Suhrkamp-Verlag veröffentlicht Schmähschrift von Robert Service gegen Leo Trotzki

Von Wolfgang Weber
3. August 2012

Anfang Juli dieses Jahres ist beim Verlag Suhrkamp die deutsche Ausgabe der verleumderischen Trotzki-Biographie von Robert Service erschienen. Dass und wie diese Biographie veröffentlicht worden ist, kann nur als ein Skandal gewertet werden, der das Ansehen dieses traditionsreichen Wissenschaftsverlages beschädigt.

14 namhafte Historiker und Politikwissenschaftler aus Deutschland, Österreich und der Schweiz hatten im letzten Sommer in einem Brief dem Verlag dringend geraten, von der geplanten Veröffentlichung abzusehen. Zu den Autoren und Unterzeichnern des Briefes gehörten unter anderem Prof. Dr. Hermann Weber, Doyen der Kommunismus- und Stalinismusforschung (Universität Mannheim), Prof. Dr. Oliver Rathkolb, Leiter des Instituts für Zeitgeschichte an der Universität Wien, Prof. Dr. Mario Kessler (Zentrum für Zeitgeschichtliche Forschung, Potsdam) und Prof. Dr. Heiko Haumann (Lehrstuhl für die Geschichte Osteuropas, Universität Basel) [1].

Das Buch verstoße gegen elementare Regeln wissenschaftlicher Arbeit, betonten die Wissenschaftler. Um unangebrachten öffentlichen Druck zu vermeiden und den Verlag in Ruhe nach rein verlegerischen Prinzipien über die Vorbehalte nachdenken und dann entscheiden zu lassen, war der Brief zunächst bewusst privat und im freundlichen Ton einer kollegialen Empfehlung gehalten worden.

Suhrkamp wurde auf die Veröffentlichung „Verteidigung Leo Trotzkis“ von David North (erschienen im Mehring Verlag, Essen 2010) aufmerksam gemacht, in der das Buch von Service einer detaillierten Kritik unterzogen wird. Norths Analyse enthüllt nicht nur, dass in dem ursprünglich 2009 bei Macmillan und Harvard University Press erschienenen Buch des Oxforder Professors es von groben faktischen Fehlern nur so wimmelt und längst entlarvte Lügen und Verleumdungen über Trotzki, die ihren Ursprung in der Propaganda Stalins hatten, wieder aufgewärmt werden. North überführt Service auch irreführender Quellenangaben sowie der Verfälschung historischer Dokumente und zentraler Fakten in Trotzkis persönlichem und politischem Leben.

Nach Erhalt des Briefes hatte die Verlagsleitung den Druck des bereits druckfertigen Buches sofort gestoppt und mit dieser außergewöhnlichen Entscheidung klar zu erkennen gegeben, dass sie von der Kritik sehr beunruhigt war und die Bedenken der Wissenschaftler ernst nahm. Sie teilte mit, dass eine sorgfältige Prüfung der Biographie in Auftrag gegeben sei und die Wissenschaftler über das Ergebnis informiert würden. Doch es kam anschließend zu keinerlei Kommunikation mehr mit den Autoren des Briefes. Stattdessen gab Suhrkamp einige Monate später im Internet und über die Presse bekannt, dass das Buch von Service „nach Vornahme von Korrekturen“ im Wesentlichen unverändert veröffentlicht werde.

Schließlich, nach einer Verzögerung von 12 Monaten, erschien das Buch, jedoch abgesehen von einigen wenigen kosmetischen Änderungen mit im Wesentlichen gleichem Inhalt wie das englische Original.

Tatsächlich sind nur 15 Berichtigungen bzw. Berichtigungsversuche festzustellen. Diese sind mit einer solchen Schlampigkeit durchgeführt worden, dass die ursprünglichen Fehler teilweise nur unvollständig oder inkonsistent behoben, oder sogar verschlimmert worden sind.

Zu den vielen falschen Behauptungen des Autors zählt auch, Leo Trotzki habe in seiner Kindheit und Jugend auf den Namen Leiba Dawidowitsch Bronstein gehört. Laut Service habe er sich erst im Alter von 18 Jahren entschieden, den ausgesprochen jüdischen Vornamen Leiba gegen den entsprechenden russischen Vornamen Lew zu tauschen, um seiner jüdischen Identität zu entkommen und sie zu verbergen, da er sich ihrer geschämt habe.

