Swiss: Flugbegleiter wählen Gewerkschaftsführung ab

Von Ernst Wolff
4. August 2012

Beim Kabinenpersonal der Swiss, einer hundertprozentigen Tochtergesellschaft der deutschen Lufthansa, brodelt es. Die Schweizer Flugbegleiter protestieren immer lauter gegen ihre zu niedrige Bezahlung, zu kurze Zwischenstopps auf Langstreckenflügen und das Fehlen eines 13. Monatslohns. Das Ausbleiben der üblichen Gratifikation und ein stattdessen versandtes Käse-Holzbrett zum Weihnachtsfest wurden von den meisten als Provokation empfunden.

Die Wut der Beschäftigten richtet sich aber nicht nur gegen die Konzernleitung, sondern auch gegen das Verhalten der Gewerkschaft Kapers, die das Swiss-Kabinenpersonal vertritt. Weil sich deren Führung nicht für die Interessen ihrer Mitglieder einsetzt, hat sich eine Gruppe unzufriedener Flugbegleiter innerhalb der Gewerkschaft unter dem Namen „Quo Vadis Kapers“ zusammengeschlossen.

Ihr Protest hat in der vergangenen Woche zu einer außerordentlichen Mitgliederversammlung der Gewerkschaft geführt, auf der dem Vorstand das Misstrauen ausgesprochen und seine Neuwahl um ein Jahr vorgezogen wurde. Sie findet jetzt bereits in diesem Herbst statt wie vorgesehen im November 2013 statt.

Hintergrund der Auseinandersetzungen, die nicht nur die Swiss, sondern auch die Muttergesellschaft Lufthansa und deren österreichische Tochter Austrian Airlines betreffen, ist die verschärfte Ausbeutung von Arbeitskräften im internationalen Flugverkehr durch Einsparungen, längere Arbeitszeiten, die Streichung von Zusatzleistungen, die „zentrale Bündelung von Funktionen“ – gemeint ist Mehrarbeit – und vor allem durch sogenannte „Flottenbereinigungen“ – gemeint sind Entlassungen.

Im Fall der Swiss begründet die Konzernleitung den Lohnabbau und die Verschlechterung der Arbeitsbedingungen mit der Eurokrise, der CO2-Abgabe, dem zunehmenden Konkurrenzdruck durch Billig-Airlines und dem gestiegenen Wechselkurs des Schweizer Franken. Sie lässt dabei gern unter den Tisch fallen, dass die Muttergesellschaft Lufthansa ihren Eignern jährliche Profite im dreistelligen Millionenbereich beschert, und dass auch die Swiss im jüngsten Quartal einen Gewinn von 65 Millionen Franken erwirtschaftet hat.

Als zusätzliches Druckmittel gegen das Kabinenpersonal verwendet die Geschäftsleitung die in ganz Europa gestiegene Nachfrage nach einer Ausbildung zum Flugbegleiter und die steigende Bereitschaft, für Niedriglöhne zu arbeiten. Beides sind Folgen der um sich greifenden Arbeitslosigkeit. Auch die untertarifliche Beschäftigung von Flugbegleitern im Ausland, vorzugsweise in Asien, wird als Druckmittel eingesetzt.

Die Swiss-Konzernleitung kann sich bei dieser Offensive auf die Gewerkschaft Kapers stützen. Deren Chef Georg Zimmermann sagte in einem Interview mit dem Tagesanzeiger: „Wir müssen realistisch bleiben. Die Bäume wachsen im Luftverkehr nicht mehr in den Himmel... Die niedrigen Flugtarife sind ein Indiz dafür, wie hoch der wirtschaftliche Druck ist...“

Die Ansprüche der Flugbegleiter bezeichnete Zimmermann als überzogen: „Bei allem Verständnis für die Forderungen des Kabinenpersonals: Ein 13. Monatslohn oder eine Lohnerhöhung von 8,33 Prozent erscheinen gegenwärtig unrealistisch...“

Die Gruppe „Quo Vadis Kapers“ hat Zimmermann und seinen Gefolgsleuten die Gefolgschaft aufkündigt. Allerdings steht sie jetzt selbst am Scheideweg, denn ihre angekündigte Strategie, „aufmüpfigere Köpfe“ in den Vorstand wählen und eine größere Gewerkschaft mit ins Boot holen zu wollen, um so den Druck auf die Betriebsleitung zu erhöhen, wird die Probleme des Kabinenpersonals nicht lösen.

Die Verwandlung von Gewerkschaften in Handlanger der Unternehmen ist ein allgemeines und international zu beobachtendes Phänomen. Es ergibt sich aus der Perspektive der Gewerkschaften selbst, sowie aus der privilegierten Stellung ihrer Funktionäre.

Die Gewerkschaften verteidigen grundsätzlich die Marktwirtschaft und das kapitalistische Eigentum, die die Grundlage ihrer eigenen Tätigkeit als Vermittler zwischen Kapital und Arbeit bilden. Den international operierenden Unternehmen, die die Arbeiter verschiedener Länder gegeneinander ausspielen, indem sie die niedrigsten Löhne ausnutzen, haben die Gewerkschaften nichts entgegenzusetzen.

