird wohl noch zunehmen, wenn der Kampf um die Exportmärkte in China härter wird.

Auch die Spannungen zwischen den USA und China könnten sich verschärfen. Das langsamere Exportwachstum bedeutet, dass die chinesischen Behörden viel weniger geneigt sein werden, den Renminbi aufwerten zu lassen. Anfang des Monats stellte das dem Staat nahe stehende China Securities Journal fest, dass eine „Abwertung“ der Währung „den Export begünstigen“ würde. Diese solle in „geeignetem“ Ausmaß stattfinden. Aber eine spürbare Schwächung des Yuan würde alsbald eine Reaktion der USA auslösen, die den Wert des Dollar im Kampf um Exportmärkte niedrig halten wollen.

Chinas Wachstumsschwäche drückt widersprüchliche Trends in der Weltwirtschaft aus und wird von diesen gleichzeitig noch verschärft. Das bedeutet, dass auf die schlechte Wirtschaftslage immer stärker auch politische Spannungen folgen werden.

Nick Beams