Diese „Enthüllung“ bildete dann die Grundlage für Services zentrale These: Trotzkis vielgerühmte Autobiographie Mein Leben sei ein raffiniertes Meisterstück autobiographischen Betrugs, der darauf abziele, entscheidende Aspekte des eigenen Lebens zu verschleiern. Die „Entlarvung“, dass Trotzki sich seines religiösen Hintergrunds angeblich geschämt habe, diente Service dann als Vorwand dafür, in der Biographie mit einer an Besessenheit grenzenden Manie immer wieder Trotzkis jüdische Herkunft hervorzuheben.

Für Service ergab sich nur ein Problem: North hat nachgewiesen, dass die ganze Geschichte des Namenswechsels von Leiba zu Lew frei erfunden ist. Der junge Bronstein hörte – wie auch sein Großvater – sein ganzes Leben lang auf den Namen Lew oder Lyowa, die russische Verkleinerung von Lew.

Trotzdem hält die deutsche Ausgabe an der Fälschung von Robert Service fest. Der unverfrorene Charakter dieses Betrugs wird umso deutlicher, als Suhrkamp in der Buchanzeige auf der Internetseite des Verlages ausdrücklich verkündet, Trotzki sei als Lew Dawidowitsch Bronstein geboren worden.

Die deutsche Ausgabe hält auch an all den tendenziösen Urteilen, unbelegten Behauptungen oder Verleumdungen von Service über Trotzkis Positionen unverändert fest. Falsche, von Suhrkamp nicht korrigierte Datumsangaben, Namensverwechslungen, Falschdarstellungen geschichtlicher Ereignisse zählt man in der deutschen Ausgabe nicht weniger als 22. So hat Suhrkamp sich nicht daran gestört, dass Service bei der Revolution in China 1927 die Ereignisse in Schanghai mit dem Aufstand in Kanton sechs Monate später verwechselt hat. Auch bei der Geschichte Deutschlands sind Service eklatante Fehler unterlaufen – Suhrkamp übernahm sie ohne Korrektur, so zum Beispiel die faktisch abwegige Schilderung der gescheiterten Revolution im Jahre 1923 und der Rolle, welche die KPD dabei gespielt hatte.

Manchmal hat sich das Lektorat mit Korrekturen versucht, aber nur „Verschlimmbesserungen“ zustande gebracht hat. So erwähnt das englische Original zum Beispiel die Aktivitäten des Polizeiprovokateurs Jewno Asew in der russischen Partei der Sozialrevolutionäre. Service bringt offensichtlich einiges bei den Quellen durcheinander und behauptet, Asew sei im Jahre 1909 von den Sozialrevolutionären ermordet worden. In Wirklichkeit wurde Asew nie ermordet, sondern starb erst 1918. In der deutschen Ausgabe bewahrt Suhrkamp Asew vor seinem frühen Tod im Jahr 1909, aber der Text liest sich nun so, also ob er nicht die Sozialrevolutionäre, sondern eine andere Partei unterwandert habe, die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Russlands.

Ein besonders schändlicher Aspekt der Veröffentlichung sind die völlig unverändert übernommenen zahlreichen Passagen, in denen Robert Service mit antisemitischen Vorurteilen jongliert und die daher, wie es in dem Brief der 14 Historiker heißt, „einen befremdlichen Beiklang“ haben. Nicht einmal auf die antisemitische Karikatur von Trotzki hat man verzichtet, wie es selbst die zweite englische Auflage (Paperback) und die französische Ausgabe getan haben. Sie wurde im Anhang abgedruckt, ohne historische Erläuterung und ohne die Quelle anzugeben – ein Nazi-Hetzblatt mit dem Titel „Die Totengräber Russlands“.

Es geht bei diesem Thema nicht darum, ob Service ein Antisemit ist. Diesen Vorwurf hat niemand erhoben. Es ist jedoch eine wohl bekannte geschichtliche Tatsache, dass der Umstand von Trotzkis jüdischer Herkunft von seinen stalinistischen wie von seinen faschistischen Gegnern gnadenlos ausgeschlachtet wurde. Dies geschah sehr oft, indem man auf ihn unter seinem Klarnamen Bronstein Bezug nahm und, wie oben beschrieben, seinen Vornamen von Lew in Leiba änderte. Das Ziel war dabei immer, an antisemitische Vorurteile zu appellieren. Ganz sicherlich war sich Service dieser Tatsache bewusst, als er seine Biographie schrieb. Natürlich ist es für einen Biographen völlig legitim, Trotzkis religiöse Herkunft zu diskutieren. Aber die Frage ist, wie das gemacht wird. Services sehr häufige Bezugnahme auf den jungen Trotzki als Leiba verrät alles.