Sie lehnen es ab, die Arbeiter im Kampf gegen die kapitalistische Ausbeutung international zusammenzuschließen, und reagieren stattdessen auf die Globalisierung, indem sie die Konkurrenzfähigkeit „ihres“ Unternehmens und „ihrer“ nationalen Wirtschaft verteidigen. Damit sich diese auf dem Weltmarkt behaupten können, setzten sie sich für eine Senkung der Kosten ein und arbeiten dabei aufs Engste mit der Geschäftsleitung zusammen. Sie fordern nationale Schutzmaßnahmen, spalten damit die internationale Arbeiterklasse und schwächen sie gegenüber den globalen Konzernen.

In der amerikanischen Luftfahrtindustrie hat der Angriff auf die Löhne und Arbeitsbedingungen des Flugpersonals bereits vor rund zwanzig Jahren begonnen. Die einst relativ gut bezahlten und begehrten Berufe in der Luftfahrt gehören heute zu den anstrengendsten und schlecht entlohntesten überhaupt. Jeder Schritt nach unten wurde von den zuständigen Gewerkschaften mitgetragen und unterstützt.

Auch in der europäischen Luftfahrtindustrie hat längst eine Abwärtsspirale begonnen. Die Belegschaft der Swiss musste bereits beim Zusammenbruch der Vorgängerin Swissair vor elf Jahren schmerzliche Einbußen hinnehmen. Die Gewerkschaften haben das immer mitgetragen und unterstützt.

Gerade größere Gewerkschaften spielen dabei eine besonders üble Rolle. So hat in Deutschland die Dienstleitungsgewerkschaft ver.di, die über zwei Millionen Mitglieder zählt, mehrfach Streikbruch gegen kleinere Branchengewerkschaften organisiert. Arbeitskämpfe der Gewerkschaft der Fluglotsen (GdF), der Flugbegleiterorganisation UFO und der Pilotenvereinigung Cockpit wurden von ver.di öffentlich angegriffen und sabotiert.

Die Vorstellung der Gruppe „Quo Vadis Kapers“, eine größere Gewerkschaft werde mehr Druck auf die Betriebsleitung zu erhöhen, ist also völlig aus der Luft gegriffen. Aufgrund ihrer engen Beziehungen zu Unternehmerverbänden, Regierungen und politischen Parteien neigen gerade große Gewerkschaften dazu, besonders eng mit diesen zusammenzuarbeiten. Viele ihrer Funktionäre wechseln im Laufe ihres Berufslebens mehrfach zwischen den verschiedenen Lagern hin und her.

Das ist der wirkliche Inhalt der „Sozialpartnerschaft“, die Kapers-Chef Georg Zimmermann in seinem Interview mit dem Tagesanzeiger beschworen hat. Sie ist ein Bündnis des Unternehmens und der Gewerkschaft gegen die Beschäftigten. Im Rahmen der internationalen Wirtschaftskrise dient es dazu, einen flächendeckenden Angriff auf deren Lebensstandard zu führen.

Kapers schreckt dabei ebenso wenig wie andere Gewerkschaften davor zurück, die Arbeiter gezielt international zu spalten. Ein aufschlussreiches Beispiel dafür haben Zimmermann und Co. mit der Vereinbarung des sogenannten „Unterwanderungsschutzes“ geliefert.

Ihm zufolge darf die Swiss ab 2013 maximal 25 Prozent ausländisches Kabinenpersonal beschäftigen. Davon dürfen höchstens 40 Prozent die Heimbasis im Ausland haben und nicht dem für das Schweizer Kabinenpersonal geltenden Tarifvertrag der Swiss unterstellt sein. Alles in allem dürfen lediglich 10 Prozent der Flugbegleiter von Thailand, Indien, China und anderen Auslandsdestinationen aus für die Swiss arbeiten.

Statt gleiche Bezahlung für alle Beschäftigten zu fordern, ist hier mit Hilfe der Gewerkschaft ein Zwei-Klassen-System festgeschrieben worden, das einen Gegensatz zwischen Schweizer Flugbegleiter und ihren Kolleginnen und Kollegen aus Asien und Übersee erzeugt und das – wie das Beispiel von Leiharbeitern bei der Lufthansa zeigt – langfristig einem breit angelegten Lohndumping den Weg bereitet.

Für das Kabinenpersonal der Swiss besteht der Weg nach vorn weder darin, „aufmüpfigere Köpfe“ in die Gewerkschaftsspitze von Kapers zu wählen, noch die Unterstützung einer größeren Gewerkschaft zu suchen. Die Beschäftigten der Swiss müssen sich von der Gewerkschaft als verlängertem Arm der Konzernleitung lossagen, sich mit ihren internationalen Kolleginnen und Kollegen zusammen tun und die Abwälzung der Kosten der Krise des Kapitalismus auf ihren Rücken grundsätzlich ablehnen.