Lufthansa-Flugbegleiter stimmen für Streik

Von Ernst Wolff
11. August 2012

Nach einem Jahr erfolgloser Auseinandersetzungen über einen neuen Gehaltstarifvertrag haben in den vergangenen drei Wochen 83,2 Prozent der stimmberechtigten Mitglieder der Kabinengewerkschaft UFO (Unabhängige Flugbegleiter-Organisation) an einer Urabstimmung teilgenommen. Obwohl sich 97,5 Prozent von ihnen dabei für einen Streik aussprachen, leitet die Gewerkschaftsführung vorerst keine Kampfmaßnahmen ein.

Auf ihrer Website begründen die Funktionäre der UFO ihre Entscheidung folgendermaßen: „Wenn die Führung der Lufthansa... daran interessiert ist, endlich wieder zusammen mit der Belegschaft – und nicht gegen uns alle – zu agieren, sind wir in der Lage, umgehend auf die Zielgerade einzubiegen und einen Abschluss zu verhandeln...“

Tatsächlich gibt es nicht das geringste Anzeichen dafür, dass die Geschäftsleitung der Lufthansa einen solchen Kurs einschlagen wird. Erst vor wenigen Tagen kursierte im Intranet des Konzerns ein Brief von Vorstandschef Christoph Franz und Passage-Chef Carsten Spohr an die Mitarbeiter, in dem beide auf einem „umfangreichen Sparprogramm“ beharren. Wie in der Vergangenheit verweisen sie dabei auf die Konkurrenz von Billig-Airlines, steigende Kerosinpreise und finanzielle Belastungen durch Emissionsabgaben.

Auch Lufthansa-Finanzchefin Simone Menne bekräftigte vergangene Woche noch einmal, dass die Geschäftsleitung am Konzernziel festhalte, den operativen Gewinn bis 2014 um mindestens 1,5 Milliarden Euro zu steigern und 2012 im Rahmen des laufenden Sparprogramms 100 bis 200 Millionen Euro einzusparen. Analysten der Nord/LB stuften die Aktien der Lufthansa auf „Kaufen“ ein, weil sie in den kommenden Quartalen „im Rahmen des aktuellen Restrukturierungsprogramms“ weitere Fortschritte erwarten.

Obwohl also alle Anzeichen darauf hindeuten, dass die Lufthansa-Spitze unbeirrt an ihrem Sparkurs festhält, schüren die UFO-Führer die Illusion, bis zum 16. August könne ein „akzeptables“ Angebot vorliegen. Damit verschaffen sie der Konzernspitze eine weitere Atempause, anstatt die hohe Kampfbereitschaft des Kabinenpersonals zu nutzen und es auf breiter Front gegen die Angriffe auf Löhne und Lebensstandard zu mobilisieren.

Dass dieser Angriff von langer Hand vorbereitet wurde, zeigt der Einsatz von Kabinenpersonal aus der Zeitarbeitsfirma Aviation Power, die die Lufthansa bereits vor vier Jahren mit gegründet hat. Deren schlechter bezahlten und härter arbeitenden Leiharbeiter werden seit dem 3. Juni 2012 benutzt, um die bei der Lufthansa fest angestellten Flugbegleiter unter Druck zu setzen und zur Annahme schlechterer Arbeitsbedingungen zu bewegen.

Mit welcher Kompromisslosigkeit die Lufthansa-Spitze durchzugreifen bereit ist, hat sie gerade erst im Fall der Lufthansa-Tochter Austrian Airlines gezeigt. Dort wurde der operative Gewinn im ersten Halbjahr 2012 durch die „Auslagerung“ von Piloten und Flugbegleitern in die billiger wirtschaftende bisherige Regionaltochter Tyrolean um 26 Millionen Euro erhöht. Die Folge: Eine Kürzung der Löhne und Renten, eine Streichung von Jubiläums- und Abfindungszahlungen und Neueinstellungen zu Löhnen, die um 25 Prozent unter den alten liegen. 110 Piloten und 214 Flugbegleiter, die mit dem Übergang nicht einverstanden waren, wurden entlassen.

All diese Angriffe sind Teil eines umfassenden „Restrukturierungsprogramms“, das nicht nur von der Lufthansa, sondern von allen großen und inzwischen privatisierten Fluggesellschaften durchgeführt wird. Die Zeiten, in denen die Airlines zu Zugeständnissen bereit waren, sind ein für allemal vorbei. Um die Forderungen von Aktionären und Investoren zu befriedigen, wird jedes legale Mittel eingesetzt, um die Kosten zu senken und den Gewinn zu erhöhen. Wie weit diese Entwicklung führt, zeigt ein Blick über den Atlantik.

In den USA hat ein jahrelanger Preiskampf zu umfangreichen Entlassungen, Lohnsenkungen und zu verschärfter Ausbeutung durch längere Arbeits- und kürzere Ruhezeiten geführt. Wie in der Autoindustrie wurden Insolvenzen genutzt, um Rentenansprüche zu streichen, Sozialleistungen einzuschränken und Neueinstellungen zu Dumpinglöhnen vorzunehmen. Zehn Prozent der US-Flugbegleiter verdienen bereits weniger als 15.000 Euro im Jahr.

Dieser systematische Abbau der Lebens- und Arbeitsbedingungen war nur möglich, weil die US-Konzerne sich ebenso wie ihre europäischen Partner bei allen Auseinandersetzungen mit der Belegschaft auf eine Arbeitsteilung mit den Gewerkschaften verlassen konnten. Ihnen fällt die Aufgabe zu, die Wut der Flugbegleiter aufzufangen, je nach Grad der Empörung ein paar radikale Phrasen zu dreschen, den Widerstand aber im Zaum zu halten, Streiks wenn möglich zu vermeiden und unter allen Umständen zu verhindern, dass der Protest über einzelne Betriebe hinauswächst.

Genau diese Strategie verfolgt auch die Gewerkschaft UFO in der gegenwärtigen Auseinandersetzung bei der Lufthansa. Die Verweigerung eines Streiks nach einer Urabstimmung, die eindeutiger nicht hätte verlaufen können, ist nur der erste Schritt. UFO wird den Kampf der Flugbegleiter auch in den kommenden Wochen verzögern, ausbremsen und schlussendlich in eine Sackgasse führen.

Dabei geht es für die Flugbegleiter der Lufthansa zurzeit um viel mehr als nur einen neuen Tarifvertrag. Ziel der Unternehmensleitung ist der Abbau aller sozialen Kompromisse der Vergangenheit und die Abwälzung aller Probleme der weltweiten Wirtschaftskrise auf die Beschäftigten. Um sich dagegen zur Wehr zu setzen, müssen sich die Flugbegleiter mit ihren Kollegen in Österreich und der Schweiz zusammentun und im gemeinsamen Kampf jeglichen Kompromiss rundheraus ablehnen. Die Solidarität der gesamten internationalen Arbeiterklasse wäre ihnen gewiss.