In einem Brief vom 28. Oktober 2011 an die Geschäftsführung von Suhrkamp hat der Rezensent dazu festgestellt, Service habe „viele Passagen so geschrieben, dass sie bei rechtsextremen, antisemitischen Kreisen in Deutschland oder auch in Russland nur Begeisterung auslösen können. Es wäre sehr bedauerlich und fatal, wenn ein renommierter wissenschaftlicher Verlag mit einer Geschichte und Autorität wie Suhrkamp solche zynischen und leicht durchschaubaren Manöver mittragen würde.“

Suhrkamp hat sich entschieden, sie mitzutragen – trotz seiner Geschichte und trotz der großen Zahl von deutsch-jüdischen Autoren, die, während des Dritten Reiches ins Exil gezwungen, nach 1945 mit gutem Grund Suhrkamp als einen integren und politisch fortschrittlichen Verlag angesehen haben.

Suhrkamp hat sich über viele Jahrzehnte hinweg einen erstklassigen Ruf als Verleger wissenschaftlicher Werke von hoher Qualität erworben. Sein Lektorat war berühmt für seine Gründlichkeit. Die Frage, die sich daher unvermeidlich aufdrängt, ist: warum hat Suhrkamp dieses elende Machwerk von Robert Service überhaupt angenommen? Und warum machte der Verlag dann mit der Veröffentlichung weiter, trotz der Einwände vieler hervorragender Wissenschaftler?

Ursprünglich war Suhrkamp schockiert über die unzähligen Fehler, die in diesem Buch aufgedeckt worden sind. Und ganz ohne Frage war der Verlag beunruhigt über die groteske Art, wie Service Trotzkis religiösen Hintergrund behandelte. Zumindest anfangs schien er dazu geneigt zu haben, auf eine ordentliche, prinzipielle Art und Weise vorzugehen. Er stoppte die Veröffentlichung und beriet sich mit Experten. Aber am Ende trug eine Kombination von finanziellem und politischem Druck den Sieg über alle fachlichen Skrupel davon. Service war nicht bereit, mit Suhrkamp zusammenzuarbeiten, um eine substantielle Überarbeitung oder eine Neufassung des Buches zustande zu bringen. Er nahm gegenüber dem Verlag bezüglich seines Buches den Standpunkt ein: „Friss oder stirb!“

Service ist kein Mann, der sich dem Handwerk des Historikers verpflichtet fühlt. Ein echter Wissenschaftler würde, konfrontiert mit einer so vernichtenden Bewertung seiner Arbeit, sich veranlasst sehen, eine ausführliche Antwort auf seine Kritiker zu verfassen. Service hat nichts dergleichen getan. Er hat – selbst in seinen eigenen Augen – keinen wissenschaftlichen Ruf zu verteidigen. Er ist nichts weiter als ein antikommunistischer Propagandist, und seine Arbeit an dieser Biographie hatte nie etwas anderes zum Ziel als Rufmord.

Suhrkamp muss wirklich unter gewaltigen politischen Druck geraten sein, die Veröffentlichung des Buches durchzuziehen. Das entschuldigt jedoch nicht das Vorgehen des Verlages. Was immer Natur und Quelle dieses Drucks gewesen sein mögen, indem Suhrkamp ihm nachgab, hat er seinem eigenen Ansehen immensen Schaden zugefügt.

Anmerkung

[1] Die vollständige Liste der 14 Unterzeichner des Briefes lautet:

Bernhard Bayerlein (Zentrum für Zeitgeschichtliche Forschung Potsdam),

Helmut Dahmer (Prof. emer. für Soziologie, Technische Universität Darmstadt),

Heiko Haumann (Professor für Geschichte Osteuropas, Universität Basel),

Wladislaw Hedeler (Historiker und Publizist in Berlin),

Andrea Hurton, Historikerin und Publizistin in Wien),

Mario Kessler (Professor am Zentrum für Zeitgeschichtliche Forschung, Potsdam),

Hartmut Mehringer † (Institut für Zeitgeschichte, Berlin und München),

Oskar Negt (Professor emer. für Soziologie, Universität Hannover),

Oliver Rathkolb (Leiter des Instituts für Zeitgeschichte an der Universität Wien),

Hans Schafranek (Historiker und Publizist in Wien),

Peter Steinbach (Professor für Neuere und Neueste Geschichte, Universität Mannheim),

Reiner Tosstorff (Dozent , Universität Mainz),

Hermann Weber (Professor emer. für Politische Wissenschaft und Zeitgeschichte, Universität Mannheim),

Rolf Wörsdörfer (Dozent, Technischen Universität Darmstadt).

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